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SCHULEN / STREIK Bün all hier

aus DER SPIEGEL 28/1968

Schüler legten Gräben an und bauten Barrikaden. Niemand sollte die Buxtehuder Halepaghen-Schule betreten: kein Schüler, kein Lehrer.

Es wurde gestreikt -- einen Tag bevor in Bonn die Notstandsgesetze in dritter Lesung verabschiedet wurden und an dem Gymnasium, das in den letzten Monaten so viel Schlagzeilen gemacht hat wie keine andere bundesdeutsche Oberschule.

Denn in Buxtehude dürfen die Gymnasiasten in den letzten Schuljahren vor dem Abitur Lehrstoff und Lehrer nahezu so frei wählen, wie Studenten ihre Kollegs und Professoren (SPIEGEL 46/1966). Direktor Dr. Johannes Güthling, 64, brachte mit diesem Novum Buxtehude ins Gespräch wie einst der listige Swinegel, der den schnellen Hasen im Wettlauf schlug ("Ich bün all hier").

Nun wird die Buxtehuder Musterschule auch politisch zum Modellfall, denn nirgends sonst in Niedersachsen hat es bislang einen Schülerstreik gegeben. Und es wird. geprüft, ob sich die streikenden Gymnasiasten der Hasen-und-Swinegel-Stadt mehr Freiheit genommen haben, als die politische Polizei erlaubt.

Vierzig Schüler hatten vor der Schule die Eisenroste abgedeckt, die über eineinhalb Meter breiten Gräben lagen, und mit Tischen die Türen verbarrikadiert. Per Megaphon gab Unterprimaner Karl-Heinz Leonhardt, 18, Parolen gegen die Notstandsgesetze aus,

Dreihundert Schüler wollten, aber konnten nicht in die Schule. Aber schon nach einer Viertelstunde räumten die Streik-Sprecher die Hindernisse wieder weg. Laut Leonhardt war die von ihm geführte Schülerminderheit entschlossen, »den Streik auch innerhalb der Schule fortzusetzen«. Laut Direktor Güthling fand der Unterricht »ungestört und planmäßig statt«.

Die Grenzen zwischen Unterricht und Streik verschwammen, weil bei einem vom Direktor genehmigten Teach-in in der Aula -- wie beim Unterricht in den Klassen -- pro und kontra Notstandsgesetze diskutiert wurde.

Doch die Außen-Arbeiten vor der Schule waren aufgefallen. Eineinhalb Stunden nach Unterrichtsbeginn erschien Kriminalobermeister Vornoff, Beamter der Bezirksnachrichtenstelle Stade, um nach den Linken zu sehen. Doch der Polit-Polizist durfte nicht bleiben. Güthling: »Bitte, verlassen Sie das Haus auf der Stelle.« Vor seinen Schülern verheimlichte der Direktor den Zwischenfall. Sie waren ohnehin aktiv genug: Zu Dutzenden zogen sie nach Schulschluß durch die Stadt, uni Eltern und andere Ältere aufzuklären und um sich vor der Nudelfabrik »Birkel« mit Arbeitern zu solidarisieren.

Es war der zweite Versuch der linken Teens, die Buxtehuder Volksmassen in Bewegung zu bringen. Er scheiterte wie der erste. Am Vortage hatten die Gymnasiasten 7000 Flugblätter verteilt. Darin wurden Werktätige zu »Warnstreiks« und »alle Schüler zum Schulstreik« aufgefordert sowie »alle Eltern« gebeten, »ihre Kinder ... beim Streik zu unterstützen«.

Diese Schrift-Stücke und die Polizeiberichte über den Buxtehuder Barrikadenbau liegen zur Zeit dem Stader Leitenden Oberstaatsanwalt Schroiff vor, Dem Aufruf zum Schulstreik könnte neben dem Schulgesetz (das zum Schulbesuch verpflichtet) auch das niedersächsische Beamtengesetz entgegenstehen. Paragraph 81: »Der Beamte darf dem Dienst nicht ohne Genehmigung fernbleiben.« Und mit dem Barrikadenbau ist überdies womöglich der Tatbestand der Nötigung gegeben, weil einige Lehrer und dreihundert Schiller einige Minuten draußen vor der Schultür bleiben mußten.

Siebzehn Lehrer und Schüler wurden In dieser Sache vernommen, doch die meisten verweigerten die Aussage. Als erster schwieg Direktor Güthling. Er sieht in der Affäre eine »schulinterne Angelegenheit«.

Ob Oberstaatsanwalt Schroiff ein Verfahren eröffnet, war Ende vergangener Woche noch nicht entschieden. Für den Fall, daß verhandelt wird, ist ein Verteidiger schon engagiert worden: der SDS-Anwalt Horst Mahler.

Der Jurist wäre dann der zweite linke Berliner, der wegen eines Vorfalls in Buxtehude an einem politischen Verfahren teilhat. Der erste ist Rudi Dutschke. Er hatte am 6. März, 36 Tage vor dem Attentat, in der Halepaghen-Schule seinen bald wehrpflichtigen Hörern geraten, den Wehrdienst zu verweigern oder subversiv in der Bundeswehr zu arbeiten. Deshalb läuft gegen Dutschke in Stade ein Ermittlungsverfahren.

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