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Estland Bürger zweiter Klasse

Von der ersten freien Wahl bleiben fast 40 Prozent der Einwohner ausgeschlossen - meist Russen.
aus DER SPIEGEL 38/1992

Schon Söhnchen Sascha, gerade drei Wochen alt, ist ein Opfer der veränderten Verhältnisse. Seine Mutter, die Köchin Wera Machakowa, 24, wollte den Kleinen bei der Polizei anmelden. Und zwar, wie bei Russen üblich, mit dem Vatersnamen. Sie mußte auf dem Formular das »Alexandrowitsch« (Sohn des Alexander) streichen. Im neuen Estland, beschied sie der Beamte, seien nur noch Vor- und Familienname statthaft.

Wenn Wera Machakowa nach dem Mutterschaftsurlaub an ihre Arbeitsstelle zurückkehrt, wird sie ihren Posten als Küchenchefin wohl verlieren. Jeglicher Schriftverkehr, also selbst die Bestellung von Kartoffeln und Karotten, muß von Februar nächsten Jahres an auf Estnisch erledigt werden. Es ist eine Sprache, die sie nie zu erlernen brauchte oder wollte - obwohl sie seit ihrer Geburt in Estland lebt.

Am 20. September erfahren Wera und ihr Mann, der Matrose Alexander Machakow, erst recht, daß sie der Nationalität einer ehemaligen Besatzungsmacht zugehören: Wenn die Esten zum erstenmal seit ihrer Unabhängigkeitserklärung vom 20. August vorigen Jahres Präsident und Parlament wählen, dürfen die beiden nicht teilnehmen.

Die rund 475 000 Russen, die seit 1940 nach estnischer Auffassung alle illegal ins Land kamen, müssen laut Gesetz zunächst die estnische Staatsbürgerschaft beantragen. Die erhalten sie, wenn sie zwei Jahre in Estland leben, keine KGB-Mitarbeiter waren, ein regelmäßiges Einkommen beziehen sowie etwas Estnisch sprechen und verstehen.

Wieviel sie von der finnougrischen Sprache, deren Grammatik 14 Fälle kennt, beherrschen müssen, ist noch ungeklärt. Von 1500 bis 2500 Wörtern ist die Rede, von einem Diktat, einer schriftlichen Übersetzung.

Wera Machakowa, die einen estnischen Paß beantragen will, »weil ich ja nun mal hier lebe«, zweifelt stark, daß sie den Test je schafft. Sie lebt in dem fast nur von Russen bewohnten Nordostzipfel Narwa. Weil die frühere Sowjetmacht die baltische Republik fest in den Griff bekommen wollte, hatte sie bis in die siebziger Jahre Tausende Arbeiter aus der übrigen UdSSR mit ihren Familien angesiedelt. »Wir wohnen hier unter uns«, klagt die Köchin, »wo können wir denn Estnisch reden?«

Ihr Mann fühlt sich »wie ein Dissident«, sagt er. Das Ostsee-Land, in dem er und seine Frau groß geworden sind, ist ungemütlich geworden: Radikaler als Letten und Litauer lassen die Esten ihre Ex-Okkupanten spüren, wer jetzt Herr im Lande ist. Die Nicht-Esten stellen knapp 40 Prozent der Einwohner.

Deshalb auch muß jeder, der die Sprachprüfung besteht, immer noch ein Jahr aufs Wahlrecht warten: Bei der ersten wahrhaft freien Wahl am nächsten Sonntag möchten die Esten unter sich sein.

So bleibt in der Heimatstadt der Machakows 96 Prozent der 86 000 Einwohner die politische Mitbestimmung vorerst verwehrt.

Trotzig wie Schulkinder klammern sich die Einwohner Narwas an die alten Zeiten. Das Elektrizitätswerk ist immer noch nach der KP-Jugendorganisation »Leninscher Komsomol« benannt. Lenin selbst winkt gußeisern in der Stadtmitte, rote Nelken zu seinen Füßen.

Das Denkmal ist für Bürgermeister Wladimir Tschuikin ("Ich bin Kommunist und stehe dazu") Verhandlungsmasse. Wenn die Tallinner Regierung zum Beispiel die Vorschrift, den Schriftverkehr der Behörden in Estnisch abzuwickeln, für Narwa und Umgebung erst später in Kraft setzt, dann »räumen wir es ab«.

Tschuikin wähnt sich von den Esten böse diskriminiert. Dringend benötigte sieben Millionen Kronen zum Ankauf von Lebensmitteln würden in Tallinn nicht bewilligt, »weil wir Russen sind«, klagt er.

Tschuikin und seine Genossen verdrängen, daß in den letzten fünf Jahrzehnten von Gleichheit der Esten keine Rede war und sich die Russen um Kultur und nationale Identität der Einheimischen kaum scherten. Die jeweiligen Vize-Landesparteichefs - sie waren die Gouverneure Moskaus - verstanden nicht einmal Propagandalosungen ohne Dolmetscher.

»Warum soll ich die Sünden Stalins ausbaden?« fragt dennoch der Chirurg Wladimir Chomjakow.

Von einem Tag zum anderen verlor er wie alle Russen in Estland Privilegien und Staatsangehörigkeit, sank er in dem Land, das er als seine Heimat empfand, zum Bürger zweiter Klasse ab.

»Psychologisch sehr schwierig - plötzlich befinden sie sich im Ausland und fragen sich: ,Wer bin ich?'«, äußert Raul Mälk, Berater des Staatschefs Arnold Rüütel, sein Mitempfinden.

Nach den Wahlen zu dem 101-köpfigen Parlament, so fürchten die Russen, dürfte es noch schlimmer kommen - selbst wenn nicht die radikale Nationale Unabhängigkeitspartei, gegründet von ehemaligen politischen Häftlingen, die Wahl gewinnt. Eine Koalitionsregierung mit ihrer Beteiligung ist aber nicht ausgeschlossen.

Nationalisten haben angedroht, den Schulen der Slawen die Mittel zu sperren. Andere Konservative wollen das Einbürgerungsgesetz verschärfen, der fremden Minderheit gar besondere Auto-Kennzeichen verpassen. Russische Kinder müssen jetzt schon für die Schulspeisung fast doppelt soviel bezahlen wie ihre estnischen Altersgenossen.

Das frostige Klima, in dem die Russen nun leben müssen, ist von den Esten durchaus beabsichtigt. Sie hoffen, daß sich wenigstens ein Drittel der Minderheit vergraulen läßt. Weil die Russen mehr Babys in die Welt setzen als die Esten, könnten sie sonst, so die Sorge, bald in der Überzahl sein.

Das Interesse an den Antragsformularen für die estnische Staatsbürgerschaft ("Ich schwöre Treue zur Estnischen Republik und ihrer Verfassung") ist bislang gering. Vor der Russischen Botschaft in Tallinns Altstadt dagegen windet sich jeden Montag- und Donnerstagvormittag eine lange Schlange jener, die Untertanen Boris Jelzins werden wollen. 13 000 haben es bereits geschafft, allein in der ersten September-Woche bekamen 1300 einen russischen Paß.

Chirurg Chomjakow frohlockt: Wenn viele Bürger mit Moskauer Paß um Hilfe rufen, müsse Boris Jelzin eingreifen - »notfalls mit Fallschirmjägern, so wie die Amerikaner ihre Staatsbürger auf Grenada raushauten«.

Mit der Entscheidung, zu welchem Staat sie gehören wollen, warten die meisten jedoch erst einmal ab. Händler Sergej Kalugin, der »in Öl macht«, will zunächst sehen, wo sich der Schwarzmarktpreis eines estnischen Passes einpendelt. Derzeit muß eine vierköpfige Familie 2000 Dollar bezahlen.

Am raschesten weichen die Soldaten, die den Russen eine zumindest psychologische Sicherheit in einer feindlichen Umwelt boten. Bereits 60 Prozent der 80 000 Mann haben Estland in den letzten Wochen verlassen - nach Einführung der Krone ist ihnen der Aufenthalt zu teuer geworden.

Uniformträger der Baltischen Flotte und der GUS-Luftwaffe sind aus dem Stadtbild Tallinns fast verschwunden. Ihr »Haus der Offiziere« mit Gemälden von der Erstürmung des Berliner Reichstags im Innern und weißblauroter Fahne an der Fassade ist noch in Betrieb. Montags beantwortet der Abgeordnete Axinin Fragen zur »sozialen Sicherung für Militärs«, das Kino zeigt »Dinosaurier des 20. Jahrhunderts«.

Strategisch wichtige Radarstationen sowie den (völlig verrotteten) Hafen Paldiski, in dem ein kleiner, schlecht bewachter Atomreaktor strahlt, möchte Moskau behalten. Estland beansprucht dafür Landstriche in Rußland, so Narwas Schwesterstadt Iwangorod. Doch auch die Esten, denen der Abzug der Russen zunächst nicht schnell genug ging, beunruhigt neuerdings die Ausdünnung der Truppen. Das Vakuum, fürchtet der Abgeordnete Rein Tamme, könne der Minderheit als Vorwand dienen, sich aus Angst vor der radikalen Heimwehr »Kaitseliit« selbst zu bewaffnen.

Der Deputierte Lebedew erklärt freimütig, daß »wir über unsere Selbstverteidigung nachdenken müssen«. Er selbst werde seine Leute notfalls mit der »Waffe in der Hand gegen nationalistische Banden schützen«.

Präsidenten-Berater Mälk schwant eine »gefährliche Situation« für Estland, weil 50 000 russische Rüstungsarbeiter von Entlassung bedroht sind, wenn es nicht gelingt, mit enormen Investitionen die Produktion der Wehrbetriebe umzustellen.

Die Fabrik »Baltijez« in Narwa, die Apparate für Atomreaktoren und Satelliten liefert, hat die Belegschaft schon auf Kurzarbeit gesetzt. Jeder dritte Arbeiter in der Stadt ist stellungslos.

Die Esten haben Polizei- und Grenztruppen in Narwa verstärkt und »Baltijez« - ohne Erfolg - nach Waffen durchsucht. Politische Unzufriedenheit und ökonomische Unsicherheit, warnt Bürgermeister Tschuikin, können die Lage außer Kontrolle bringen: »Dann wird es hier schlimmer als in Moldawien.«

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