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GIPFELKONFERENZ / PARIS / CHRUSCHTSCHOW Buh!

aus DER SPIEGEL 22/1960

Ost ist Ost, und West ist West, Sie kommen zusammen nicht, Bis Erde und Himmel werden steh'n Vor Gottes Weltgericht.

Rudyard Kipling

Schrille Pfiffe durchbrachen den Lärm der Boulevards. Flics sprangen auf die Fahrbahn und schlugen eine Gasse durch das Dickicht des Pariser Verkehrs, zwischen Seine und Elysée-Palast: Chruschtschows Weg zum Gipfel.

Die letzte Hoffnung währte genau acht Minuten, von 14.57 bis 15.05 Uhr am Dienstag vergangener Woche. Als die Galgenfrist verstrichen war, gab die Polizei den Weg wieder frei. Der Herr der östlichen Welthälfte hatte das Rendezvous mit seinen Teilhabern am Weltregiment endgültig verschmäht. Er hatte den »Friedenspräsidenten« Eisenhower einem unverdient kläglichen Amtszeit-Ende ausgeliefert. Gastgeber de Gaulles Abgesang: »Unter diesen Umständen konnte die geplante Diskussion nicht stattfinden.«

Auf die Stunde einen Tag später manifestierte Chruschtschow vor Fernsehkameras und Rundfunkmikrophonen in einer Massenversammlung mit 2500 Journalisten, was sein Affront sein sollte: ein Denkzettel an die Adresse der Amerikaner vor den Augen aller kommunistischen Staaten.

Halb Harlekin, halb Kraftprotz, polternd, drohend, grinsend und mit den Armen rudernd, zeigte der Katzenbalger aus der Ukraine dem ganzen kommunistischen Lager, daß er noch nicht von dem höflichen Gehabe der westlichen Heuchler eingelullt sei und daß es keinen wirksameren Revolutionär geben könne als den Nikita Chruschtschow.

Seit der erste Napoleon in Erfurt vor den Augen des erstarrten Zaren Alexander wütend seinen Hut zertrampelt hatte, war nur noch Hitler mit den Repräsentanten von Groß- und Weltmächten ähnlich umgesprungen. Die Vierer-Konferenz des Gipfels wurde zu einer Führer-Konferenz in den tiefsten Niederungen.

Hatte das westliche Konzept darin bestanden, Chruschtschow den Berlin-Knüppel mittels einer Serie endloser Konferenzen abzulisten, so fühlte sich Chruschtschow in der Haut des West-Touristen immer beargwöhnter und unbehaglicher. Das amerikanische Wahljahr schien, entgegen ursprünglichen Hoffnungen und Befürchtungen, jede politische Entscheidung unmöglich zu machen. Chruschtschow ließ den Gipfelpfad vereisen. In letzter Minute stieß er den Tisch um, an dem Dwight D. Eisenhower, Harold Macmillan und Charles de Gaulle schon warteten.

Den Anlaß für Chruschtschows Rüpelspiel in der französischen Hauptstadt hatten die Amerikaner geliefert. Am 1.Mai hatten sie in Pakistan den Spionage-Piloten Powers aufsteigen lassen, der bei Swerdlowsk aus dem sowjetischen Himmel heruntergeholt wurde (siehe Seite 20). Chruschtschows innenpolitische Feinde bekamen Oberwasser: Während all der Jahre ideologischer Aufweichung war die ganze Sowjet-Erde von Spionen photographiert worden. So wenig man von den Vorgängen im Kreml weiß, so gewiß ist doch, daß diese Entdeckung den Feinden Chruschtschows im Sowjetpräsidium Auftrieb geben mußte.

Aber Chruschtschow begnügte sich nicht, die Gipfelkonferenz abzusagen (was ihm freigestanden hätte) oder Eisenhower auszuladen. (Nikita in Paris: »Selbst mein Enkel fragte mich, wozu denn jetzt wohl noch ein Besuch des amerikanischen Präsidenten bei uns gut sein könne.") Er kaprizierte sich auf eine Viecherei: Entweder demütigte sich »my friend« Eisenhower bis in den Staub, oder er wurde geräuschvoll sitzengelassen.

Der pfiffige Bauernsohn aus der Ukraine baute den Amerikanern eine Falle. Vor dem Obersten Sowjet gab er zunächst ohne Detailangaben nur bekannt, sowjetische Raketen-Flak habe einen US-Aufklärer abgeschossen. Washington tappte hinein; im Vertrauen darauf, daß die Trümmer der Maschine keine Geheimnisse mehr preisgäben, suchte man zu verharmlosen: ein Wettererkundungs-Flugzeug.

Triumphierend wies Chruschtschow den Amerikanern den Schwindel nach. Der Weltöffentlichkeit präsentierte er den gefangenen Oberleutnant Powers samt dokumentarischen Beweisen für den Spionage-Auftrag.

Was dem Kreml-Chef für den Wetterumschlag am Gipfelhang nun noch fehlte, verschafften ihm Präsident Eisenhower und dessen Außenminister zur Genüge. Die obersten Repräsentanten der Vereinigten Staaten gaben Spionage offiziell für weniger als ein Kavaliersdelikt aus, nämlich für ein legitimes Verhütungsmittel, zu dem sich jedermann amtlich bekennen darf ...

Herter: »Die Regierung würde ihre Pflicht vor der freien Welt versäumen, wenn sie solche Aktionen unterließe ... Sie wird die Verantwortung dafür auch künftig tragen.« Zu allem Überfluß verkündete auch noch Eisenhower, dem Chruschtschow anfangs die Brücke gebaut hatte, Nichtwissen vorzuschützen und sich zu distanzieren: »Seit Beginn meiner Amtstätigkeit habe ich dafür gesorgt, daß wir auf jedem möglichen Wege Informationen erhalten, um die Vereinigten Staaten und die freie Welt vor Überraschungsangriffen zu schützen.

Mit diesem naiv-abstrusen Bekenntnis zur Spionage wich Amerikas Präsident auf seiner letzten Pressekonferenz vor der Abreise nach Paris von der guten alten Sitte ab, ertappte Spione ihrem gnädigen oder ungnädigen Schicksal zu überlassen. Schlimmer noch: Er brüskierte die spionage-hysterischen Sowjets damit in einem Maße, das unter zivilisierten Staaten ohne Beispiel ist. Schimpfte Star-Kommentator Walter Lippmann in der »New York Herald Tribune": »Als wir uns ... ertappt fanden, versuchten wir uns aus der Klemme zu ziehen, indem wir Hals über Kopf eine neue Politik ohne Beispiel verkündeten.«

Wie überflüssig diese Provokation war, erwies sich schließlich drei Tage vor Beginn der Pariser Konferenzversuche, als Eisenhower in aller Form die zunächst für notwendig erklärten Spionage-Flüge über sowjetischem Territorium verbot. Kommentar des »New York Herald Tribune«-Korrespondenten Gaston Coblentz in Paris: »Ein sechsjähriges Kind hätte in der Woche vor Paris eine bessere Außenpolitik gemacht.«

Immerhin, als sich in Paris der Vorhang zum letzten Akt hob, konnten die Mitspieler noch nicht ahnen, daß sie sich nur noch zu einer Rüpelszene versammelten. Nikita Chruschtschows Noten, die er nach dem Spionage-Zwischenfall verschickt hatte, und seine Begrüßungsfloskeln am Sonnabendvormittag vorletzter Woche auf dem Pariser Flugplatz Orly waren vielmehr so unverbindlich gehalten, daß ein leiser Wind der Zuversicht aufkam.

Barhäuptig im offenen Wagen fuhr der sowjetische Ministerpräsident am Sonntagvormittag zur Antrittsvisite bei Frankreichs General-Staatschef de Gaulle im Innenhof des Elysée-Palasts vor. Ihm im Rücken hockte im sechssitzigen Auto sein champagnerfarben uniformierter Verteidigungsminister, der Marschall Malinowski. Breit wie ein Doppelspind, mit großflächigem, unbewegtem Gesicht strahlte der Rotarmist den Charme des gealterten Ringkämpfers aus. Die biederen Bürgersoldaten der Republikanischen Garde würdigte er nur einer knappen Handbewegung an die flache Tellermütze.

Ohne - Umschweife schlug Chruschtschow sofort das Thema an, das nach seiner Absicht die Konferenztage beherrschen sollte. »Würden Sie«, so fragte er de Gaulle, der über die Gipfel-Agenda zu sprechen wünschte, »mit einem Mann sprechen, der Flugzeuge über Frankreich schickt und dazu erklärt, er werde das immer wieder tun?« De Gaulle, obschon irritiert, blieb dennoch konziliant. Er bat Chruschtschow, die Affäre im Tete-à-tete mit Eisenhower zu bereinigen. Chruschtschow dagegen: »Erst muß sich der amerikanische Präsident entschuldigen.«

Nach siebzig Minuten geleitete de Gaulle die sowjetischen Besucher aus dem Empfangssalon im zweiten Stock des Palasts zu den präsentierenden Gardisten in den Palasthof zurück. Das erste Pariser Gespräch war ohne Resultat beendet.

Großbritanniens Premier Harold Macmillan erhielt den ersten Schock am Nachmittag desselben Tages. Die vier West-Kollegen, Eisenhower, de Gaulle, Adenauer und Macmillan hatten ihr letztes Vor-Gipfel-Palaver unterbrochen, damit der Brite den Kreml-Boß empfangen und besänftigen könne. Anderthalb Stunden lang - von 16.35 bis 18.05 Uhr - redete Macmillan in der Britischen Botschaft auf den beleidigten Chruschtschow ein, dem amerikanischen Präsidenten doch wenigstens die Hand zu geben, wenn man sich am nächsten Morgen zum ersten Vierer-Gespräch zusammensetze. Chruschtschow: Erst die Entschuldigung!

Am Sonntagabend schlugen französische Diplomaten die Fäuste gegeneinander, um anzudeuten, wie die beiden Zweier-Gespräche des Tages verlaufen waren. Sowjetdiplomaten wichen auf die Frage nach der Stimmung aus: »Wir haben noch keinen Apparat erfunden, mit dem wir Atmosphäre messen können.« Macmillan und de Gaulle warnten Eisenhower vor dem nächsten Tag.

Der amerikanische Verteidigungsminister Gates gab - noch nicht genug der Torheiten - von Paris aus Übungsalarm für alle US-Streitkräfte in der Nacht zum Montag.

An den Repräsentanten der beiden deutschen Teilstaaten ging diese Entwicklung vorüber; sie hatten andere Sorgen. Die Abgesandten Bonns bemühten sich vor Zeitungsleuten um den Nachweis, daß sie »weder offiziell noch offiziös« (so Bundespressechef von Eckardt) in Paris seien, um den Sowjets keine Handhabe zu bieten, von den Franzosen das Einreisevisum für den Sowjetzonen-Außenminister Bolz zu verlangen.

Eckardt stieg auf einen Stuhl und sprach sich Mut zu: »Uns macht die Frage, ob sie kommen, nicht nervös.« AA-Pressereferent von Hase war hingegen so fahrig, daß er von den »Pässen der DDR« sprach. Zwischenruf: »Die sogenannten Pässe.«

Zur gleichen Zeit gab sich Pankows Vize-Pressechef Römer optimistisch: Bislang seien die Sichtvermerke für Minister Bolz, dessen Staatssekretär Winzer und den ZK-Außenpolitiker Florin zwar noch nicht erteilt, aber »wir haben ein paar Hotelzimmer schon reserviert«.

Der Paukenschlag kam am Montagmorgen um eine Stunde verspätet. Eisenhower und Macmillan saßen zusammen am Frühstückstisch in der Amerikanischen Botschaft, als sie erfuhren, daß der Konferenz-Präsident de Gaulle den Sitzungsbeginn auf Verlangen der Sowjets von zehn auf elf Uhr hatte verschieben müssen. Die Brandrede, mit der Chruschtschow den amerikanischen Präsidenten in eine ausweglose Ecke treiben wollte, war nicht früh genug fertig geworden.

Um 10.50 Uhr rollte die Sowjet-Kavalkade vor den Elysée-Palast, die Delegation in voller Besetzung - nicht zur Gipfelkonferenz, sondern zu einem »vorbereitenden Treffen«. Chruschtschow verzog keine Miene, hinter ihm Marschall Malinowski, stets der »steinerne Gast«, daneben Außenminister Gromyko, in dieser Runde wie ein Mann von Welt.

Die Großen Vier und ihre zwanzig Begleiter hatten sich kaum um den nagelneuen, grünbezogenen Tisch gesetzt - Durchmesser fünf Meter -, im Kabinettssaal des Palasts, in dem einst Madame Pompadour empfing, als der Sowjet-Diktator mit monotoner Stimme anhub, eine Erklärung vom Blatt abzulesen, mit der verglichen die von Bismarck redigierte »Emser Depesche« sanftes Säuseln ist - Absatz für Absatz eine Ohrfeige nach der anderen für Eisenhower:

»Wir können in der gegenwärtigen Situation nicht an Verhandlungen teilnehmen. Wir wollen an den Gesprächen nur auf dem Boden der Gleichberechtigung teilnehmen. Dazu ist vor allem nötig, daß die Vereinigten Staaten zugeben, daß die provokative Politik uneingeschränkter Flüge über der Sowjet-Union zu verurteilen ist, daß sie sie aufgeben und eingestehen, daß sie sich der Aggression schuldig gemacht haben.«

Auge in Auge mit dem Mann, der die Verantwortung für die Erkundungsflüge ausdrücklich auf sich genommen hatte, forderte Chruschtschow: »Es versteht sich von selbst, daß die Regierung der Vereinigten Staaten es nicht versäumen darf, diejenigen streng zu bestrafen, die die direkte Schuld an der planmäßigen Verletzung der Staatsgrenzen der UdSSR durch ein amerikanisches Flugzeug tragen.«

Der Herr des Kreml verhöhnte den Führer der westlichen Welthälfte, dessen Amtszeit im nächsten Januar abläuft: »Wenn nicht diese Regierung der Vereinigten Staaten, dann die nächste. Wenn nicht die nächste, dann wird die übernächste einsehen, daß es keine andere Lösung gibt als ... entweder friedliche Koexistenz oder Krieg, der für die Aggressoren mit einer Katastrophe enden wird.«

Die Sitzung im Elysée-Palast hatte noch keine volle Stunde gedauert, als Chruschtschow bereits die Bilanz zog: »Wir bedauern, daß dieses Treffen nicht die Ergebnisse erbracht hat, die von allen Nationen der Welt erwartet wurden. Die Schande und Verantwortung dafür liegt bei jenen, die eine Banditen-Politik gegenüber der Sowjet-Union proklamiert haben ..., die die allgemein anerkannten Grundsätze des Völkerrechts und die edlen Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen mit Füßen getreten haben.«

Sein eigenes Verhältnis zur Spionage charakterisierte Chruschtschow mit der Attitüde eines ehrpusseligen Bourgeois: »Gott ist mein Zeuge. Meine Hände sind sauber, und mein Herz ist rein.«

Eisenhower, der am 10. Juni Moskau besuchen sollte, wurde kalt ausgeladen: »Wir sehen keine Möglichkeit, den Präsidenten mit der geziemenden Herzlichkeit zu empfangen, mit der das sowjetische Volk Gäste begrüßt.« Chruschtschow beschränkte seinen positiven Beitrag zum Pariser Treffen auf den Lapidarsatz: »Es gibt keine bessere Lösung, als die Konferenz der Regierungschefs um ungefähr sechs bis acht Monate zu verschieben.«

Verlegen mieden die westlichen Delegierten den Blick Eisenhowers. Sie sahen zum Fenster hinaus auf verblühende Kastanien im Garten des Elysée, Nur »Chip« Bohlen, Rußland-Experte des State Department, forschte im Gesicht seines Präsidenten nach Zeichen der Erregung. Eisenhower zeigte keine Bewegung. Erst nach der Konferenz sagte er seiner Begleitung: »Ich bin müde. Es ist Widerwärtig, Chruschtschow ekelt mich an.«

In der Sitzung am Montagvormittag gab Eisenhower dem sowjetischen Ministerpräsidenten zunächst mit einer Antwort Bescheid, die nach der Vorwarnung durch de Gaulle und Macmillan formuliert worden war.

In der Hoffnung, die Gipfelkonferenz ohne öffentlichen Kniefall retten zu können, empfahl Eisenhower die Spionage-Affäre »entweder nicht weiter anzuschneiden oder sie in zweiseitigen Gesprächen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjet-Union zu behandeln, während die eigentliche Konferenz ihren Fortgang nimmt«. Er versprach: »Tatsächlich sind die Flüge eingestellt worden, und wir werden sie nicht wieder aufnehmen.«

Nach drei Stunden und acht Minuten gingen die Großen Vier auseinander. Chruschtschow ließ sich beim Verlassen des Kabinettsaals gnädig herbei, dem amerikanischen Präsidenten für den von ihm verlangten Bußgang etwas Zeit zu lassen: »Ein paar Tage mehr in Paris unter den Kastanienbäumen machen mir nichts aus.« Eisenhower und Chruschtschow sahen einander nicht wieder.

Was Chruschtschow mit seiner Tirade hinter den Flügeltüren des Elyseé-Palasts hatte erreichen wollen, wurde vollends klar, als er am Montagnachmittag den Pressechef des Moskauer Außenministeriums, Michail Charlamow, seine Rede im Palais Chaillot vor Journalisten verlesen ließ. Ein Arrangement hinter vorgehaltener Hand war damit unmöglich geworden.

Jim Hagerty, Pressechef des Weißen Hauses, zog eine Stunde später nach. Er verteilte Eisenhowers Antwortrede vom Mittag, an die der Präsident nach Sitzungsschluß noch die erläuternden Sätze angehängt hatte: »Herr, Chruschtschow wurde von mir nicht im Zweifel darüber gelassen, daß sein Ultimatum von den Vereinigten Staaten niemals angenommen werden kann ...« Tatsächlich kann nur eine Schlußfolgerung aus Chruschtschows Benehmen heute vormittag gezogen werden, daß er nämlich lediglich in der Absicht von Moskau nach Paris gekommen ist, dieses Treffen, an dem so viel Hoffnung der ganzen Welt hängt, zu sabotieren.«

Frage an Hagerty: »Wie lange wird der Präsident in Paris bleiben?«

Hagerty: »Ich nehme an, das hängt davon ab, was morgen passieren wird.«

Am Quai d'Orsay berieten derweil die drei Außenminister des Westens - Christian Herter, Selwyn Lloyd und Couve de Murville - eine Stunde lang über den Scherbenhaufen ihrer Chefs.

Nach dem Nachmittags-Tee ging Harold Macmillan mit sechs Begleitern die paar Schritte durch die Rue Faubourg St.-Honore von der Englischen Botschaft zum Palast de Gaulles. Die beiden Mittel-Großen, beide auf den Ruhm eines ehrlichen Maklers erpicht, fanden sich bei aller Eifersucht in dem Trost, daß noch nicht alles verloren sei.

Abends um acht Uhr fuhr Harold Macmillan zur Place de la Concorde in die Amerikanische Botschaft, um Eisenhowers Segen für einen Vermittlungsgang zu Chruschtschow in die Sowjetische Botschaft einzuholen. Der amerikanische Präsident war skeptisch, aber einverstanden.

Mit fahlem Gesicht kam der britische Premier drei Stunden später aus der Sowjet-Botschaft in der Rue de Grenelle zurück. Anderthalb Stunden lang war er auf Chruschtschow eingedrungen, der Sowjetpremier möge den Luftzwischenfall mit den Amerikanern zweiseitig regeln und inzwischen die Gipfelkonferenz anlaufen lassen - vergebens.

Chruschtschow begann den neuen Tag um 6.30 Uhr mit Orangensaft, Kaffee, Hörnchen und Butter: Schräg gegenüber der Sowjet-Botschaft erholten sich die Reporter der Nachrichtenagenturen und die Kameraleute in einem Bistro von den Strapazen der Nachtwache. Der sowjetische Premier honorierte ihre Ausdauer. Um 8.30 Uhr kam er auf die Straße, prüfte das Wetter, witzelte mit Malinowski, seinem Leibwächter im Marschallsrang - auf die Bizeps deutend: »So stark sind wir« -, und konstatierte aufs neue: »Wenn Eisenhower sich entschuldigt, werden wir bleiben; wenn nicht, fahren, wir nach Hause.« Den Heimweg, so kündigte der Sowjetmensch erstmals an, werde er in Ostberlin unterbrechen: »Ich will die Genossen Ulbricht und Grotewohl sehen.«

Den Genossen, Maurice Thorez, Chef der französischen KP, nebst Lebensgefährtin Jeanette Vermeersch, sah Chruschtschow schon knapp eine Stunde später.

Hernach rüstete Chruschtschow mit Marschall Malinowski zur Landpartie. Am Sonntag und Montag früh hatte er Sich mit Spaziergängen im »roten Gürtel«, den Vororten von Paris, begnügt; am Dienstag, da die West-Chefs zu dritt den letzten Gipfel - Rettungsversuch ausbaldowerten, fuhr Chruschtschow 110 Kilometer aus Paris hinaus an die Marne, wo Rodion Malinowski 1917, damals Gefreiter im Hilfskorps des Zaren für Frankreich, in Quartier gelegen hatte. Ein Bote, von Werbefachmann Chruschtschow geschickt, animierte Reporter und Photographen mitzufahren.

Unterwegs produzierte sich Nikita in seiner Lieblingsrolle als Werktätiger. Einem Holzfäller, der Chausseebäume schlug, nahm er die Axt ab.

Chruschtschow: »Ich bin ein Arbeiter.«

Der Holzfäller: »Man sieht's.«

Im Dorf Pleurs stieß Chruschtschows Marschall auf die Witwe des Bauern Pignard, in dessen Kuhstall es 1917 kampiert hatte. Die greise Madame Pignard erinnerte sich: »Die Mädchen hießen Germaine und Marie.« Der Marschall: »Ihre Haare waren blond.«

Nimmersatt Chruschtschow konnte es sich nicht verkneifen, in einer Dorfscheune Cercle für die Presse zu halten. Der Pariser Sowjet-Botschafter Winogradow zog seinen Herrn eilends beiseite: »Eine Eilpost vom Elysée ist nach hier unterwegs.«

Der berühmte »reitende Bote« erschien: Frankreichs Präsident de Gaulle, mit Sinn für Dramatik begabt, hatte eine Motorrad-Staffette auf die Fährte des Sowjet-Kollegen gesetzt. Auf der Route Nationale Nummer 4 überreichte die staubbedeckte Ordonnanz des französischen Staatschefs - um 11.56 Uhr die Einladung zum letzten Rendezvous. Charles de Gaulle bat seine Welt-Kollegen für 15 Uhr in den Elysée-Palast.

Nikita Chruschtschow kehrte um 14.50 Uhr in die Pariser Sowjet-Botschaft zurück. Fünf Minuten später - Eisenhower und Macmillan waren eben im Elysee eingetroffen - schlug dort das Telephon an. Gesandter Koudriachow von der Sowjet-Botschaft begehrte zu wissen, um welche Art von Konferenz es sich handele, noch einmal um ein »vorbereitendes Treffen« oder um den Beginn des regulären Gipfels.

Für den ersten Fall, sagte der Sowjet-Gesandte, dürften die Herren Regierungschefs mit der Teilnahme des Sowjet-Chairmans Chruschtschow rechnen, der allerdings bitte, die Sitzung auf 17 Uhr zu verschieben, damit er sich duschen und zu Mittag speisen könne. Im zweiten Fall müsse Chruschtschow verzichten, weil die Entschuldigung des amerikanischen Präsidenten noch ausstehe.

Chruschtschows Anfrage war begreiflich. De Gaulle hatte eingeladen, »um zu prüfen, ob es möglich ist, mit dem Studium der Fragen zu beginnen, über die zu sprechen wir (Wochen vorher) übereingekommen waren«. Eisenhowers Pressechef Jim Hagerty aber hatte schon gegen Mittag öffentlich erklärt, daß sein Präsident nur noch zu einem Gipfelgespräch, nicht mehr zu Vorbesprechungen bereit sei.

Hagerty: »Nach Ansicht des Präsidenten wird die Nachmittagssitzung ein Gipfeltreffen sein, um Gipfelfragen zu diskutieren. Er hat die Einladung de Gaulles unter dieser Voraussetzung angenommen.«

Offenbar bestellte Frage eines amerikanischen Journalisten: »Jim, um es ganz klar zu machen, der Präsident betrachtet den Luftzwischenfall doch nicht als Gipfel-Thema?«

Hagerty: »Die Antwort darauf ist: Nein, absolut nicht. Der Präsident akzeptiert die Einladung nur in der Annahme, daß es eine Gipfel-Diskussion über die Gipfel - Themen ist - ein Gipfeltreffen, kein Vorgespräch.«

Chruschtschow - im Zweifel, ob de Gaulles vager Einladungstext oder Hagertys überdeutliche Interpretation galt - bekam auf seine telephonische Rückfrage zunächst keine Antwort. Eisenhower, Macmillan und de Gaulle berieten noch.

Die Pariser Polizei hielt dennoch Chruschtschows Fahrtroute in den Elysée-Palast frei - von 14.57 bis 15.05 Uhr, jene acht Minuten lang, mit denen auch die letzte Hoffnung verstrich.

15.20 Uhr: Sowjet-Gesandter Koudriachow fragt ein zweites Mal per Telephon im Elysée nach dem Charakter des Treffens. Keine Antwort.

15.25 Uhr: De Gaulle läßt in der Sowjet-Botschaft anrufen, ob mit einer schriftlichen Antwort Chruschtschows auf seine Einladung zu rechnen sei.

15.30 Uhr: Die Sowjets fragen telephonisch zurück, ob ihre Telephon-Anfragen beantwortet würden: Chruschtschow seinerseits werde nicht schriftlich antworten.

16.09 Uhr: Die Sowjets informieren die Presse über den unveränderten Standpunkt Chruschtschows hinsichtlich der Vorbedingungen für eine Gipfelkonferenz.

16.15 Uhr: Die Sowjets geben dem Elysée-Palast am Telephon den Inhalt ihres - sechs Minuten alten - Presse-Kommuniqués bekannt. (Die drei West-Chefs waren zu diesem Zeitpunkt von den Nachrichtenagenturen bereits ins Bild gesetzt.)

16.45 Uhr: De Gaulle verlautbart aus dem Elysée, daß die Diskussion, weil Chruschtschow fehlt, ausfallen muß.

17.00 Uhr: Die West-Chefs beschließen, sich um 21 Uhr wieder zu treffen; Eisenhower und Macmillan verlassen den Elysée.

17.05 Uhr: Im Hof der Sowjet-Botschaft beteuert Chruschtschow auf eine Reporterfrage, ob »alles vorbei« sei: »Njet, njet, njet!«

17.40 Uhr: Chruschtschow schickt an de Gaulle einen Brief, in dem er sich bereit erklärt, an einem Treffen vorbereitenden Charakters teilzunehmen. De Gaulle antwortet, die Sitzung, zu der er für 15 Uhr eingeladen habe, sollte erste Gipfel-Sitzung sein.

18.30 Uhr: US-Pressechef Hagerty antwortet auf die Frage, ob Eisenhower Reisepläne für den nächsten Tag mache: »Nein, er hat keine Reisepläne.« Frage: »Jim, wenn Sie sagen, daß er keine Reisepläne für morgen hat, bedeutet das definitiv, daß er morgen noch in Paris sein wird?« Hagerty: »Ja.«

21.30 Uhr: Nachdem Sowjet-Außenminister Gromyko seinem britischen

Kollegen Selwyn Lloyd in der Britischen Botschaft zu verstehen gegeben hat, daß »sich der Sturm erst einmal legen muß«, befinden die drei West-Chefs im Elysée-Palast, es sei nicht möglich gewesen, mit der Diskussion der internationalen Probleme zu beginnen. »Der Präsident der Vereinigten Staaten, der Präsident der Französischen Republik und der Premierminister des Vereinigten Königreiches ... sind gewillt, auch in Zukunft an Verhandlungen zu jeder passenden Zeit teilzunehmen.« Die Pariser Konferenz war tot.

Vom Nachspiel hatten die Sowjets mehr; sie kündigten für Mittwoch nachmittag eine Pressekonferenz ihres Starfighters Chruschtschow an. Der beschwipste Hagerty am Dienstagabend in der American Bar des Luxushotels »Crillon": »Fragt ihn, ob er eine Seele hat, fragt ihn, fragt ihn!«

Die Pariser Baupolizei warnte davor, die Riesen-Glasveranda des zu schnell hochgezogenen, langsam verfallenden Palais de Chaillot für die Presseversammlung mit Chruschtschow zu benutzen. Die ersten Zeitungsleute besetzten schon drei Stunden vor Beginn der für 15 Uhr terminierten Konferenz ihre Stühle. Bis 14.30 Uhr hatten sich 2500 Journalisten versammelt; der Verandaboden vibrierte.

32 Film- und Fernsehkameras waren auf das Podest gerichtet, auf dem ein grün drapierter Tisch und sieben Stühle aufgebaut waren. Eine weiße Kordel, quer durch die Veranda gespannt, trennte, die Weltpresse von den vordersten sechs Stuhlreihen: reserviert für stubenreine Propagandafunktionäre aus den Oststaaten.

Kurz nach 15 Uhr kletterte Boß Chruschtschow auf das Podium von Marschall Maliowski und Außenminister Gromyko flankiert. Die Flügelplätze nahmen Botschafter Winogradow - den der Diplomatendienst in Paris vom Sowjetmenschen zum Sybariten gewandelt hat - und der Pressechef des Moskauer Außenamts, Charlamow, mit zwei Dolmetschern ein.

Der Applaus der bevorzugt placierten Ost-Schreiber wurde von den Buh-Rufen unzufriedener West-Korrespondenten übertönt. Wie von zu Hause gewöhnt, fiel Chruschtschow in das Händeklatschen ein; sein rundes Bauerngesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen.

Die Buh-Rufe schwollen an, Chruschtschow ließ die Hände sinken, hob die Rechte allein, tippte mit dem Zeigefinger an seine Stirn und wies alsdann - mit sich durchaus zufrieden - auf die lauteste Ecke im Saal. Die Pressekonferenz war eröffnet.

Bald nach dem langweiligen, weil hinreichend bekannten Eröffnungssermon Chruschtschows, der durch Übersetzungen ins Englische und Französische noch ausgedehnt wurde, griff im Saal die Stimmung einer Partei-Großkundgebung um sich.

Der streitlustige Sowjet-Premier argwöhnte, die noch einmal anhebenden Buh-Rufe kamen von westdeutschen Journalisten. Mal den Zeigefinger drohend hochgestreckt, mal den rechten Arm nach vorn gestoßen, als wollte er sein Auditorium ausknocken, die Faust mal auf den Tisch gedonnert, mal zum Kommunistengruß in Schulterhöhe, belferte Chruschtschow: »Ich bin bereits unterrichtet worden, daß Adenauer einige seiner Beutemacher hierher geschickt hat, die wir noch nicht alle bei Stalingrad und in der Ukraine zusammengeschlagen haben, bis drei Meter unter der Erde. Diese Burschen buhen hier. Wir werden euch solch ein Buh geben, daß ihr alle Lust verliert, in diese Halle zu kommen und noch einmal zu buhen. Ich liebe es, mit Feinden der Arbeiterklasse zu raufen.«

Der Saal erbebte vor Gelächter; Ost-Emigranten schrien: »Mörder Chruschtschow, Mörder Chruschtschow!« Amerikanische Zeitungsleute: »Keine Propaganda, Mr. K., Pressekonferenz!« Chruschtschow: »Ich spreche nur von den Beutemachern, nicht von dem großen deutschen Volk.«

Für die Behandlung amerikanischer Spione hielt der sowjetische Regierungschef ein pädagogisches Beispiel aus seinen Kindertagen parat: »Ich komme, wie Sie wissen, aus einer armen Familie. Unsere Mutter konnte nur selten Sahne für uns kaufen. Wenn unsere Katze davon naschte, griff Mutter das Tier am Genick, schüttelte es und stupste es mit der Nase in die Sahne. Wäre es nicht gut, auch die Aggressoren am Genick zu nehmen und zu schütteln?«

Über seine politischen Pläne für die nächste Zukunft verbreitete sich der Diktator sachlicher, wenngleich nicht weniger hart:

- Westberlin: »Wir sehen keine bessere Lösung als die Bildung einer freien Stadt und den Abzug aller fremden Truppen. Westberlin liegt in der Mitte Ostdeutschlands, eines sozialistischen Landes, und Westberlin ist kapitalistisch. Diese beiden Systeme bilden einen Gegensatz, und das bedeutet die dauernde Gefahr eines Konfliktes.«

- Friedensvertrag mit der DDR: »Die notwendigen Dokumente sind bereits vorbereitet. Ich werde morgen (Donnerstag) mit den ostdeutschen Führern, den Genossen Ulbricht und Grotewohl, darüber sprechen: Unsere Geduld ist fast erschöpft.« (Dies »fast« bedeutet gleichwohl - nach Chruschtschows Erklärung am Freitag letzter Woche in Ostberlin - eine Atempause bis nach den Präsidentschaftswahlen in Amerika):

Sogar Marschall Malinowski - laut Chruschtschow »ein wahrer Sohn der sowjetischen Heimat« - überwand seine dumpfe, lethargisch anmutende Ruhe und rührte mit wohlwollendem Lächeln die Hände gemächlich zum Beifall. Botschafter Winogradow klatschte beflissen flink. Außenminister Gromyko fixierte selbst beim Applaus noch wie ein Schulmeister die überanstrengten Dolmetscher.

Nach fast zweieinhalb Stunden verließen die Sowjetmenschen, von emigrierten Ungarn beschimpft, das Palais Chaillot. Die Schlagzeilen der Weltpresse am nächsten Tag waren ihnen sicher. Fast unbemerkt hingegen waren die drei West-Chefs wenig später ein letztes Mal auf dem Halb-Gipfel im Elysée-Palast zusammengekommen.

In selbstzufriedener Gewißheit, sein Gipfel-Stück mit Bravour geleistet zu haben, stieg Chruschtschow am Donnerstagvormittag auf dem Pariser Flughafen Orly in die Maschine nach Ostberlin.

Die dreitägige Schockbehandlung, die er den Amerikanern in Paris angedeihen ließ, hat den westlichen Elan für eine Gipfeltour auf absehbare Zeit gelähmt. Fraglich, welcher Präsident der Vereinigten Staaten es sich zutrauen und seinem Lande zumuten will, mit Nikita Chruschtschow als Seilgefährten den Aufstieg noch einmal zu wagen. Andere Sterne regieren jetzt die Stunde.

Resümierte die Pariser »Le Monde": »Es ist zu befürchten, daß die westdeutschen Streitkräfte, speziell die Luftwaffe, über die westeuropäische Proportion hinauswachsen werden ... Monsieur Strauß und der General Franco sind vielleicht die einzigen, die mit dem, was sich in Paris abgespielt hat, zufrieden sind.«

Gipfel-Torpedo Chruschtschow, Begleiter: Ob er eine Seele hat?

Versetzte Gipfel-Partner

In die Sahne gestupst

Baumfäller Chruschtschow, Kollege: »Ich bin ein Arbeiter«

Sowjet-Pressechef Charlamow Kein Apparat ...

US-Pressechef Hagerty

... die Atmosphäre zu messen

Chruschtschow, Flankenschützer Gromyko (l.), Malinowski: »Mein Herz ist rein«

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