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Briefe

Bullige Bestialisierung
aus DER SPIEGEL 42/1993

Bullige Bestialisierung

(Nr. 40/1993, SPIEGEL-Titel: Der Verreißer - Kritiker Marcel Reich-Ranicki)

Ich habe noch nie einen Roman gelesen, den der Starkritiker Deutschlands gelobt und empfohlen hat. Bin ich deshalb nun ein Kunstbanause? *UNTERSCHRIFT: Weinheim (Bad.-Württ.) ILSE SCHÖPS

Es ist der Ehre zuviel, einem Mann wie Herrn Reich-Ranicki eine Titelgeschichte zu widmen. Für mich ist er eine Mischung aus Clown und Scharlatan. *UNTERSCHRIFT: Rüssen (Nieders.) VOLKER HASSELKUSS

Daß Herr Reich-Ranicki auf die Literaturrezeption in Deutschland großen Einfluß hat, ist unumstritten, jedoch sehr bedauerlich. Ich kann mir dieses Phänomen nur mit dem autoritären Charakter der Deutschen erklären, die es eben mögen, wenn ihnen jemand sagt, was sie denken sollen und wo es langgeht. *UNTERSCHRIFT: Mainz KRISTIN RUPPERT

Es ist der Traum meines Lebens, dem Literaturpapst einmal im Fernsehen gegenüber sitzen zu dürfen, um in einem Streitgespräch sein Unwissen über die deutsche Literatur auch dem schlichten Literaturkonsumenten zu demonstrieren. *UNTERSCHRIFT: Kiel DR. EDGAR KRÄMER

Man sollte froh sein, daß in der hohlen Nuß Gegenwartsliteratur wenigstens Reich-Ranicki sitzt, der dort sein Fähnchen unverdrossen schwingt und immerhin seinen Job gut macht. Gute Kritik kann durchaus Literatur ersetzen; wenn sie nicht nur redet, sondern etwas sagt. Dies jedoch scheinen ihm nicht wenige zu verübeln. *UNTERSCHRIFT: Hagen SALAAN

Von was nährt sich sein Ruf als Literaturgott? Dem Verlagswesen ginge es miserabel, wenn die durchschnittliche Leserschaft - die einen Reich-Ranicki kaum kennt - sich ihre Literatur nach seinen Empfehlungen auswählen würde. Davon könnten nicht mal die Setzer leben, dagegen geht es allen von seiner »Müllabfuhr« recht gut. *UNTERSCHRIFT: Moers (Nrdrh.-Westf.) MARIA SWATOCH

Reich-Ranicki vergißt, daß er durch seine Fernsehauftritte die Leute vom Lesen abhält. *UNTERSCHRIFT: Berlin DIETHER PRELINGER

Vermag sich ein Nachrichtenmagazin zu schämen? Falls ja, wäre es wegen der bulligen Bestialisierung des Marcel Reich-Ranicki durchaus geboten. *UNTERSCHRIFT: München PROF. JOACHIM KAISER

Es ist einfach nicht wahr, daß Reich-Ranicki in Frauen »intellektuelle Partnerinnen« sieht. Gefördert wird im Literaturbetrieb, wie überall, das Mittelmaß. Vor nunmehr zwölf Jahren, 1981, verweigerte man mir beim »Leonce und Lena«-Lyrik-Wettbewerb den 1. Preis mit dem Argument, ich sei »zu jung« (ich war 21 Jahre alt) für die »Qualität dieser« (eben meiner) Gedichte. Bekommen hat den Preis dann eine andere Autorin, die es mittlerweile zu Ruhm im Literaturbetrieb gebracht hat (und nicht nur dort). Was blieb für mich seitdem? Totgeschwiegen, so daß mir seit 1985 keine eigenständige Publikation mehr möglich war - Armut, Obdachlosigkeit. *UNTERSCHRIFT: Würzburg SULAMITH SPARRE

Erhalte uns Gott noch lange diesen Mann und seine unverwechselbare Literaturkritik. *UNTERSCHRIFT: Borna (Sachsen) DIETMAR MATZKE

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