Zur Ausgabe
Artikel 24 / 83

UNTERNEHMEN / SIEMENS/AEG Bund für morgen

aus DER SPIEGEL 45/1968

Wo immer auf der Welt Kraftwerke gebaut oder Turbinen geliefert werden sollten, versuchten die Siemens AG, München, und die Allgemeine Electricitätswerke AG, Frankfurt, einander den Auftrag wegzuschnappen. Einer von ihnen verlor dabei immer rund eine halbe Million Mark, denn »jedes Kraftwerk, jede Turbine ist ein Maßanzug« (AEG-Direktor Dr. Horst Brandt).

Künftig brauchen die beiden Kraftwerk-Schneider keinen Maßanzug mehr wegzuwerfen: AEG und Siemens werden vom 1. April 1969 an ihr Turbinen-, Kraftwerk- und Transformatoren-Geschäft auf zwei Tochterfirmen übertragen, deren Kapital beide Konzerne zur Hälfte beisteuern. 13 000 Beschäftigte werden dann gemeinsam produzieren und jährlich eine Milliarde Mark umsetzen.

In der Bundesrepublik lagen die beiden Konkurrenten im Kraftwerkbau bisher schon an der Spitze. Von der Jahreskapazität der gesamten Branche in Höhe von 8100 Megawatt Kraftwerk-Leistung entfallen 6000 auf Siemens und AEG. Vom Binnenmarkt jedoch können die Unternehmen nicht leben; er lastet nur 35 Prozent ihrer Kapazität aus. Das Hauptgeschäft liegt im Export.

Auf dem Weltmarkt aber waren selbst die beiden deutschen Kraftwerk-Protze schwach. Amerikas Westinghouse Electric Corporation etwa ist mit einer Baukapazität von 8000 Megawatt mehr als doppelt so stark wie jede der beiden deutschen Gruppen. General Electric in New York bringt es sogar auf jährlich 12 000 Megawatt.

Hinzu kam, daß sowohl herkömmliche als auch Atom-Kraftwerke mit immer größerer Leistung verlangt wurden, weil dadurch die Kosten für den erzeugten Strom sinken. Vor sieben Jahren zählten 100-Megawatt-Maschinen zu den größten. Heute sind Aggregate mit dreifacher elektrischer Leistung üblich, und in den 70er Jahren wird es voraussichtlich nur 1000-Megawatt-Maschinen geben.

»Die Vermeidung von doppelten Investitionen und von aufwendigen Parallelentwicklungen«, so verkündeten beide Konzerne vergangene Woche, waren daher für den Kooperations-Beschluß entscheidend.

Die beiden bisher namenlosen Töchter sollen bei der Projektierung, beim Bau und dem Vertrieb von Turbinen, Transformatoren sowie herkömmlichen und atomaren Kraftwerken zusammenarbeiten. Die Atomreaktoren selbst bauen beide Konzerne weiterhin getrennt.

Mit dem Bund von München und Frankfurt gehen die Elektro-Giganten eine Vernunftehe ein, die dem künftigen Markt entspricht. Peter von Siemens, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Siemens AG, wundert sich über die schnellebige Welt: »Wenn ich noch vor drei Jahren verlangt hätte, Siemens soll sich mit seinem Erbfeind AEG verbinden, dann hätten sie mich bei uns im Hause für verrückt erklärt.«

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 24 / 83
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.