Wahlkreisanalyse Prominent gewählt – oder abgestraft

Zwei Kanzlerkandidaten im direkten Duell, beeindruckende Zahlen von Gregor Gysi und CDU-Vize Silvia Breher – und Andreas Scheuers besonderes Kunststück: die Wahlergebnisse der Politprominenz in der Datenanalyse.
Konkurrenz ums Direktmandat: Olaf Scholz und Annalena Baerbock

Konkurrenz ums Direktmandat: Olaf Scholz und Annalena Baerbock

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Christoph Soeder / dpa

Die kenne ich doch aus dem Fernsehen. Und ist das nicht der aus der Zeitung? Zur Bundestagswahl traten viele bundesweit bekannte Politikerinnen und Politiker an, um ein Direktmandat zu erringen. Grünenchefin und Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock etwa stand im Wahlkreis Potsdam – Potsdam-Mittelmark II – Teltow-Fläming II zur Wahl – genau wie SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz. Alice Weidel von der AfD kandidierte im Wahlkreis Bodensee, FDP-Chef Christian Lindner im Rheinisch-Bergischen Kreis.

Wie haben sich Parteichefs, Minister und andere überregional bekannte Politikerinnen und Politiker geschlagen? Konnten sie von ihrer Prominenz profitieren?

Die Ergebnisse sind durchwachsen, wie ein Blick in die detaillierten Wahlergebnisse zeigt. Dutzende Parteipromis scheiterten beim Versuch, ein Direktmandat zu erringen – darunter nicht nur Baerbock, Weidel und Lindner, sondern auch amtierende Minister wie Helge Braun, Julia Klöckner, Annegret Kramp-Karrenbauer, Peter Altmaier (alle CDU) sowie die Umweltministerin von der SPD, Svenja Schulze.

Ohne Direktmandat blieben auch die zwei Bundestagsvizepräsidentinnen Claudia Roth (Grüne) und Petra Pau (Linke). Dieses Schicksal teilen sie mit ihrem Amtskollegen Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP). Auch der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz (CDU), und die Fraktionschefin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, scheiterten als Direktkandidaten.

Doch sie alle dürften sich nicht allzu sehr grämen, denn den Einzug in den Bundestag schafften sie trotzdem – über die Landesliste:

Nicht alle überregional bekannten Politiker waren via Listenplatz abgesichert. Ex-Verfassungschef Hans-Georg Maaßen beispielsweise war im Thüringer Wahlkreis Suhl – Schmalkalden-Meiningen – Hildburghausen – Sonneberg für die CDU angetreten. Der CDU-Rechtsaußen holte 22,3 Prozent der Erststimmen und kam nur auf Rang zwei hinter dem Ex-Biathleten Frank Ullrich (SPD), der 33,6 Prozent erhielt. Maaßen mit Westbiografie hatte gegen einen waschechten Thüringer keine Chance. Weil Maaßen nicht auf der Landesliste stand, wird er dem neuen Bundestag nicht angehören.

Ebenso ergeht es dem ehemaligen CDU-Chef in Thüringen, Mike Mohring. Mit 18,5 Prozent landete er bei den Erststimmen im Thüringer Wahlkreis Jena – Sömmerda – Weimarer Land I nur auf Rang drei.

Immerhin fast 30 Politikerinnen und Politiker mit wichtigen Funktionen in ihren Parteien gelang es, direkt in den Bundestag einzuziehen. Scholz setzte sich in Potsdam gegen Baerbock durch, Robert Habeck (Grüne) im Wahlkreis Flensburg – Schleswig.

Interessant ist ein genauerer Blick in die Daten. Bei wem lag der Erststimmenanteil deutlich über der Prozentzahl, die die Partei im Wahlkreis bei den Zweitstimmen holte?

Folgende Tabelle zeigt die Differenz aus Erst- und Zweitstimmenanteil für Polit-Promis. Besonders erfolgreich waren Gregor Gysi (Linke), Karl Lauterbach (SPD) und Lars Klingbeil (SPD).

Ein besonderes Kunststück vollbrachte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Sein Erststimmenanteil im Wahlkreis Passau war niedriger als der Zweitstimmenanteil der CSU. Scheuers 30,7 Prozent reichten jedoch trotzdem für den direkten Einzug in den Bundestag.

Das bundesweite Ranking mit den höchsten Erststimmanteilen führt Johann Saathoff (SPD) an, auf den im Wahlkreis Aurich – Emden 52,8 Prozent der Stimmen entfielen. Auf Platz zwei folgt CDU-Vizeparteichefin Silvia Breher. Sie gewann im Wahlkreis Cloppenburg – Vechta mit 49,0 Prozent. Ihr Parteikollege Carsten Linnemann war im Wahlkreis Paderborn – Gütersloh III mit 47,9 Prozent ähnlich stark.

Anmerkung: In einer früheren Version wurde Marco Wanderwitz als »früherer« Ostbeauftragter der Bundesregierung bezeichnet. Wanderwitz übt dieses Amt jedoch nach wie vor aus. Zudem wurde Silvia Breher der bundesweit höchste Erststimmenanteil zugeschrieben, den aber Johann Saathoff erreichte. Wir haben den Artikel entsprechend geändert.