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Presse Bunte, wilde Welt

Das Traditionsblatt Zeit kämpft mit neuer Führung gegen Leserschwund und Anzeigenminus.
aus DER SPIEGEL 14/1995

Der Runde im ersten Stock des feinen Literaturhauses an der Hamburger Außenalster bot Robert Leicht, 50, bittere Wahrheiten.

Der Chefredakteur des Wochenblatts Die Zeit präsentierte den engen Mitstreitern und Ressortleitern eine seiner »Korrekturbedarfsanalysen«, wie er das nennt, etwa über den Mangel an Artikeln zum Thema Bildung. Einen ganzen Tag lang debattierten die 20 Journalisten über den Notruf des Chefs, am Ende schwor der Zirkel auf Eintracht.

Doch der Harmonietag vom Januar war schnell vergessen. Nur 100 Stunden nach der Klausur kündigte Leicht seinen überraschten Stellvertretern Nina Grunenberg, 58, und Haug von Kuenheim, 60, die Trennung an. Die beiden gelten als Proteges von Theo Sommer, 64, der bis vor zweieinhalb Jahren die Redaktion leitete.

Seit Anfang dieser Woche hat Leicht Männer seiner Wahl auf der Kommandobrücke: den Politikchef Werner Perger, 52, und den Ressortchef Wissen, Joachim Fritz-Vannahme, 40. Leichts Manöver, das der Redaktionsausschuß der Zeit als Stillosigkeit heftig kritisierte, verschafft ihm ein Küchenkabinett, das mit den drängenden Problemen des Traditionsblatts fertig werden soll.

»In einer bunteren, wilderen Zeitungswelt«, sagt der feingeistige Schwabe Leicht, könne sich die Zeit nur »als Vertreter der klassischen Moderne behaupten«.

Die schwache Konjunktur und, weit mehr, die schneidende Konkurrenz setzen der Hamburger Wochenzeitung - auch sie eine Institution der Nachkriegsgeschichte - schwer zu. Eine Fülle neuer Zeitschriften, Fernsehprogramme und Computerdienste zieht Leser und vor allem Werbekunden ab - ein Trend, der auch Wochenmagazine wie Stern und SPIEGEL trifft. In dieser Kakophonie des Medienmarktes, von Leicht »Aufmerksamkeitskonkurrenz« genannt, dringt die liberale Stimme der Zeit immer schwerer durch.

»Ein leichtes Bröckeln« ortet Geschäftsführer Friedrich Wehrle, 42. Nur 477 000 Exemplare wöchentlich verkaufte das Blatt am Jahresende 1994 - das schlechteste Ergebnis seit fünf Jahren. Der Verlagsumsatz ist in den letzten beiden Jahren um fast 20 Millionen Mark gesunken (siehe Grafik). Synchron schmelzen Gewinne des Unternehmens und die Gewinnbeteiligung der 290 Zeit-Mitarbeiter.

Ein Ende ist nicht abzusehen. Da die Kosten für Papiereinkauf in der Verlagsbranche steigen, nähert sich der Profit der Null-Linie. Ein nennenswerter Ausgleich kommt auch nicht von anderen Geschäftsfeldern. Das kleine Zeit-TV beispielsweise, das auf Vox sendet, macht Minus.

Als Hauptschuldigen der Krise hat das Management das einst so profitable Zeit-Magazin ausgemacht. Im Vergleich zu 1990 hat sich der Anzeigenbestand auf nun 1000 Reklameseiten im Jahr halbiert. Viele Kampagnen, etwa für Autos, wechselten zum Privatfernsehen.

Den Journalisten fehlt der Platz für Geschichten. Über die Mangelverwaltung geraten sie öfter mal in Hader mit Magazinchef Peter Würth, 40, der vorher beim eingestellten Lifestyle-Blatt Country gewirkt hatte. Nun setzt Würth auf knallige Reportagen und mehr Spezialausgaben, etwa über Mode.

Mit der Frankfurter Allgemeinen und der Süddeutschen Zeitung, deren Beilagen ebenfalls Inserate verloren, sprach Zeit-Manager Wehrle über eine gemeinsame Anzeigenkombination, um die raren Werbekunden zu ködern.

Verliert das Magazin noch mal die Hälfte seiner Anzeigen, müßte der Verlag es wohl vom Markt nehmen. »Daran ist nicht zu denken, aber man soll natürlich nie nie sagen«, kommentiert Geschäftsführerin Hilde von Lang, 69.

Jahrelang war das malade Objekt, 1970 von Zeit-Eigentümer Gerd Bucerius gegründet, die Cash-cow des Hauses. Dank der fetten Einnahmen aus den bunten Anzeigen machte der Verlag reichlich Gewinn.

Nun muß Bucerius, 88, der in das Geschehen nicht mehr eingreifen kann, fürchten, daß er mit seiner alten Erkenntnis recht hat: »Wochenzeitungen für die Intelligenz werden immer Zuschüsse brauchen.« Über zwei Jahrzehnte lang hatte der Verleger das Ausnahmeblatt gestützt, vor allem aus Gewinnen der Illustrierten Stern, an der er bis 1973 beteiligt war.

Ein Mäzen steht künftig nicht mehr bereit. Das Bucerius-Vermögen - unter anderem 10,74 Prozent zumeist stimmrechtlose Aktien des Medienriesen Bertelsmann - fällt der gemeinnützigen Zeit-Stiftung zu. Der Krise muß der Verlag mit Rücklagen trotzen, die er seit einigen Jahren auch auf Anraten des Herausgebers und Alt-Bundeskanzlers Helmut Schmidt, 76, gebildet hat.

»Wenn wir drei, vier Jahre Verlust machen und unser Kapital nicht ausreichen sollte, sind wir es nicht wert, am Markt zu sein«, sagt die Bucerius-Lebensgefährtin von Lang. Von anfallenden Zeit-Gewinnen muß die künftige Testamentsvollstreckerin ein Viertel an die Stiftung abführen.

Die Hauptlast beim Kampf gegen den Trend trägt Zeit-Chef Leicht. Der politische Denker und profilierte Leitartikler, der in der Rolle des Redaktionsmanagers noch immer fremdelt, strich Kaffee, Tee und Plätzchen beim vormals gemütlichen Ressortleiter-Plausch am Donnerstag. Nun steht sich die Crew, ein symbolischer Akt, in seinem Zimmer auf der Suche nach Themen die Beine in den Bauch - was die Kreativität, so Leicht, ungemein gesteigert habe.

Trotzig gibt der Chef vor, irgendwelche Höchstauflagen würden der Zeit nicht verordnet. Lebendige Debatten, etwa im Feuilleton unter dem von der taz losgeeisten Arno Widmann, 48, sowie ein erweiterter Politikbegriff sollen die staatsmännische Attitüde des bei Lehrern, Wissenschaftlern und Beamten wohlgelittenen Blatts ablösen.

Auf die erste Seite, neben die üblichen Beschaustücke über die Politik der Großen in Bonn, Moskau und Washington, hat Leicht seit kurzem lockere Stoffe aus allen Ressorts, etwa zur russischen Beutekunst oder zum Daten-Highway, eingerückt. Die Mixtur soll die zaudernden Kunden am Kiosk stimulieren und junge Leser locken.

Die Zeit müsse endlich wieder »eigene Themen setzen«, forderte kürzlich bei einer Blattkritik der ehemalige Wirtschaftschef Roger de Weck, 40, vor den Redakteuren. In der öffentlichen Diskussion gehe die Zeitung unter, monierte der jetzige Chefredakteur des Zürcher Tages-Anzeiger.

Das haben die Kritisierten wohl begriffen. Auch von den Nachrichtenagenturen möchte sich die Zeit, die sich meist aus der Konkurrenz der Enthüllungsjournalisten mit feinsinnigen Kommentaren heraushielt, endlich zitiert wissen. Der vormalige Vizechef Kuenheim soll werthaltiges Textmaterial vermarkten.

Über der Redaktion, die offenbar das Betriebstempo auf Marktniveau bringen und den Generationenwechsel nachholen will, schwebt »ein zeitgeschichtlicher Areopag« (Leicht). Das Herausgebertrio - Ex-Kanzler Schmidt, Ex-Chef Sommer und die publizistische Leitfigur Marion Gräfin Dönhoff, 85 - setzt noch immer wichtige Akzente.

Umstellt von Hierarchen, erdrückt von Erwartungen, gefangen in eigenen Ansprüchen - dem pietistischen Unternehmersohn Leicht, der im Aufsichtsrat der familieneigenen Stuttgarter Schwaben Bräu sitzt, bleibt in Wahrheit nur wenig Spielraum. Die »verpanzerten Strukturen« behinderten die nötige Aggressivität, urteilt ein Verlagsexperte.

Nur millimeterweise kommt Zeitungsmacher Leicht, selbst unsicher, mit der Modernisierung voran. Weil sich die Redaktion von ihm schlecht informiert fühlte, mußte er einen Vorstoß, das bleischwere Layout aufzufrischen, wieder abbrechen. Der Hamburger Grafiker und frühere Zeit-Mitarbeiter Peter Wippermann, der 1988 nach einer umstrittenen Renovierung des Zeit-Magazins gefeuert wurde, verlor den Auftrag zur Generalüberholung des Blatts.

Bei solchen Pannen kritisieren Mitarbeiter immer wieder einen verstockt-autoritären Führungsstil. Leicht wiegelt ab: Er nenne Probleme beim Namen und täusche nicht vor, daß jede Entscheidung scheindemokratisch beeinflußbar sei.

Im Dezember jedoch habe der Intellektuelle nach allerlei Konflikten einen Rücktritt nicht ausgeschlossen, berichten Vertraute. Er führe, meint Leicht, »eines der ehrenvollsten, aber auch schwierigsten Kommandos der deutschen Presselandschaft«. Y

»Verpanzerte Strukturen« und ein Vorstoß gegen das bleischwere Layout

[Grafiktext]

Verkaufte Auflage d. Zeit

Umsatz d. Zeit-Verlages

Brutto-Werbeumsätze d. Magazinbeilagen

Print-TV

[GrafiktextEnde]

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