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Jesuiten »Bunter Vogel«

aus DER SPIEGEL 32/1996

SPIEGEL: Seit fast einem Jahr hat Ihr Orden Sie mit einem Lehr- und Publikationsverbot belegt. Nun sollen Sie auch Ihre Professur für Sprachphilosophie an der Jesuitenhochschule St. Georgen in Frankfurt verlieren und aus der Hausgemeinschaft ausgeschlossen werden. Warum?

Lay: Mitbrüder haben beim Pater General in Rom unterstellt, ich verstieße gegen kirchliche Lehren oder riefe zum Ketzertum auf. Anlaß war mein 1995 erschienenes Buch »Nachkirchliches Christentum«, in dem ich auch Kritik an der Kirche geübt habe.

SPIEGEL: Also ein neuer Fall Küng?

Lay: Nein. In Wahrheit geht es um etwas anderes. In Frankfurt sind etliche meiner Mitbrüder einer Trugvorstellung erlegen. Weil ich durch meine Arbeit als Therapeut und Managerberater häufig abwesend bin, kam es dort zu einer Phantombildung über mich und meine Arbeit. Man hat geredet und getratscht, ich würde mich bewußt ausschließen und am Gemeinschaftsleben nicht teilnehmen wollen. So kam es zu der Legende, ich lebte außerhalb des Ordens. Das ist aber nicht wahr. Aufgabe des Ordens ist es doch, bei den Menschen zu sein und sie seelsorglich zu betreuen. Ich tue das in einer zeitgemäßen Form bei denen, die von der ordentlichen Seelsorge heute nicht mehr erreicht werden: bei den Managern.

SPIEGEL: Das ist noch kein Grund, Sie zu feuern.

Lay: Frankfurter Jesuiten forderten in Rom meine Entfernung von der Hochschule. Ich bin ihnen ein zu bunter Vogel und soll deshalb aus der Ordensgemeinschaft ausgegrenzt werden. Neid spielt dabei möglicherweise eine große Rolle. Es ist ja kein Zufall, daß sich zu den Managerseminaren stets mehr Leute anmelden, als es freie Plätze gibt.

SPIEGEL: Sie sind seit 44 Jahren Jesuit. Wollen Sie weiter im Orden bleiben?

Lay: Ich mache alles so weiter wie bisher. Arbeite in der Psychotherapie, mache Managerberatung und widme mich selbstverständlich auch der Seelsorge, halte Gottesdienste und spende die Sakramente. Und falls mein Orden mich auch noch rauswerfen sollte, werde ich Diözesanpriester. Einen Bischof, der mich nimmt, finde ich schon.

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