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Moderatoren Bussard mit Charme

Ein Bonvivant auf Hajos Thron: Ulrich Wickert bewährt sich als neuer »Tagesthemen«-Moderator.
aus DER SPIEGEL 31/1991

Der alte Herold schritt rüstig auf sein nordfriesisches Altenteil, die Fernseh-Deutschen ächzten unter bohrendem Trennungsschmerz.

Sechs selige Jahre lang waren sie süchtig gewesen nach seiner filigranen Silberzunge, seiner kühlen Ironie. Nun verzehrte Hanns Joachim ("Hajo") Friedrichs, der Feinfrost-Charismatiker mit dem vertrauensbildenden Charakterhaupt, behaglich sein Ruhegeld, schaute hinaus auf das Sylter Watt und spielte gelöst »einen schönen Skat«. Vor dem »Tagesthemen«-Schirm aber darbten entwurzelt die Hinterbliebenen und erwarteten bang die Niederkunft des Nachfolgers auf dem Moderatoren-Stuhl: Ende Juni meldete sich Ulrich Wickert, 48, vormals ARD-Korrespondent in Paris, zum Nachrichtendienst.

Da ragte er nun massig ins »Tagesthemen«-Bild, wie der Obelisk auf der Place de la Concorde - ein Trumm von 1,96 Metern, Hochkantschädel mit schelmischer Raubvogel-Visage, die knochigen Krallen artig übereinandergelegt, am Hals ein kunstgreller Binder. So kündet er seither von den Völkerwirren auf dem Balkan, von Stasi-Bosheit, Treuhand-Chaos und nordatlantischen Wolkenwirbeln. Vom Sprechertisch blinzelt huldvoll Frau Dagmar Berghoff hinüber zu dem charmanten Mäuse-Bussard. Und auch die kurzfristig verstörte »Tagesthemen«-Gemeinde blickt zutraulich auf den neuen ARD-Meldegänger.

48 Prozent der Zuschauer, ermittelte eine Illustrierte, sind völlig aus dem Häuschen und halten Wickert für eine »Idealbesetzung«, weit über die Hälfte bewundert seine pariserische Souveränität. Erotisch aufgestachelte Damen bescheinigen dem Golem ein »angenehmes Äußeres«. Manch einem fehlt noch das »ausgeglichene Gesicht« des Amtsvorgängers, sonst klingt es unisono: »Ein würdiger Nachfolger.« Aus der ruhmreichen Friedrichs-Statt ist rasch ein respektables Wickert-Institut geworden. Gnädig hat ihm sein Staatsvolk die grimmige Schelte verziehen, mit der er kürzlich die Deutschen überzogen hatte: Sie hätten »wenig Sinn für Stil« und vom »lieben Gott« noch eine beträchtliche »Prise Witz« verdient.

Zu solch kerngenauen Beobachtungen führt langjährige Korrespondenten-Erfahrung. Wickert wirkte in Washington und New York. In Paris mauserte er sich zum genußorientierten »Wertkonservativen« (Selbsteinschätzung), gallischen Fachkreisen war er als fideler Gourmet vertraut; die französische Käse-Gilde ernannte ihn zum lebenslangen Ehrenmitglied. Auch die politische Kaste schätzte den Lulatsch als extraordinären Salon-Teutonen.

Diesen weltläufigen Bonvivant wollte Friedrichs unbedingt auf seinem hamburgischen Nachrichtenthron etablieren. Der Duzfreund Uli funkt auf der gleichen liberalen »politischen Wellenlänge«. Wickert, dessen Eheweib Sylvie nach sieben Pariser Jahren einen Ortswechsel begrüßte, griff beherzt zu.

Einige Wochen lang studierte er Text und Profil des News-Magazins, eine Moderationsprobe im Studio brach der Gevatter Hajo nach fünf Minuten ab: »Ach Uli, laß man, das kannst du doch.« Auch die ARD-Chefs waren sehr angetan von dem moderationswilligen Camembert-Legionär. WDR-Intendant Friedrich Nowottny sprach physiognomisch aufmunternd: »Sie haben eine andere Nase. Das ist kein Problem.«

Der Erwartungsdruck hat den Debütanten doch erheblich »belästigt«. Im Hintergrund lauert stets der große Friedrichs, dieser sokratische Schlohweißling, der immer so wirkte wie eine sozial-liberale Lizenzausgabe des Bundespräsidenten.

Allmählich aber gewinnt er an rhetorischer Statur. Gewiß, noch liegt, wie Pressebeobachter kleiderkritisch mäkeln, ein »Hauch von Schlotterlook« über dem Riesen, und zumindest einen freudianisch ergiebigen Qualitätsversprecher hat er sich auch schon geleistet, als er den BR-Borstenkopf Heinz Klaus Mertes mit »Kleins Haus« anredete. Gern streut er, den Gebildeten zur Zier, literarische Zitate in seine Texte, den Beitrag über eine Londoner Skandal-Bank würzte er beispielsweise mit der Brecht-Frage: »Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?« Dann spielt um seine lange Genießer-Nase ein proporzfeindliches Lächeln, und die Zuschauer reiben sich solidarisch die Hände.

Zufrieden ist Wickert, natürlich, noch längst nicht, »vielleicht in sechs Monaten«. Am Anfang, berichtet er schaudernd, habe er »auf einem zu hohen Stuhl gesessen« und »wie Dracula geguckt«. Langsam will er sich »herantasten an meine Stimmlage«, kleine Geschichten »entspannt erzählen« und auch gelegentlich eine humoristische Perle unterbringen.

Sein berufsberatender Ziehvater hat die neue »Tagesthemen«-Ära bereits nachdrücklich empfohlen. Hajo, der mythische Wattläufer, teilte mit, er sei »sehr zufrieden mit dem Uli«.

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