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UNFÄLLE Butter vom Brot

aus DER SPIEGEL 4/1966

Mit zerbeultem Autoblech sollen Westdeutsche keinen Kummer mehr haben, sofern sie schuldlos zu Schaden kommen. Das verheißt ihnen die US-Firma Hertz, der Welt größter Wagenverleiher (insgesamt 108 000 Fahrzeuge).

Wer sich nach einem unverschuldeten Unfall bei der deutschen Hertz Autovermietung GmbH für sein beschädigtes Vehikel Ersatz holt, braucht sich um nichts mehr zu kümmern. Hertz schießt alle Kosten, einschließlich der Beträge für Mietwagen und Reparatur, vor und treibt sie bei der Haftpflichtversicherung des Unfall-Schuldigen ein.

Den Beweis der Schuldlosigkeit können zahlreiche Unfaller leicht erbringen: Nach einem Erfahrungssatz der Versicherungen steht der Schuldige bei jedem zweiten westdeutschen Autounfall durch eigenes Eingeständnis, Zeugenaussagen oder Feststellungen der Polizei von vornherein fest.

Die Vorteile des Hertz-Systems leuchteten den Motorisierten deshalb schnell ein. Am 20. November letzten Jahres

startete Hertz bundesweit den neuen Service, und schon in den ersten vier Wochen nahmen ihn 500 Unfall-Kunden in Anspruch. In einigen Großstädten wurden 80 Prozent der Kundschaft durch die Novität angelockt.

Hertz-Geschäftsführer Waldemar Kinsky, 34: »Wir haben alle unseren Vorteil dabei. Hertz vermietet mehr Wagen, die Reparaturwerkstätten bekommen schneller ihr Geld, und dem Unfaller werden alle Unkosten und der Ärger mit den Versicherungen abgenommen. Nur die Versicherungen haben keinen Nutzen davon.«

Sie müssen im Gegenteil mehr zahlen. Denn alle Hertz-Fälle werden automatisch durch Leistungen verteuert, die Unfaller sonst häufig nicht in Anspruch nehmen, durch Mietwagen, Kredit- und Rechtshilfe. Allein die Kosten für Finanzierung und Anwalt, so schätzt beispielsweise die Hamburger Versicherung Albingia, erhöhen die Summen bei Hertz-Schäden um 15 bis 18 Prozent.

Die rund 5000 westdeutschen Konkurrenten von Hertz, für ähnliche Geschäfte meist zu finanzschwach, fürchten Umsatz-Einbußen. Horst-Peter Naumann von Westdeutschlands größtem Verleih-Unternehmen, der Selbstfahrer Union (2200 Wagen gegen 1800 bei Hertz): »Wir müssen aufpassen, daß man uns nicht die Butter vom Brot nimmt.«

Aber ehe es dazu kommt, so hofft Naumann, werden die Versicherungen »diesem Unsinn« ein Ende bereiten.

Verkehrs-Unfall (in Homburg) Vorschuß für Schuldlose

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