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FRANKREICH / GEWERKSCHAFTEN C gestrichen

aus DER SPIEGEL 49/1964

Die Akteure im Pariser Sportpalast zogen ihre Jacken aus und krempelten die Ärmel hoch: Frankreichs christlicher Gewerkschaftsbund »Confédération francaise des travailleurs chrétiens« (CFTC) schritt zur Kampfabstimmung über das zweite C in seinem 45-Jahre alten Namen.

14 000 Stimmen wurden gegen den umstrittenen Buchstaben, 6000 für ihn abgegeben. Mit Zweidrittelmehrheit entschied der französische Arbeiterverband im letzten Monat als erste christliche Gewerkschaft der Welt, künftig auf das Etikett »christlich« zu verzichten und sich statt dessen »demokratisch« zu nennen. Aus der CFTC wurde die CFDT: »Confédération francaise et démocratique du travail«.

Die Mehrheit jubelte, die Minderheit der hartnäckigen C-Anhänger verließ den Sportpalast unter Protest. Sie zog ins Hotel »Lutetia« und erklärte feierlich: »Die CFTC besteht weiter.« Die Gewerkschaft war gespalten.

Vor allem der christlich-konservative Bergarbeiterverband, die CFTC-Angestellten der Banque de France und der Pariser Polizeipräfektur sowie kleinere Teilgewerkschaften aus der erzkatholischen Bretagne und dem Elsaß hätten sich verzweifelt gegen die von der Mehrheit gewünschte Namensreform gestemmt. Niemand kam ihnen zu Hilfe. Keiner der 64 französischen Bischöfe rührte eine Hand für die aufrechten Christen, kein Hirtenbrief warnte vor der Entscheidung gegen das C.

Die Niederlage der C-Männer war Folge einer Entwicklung, die schon kurz nach Kriegsende begonnen hatte. 1947 war auf Antrag einer fortschrittlichen Mehrheit der Hinweis auf die päpstliche Sozial-Enzyklika »Rerum novarum« aus den Statuten der von Geistlichen gegründeten CFTC gestrichen worden.

Nach und nach rückte später in der Pariser Zentrale eine Equipe von Bossen vor, die von den ursprünglichen Idealen der Christlichen Gewerkschaft - Immunisierung der Arbeiterschaft gegen Marxismus und Materialismus - nichts mehr wissen wollte. 1961 schließlich hievte sie den alerten Generalsekretär Eugène Descamps an die Gewerkschaftsspitze, der seinerseits die Schlüsselposten mit eher sozialistisch als kirchlich gesinnten Funktionären besetzte. Descamps: »Ich für meinen Teil bin Katholik, aber ich lasse nicht zu, daß mir in Gewerkschaftsdingen jemand sagt, was schwarz und was weiß ist.«

Die einst zahme Christengewerkschaft beteiligte sich dann nach Kräften an allen Arbeitskämpfen und wurde damit für viele nichtkatholische Arbeiter attraktiv. Mit über einer Million Anhängern rückte sie hinter der drei Millionen starken kommunistischen CGT unter den Gewerkschaften Frankreichs auf den zweiten Platz.

Aber mit dem zweiten Rang geben sich die Führer der neuen CFDT nicht zufrieden. Nach ihrem Verzicht auf das zweite C hoffen sie auf Zulauf aus dem Reservoir der überwiegend nichtchristlichen Arbeiterschaft Frankreichs. Zumindest theoretisch sind die Aussichten nicht schlecht: 70 Prozent der französischen Arbeiter sind bislang gewerkschaftlich nicht organisiert. Eugène Descamps kommentiert die Ziele seiner Gewerkschaft denn auch unter staatspolitischem Aspekt: »Unser Programm ist, Leute zu sammeln, die Frankreichs politische Landschaft neu gestalten. Das ist nicht leicht, vor allem nicht mit Franzosen, aber man muß mit Vertrauen und Ausdauer darauf hinarbeiten. Es geht im Grunde um die Zukunft der französischen Demokratie.«

Fürs erste freilich konzentriert sich die Gewerkschaftsführung nach der Namensänderung nicht auf Mitgliederwerbung, sondern auf vorbeugende Abwehrmaßnahmen gegen die abgespaltene, militant-katholische Minderheit.

Um die Gewerkschaftszentrale in der Pariser Rue de Montholon gegen einen Handstreich zu schützen, holten die Fortschrittler einen Alarmplan aus der Schublade, der vor Jahren gegen drohende OAS-Attentate ausgearbeitet worden war: Selbstschutz-Männer patrouillierten auf der Straße, Vorposten wurden aufgestellt, die Kassen in Sicherheit gebracht, die Türen versiegelt. Besucher wurden streng kontrolliert.

Gewerkschaftsführer Descamps sorgte zudem dafür, daß die Abtrünnigen nicht länger unter dem alten Gewerkschaftsnamen agieren dürfen. Descamps ließ den Kongreß beschließen: Der Name CFTC bleibt firmenrechtlich das Eigentum der neuen Gewerkschaft CFDT.

Französischer Gewerkschaftler Descamps

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