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FÄLSCHUNGEN CA-974 Secret

aus DER SPIEGEL 6/1961

Mit der achtspaltigen Schlagzeile »Geheimdokumente sind bekanntgeworden - Hohe Beamte des US-Geheimdienstes mit Untersuchung beauftragt« alarmierte das Londoner Massenblatt »Daily Express« an einem trüben Januarmorgen seine Leser-Millionen.

Die Fenster der Amerikanischen Botschaft am Grosvenor Square, berichtete »Daily Express«-Reporter Percy Hoskins, seien die ganze Nacht hindurch erleuchtet gewesen. Dahinter hätten aufgeregte US-Diplomaten stundenlang Telephongespräche mit Washington geführt.

Anlaß der Erregung, so enthüllte Hoskins, sei ein gewöhnlicher Briefumschlag, den eine »unbefugte Person« in London per Post erhalten habe. In diesem Umschlag hätten sich Photokopien von zwei überaus geheimen Anweisungen der US-Regierung befunden, die im Botschaftssafe verwahrt würden.

Das eine dieser Staatsdokumente - ausgefertigt am 10. Juni 1960 von Außenminister Christian Archibald Herter und mit der Nummer CA-974 versehen - rügt laut Photokopie den geringen Erfolg des »Defector«-Programms. Die Diplomaten der amerikanischen Auslandsmissionen werden deshalb aufgefordert, mit allen Mitteln unter ihren Kollegen bei den Ostblock-Botschaften Nachrichten -Zuträger und ideologische Überläufer (defectors) anzuwerben. »Die Veröffentlichung wohlvorbereiteter Erklärungen von abtrünnigen kommunistischen Funktionären, vor allem solcher, die aus der Sowjet-Union stammen«, heißt es in dem Schriftstück, »kann wesentlich dazu beitragen (der Untergrabung des amerikanischen Ansehens) entgegenzuwirken.«

Im zweiten Dokument, datiert vom 3. Dezember 1956, werden den Befehlshabern der im Ausland stationierten US-Truppen im Auftrage von Armeeminister Brucker detaillierte Anweisungen zur Unterstützung dieses »Überläufer-Programms« gegeben.

»Nur sechs amerikanische Beamte in Großbritannien kannten die Anweisung des State Department«, lamentierte Hoskins. »Die Instruktionen des Armeeministers waren nur an die Kommandierenden Generale gerichtet. Ihr Inhalt durfte keinem Nichtamerikaner - nicht einmal einem Briten - zugänglich gemacht werden. Aber irgend jemand hat die Dokumente auf Mikrofilm aufgenommen und sie per Post einer unbefugten Person zugeleitet.«

Der imaginäre Spion in der Londoner US-Botschaft schien indes mit seinen Photokopien recht großzügig umgegangen zu sein. Denn als Londoner Zeitungsjungen die Schlagzeile des »Daily Express« ausriefen, lagen zum Beispiel auch in der Hamburger SPIEGEL-Redaktion die auf 13 mal 10 Zentimeter verkleinerten Dokumente vor. Die Photokopien waren in einem vom Pariser Postamt 52 (Boulevard du Montparnasse) abgestempelten Briefumschlag angekommen.

In einem beiliegenden anonymen Brief hieß es auf englisch: »Dear Sir - ich fühle mich veranlaßt, Ihnen das beigefügte Dokument in der Hoffnung zu schicken, daß Sie ihm größtmögliche Publizität geben können. Da ich den besten Interessen meines Landes dienen und dessen lange Tradition anständiger

und ehrenhafter menschlicher Beziehungen wahren möchte, kann ich nicht müßig zusehen, wie sich verantwortliche Amerikaner in solche gefährlichen Subversions-Pläne einlassen.«

Der anonyme Geheimsachen-Lieferant spekulierte auf die Leichtgläubigkeit der - offenbar zahlreichen - Dokumenten-Empfänger, doch ließ der in der Geheimdienst-Branche nicht übliche Verzicht auf jegliche Bezahlung, den Wert seiner Ware von vornherein fragwürdig erscheinen. Nur »Daily Express« -Reporter Hoskins gab sich mit seinem Sensationsbericht vom Londoner Grosvenor Square unfreiwillig als die »unbefugte Person« zu erkennen, der mit der Post amerikanische Geheimpapiere frei-Haus geliefert wurden.

Die Londoner US-Botschaft aber konstatierte am Tage nach der »Daily Express«-Meldung kühl, die Originale der angeblich photokopierten Geheimdokumente hätten niemals existiert. Es handele sich »von Anfang bis Ende« um Fälschungen, die an »zahlreiche andere Fälschungen amtlicher Schriftstücke in den letzten Jahren« erinnerten. Der journalistische Fehltritt des Londoner Massenblattes war demnach nur ein weiteres Beispiel für die Verwirrungstaktik, mit der ein international organisierter kommunistischer Fälschungsdienst - bei früheren Gelegenheiten mit größerem Erfolg - Mißtrauen zu erzeugen und die Politik der Westmächte zu stören sucht.

»In diesem Fall scheint es«, so kommentierte Ost-Experte Victor Zorza im liberalen »Guardian« den Dokumenten -Reinfall, »als ob die erfundenen Geheimpapiere hauptsächlich dazu bestimmt waren, den sowjetischen Zeitungen und Rundfunksendern eine Wiedergabe zu ermöglichen und damit dem Sowjetpublikum - sowie jenem Teil der westlichen Öffentlichkeit, der sich davon beeindrucken läßt - zu zeigen, daß die Amerikaner um keinen Preis die Unterminierung des Sowjetsystems beenden wollen.«

Unter den 32 Dokumenten-Fälschungen, die das State Department allein zwischen 1957 und 1959 aufklärte, befanden sich gravierende Fälle, die Schlagzeilen in der ganzen Welt provozierten:

- zwei Telegramme des US-Botschafters Rankin auf Formosa, in denen von einem Komplott des State Department zur Ermordung des nationalchinesischen Generalissimus Tschiang Kai-schek die Rede war;

- ein Geheimbericht des Bonner US -Botschafters Bruce, in dem er dem Außenminister vorschlug, Amerika solle die Expansionsgelüste Westdeutschlands in Westafrika unterstützen;

- ein Brief des Leiters der Politischen Abteilung der Bonner US-Botschaft, Elim O'Shaughnessy, an das State Department, in dem dieser empfahl, die Rechtsextremisten in der Bundesrepublik zu fördern und für amerikanische Zwecke zu benutzen.

Im Juli vergangenen Jahres erhielt ein einflußreicher französischer Beamter diese angebliche Empfehlung O'Shaughnessys als Photokopie in einem in München abgestempelten Briefumschlag. Der anonyme Absender ging von der - durchaus nicht irrigen - Vermutung aus, daß der Adressat die ihm zugeflatterte US-Geheimsache an den Quai d'Orsay weiterleiten würde, wo sie in einem psychologisch günstigen Zeitpunkt ankommen mußte.

In jenen Wochen wurden nämlich französische Behörden und französische Publizisten mit anonymen Informationen über einen geheimen »Kampfverband für ein unabhängiges Deutschland« überschwemmt, dessen Ambitionen der Heimführung Elsaß-Lothringens ins Rest-Reich gelten sollten. Das führte in Paris zur Verstimmung.

Erst Monate später hatten sich alle Beteiligten davon überzeugt, daß der Brief des US-Botschaftsbeamten Elim O'Shaughnessy ebenso gefälscht war wie das Material über den in Pankow erfundenen »Kampfverband für ein unabhängiges Deutschland«. Die in der Geheimdienst-Branche noch wenig erfahrenen Ostberliner Genossen hatten

- was die Aufklärung erleichterte - den

vermeintlichen Brief des Bonner. US -Diplomaten auf derselben volkseigenen Schreibmaschine getippt wie andere, bereits als Fälschung entlarvte Dokumente.

In den Archiven der Londoner US -Botschaft wurde inzwischen festgestellt, daß eine Anweisung des State Department mit der Nummer CA-974 - diese Ziffer trug die vom »Daily Express« veröffentlichte Photokopie - tatsächlich existiert.

Diese Direktive hat allerdings, wie der von London scheidende Botschafter und US-Millionär John Hay Whitney genüßlich zur Kenntnis nahm, nicht subversive amerikanische Bemühungen um brave Sowjetbürger zum Inhalt, sondern die Bitte, einem im Ausland umherreisenden amerikanischen Geistlichen besondere Unterstützung angedeihen zu lassen.

Falscher Herter-Befehl: Programm »Überläufer«

Whitney

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