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Atomenergie Castor in der Südsee

Landet deutscher Atommüll bald schon auf einer Insel im Pazifik? Die amerikanische Regierung versucht, den russischen Präsidenten Boris Jelzin für eine weltweite Zusammenarbeit bei der zivilen Nutzung der Nuklearenergie zu gewinnen. Die Deutschen sind dank ihres Know-hows dabei.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Beim Zwiegespräch mit Boris Jelzin wagte sich der amerikanische Präsident Bill Clinton behutsam aus der Deckung. Da gebe es doch, wie der russische Präsident sicher wisse, großangelegte Pläne, wie geschäftstüchtige Amerikaner und kundige Russen den Strommanagern in aller Welt den hochgefährlichen zivilen Atommüll abnehmen könnten.

Dabei biete sich zudem die Chance, so lockte Clinton auf dem Moskauer Atomgipfel der Industrienationen im April, die Weiterverbreitung des Bombenstoffs Plutonium wirksam zu begrenzen und das vorhandene Waffenplutonium in den USA und Rußland allmählich unschädlich zu machen. Eine prachtvolle Gelegenheit also, den Willen zur Zusammenarbeit der beiden Staaten im Dienste nuklearer Sicherheit und Abrüstung zu demonstrieren.

Jelzin reagierte damals zunächst ausweichend. Doch seit jener Zusammenkunft stellen sich Atomexperten in den Kanzleien in London, Paris und Bonn darauf ein, daß eine dramatische Wende in der zivilen Atomenergie bevorstehen könnte.

Der Masterplan fasziniert die Atomgemeinde so, weil er durchschlagende Wirkung besitzt. England und Frankreich müßten sich fragen lassen, was die gefährliche Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennstäbe überhaupt noch soll. Und in Deutschland würde das geplante Endlager in Gorleben oder anderswo überflüssig. Friede zwischen Atomindustrie und deren militanten Gegnern?

Der Plan, der die Welt der zivilen Kernenergie neu ordnen soll, verbindet die Hoffnung auf Milliardengeschäfte mit den Abrüstungs- und Nonproliferationszielen der US-Regierung sowie den handfesten finanziellen Interessen der Russen.

Im neuen atomaren Zeitalter nehmen Russen und Amerikaner die Dinge gemeinsam in die Hand. Sie produzieren einträchtig Brennstäbe für die zivilen nuklearen Fabriken. Die werden dann von einer amerikanischen Firma gekauft und an die Stromkonzerne verleast.

Der ganz besondere Einfall aber gilt dem Ende des Kreislaufs der Entsorgung, die derzeit weltweit ein Riesenproblem darstellt.

Die ausgelaugten Atomstäbe werden von der amerikanischen Firma zurückgenommen, in Behälter verpackt und in den Südpazifik verschifft. Dort nämlich besitzt die Gesellschaft ein Atoll, wo der Müll des Atomzeitalters begraben werden kann.

Derlei Ideen, den Atommüll aus aller Welt möglichst problemfrei verschwinden zu lassen, gab es immer schon mal. Die Wüste Gobi war als idealer Ort ausgekundschaftet worden, andere Phantasten erkoren das Weltall als plausible Halde für die strahlenden Überbleibsel der Nuklearindustrie.

Nur: Diesmal ist es allen Beteiligten Ernst, es gibt gemeinsame politische Gründe fürs Forcieren der Idee, und Geld läßt sich ohnehin damit machen.

Seit Mitte März beschäftigt sich der Nationale Sicherheitsrat der USA mit dem Projekt der 1995 gegründeten Firma US Fuel and Security Services - kurz und knackig »The Group« genannt. Vorsitzender und Aushängeschild des Unternehmens ist der ehemalige Admiral Daniel J. Murphy. Unter CIA-Direktor George Bush, dem späteren Präsidenten, diente Murphy als Stabschef des Geheimdienstes.

Die bisher schon investierten Summen - mehrere Millionen Dollar - haben wohlhabende Investmentbanker aufgebracht. In diesem Jahr werden weitere 7,5 Millionen Dollar benötigt, unter anderem um die Regierung Clinton endgültig für das Geschäft zu erwärmen. Für die politische Lobby-Arbeit engagierte »The Group« den Anwalt James Baker, ehemals Außenminister der Vereinigten Staaten unter Bush.

Seit Jimmy Carter haben alle amerikanischen Präsidenten eine Politik der Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen verfolgt. Diesem Ziel wollten sie stets auch die zivile Nutzung der Kernenergie unterwerfen. Voraussetzung dafür ist, in der zivilen Sphäre die Produktion des Bombenstoffes Plutonium zu unterbinden. Der fällt bei der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente an.

Die Vereinigten Staaten entschieden sich unter Carter gegen die Wiederaufarbeitung; sie haben aber bis heute kein Endlager für die abgebrannten Brennstäbe. Großbritannien und vor allem Frankreich hingegen beharrten auf der Wiederaufarbeitung und verdienten in der Vergangenheit satt daran, nicht zuletzt deshalb, weil die Deutschen bislang ohne La Hague nicht auszukommen glaubten. Denn die Deutschen mußten laut Gesetz angeben, was sie mit dem anfallenden Atommüll anzufangen gedachten - solange die direkte Endlagerung nicht zugelassen war.

Die Wiederaufarbeitung aber wurde unter dem Regime der Oligopolisten - der französischen Staatsfirma Cogema und des britischen Unternehmens für atomare Anlagen (BNFL) - immer teurer. Die direkte Endlagerung gilt jedoch als technisch machbar und sehr viel billiger. Die Verlockung, auf die Wiederaufarbeitung zu verzichten, ist für die profitorientierten Stromkonzerne eigentlich groß.

Wer den Atomherren ein Angebot machen kann, wie sie ihren strahlenden Abfall ohne Wiederaufarbeitung und auch noch billiger auf Dauer loswerden, der kann zwei Ziele erreichen: Er jagt Cogema und BNFL die Kunden ab, und er verhindert, daß Plutonium anfällt.

Alex Copson, Mit-Investor und Projektleiter der »Gruppe« freute sich im Fachblatt Nuclear Fuel schon etwas voreilig: »Das wird die Wiederaufarbeitung für die Cogema und BNFL beenden.« Wenn die Wiederaufarbeitung aber erst zu Tode konkurriert sei, blieben noch größere Müllmengen für »die Gruppe«, also auch noch größere Chancen zum Geldverdienen.

Der ausgefeilte »Business Plan« von Ex-Admiral Murphy, Copson & Co. ist auf Gewinn abgestellt. »Die Gruppe« will den Kraftwerksbetreibern eine umfassende »Dienstleistung« anbieten, die von der Uran-Mine über die Anreicherung und Fertigung der Brennelemente bis zum Abtransport der abgenutzten Stäbe und deren Lagerung reicht.

»Die Gruppe«, so heißt es, »will die Nonproliferationsziele der US-Regierung fördern durch das Angebot einer kommerziell vorteilhaften Alternative zur Wiederaufarbeitung.« Um diese Alternative halbwegs glaubhaft zu machen, muß vor allem eine realistische Perspektive für ein Langzeit-Lager her.

»Die Gruppe« bietet als Endstation für die strahlende Fracht aus aller Welt ein idyllisches Südsee-Atoll an, »eine weit entfernte Insel im Pazifischen Ozean«. Sie »besteht aus zahlreichen Inselchen, die eine große Lagune umfassen, und ist umgeben von einem Korallenriff«. Den genauen Ort nennt der Business Plan nicht. Doch soviel wird verraten: »Die Gruppe« hat durch eine »Multi-Millionen-Dollar-Anzahlung« ein unwiderrufliches Kaufrecht für das Eiland erworben. Die Insel, wie praktisch, ist amerikanisches Territorium. Weiterer Vorteil: Sie gehört keinem Einzelstaat der USA, sondern untersteht unmittelbar der Regierung.

Um die Brennelemente aufs Atoll zu transportieren, will »die Gruppe« für 800 Millionen Dollar 20 Spezialschiffe mit höchstem Sicherheitsstandard bauen lassen. Die Flotte, so die Überlegung, verteilt erst die neuen Brennelemente, sammelt die abgebrannten dann wieder ein und bringt sie schließlich auf die Insel. Dafür aber braucht es High-Tech-Container, die sowohl dem Transport wie auch der Lagerung gewachsen sind. Hier kommt, erstmals, die deutsche Nuklearindustrie ins Spiel.

Es gibt nur drei Unternehmen in der Welt, die derlei Behälter bauen können. Die britischen und französischen Container-Konstrukteure aber kommen als Partner nicht in Frage, sie sind zu eng mit der Wiederaufarbeitung verbandelt. Folgerichtig klopften Abgesandte der Amerikaner im November vorigen Jahres bei den deutschen Castor-Produzenten, der privaten »Gesellschaft für Nuklear-Behälter« (GNB), an.

Die GNB hat allerlei zu bieten. Ihre Behälter sind nicht nur nach deutschem Recht, sondern auch nach amerikanischem Regelwerk zugelassen. Behälter wie der Castor sind überdies maßgeschneidert, kosten etwa 1,5 Millionen Dollar pro Stück.

»Die Gruppe« will in Arkansas, dem Heimatstaat Bill Clintons, eine Fabrik zur Massenanfertigung von Atombehältern aus dem Boden stampfen und 2000 Arbeitsplätze schaffen. 1000 Stück sollen pro Jahr fertig werden, 30 Prozent billiger als heute.

Den Einstieg ins nächste Atomzeitalter sollen drei Partner zustande bringen: »die Gruppe«, der US-Stahlriese Bethlehem Steel und die GNB. Die GNB soll Spezialmaterial liefern und ihr Know-how über Entwurf und Produktion der Container einbringen. Sowohl Bethlehem Steel als auch die GNB haben laut Business Plan bereits einen »Letter of Intent« unterzeichnet.

Die GNB ist indirekt eine gemeinsame Tochter der deutschen Stromkonzerne, Aufseher ist Eberhard Wild, Vorstandsmitglied bei der Bayernwerk AG. Er weiß seit einigen Monaten von den GNB-Aktivitäten. Die anfängliche Skepsis bei deutschen Experten ist inzwischen Erstaunen gewichen. Selbst hartnäckige Zweifler geben dem Plan bei der US-Regierung unterdessen eine Chance von 50:50.

Sollte es zu einer Genehmigung des Nationalen Sicherheitsrates der USA kommen, muß vor allen anderen Staaten Rußland davon abgehalten werden, seine Chancen in der Wiederaufarbeitung zu suchen. Diese Technik beherrschen die Russen, und die Cogema versucht, die Moskauer Hoffnung auf gute Geschäfte mit der Plutonium-Produktion durch Angebote zur technischen Kooperation zu stärken.

Auf die Russen kommt es jetzt also an, sie sind die Umworbenen.

Die US-Investoren boten dem Moskauer Atomminister Wiktor Michailow eine kommerzielle Teilhaberschaft am Atoll-Projekt an. Das russische Atomministerium Minatom soll auf Wiederaufarbeiten förmlich verzichten, dafür würde Moskau als Lieferant von angereichertem Uran und fertiger Brennstäbe kräftig mitverdienen. So könnten, lockt »The Group« Jelzins Nuklearmann Michailow, viel besser neue Jobs für Minatom-Beschäftigte geschaffen werden als im Bund mit Paris.

Zugleich soll die neue Ära - schließlich braucht das Geschäft die Unterstützung Washingtons - mehr für den Frieden, für die nukleare Sicherheit und die Abrüstung tun.

Moskau soll sich verpflichten, seine Plutonium-Vorräte besser zu sichern und den Export von ziviler Atomtechnik zu überprüfen, Weiterverbreitungsrisiken zu begrenzen und internationale Kontrollen zuzulassen. Gedacht wird sogar daran, in Rußland und in den USA jeweils eine Fabrik zu bauen. Dort soll das Waffenplutonium beider Großmächte zu neuen Brennelementen verbacken und so für den Bombenbau untauglich gemacht werden. Die Technik dazu könnte nur Siemens liefern.

In der vergangenen Woche informierten Manager offiziös erstmals die deutsche Ministerin für Reaktorsicherheit, Angela Merkel (CDU), detailliert über die amerikanischen Pläne und die Rolle der GNB. Auch das Wirtschaftsministerium weiß inzwischen Bescheid. Die Nachricht platzte in eine heikle Zeit. Gerade hatte Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder (SPD) einen neuen Versuch gestartet, sich durch eine Übereinkunft mit Angela Merkel und den Stromkonzernen in seinem Land von atomaren Entsorgungslasten zu befreien.

Die Konzernherren von Veba oder RWE wissen ebenso wie die Fachbeamten in den Ministerien längst, daß ein Endlager in Gorleben allein für den deutschen Müll eigentlich nicht ökonomisch sinnvoll ist. Besser wäre es jedenfalls, wenn die wenigen Brennelemente aus den Reaktoren der Schweiz, Hollands oder Spaniens in Niedersachsen landeten. Doch das gilt politisch als nicht durchsetzbar.

Und schon kommt wie von selbst die andere Lösung ins Visier: Wenn kein internationales Lager in Deutschland entsteht, warum dann nicht deutsche Brennelemente in ein internationales Lager, irgendwo sonst auf der Welt?

Das Merkel-Ministerium richtet sich vorsorglich auf diese reale Möglichkeit ein. Schon werden Modelle geprüft, die es erlauben, mit dem Lagerausbau bis 2030 zu warten. Das Kalkül: Finden deutsche Brennelemente in der Zwischenzeit in einem internationalen Lager mit höchsten Sicherheitsstandards eine bleibende Stätte, ist Gorleben überflüssig. Voraussetzung für Angela Merkel ist allerdings, daß die Erkundung des Salzstocks zu Ende gebracht und die Eignung als Lagerstandort prinzipiell festgestellt ist.

Ähnlich spekuliert auch Schröder. Sollte der hochaktive Atommüll der Deutschen international Unterschlupf finden, versprach er der Ministerin Merkel, werde er »Konrad« bereitwillig für schwachaktiven Abfall öffnen - aber auch nur dann.

Der Vorstoß der US-Investorengruppe paßt so gut zu den deutschen Gedankenspielen nach den Krawallen in Gorleben, als wäre er abgestimmt.

Selbst wenn das Südseeprojekt scheitern sollte, bieten sich andere Standorte an, über die bereits verhandelt wird - beispielsweise in Südafrika oder in Rußland.

In Deutschland jedenfalls spricht derzeit nichts für einen gesellschaftlichen Konsens zum Ausbau der Kernenergie. Der aber ist für die Strombosse nach wie vor Voraussetzung für neue Investitionen in die Kerntechnik. Die Zukunft seiner Branche, verkündet Hans-Dieter Harig, Chef von PreussenElektra, ohne innere Erregung, »liegt allein in der Hand der Politik«.

[Grafiktext]

Geplante Endlagerkapazität und was bis zum Jahr 2080 gebraucht wird

[GrafiktextEnde]

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