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USA / RUBY-PROZESS Casus Belli

aus DER SPIEGEL 12/1964

Richter Joe Brown klopfte seine Pfeife aus. Staatsanwalt Henry Wade warf seine zerkaute Zigarre in den Spucknapf. Jack Ruby, der Mörder des mutmaßlichen Kennedy-Mörders Lee Oswald, lächelte dünnlippig. Im Verhandlungssaal des Dritten Kriminalgerichts von Dallas in Texas wurde es ruhig.

Ein weißhaariger Mann mit starker Hornbrille hatte soeben den Saal in weichen Cowboystiefeln, dunkelblauem, mit roter Seide gefütterten Anzug und einem rotsamtenen Aktenkoffer in der Hand betreten.

Es war der Mann, der nach dem Urteil des »Daily Telegraph« mindestens »doppelt so schnell zu sprechen und zu denken scheint wie die Texaner« und der vor den Augen einer ganzen Nation den Prozeß seines Lebens führte: Anwalt Melvin Mouron Belli, 56, mühte sich, den Mörder Jack Ruby, den 40 Millionen Fernsehzuschauer bei seiner Tat beobachteten, vor dem Tod auf dem Elektrischen Stuhl zu retten.

Langsam steckte Melvin Belli zwei Hustenbonbons in den Mund. Dann trat er vor den Kriminalkommissar McMillon, einen wichtigen Zeugen der Anklage, und verwickelte ihn in einem Kreuzverhör vier Stunden lang in schwere Widersprüche, bis McMillon stöhnte: »Es steht doch alles in meinen Berichten.«

Mit gespieltem Zorn forderte Belli eine Photokopie der Berichte. Als Staatsanwalt Wade ihm schließlich ein Exemplar zugestanden hatte, überflog Belli die Photokopie. Triumph in der Stimme, belehrte er die Geschworenen: »Die entscheidenden Aussagen sind in den Berichten nicht enthalten!«

Er ließ von dem erschöpften Zeugen und tänzelte stolz vor den Geschworenen auf und ab. Richter Brown wies Belli auf seinen Anwaltsessel zurück.

Der Verteidiger protestierte: »Das bedeutet für mich den Bruch mit einer 30jährigen Tradition.« Darauf Richter Brown: »Dann werde ich Ihnen dabei helfen, Mr. Belli!«

Ruby-Richter Brown versuchte damit von vornherein die Anwendung von Methoden zu unterbinden, die Melvin Belli zu einem der »erfolgreichsten, umstrittensten und blendendsten Verteidiger der Gegenwart« (so die »Saturday Evening Post") gemacht haben. Seine Anwaltslaufbahn begann, nachdem er 1933 auf der Universität von Kalifornien sein Doktorat erworben hatte. Er spezialisierte sich auf Schadenersatzklagen und begann jene »demonstrative Beweisführung« (Belli) zu entwickeln, die ihn berüchtigt und berühmt machte. Belli

- ließ Angeklagte unter Hypnose oder nach Behandlung mit einem Wahrheits-Serum aussagen;

- demonstrierte seinen Fall häufig an männlichen und weiblichen Skeletten, Autopsie-Aufnahmen, Röntgenbildern oder künstlichen Gliedmaßen im Gerichtssaal;

- ließ riesige Tatortpläne und Dokumentarfilme während der Prozesse projizieren.

1961 ließ er einen Jungen, der seit der Behandlung mit fehlerhaftem Anti -Polio-Impfstoff gelähmt war, auf einer Bahre in den Gerichtssaal schaffen. Dann führte er einen Film über einen Tag des Gelähmten im Krankenhaus vor, der das Gericht so erschütterte, daß die beklagte Serum-Firma Cutter zu 675 000 Dollar Schadenersatz verurteilt wurde.

Für eine Frau aus San Francisco, die bei einem Verkehrsunfall einen Unterschenkel verloren hatte, erstritt er in wenigen Minuten 100 000 Dollar Schadenersatz. Belli öffnete umständlich ein Paket, das die ganze Zeit über auf seinem Pult gelegen hatte. Der Inhalt: ein künstlicher Unterschenkel.

Die Prothese schwingend, schnellte der Anwalt auf die Juroren zu und drückte sie den Geschworenen in die Hand.

Einen über 300 Kilo schweren Zirkus -Schausteller, der von einem Wagen niedergefahren worden war, ließ Belli in einem Möbelwagen zum Gericht bringen und mit Hilfe eines Spezialkrans durch das Fenster in den Saal heben. Die Demonstration der Schmerzen des Geschädigten war so erfolgreich, daß das Gericht die geforderten 14 500 Dollar Schadenersatz sofort zugestand.

Melvin Bellis Spezialität sind Psychiater als Zeugen, die seinen Klienten für die Tatzeit Unzurechnungsfähigkeit bescheinigen. Er selbst besitzt die größte Bibliothek an psychiatrischen und medizinischen Werken in San Francisco.

Wenn Belli einen Prozeß gewonnen hat, pflegt er auf seiner Villa eine Piratenflagge zu hissen und eine Kanone abzufeuern. Von den erkämpften Entschädigungssummen kassiert er ein Drittel. So verdiente Belli bald eine Million Dollar im Jahr.

Mit diesen Einkünften und den Einnahmen aus Detektiv-Geschichten und 29 juristischen Werken, die er verfaßte, darunter ein 6000-Seiten-Wälzer, kann er sich einen aufwendigen Lebensstil leisten.

Seine Anzüge läßt er in der Londoner Savile Row fertigen, seine Cowboystiefel werden nach Gipsabdrücken seiner Füße ebenfalls in London gearbeitet.

Er fährt einen Rolls-Royce, den er ständig umfärben läßt. Er besitzt in San Francisco und Hollywood drei Häuser (Wert: drei Millionen Mark).

Bellis Anwaltskanzlei gleicht einem Antiquitätenladen. Bunt gemischt stehen dort alte Samtsessel, eine riesige Lederbank, viktorianische Öllampen und ein verschnörkeltes französisches Telephon.

Seine Weihnachts-Partys für 1200 Gäste sind ebenso berühmt wie Bellis Diners für die Männer des verschwiegenen »Zero Club«. Einmal spielte, behauptete die »Saturday Evening Post«, »zwischen den einzelnen Gängen ein Mädchen unbehindert von jeglicher Kleidung auf der Harfe«.

Harfen-Freund Belli will die Zeitschrift wegen Verleumdung verklagen und einen Schadenersatz von 15 Millionen Dollar fordern. Denn: »Es war eine kalte Nacht. Die Frau hatte Schuhe an.«

Die drastischen Methoden auf dem Weg nach oben brachten Belli aber neben Geld auch den Neid seiner Kollegen und die Feindschaft der US-Anwaltskammer ein. Das Establishment des Advokatenstandes meidet ihn, wo es nur möglich ist.

Für seinen bisher prominentesten Klienten, den Oswald-Mörder Jack Ruby, wandte Melvin Belli alle Tricks an, um ihn vor dem Elektrischen Stuhl zu retten. Ein tagelanges Seminar der berühmtesten US-Psychiater im Gerichtssaal von Dallas sollte beweisen, daß Jack Ruby im Zustand »psychomotorischer Epilepsie« und unter »spastischem Zwang« gehandelt hat.

Melvin Belli kämpfte in der letzten Woche, um eine Niederlage wettzumachen, die er im Kampf um den Kopf eines ebenfalls prominenten Mörders hinnehmen mußte: Belli-Klient Caryl Chessman wurde 1960 nach fast zwölfjährigem Kampf um sein Leben hingerichtet.

Ruby-Anwalt Belli, Modell: Gebein für die Geschworenen

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