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CDU: Zum Durchmarsch entschlossen

Weniger glatt, als es zunächst den Anschein hafte, verlief in den Führungsgremien der CDU die Kür des niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht zum Kanzlerkandidaten. Dennoch hat der Norddeutsche fürs erste einen Startvorteil gegenüber seinem bayrischen Konkurrenten Strauß: Albrecht ist zum Kampf entschlossen.
aus DER SPIEGEL 23/1979

Ernst Albrecht wollte die Reißleine ziehen, noch ehe er gesprungen war.

Zu seiner Sicherheit verlangte der niedersächsische Ministerpräsident am vergangenen Montag in der Vorstandssitzung der CDU: »Wer hier die Meinung vertritt, er könne mich beim ersten oder zweiten Widerspruch der CSU wieder fallenlassen, soll bitte jetzt gegen mich stimmen.«

Doch die Vorsicht war nicht mehr vonnöten. Als der Parteivorsitzende Helmut Kohl zur offenen Abstimmung über den »KaKaKa« (Unionsjargon für den Kanzlerkandidaten-Kandidaten) aufrief, waren alle außer dem abgetakelten Hans Filbinger aus Baden für den Niedersachsen-Premier. Die Christdemokraten schwelgten in Einigkeit -- einer der Albrecht-Widersacher, Heinrich Köppler, Chef der rheinischen CDU, war rechtzeitig gegangen.

Parteichef Kohl hatte mit seiner schier unendlichen Verdrängungskunst geschafft, den eigentlich schwärzesten Tag seiner Politiker-Karriere, den Tag des Verzichts auf die Kanzlerkandidatur nach vier Jahren in einen Festtag für die CDU umzufunktionieren, Albrecht sei Dank. Alles blickte nur noch auf das Licht aus dem Norden, das bislang nur über der Heide leuchtete.

Vorstandsmitglied Matthias Wissmann, erster Mann der Jungen Union, buchte blind den neuen Höhenflug: »Wenn Albrecht im Juni unser gemeinsamer Kandidat wird, ist er der nationale Hoffnungsträger aller Deutschen, die nicht länger die Koalition wollen.«

In ihrem Überschwang schienen viele CDU-Größen vergessen zu haben, daß ihre scheinbar heile neue Welt noch reichlich brüchig ist, daß die Einigkeit nur eine Reaktion auf den Handstreich der CSU war, die kurz zuvor ihren Franz Josef Strauß als Kanzleranwärter präsentiert hatte.

Erst fünf Tage war es her, daß die Union, bei der Wahl von Karl Carstens zum Bundespräsidenten, endlich einmal geschlossene Reihen demonstrieren konnte. Und schon wurde der Kontrapunkt gesetzt: Erstmals steigen mit Albrecht und Strauß nicht nur zwei Kandidaten der Union gegeneinander in den Ring, dem Wähler werden auch zwei Politiker offeriert, die für zwei entgegengesetzte Richtungen der Christen-Union stehen, konservativ-autoritär der Bayer, gemäßigt liberal und konziliant der Niedersachse,

Doch in die Jubelstimmung der Albrecht-Kür paßten keine dunklen Töne.

Vergeblich mahnten die Rheinländer Köppler und Hans Katzer sowie der Hessen-Anführer Alfred Dregger davor, durch eine förmliche Albrecht-Proklamation die CDU auf direkten Kollisions-Kurs zu Strauß und seiner CSU zu steuern. Im Vorstand beschwor Dregger die Kollegen: »Hier rasen zwei D-Züge aufeinander zu. Ich warne vor den verheerenden Felgen des Zusammenstoßes.«

Sein hessischer Landesvorstand, so Dregger weiter, verlange, daß die CDU mehrere Kandidaten benenne, um den prestigebewußten Strauß nicht zu einer Entweder-oder-Entscheidung zu zwingen. Dregger: »Selbstverständlich gehört Herr Strauß als einer der bedeutendsten Politiker in die Reibe der Kanzlerkandidaten. So einen hervorragenden Mann kann die CDU doch nicht einfach auslassen.«

Vorstandskollege Manfred Wörner aus dem Schwäbischen assistierte: »Wir werden nicht an dem gemessen, was wir heute entscheiden, sondern daran, was am Schluß dabei herauskommt.«

Doch der Sieg der zum Durchmarsch entschlossenen Albrecht-Anhänger stand spätestens fest, als der westfälische Landesvorsitzende Kurt Biedenkopf vor versammelter Runde einknickte und Albrecht auf einmal als »qualifizierten Mann« pries.

Noch am Tage der Carstens-Wahl hatte der Professor sich bei einem geheimen Treffen mit Strauß vor dem Abendessen in der Bonner Strauß-Wohnung dem Bayern angedient. Er wolle, so Biedenkopf, das Gewicht seiner Westfalen dafür verwenden, daß Strauß gemeinsamer Kanzlerkandidat der Union werde, Strauß revanchierte sich: Er werde dafür sorgen, daß Kohl auch als Fraktionsvorsitzender gehen müsse und Biedenkopf an seine Stelle trete.

Am vorletzten Wochenende prahlte Biedenkopf am Rande einer Europa-Wahlkampftour durchs Westfälische schon mit einer Zukunft, die noch gar nicht begonnen hatte: Er traue sich natürlich zu, die Fraktion zu führen, und setze voll auf Strauß: »Der Mann ist nicht zu bremsen.« Biedenkopf über Albrecht: »Er ist unmöglich zu akzeptieren.«

Tags darauf, am Sonntag, verwies der westfälische Landesvorstand seinen Vormann jedoch in die Schranken. Denn bei aller Kritik an Kohl und dessen Versagen war den basisnahen CDU-Funktionären klargeworden, daß ihre Partei sich selbst aufgibt, wenn sie widerspruchslos dem bayrischen Diktat folgt und nicht einmal versucht, gegen Strauß einen eigenen Bewerber aufzustellen. Biedenkopf mußte am Montag im Vorstand für Albrecht votieren, die Glaubwürdigkeit war wieder einmal dahin.

Heinrich Windelen, vor zwei Jahren von Biedenkopf als Chef der westfälischen Christdemokraten verjagt, nutzte die Gelegenheit zur kalten Rache. Biedenkopf habe doch, so Windelen hämisch, eben noch Straußens Bewerbung mit der Eloge gefeiert: »Ich will -- das ist Führung!« Wenn sich jetzt noch jemand berufen fühle, solle er sich gefälligst melden.

Keiner folgte der Aufforderung, es wäre auch sinnlos gewesen. Die Mehrheit war eindeutig auf Albrecht programmiert. Als Erinnerung für die Partei-Annalen diktierte Dregger lediglich ins Protokoll, er und sein Vorstandskollege, der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann, hätten es vorgezogen, »wenn nicht nur einer, sondern mehrere Namen genannt worden wären. Wir sind aber bereit, die Kandidatur von Herrn Albrecht als Angebot an die CSU zu unterstützen«.

So konnten sich am Ende jene Christdemokraten über einen unverhofft klaren Sieg freuen, denen schon Kohls Verzicht auf die Kanzlerkandidatur und das Etikett Albrecht genügt hatten, um wieder an bessere Zeiten für die Union zu glauben. Der Beifall kam von allen Seiten, vom Wirtschaftsrat Philipp von Bismarck, vom Sozialausschüßler Norbert Blüm, vom Katholiken Heinrich Windelen, vom Protestanten Roman Herzog.

Das neue Wunderkind der CDU (JU-Wissmann: »Er ist wie Carter -- nur besser") soll plötzlich alles bringen, was die Partei an Kohl vermißte -- Perspektive, Sachverstand und taktisches Geschick.

Albrechts Alleingang beim Nein zum atomaren Entsorgungszentrum in Gorleben und seine Schrittmacher-Funktion beim Ja zu den Polen-Verträgen deuten seine Protagonisten als Fähigkeit, aus der Provinz heraus selbständige Entscheidungen »ohne Bonner Schablone« zu treffen. Und tongleich mit seinem Generalsekretär Heiner Geißler schwärmt Helmut Kohl, der Niedersachse werde selbst »bei Jugendlichen, Frauen und Wechselwählern« seine Wirkung nicht verfehlen.

Da rechts von der CDU/CSU kein nennenswertes Wählerpotential besteht, will Albrecht die fehlenden Stimmen in der Mitte holen, bei den liberalen Wechselwählern, die von der Union bisher links liegen gelassen wurden.

Zwar ist Albrecht bewußt, daß sich seine Politik in der Sache kaum von den Vorstellungen Helmut Schmidts unterscheidet. Seine Alternative soll denn auch weniger programmatisch als personell sein: Im direkten Vergleich mit Schmidt, hofft der Niedersachse, wirke er unverbrauchter, unbefangener, glaubwürdiger -- ein bißchen wie John F. Kennedy gegenüber Richard Nixon 1960 (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 22).

Doch die Begeisterung der Albrecht-Anhänger wurde gedämpft, als am Dienstag letzter Woche der Chef der Bonner CSU-Landesgruppe, Fritz Zimmermann, vor der versammelten Unions-Fraktion das offizielle CDU-Votum für Albrecht und gegen Strauß geißelte. Der Strauß-Vertreter reklamierte »eine ernste Lage« für sich und die Christsozialen und empörte sich: »Wir dachten, wenn wir jetzt einen Mann vorschlagen, der bereits dem Wirtschaftsrat angehörte, 30 Jahre dem Bundestag, zwölf Jahre Kabinettsmitglied in vier Ressorts war, der 18 Jahre Parteivorsitzender ist und jetzt Ministerpräsident -- eine Lebensleistung ohnegleichen -- und der persönlich nicht die geringste Notwendigkeit verspürt, sich in eine mörderische Auseinandersetzung der nächsten 15 Monate zu begeben, und der dies nur tut als verantwortungsbewußter deutscher und europäischer Politiker, daß dieser Vorschlag zu rechtfertigen wäre und eine andere als diese formelle Antwort der CDU verdient hätte.«

Kohl konterte verworren und matt, er streite nicht über Formalien, nicht darüber, ob »die Redaktion der CDU nach den Grundsätzen des Deutschen Sprachvereins erfolgt« sei oder nicht. Ansonsten Schweigen bei allen, die tags zuvor noch Albrecht auf den Schild gehoben hatten.

Wie vergrätzt die bayrische Stiefschwester ist, konnte die CDU tags darauf auch im Strauß-Organ »Bayernkurier« nachlesen. »Die Einheit der Union«, so drohte das Blatt deftig, sei »oftmals zu einem verkrusteten Fetisch« geworden und diene offensichtlich als »probates Disziplinierungsmittel« in Richtung CSU. Und gegen »Kohls neuen Kandidaten Albrecht« wetterte der Leitartikler, der habe bei der letzten Landtagswahl dünne »34 Prozent der niedersächsischen Jungwähler für die CDU« gewonnen, »nur selbst des kleinen Einmaleins Unkundige« könnten also dem Strauß entgegenhalten, gerade er schrecke Jungbürger ab.

Was das bayrische Lamento wert ist, wird sich frühestens nach den Europawahlen am 10. Juni entscheiden. Dann muß sich zeigen, ob Albrecht und Strauß bereit sind, ihre Kandidaturen auch um den Preis einer Spaltung der Union durchzufechten.

Noch liegt der Startvorteil eindeutig bei Albrecht: Er ist entschlossen zum Kampf. Bei Zauderer Strauß sind sich dagegen nicht einmal seine engsten Vertrauten sicher, ob er sich aus den Löchern rafft.

Strauß-Intimus Zimmermann am vergangenen Dienstag vor Freunden: »Das weiß ich auch nicht.«

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