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Briefe

Chamäleon
aus DER SPIEGEL 17/1949

Chamäleon

In Nr. 13 berichtete der »Spiegel« über das Buch »Geschichte von morgen« des italienischen Schriftstellers Curzio Malaparte. Ich lernte diesen Herrn 1942 in Berlin kennen und kann Ihnen einiges Interessante über ihn berichten.

Damals erschien er mit einem dicken Handschreiben Mussolinis in der Tasche. Er wollte damit zum Auswärtigen Amt, um sich eine Reise an die Ostfront genehmigen zu lassen. Das OKW lehnte ihn ab. Mussolini intervenierte persönlich. Dann durfte Malaparte. Den Dank stattete er später mit seinem Buch »Kaputt« ab, das Deutschland in den USA gewaltig geschadet hat.

Der vor fünfzig Jahren als Kurt Suckert in Florenz geborene Sohn eines deutschen Vaters erwarb sechzehnjährig die Staatsangehörigkeit der italienischen Mutter. Später legte er sich den halb napoleonischen Namen Malaparte zu. Zeit seines Lebens bewies er einen sicheren Instinkt für die politische Konjunktur.

Im ersten Weltkrieg machte er auf französischer Seite mit. Vier Wochen vor dem Marsch auf Rom schloß er sich mit Leib, Seele und - sehr begabter - Feder den Faschisten an, gerade rechtzeitig genug, um als alter Kämpfer Lorbeeren zu ernten. Aber er vermied es stets, sich einseitig festzulegen. Gelegentliche Ungnade seitens des faschistischen Regimes nahm er in kluger Voraussicht künftiger Entwicklungen in Kauf. Wendig, wie er war, bügelte er das rasch wieder aus.

Als das Kriegsglück sich der Achse zuzuwenden schien, schrieb Malaparte seine Berichte von den Fronten in Rußland. Bei den Machthabern der Verbündeten - Frank, Himmler, Dietl, Pawelitsch und Antonescu - war er gern gesehener Gast. Aber bald darauf sah er die deutschfeindliche Konjunkturflut auf dem Weltbüchermarkt steigen und schwamm mit dem Welterfolg »Kaputt« munter mit.

Italien brach zusammen. Vorsichtshalber schrieb unser literarisches Chamäleon nun auch für die kommunistische Presse - unter dem Pseudonym Giovanni Strozzi.

Als die Kommunisten nicht zum Zuge kamen, wechselte Malaparte erneut die Front. Seine antikommunistische »Geschichte von morgen« bringt ihm 100000 Lire pro Fortsetzung ein, Togliattis Wut war eine gute Reklame.

Berlin.

HANS RIEDER

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