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KARSTADT AG Chance verspielt

aus DER SPIEGEL 37/1966

Anton Kaczmarek, 66, Junggeselle, pensionierter Grubenmaschinist mit 32 Dienstjahren unter Tage und 550 Mark Monatsrente, wohnhaft Annettestraße 3 in Herne, kaufte sich für 192 Mark eine Schreibmaschine. Dahinter nahm er in seiner Dachstube Platz und schrieb an den Vorstand der Karstadt AG: »Ich habe Ihnen nun alle Chancen gegeben, die man Ihnen überhaupt nur geben konnte, um das Unrecht abzuschaffen. Da Sie dies jedoch nicht tun, werde ich meinen Weg unbeirrbar weitergehen.«

Das Unrecht war Im Erfrischungsraum der Herner Karstadt-Filiale geschehen, dort, wo Rentner Kaczmarek gern eine Tasse Kaffee zu sich nahm. Der Preis für die Tasse war im Mai dieses Jahres von 50 Pfennig einschließlich zehn Prozent Bedienung auf 65 Pfennig erhöht worden.

Kaczmarek beschwerte sich mündlich, dann schriftlich bei dem Herner Kaufhaus, hernach, bei der Konzernleitung, und als immer noch nichts geschah, tippte er unterm 14. Juni an den Vorstand: »Ich weiß, daß ich den Konzern Karstadt nicht in die Knie zwingen kann. Aber ich kann ihn an den Pranger stellen. Und das werde ich jetzt tun.«

In bestürzter-Eile bat am 16. Juni der Konzern (Umsatz. 3,1 Milliarden Mark), Kaczmarek möge sich bis Anfang Juli gedulden; der »zuständige Sachbearbeiter für unser Gesamtunternehmen« sei in Urlaub. Der Pensionär übte einen Monat lang vergeblich Geduld, dann rührte er wieder die Tasten.

Über den Kaffeepreis wurden aufgeklärt

- der Rat der Stadt Herne;

- der Regierungspräsident des Regierungsbezirks Arnsberg;

- der Bundesverband der Deutschen

Industrie (BDI);

- der Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen;

- der Präsident der Deutschen Bundesbank mit der Bitte um Weiterleitung an den Bundeswirtschaftsminister ("Es würde mir eine Menge Arbeit ersparen").

Bei den Stadtvätern und dem BDI prangerte Kaczmarek die Karstadt AG etwa gleichlautend an: »Die haben die Chance verspielt. Mit ihnen bin ich fertig ... Ich möchte nicht wissen, wieviel Geld auf diese Weise für ihr Geschäftsjahr zusätzlich schon in die - Kasse geflossen ist - abgenommen, um nicht zu sagen abgepreßt, von der Herner Bevölkerung.«

Den Regierungspräsidenten erinnerte der Kaffee-Kohlhaas an des Herrn Bundeskanzlers Wunsch, Gruppenegoismus der Stabilität unterzuordnen. Den NRW-Minister fragte Kaczmarek, ob die Karstadt AG nicht reif für den Staatsanwalt sei. Der Minister (Aktenzeichen I/C 2 - 72 - 50, »im Auftrag: Dr. Gelherg") antwortete vorsichtig mit einem Hinweis auf die heilsame Gesetzmäßigkeit des freien Wettbewerbs und schloß: »,Jedenfalls bin ich Ihnen für eine kritische, verbraucherbewußte Einstellung gegenüber dem Einzelhandelsangebot verbunden, deren allgemeine Verbreitung im Interesse stabiler Einzelhandelspreise wünschenswert wäre.«

Der Frankfurter Bundesbank-Präsident erfuhr von Kaczmarek: »Ich bin hier zu Hause. Ich bin hier geboren. Ich kenne hier viele Menschen, und viele kennen mich. Was glauben Sie wohl, Herr Präsident, was für die Aktiengesellschaft dabei herauskäme, wenn ich in diesen Reihen gegen sie Stimmung machte?«

Die Aktiengesellschaft hatte mittlerweile in einem langen Brief um Kaczmareks Verständnis für die Preiserhöhung gefleht. Ihm«,als Gast unseres Erfrischungsraums«, sei gewiß bekannt, daß der Kaffeepreis seit vielen Jahren unverändert geblieben sei; er habe die gestiegenen Kosten nicht mehr gedeckt. Dennoch werde mittels einer »Nachkalkulation« geprüft, ob es mit dem neuen Preis seine Richtigkeit habe.

Kaczmarek blieb eiskalt: »Wenn Ihnen jetzt bei der ganzen Sache nicht mehr wohl sein sollte, so haben Sie sich das selbst zuzuschreiben. Ich habe Sie von Anfang an gewarnt und Sie über nichts im unklaren gelassen. Nun müssen Sie die Konsequenzen tragen.«

Das war das Ende, und der Karstadt -Konzern wußte es. Am 2. August unterschrieben zwei Herren der Hauptverwaltung die Teilkapitulation: »... und teilen Ihnen mit, daß der Preis für die Tasse Kaffee im Erfrischungsraum unseres Hauses Herne inzwischen auf DM 0,55 plus zehn Prozent = DM 0,60 reduziert wurde.«

Anton Kaczmarek aber trinkt seinen Kaffee längst im Kaufhaus Kress, wo die Tasse nur fünf Groschen kostet;

Protest-Schreiber Kaczmarek

»Was glauben Sie wohl, Herr Präsident?«

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