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Chancen des Scheiterns

aus DER SPIEGEL 37/1989

Wäre der Sozialismus, wie man allenthalben hört, in der Krise, dann müßte er nicht nur darin untergehen, sondern auch gestärkt und erneuert daraus hervorgehen können. Diese Möglichkeit besteht nicht mehr. »Der Sozialismus wird siegen!« - dafür gibt es nirgends mehr ein Anzeichen oder ein Argument.

Soweit Hoffnungsstreifen am östlichen Horizont, über der Sowjetunion, Polen, Ungarn zu sehen sind, laufen sie darauf hinaus, aufzulösen, was die Identität des realen Sozialismus bisher ausgemacht hat: die zentrale Verfügungsgewalt über Produktionsmittel und den Anspruch der kommunistischen Partei, über die Politik das gesellschaftliche Leben zu steuern.

Soweit aber diese beiden Elemente sozialistischer Herrschaft bewahrt und, wie in China, blutig auftrumpfend ausgespielt werden, besiegeln sie nicht nur die ökonomische Ineffizienz des Sozialismus, sondern auch sein moralisches Fiasko, das von den Moskauer Prozessen über den Archipel Gulag und die Volksaufstände in Osteuropa bis zu den Massengräbern Pol Pots und den Verheerungen der Kulturrevolution reicht.

Das Scheitern des Sozialismus beraubt die Menschheit einer großen humanistischen Vision. Verloren ist das Bild des Fortschreitens von einer in Klassen entzweiten zu einer Gesellschaft der Gleichen und Friedfertigen. Dahin auch die Vorstellung des Wettstreits zweier gesellschaftlicher Organisationsmodelle. Daß es zu Marktkonkurrenz und Konkurrenzdemokratie eine Alternative gäbe: dafür stand, ein Jahrhundert lang, die sozialistische Idee.

Kein sozialer Konflikt, der nicht von ihr getränkt worden wäre. Sie führte die europäische Arbeiterbewegung im Kampf gegen das Kapital. Sie prägte die politischen Kontroversen und das Parteienspektrum. Sie beflügelte die Gesellschaftskritik der Intellektuellen und die Kritik der Kritik. Sie brachte Utopie und Bewegung in die Sozialwissenschaften. Sie markierte, weltpolitisch, die Fronten zwischen einem kapitalistischen und einem sozialistischen Lager.

Aus, vorbei. Der Kampf der Ideen ist entschieden. Er endet nicht in Konvergenz und Kompromiß, sondern in kaum verhüllter Kapitulation der einen Seite. Die Idee der Konkurrenz hat gesiegt - auch über die Konkurrenz der Ideen. Die Welt ist um eine Hoffnung, eine Alternative, eine evolutionäre Option ärmer. Wie konnte es dazu kommen?

Es gehöre zu den Eigenheiten des sowjetischen Sozialismus, daß unabhängig von der Außentemperatur nach Plan geheizt wird, schrieb ein in seinem Hotelzimmer schmorender Reisender unlängst aus der Sowjetunion. Der Satz enthält im Kern, was das Scheitern des realen Sozialismus, waghalsig vereinfacht, erklärt: der Versuch, Bedürfnisse und ihre Befriedigung zentral zu bestimmen - ohne Mechanismen einzurichten, über die Mißerfolge schnell rückgemeldet und korrigiert werden könnten. Statt sich das Prinzip des Thermostaten zu eigen zu machen, bei dem »Zielgrößen« individuell eingestellt werden, hat der Sozialismus programmatisch das Gegenprinzip zentraler Steuerung auf seine Fahnen geschrieben.

Solange die Bedürfnisse der Menschen relativ gleich und wenig ausgefaltet sind und sich die äußeren Bedingungen ("Außentemperatur") wenig ändern, mag dieses Prinzip leidlich funktionieren. So konnte man in den sozialistischen Staaten durchaus Anfangserfolge registrieren und Mängel durch Startnachteile und geringe Planungserfahrungen entschuldigen. Unweigerlich aber vervielfältigt die Dynamik moderner Gesellschaften Bedürfnisse und verändert Umweltbedingungen dramatisch. Je erfolgreicher (auch die planenden) Industriegesellschaften sind, desto mehr Ungewißheiten setzen sie in die Welt. Wie soll man damit umgehen? Wie wissen, was richtig und falsch ist? Wie das Unerwünschte korrigieren?

Der Staatssozialismus, dort, wo er sich wie in der DDR schlecht und recht hält, antwortet darauf mit einer Strategie der Fehlervermeidung und der Fehlerleugnung. Man glaubt Fehler vermeiden zu können, indem man zwar die Produktion anfeuert, aber festzuhalten sucht, was sich nur eben halten läßt: Preise, Konsum- und Sparraten, Arbeitsplätze, Bildungsinhalte, politische Rituale mit dem Ergebnis »paradoxer Stabilität«. Man kann nicht dynamische Leistungsgesellschaft und preußisches Zöglingsheim in einem haben.

Dagegen erweist sich Modernität von Gesellschaften darin, daß sie begrenztes Scheitern nicht nur zulassen, sondern nutzen. So wie wissenschaftliche Hypothesen im Experiment, müssen auch Parteien an Wählern, Unternehmen an Konsumenten, Großprojekte an Bürgerinitiativen scheitern können. Gefragt sind nicht: richtige Ziele oder endgültige Lösungen, sondern Kurskorrekturen durch Versuchs-Irrtums-Mechanismen.

Nicht die Gesellschaften, die um jeden Preis Fehler vermeiden wollen, erweisen sich als kreativ und stabil, sondern die fehlerfreudigen und fehlerfreundlichen, die die Folgen ihrer Irrtümer klein halten. Gesellschaften haben zwei Möglichkeiten, Fehler einzugrenzen. Die eine liegt in der Kunst, Grenzen zwischen Lebenssphären - Religion, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Familie - so zu ziehen, daß diese, obwohl aufeinander angewiesen, ihre je eigenen Leitwerte und Leistungskriterien entfalten können und vor Übergriffen aus anderen Sphären geschützt sind. Die Fehler, die anderswo gemacht werden, schlagen nicht unmittelbar auf sie durch; und was sie selbst falsch machen, sollten sie selbst korrigieren.

Die zweite Kunst der Irrtumsbegrenzung besteht darin, die großen Regelsysteme in kleine Regelkreise aufzulösen: einer von zehn Schuhproduzenten, der unpassende Modelle herstellt und deshalb am Markt scheitert, richtet ein Zehntel des Schadens einer irrenden zentralen Schuhproduktionsbehörde an.

Es wäre aberwitzig, alle gesellschaftlichen Aufgaben dezentralisieren zu wollen. Das Mischungsverhältnis von zentraler und dezentraler Regelung muß aber immer zur Disposition stehen. Ein Regelsystem von Versuchs-Irrtums-Mechanismen entfaltet sich selbst durch Versuch und Irrtum - wobei sozialistische Politik-Varianten zeitweilig ein Korrektiv zu den Irrläufern reiner Marktregelung bleiben. Als dominierendes Organisationsprinzip jedoch ist der Sozialismus auf dem Experimentierfeld der Geschichte gescheitert, weil er verkannt hat, wie unentbehrlich für Innovation und Irrtumsbegrenzung soziale Selbstregelung ist. Statt Autonomie und Selbstregelungskräfte der Lebenssphären zu fördern, hat er sie unter die Vorherrschaft der Politik gezwungen und sie alle Fehler der Partei ausbaden lassen. Nicht genug damit, hat er überall auf Zentralisierung gesetzt und damit Fehler potenziert.

Vor dem Scheitern ihres Steuerungsmodells konnten die sozialistischen Führer ironischerweise so lange die Augen verschließen, weil es sich nicht durchsetzen ließ. Es wurde nämlich von den Leidtragenden selbst, so gut es eben ging, unterderhand korrigiert. Naturaltausch und Schattenmärkte blühen, wo an den Bedürfnissen vorbeigeplant wird. Der untaugliche Versuch, zentrale politische Regelung an die Stelle von sich selbst regelnden sozialen Kreisen zu setzen, hat diese in den Untergrund gedrängt - und dort bestärkt. Doppelbödigkeit wird zur Funktionsnotwendigkeit nicht nur der Wirtschaft, sondern aller Bereiche, denen ein offizielles Regelwerk übergestülpt wird. Die sozialistische Gesellschaft hat in sich selbst, ungewollt, eine »Zweite Gesellschaft« (der ungarische Soziologe Elemer Hankiss) großgezogen. Sie hat den Gegensatz zwischen den Klassen in einen Widerspruch zwischen offiziellem und inoffiziellem Leben transformiert, der allgegenwärtig und jedermann bewußt ist.

Aus dieser Täuschungsgesellschaft kann nur Ent-Täuschung führen. »Nur wenn man sein eigenes Scheitern eingesteht, kommt man weiter, nur wenn man zugibt, daß das System des Sozialismus gescheitert ist, versteht man die Lage« - so der Physiker Fang Lizhi 1986 vor den Studenten in Schanghai.

Aber: einer ganzen Gesellschaft, einer Großmacht gar die Einsicht in das eigene Scheitern abzuverlangen - dazu bedarf es eines verlorenen Krieges oder einer Revolution. Der dritte Weg, die als Glasnost verordnete »Ent-Täuschung von oben«, steht in dem Dilemma, daß sie sein muß, aber nicht sein darf; gegen das Eingeständnis des Scheiterns wehrt sich nicht nur die politische Klasse, die es zu verantworten hat, sondern auch eine moralische Tiefenströmung der Gesellschaft, in der sich kollektive Identität um die Leitwerte des Sozialismus, Gleichheit und Sicherheit, herauskristallisiert hat.

So treten sozialistische Gesellschaften über eine nur halbherzig betriebene Ent-Täuschung in eine neue Phase der Selbsttäuschung ein: daß man die Fehler des Sozialismus wegreformieren und ihn zugleich behalten könne. Dafür aber kommen die Reformen, selbst wenn sie greifen, zu spät. Durch jahrzehntelange Vereitelung sozialer Spontaneität haben die sozialistischen Länder einen Kulturverlust, besonders an unternehmerischen Qualitäten, erlitten, der nicht im Schnellverfahren heilbar ist. Mehr noch: Sie haben sich in einen Rückstand hineinmanövriert, von dem aus Modernisierung - das Gewähren von Freiheiten - das Problem nur noch verschärft.

Nun brechen die Laster auf, vor denen der Sozialismus schützen sollte: Profitsucht, Ungleichheiten, Unsicherheiten, Unruhen. Und wie von einem Magneten werden die befreiten Menschen von den Gesellschaften mit besseren Entfaltungschancen angezogen, das Gefälle zwischen West und Ost noch vergrößernd. Die Reformen selbst werden zur Enttäuschung. Am eigenen Schopf können sich die sozialistischen Gesellschaften nicht mehr aus dem Sumpf ziehen. Zwar erzeugen sie, im Lernschock des großen Scheiterns, eine Aufbruchstimmung, die in den auf kleine Lernschritte eingerichteten Demokratien ihresgleichen sucht.

Zwar haben die scheiternden sozialistischen Gesellschaften, im Gegensatz zu den westlichen, ihre Alternative nicht verloren: eine Vision von Freiheit und Wohlstand, die große Leidenschaften noch ebenso erregt wie kleine Egoismen. Zwar gelingt jetzt dem untergehenden Sozialismus, was der aufgehende nicht hervorgebracht hat: die spontane Mobilisierung der Massen; und die Initiierung von Ideen der Abrüstung, die Freund-Feind-Grenzen sprengen. Aber ohne Mithilfe und Mitlernen der westlichen Gesellschaften kann nichts gelingen. Die Lernaufgabe, die der scheiternde Sozialismus der modernen Welt stellt, lautet denn auch nicht: Wie müssen sich die sozialistischen Länder im Innern reformieren?

Die neue Aufgabe lautet vielmehr: Wie kann ein gewaltiges Gefälle an Wohlstand, Lebenschancen und Kompetenzen überbrückt werden? Wird diese Aufgabe nicht als eine die Systemgrenzen übergreifende Herausforderung verstanden, dann droht, nach dem Scheitern des Sozialismus, das Scheitern seiner Reformen - mit unübersehbaren Folgen für die westlichen Gesellschaften.

Mehr als je zuvor sind gesellschaftliche Rationalität und Lernprozesse heute nicht das Verdienst einer einzelnen Gesellschaft, sondern der Kooperation und Konkurrenz zwischen Gesellschaften. Dem »Wettlauf der Systeme« verdanken wir es, daß wir heute über gute und schlechte Alternativen gesellschaftlicher Organisation so viel besser Bescheid wissen als vor 40 Jahren. Von dem Experiment Sozialismus haben die nichtsozialistischen Gesellschaften bisher mehr profitiert und gelernt als die sozialistischen. Also müssen sie es auch mit bezahlen.

Für Gesellschaften, die sich gerade in ihrer Überlegenheit bestätigt sehen, ist dies schwer zu begreifen. Erfolg macht dumm - und selbstbezogen. Im Innern der erfolgreichen Gesellschaften werden, nach alter Sitte, die Verteilungs- und Selbstentfaltungsschlachten geschlagen, während der Preis, den sie für das Scheitern des Sozialismus zu entrichten haben, steigt - und mit ihm das Risiko: Vor den Türen wachsen, neben den Armenhäusern der Dritten Welt, die des ehemaligen Sozialismus, immer noch hochgerüstet, hochexplosiv. Die Zukunftsaufgabe der erfolgreichen Gesellschaften wird, im eigenen Interesse, ein beispielloser internationaler Lastenausgleich sein. Nur ein Bruchteil der Aufgabe wird sich im moralischen Zugriff, durch Aufruf zur Solidarität über die Grenzen hinweg, erledigen lassen.

Tatsächlich werden den Erfolgsgesellschaften viel mehr Verzichte aufgezwungen werden müssen, als sie zugunsten der gescheiterten Gesellschaften auf sich nehmen wollen. Der Kapitalismus wird sein Arsenal von indirekten Erzwingungsmechanismen noch phantasievoll erweitern müssen, um über Zinsspannen, verlorene Kredite, Regierungsbürgschaften, landwirtschaftliche Überschüsse, Beratungsfirmen etc. die Wohlstandsbürger auszubeuten - diesmal zugunsten derjenigen, denen der Gang der Geschichte auf eine vertrackte Weise das sozialistische Experiment aufgezwungen hatte.

Die wirksamste Form des Lastenausgleichs wird nicht einseitige Hilfe, sondern gemeinsames Engagement in neue Aufgaben sein: Abrüstung, Umweltschutz, Erforschung des Weltraums und der Mikrowelten. Der scheiternde Sozialismus weist den Weg in neue Solidaritäten, aber auch Kontroversen, in denen sich die Alternative Sozialismus-Kapitalismus nun endgültig auflöst.

»Nach der Ent-Täuschung eine neue Phase der Selbsttäuschung«

Karl Otto Hondrich
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