Zur Ausgabe
Artikel 52 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Rußland Chaos im Atomkomplex

aus DER SPIEGEL 8/1994

Rußlands Atomaufsichtsbehörde hat der Armeeführung vorgeworfen, Anordnungen ihres Befehlshabers Boris Jelzin zu unterlaufen. Entgegen einer Anweisung des Kreml, alle militärischen Atomobjekte der zivilen Kontrolle zu öffnen, erschwert das Verteidigungsministerium Inspektoren den Zugang zu den Nuklearfabriken. Der Grund: Die Militärs wollen den katastrophalen Zustand der Anlagen verschleiern. Nach Auskunft der Moskauer Behörde werden weiterhin Atomabfälle der Nordmeerflotte einfach ins Meer gekippt, Raketensilos schlampig bewacht, dringend nötige Wartungsarbeiten an Kernwaffen verschoben. Ein Konteradmiral weist den Vorwurf der Jelzin-Regierung zurück. Moskau habe der Armeeführung letztes Jahr nur 15 Prozent des versprochenen Geldes zur Erhöhung der nuklearen Sicherheit überwiesen. Fehlende Mittel sind auch der Grund für den maroden Zustand der zivilen Atomindustrie. In einem Report der Aufsichtsbehörde werden 20 000 Sicherheitsverstöße in den 14 500 russischen Atombetrieben nachgewiesen. Weil die großen Stromabnehmer ihre Schulden nicht bezahlen und Moskau keinen der notwendigen 114 Milliarden Rubel zum Ausbau der Sicherheitstechnik überwiesen hat, drosseln Atomkraftwerke die Leistung ihrer Reaktoren. Die meisten Atomfabriken, darunter solche mit Reaktoren vom Tschernobyl-Typ, können keinen störungsfreien Betrieb mehr zusichern. Die Anlagen sind veraltet, die Arbeiter mangelhaft ausgebildet und schlecht bezahlt. Jede dritte Havarie sei auf Fehlverhalten des Personals zurückzuführen, heißt es in dem Bericht. Als gefährlichste Anlagen gelten die Atomkraftwerke in Balakowo an der Wolga, Nowoworonesch südöstlich von Moskau und das Kola-Kraftwerk nahe der finnischen Grenze. Im Ural-Kraftwerk Belojarsk gelten 5000 abgebrannte Brennstäbe als tickende Zeitbombe: Sie können nicht mehr sachgemäß gelagert werden.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 52 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.