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GRIECHENLAND Chaos und Infarkt

Preissprünge von über 20 Prozent - die von der EG erzwungene Einführung der Mehrwertsteuer löste einen Kaufrausch aus. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Innerhalb weniger Tage wurde ein Gesetzestext zum Bestseller. Auf den Straßen wird er den Lotterieverkäufern, die ihn neben den Staatslosen feilbieten, zum Preis von 1,10 Mark aus den Händen gerissen.

Das Interesse gilt einer Neuerung, die EG-Europa schon seit vielen Jahren kennt: der Mehrwertsteuer. In Griechenland trat sie, mit Verspätung, erst zum Jahresbeginn in Kraft. Die Erfahrungen der ersten Wochen veranlaßten die Zeitung »To Vima« zu dem Bekenntnis: »Diesen Januar werden wir nie vergessen.« Übereinstimmend stellten die Blätter »Verwirrung, Chaos und Herzinfarkt auf dem Markt« fest.

Zweimal hatte Griechenland seit seinem Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft im Jahre 1981 die Einführung der neuen Steuer verschieben können. Zu einer nochmaligen Gnadenfrist aber waren die Partner nicht bereit. Sie machten die Einführung - aus der Mehrwertsteuer finanzieren die Mitgliedsländer die Brüsseler EG-Kasse - zur wesentlichen Vorbedingung für eine Kredittranche von 1,56 Milliarden Mark.

Athens Sozialisten unter Ministerpräsident Andreas Papandreou wollten die aufgezwungene Abgabe zum Anlaß nehmen, das anachronistische Fiskalsystem des Landes von Grund auf zu reformieren. Die neue Steuer sollte nicht nur, wie in anderen EG-Ländern, die Umsatzsteuer ablösen, sondern auch 24 Verbrauchssteuern und Abgaben ersetzen.

Bei ihrer Planung aber verließen sich die Reformer zu sehr auf levantinische Improvisationskunst. Warnungen der Wirtschaft, man sei auf die Umstellung nicht genügend vorbereitet, wurden überhört. Es mangelte nicht nur an Aufklärung, es fehlten auch moderne Registrierkassen, Steuerformulare und vor allem klare Vorschriften.

Erst Anfang November setzte Athen die Mehrwert-Steuersätze fest - und langte mit sechs, 18 und 36 Prozent kräftig zu. Die dreifache Staffelung erhöhte den Wirrwarr: Während für Lebensmittel und Massenverbrauchsgüter der niedrigste Tarif gilt, unterliegen die meisten anderen Produkte und Dienstleistungen dem mittleren Satz. Luxusgüter, zu denen ausländische Spirituosen, Tabakwaren, Radio- und Fernsehempfänger sowie Video- und Stereogeräte zählen, wurden mit abschreckenden 36 Prozent belegt.

Groteske Unterschiede bei der Besteuerung gleicher Güter machten das Durcheinander komplett: Für Bier etwa

ist kein einheitlicher Prozentsatz festgelegt. So berechnen Restaurants neun, Snack-Bars 18 und Nachtlokale 36 Prozent. Griechischer Käse wird mit dem niedrigsten Satz belastet, ausländischer dagegen mit 18 Prozent.

Zum Jahresende stürmten die Verbraucher in die Geschäfte. Sie wollten sich rechtzeitig vor dem Stichtag und dem erwarteten Preisschub noch mit Luxuswaren eindecken - und trieben durch die sprunghaft steigende Nachfrage die Preise erst recht hoch. Daraufhin verhängte die Regierung mit Zustimmung der EG-Kommission einen Preisstopp bis zum 31. Januar.

Der Kaufrausch endete mit dem Neujahrsschock - als die Mehrwertsteuer erstmals angewendet werden sollte, wußten weder die Verkäufer, welchen Preis sie berechnen, noch die Käufer, was sie bezahlen sollten. Prompt erhöhten fast alle Hersteller und Händler ihre Preise weit über das durch die Steuerbelastung gerechtfertigte Maß. So sollten bei der Neuberechnung die im alten Preis enthaltenen Umsatzsteuern abgezogen werden. Viele Verkäufer aber schlugen die neue Mehrwertsteuer einfach drauf.

Solche Tricks machten die Verbraucher mißtrauisch. »Wie soll ich wissen« fragte etwa ein Angestellter, »ob mir der Händler den richtigen Betrag berechnet? Soll ich mit einem Taschencomputer herumlaufen?«

Überall kletterten die Preise, bei Kosmetika etwa zwischen 10 und 28, bei Uhren, Video- und Stereogeräten zwischen 20 und 25 Prozent. Selbst die Straßenhändler verlangten mehr für ihre Sesam-Brezel »Koulouri«, unter Berufung auf die Mehrwertsteuer. »Eine Spekulationsorgie«, klagte die regierungsnahe Zeitung »Ethnos«.

Eilends suchte das Finanzministerium die Bevölkerung aufzuklären. Die Rundfunk- und Fernsehanstalten richteten tägliche Sondersendungen ein, Zeitungen und Zeitschriften heuerten Steuerexperten an. Neue Buchführungsvorschriften verschärften das Chaos und machten die Griechen, so Steuerberater Theodoros Staikos, vollends zu »Steuerkannibalen«.

Die Angst vor Gesetzesverstößen, die nicht nur mit hohen Geldbußen, sondern auch mit Gefängnis geahndet werden können, veranlaßte zahlreiche Händler, den Verkaufsbetrieb bis zur Aufklärung des Wirrwarrs ganz einzustellen: Sie täuschten tagelange Inventur vor oder ließen einfach die Rollgitter herunter. Supermärkte kürzten ihre Bestellungen bei Lieferanten. Großimporteure ließen die Ware im Zoll liegen. Bei einigen Lebensmitteln, so bei Käse, Milch und Kindernahrung, trat sogar akuter Versorgungsmangel ein.

Dabei steht die wahre Teuerungswelle den Griechen noch bevor- Anfang Februar, wenn der Preisstopp ausgelaufen ist. Das Ziel der Regierung, die Inflationsrate 1987 von 17 auf 10 Prozent zu drücken, scheint illusorisch.

Wie den Menschen zumute ist, macht der Athener Volksmund deutlich: Offiziell wird die Mehrwertsteuer mit »fpa« abgekürzt. Die Bevölkerung spricht''s »fapa« aus, griechisch für »Ohrfeige«. _(Text des Schildes: »In den angeführten ) _(Preisen sind 18 Prozent Mehrwertsteuer ) _(einbegriffen.« )

Text des Schildes: »In den angeführten Preisen sind 18 ProzentMehrwertsteuer einbegriffen.«

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