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Umwelt Chemische Ackerkeule

Viele Unkrautvernichter gefährden das Grundwasser. Europaweit wächst die Forderung nach dem Verbot solcher Pestizide.
aus DER SPIEGEL 2/1995

Klamauk, Nötigung, abgeschmackte Methode« - für die jüngste Blockadeaktion von Greenpeace vor den Toren des Bayer-Pflanzenschutzzentrums Monheim findet Konzernsprecher Heiner Springer nur zornige Worte.

Der Vorwurf der Umweltschützer, das Bayer-Unkrautgift Diuron belaste das Grundwasser, sei »nicht haltbar«. Vielmehr werde das »Präparat in der obersten Bodenschicht gebunden und abgebaut«.

Der Bayer-Mann irrt. Gleich 100mal fanden deutsche Wasserwerker in den letzten Jahren Spuren des Herbizids Diuron im Rohwasser ihrer Brunnen. Mindestens zwei Dutzend verschiedene Agrargifte (Jahresverbrauch in Deutschland: 30 000 Tonnen) sickern vielerorts entgegen den Versprechungen ihrer Hersteller in den Grund.

Diesen Befund ergab eine Greenpeace-Umfrage bei Deutschlands Gesundheitsämtern. Demnach bereiten die Pestizidrückstände vor allem im westdeutschen Untergrund von 187 Landkreisen und Städten Probleme bei der Trinkwassergewinnung. Im Osten ist es vermutlich nicht viel besser, nur liegen vielerorts keine Daten vor (siehe Grafik).

Für die Verbraucher besteht bislang keine Gefahr. Fast immer können die Wasserwerke mit Filtern oder durch Verdünnung die Konzentration der Substanzen fast auf Null senken.

Gleichwohl warnen die Verwalter des wichtigsten Lebensmittels vor wachsenden Risiken für die Trinkwasserreserven im Boden. Die gesundheitlichen Folgen einer Dauerbelastung mit vielen verschiedenen Agrarchemikalien sind nicht bekannt. Diese Substanzen sollten »gar nicht erst ins Grundwasser gelangen«, meint Ulrich Oehmichen, Sprecher des Bundesverbandes der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft.

Dies ist auch das Ziel der seit 15 Jahren gültigen Trinkwasserrichtlinie der EU, die nur 0,1 Mikrogramm eines Pestizids gleich welcher Formel pro Liter Trinkwasser zuläßt, ein Wert nahe der Nachweisgrenze für die meisten Stoffe.

Doch derlei Vorsorge bringt die Industrie in Bedrängnis. Wasserwerker aus ganz Europa melden mittlerweile Pestizidfunde und fordern, die Anwendung der Unkrautvernichter zu verbieten. Chemie- und Bauernverbände kontern gegen die »irrationale Grenzwertpolitik«, so Klaus Deichner, Chef des Lobbyvereins Industrieverband Agrar.

Mittwoch letzter Woche standen die Verfechter der chemischen Ackerkeule kurz vor dem Ziel. Während der letzten Sitzung der alten Brüsseler Kommission wollte der scheidende Umweltkommissar Ioannis Paleokrassas noch einen Gesetzesvorschlag durchsetzen, der ihm zuvor tausendfachen Protest quer durch Europa eingebracht hatte. Demnach hätte künftig ein EU-Gremium ohne öffentliche Debatte für jedes Pestizid eine spezielle Obergrenze festlegen dürfen. Der strenge Minimalwert der alten Trinkwasserrichtlinie sollte fallen.

Doch der Vorschlag des Griechen fiel bei der EU-Kommission durch. Über den erlaubten Giftgehalt im Wasser dürfen auch künftig nur Parlament und Ministerrat entscheiden. Oehmichen: »Unsere wichtigste Forderung ist erfüllt.«

Weil die alte Richtlinie damit weitgehend in Kraft bleibt, müssen die Hersteller nun mit Verboten und rigiden Anwendungsbeschränkungen rechnen. Schon im Juni vergangenen Jahres entzog der dänische Umweltminister Svend Auken für sieben Substanzen die Zulassung. Für elf weitere Agrarchemikalien, darunter vier Unkrautvertilger, die in Deutschland noch tonnenweise versprüht werden, kündigte er im Dezember ähnliche Verfügungen an.

Auch die deutschen Unkrautbekämpfer müssen umlernen. Der Bundesrat forderte kurz vor Weihnachten die Bundesregierung auf, zumindest eines der Ackergifte künftig aus den Einzugsgebieten der Wasserwerke zu verbannen - das Totalherbizid Diuron von Bayer. Y

[Grafiktext]

Festgestellte Pestizidwerte im Grundwasser (BRD-Karte)

[GrafiktextEnde]

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