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Chemische Keule

Nach Protesten der chemischen Industrie verhindert das ZDF eine Verbreitung des umstrittenen und als revolutionär angekündigten Öko-Films »Vergiftet oder arbeitslos?« auf Videokassette.
aus DER SPIEGEL 32/1982

Der böse Brief aus Ludwigshafen konnte dem Adressaten in Mainz nicht zugestellt werden, da der gerade in Griechenland im Urlaub weilte. »Sehr geehrter Herr Intendant!«, hieß es darin lakonisch, »Ihre Sendung vom 21. Juli 1982 'Vergiftet oder arbeitslos?' veranlaßt uns, schärfsten Protest einzulegen.«

Der Film bezwecke eine völlig einseitige Parteinahme, wie sein Autor Bernward Wember frivolerweise »selbst herausstellt. Er besteht aus einer Reihung grober Unwahrheiten und Entstellungen«.

Über »verfälschende Wirkung« klagten die beiden Unterzeichner Seefelder und Detzer vom Chemie-Riesen BASF und stellten empört die »bösartige Machart« der Sendung fest.

Als bösartig wurde ein Werk angeprangert, das sich in der Tat pointiert einseitig gab und deshalb zwei Jahre beim ZDF geschmort hatte, ehe es - gekürzt, mit abwiegelnden Kommentaren und anschließender Diskussion gepolstert - Mittwoch vor drei Wochen zu nachtschlafener Zeit über den Sender ging (SPIEGEL 27/1982).

Ein TV-Ereignis von inhaltlicher wie formaler Brisanz hatte sich angekündigt, eine harsche Abrechnung mit den Machenschaften der Chemieindustrie - bei der Sendung jedoch erwies sich die Sache als reichlich schlicht und ermüdend lehrhaft.

In Bernward Wembers schulmeisterlichem Film ringeln sich beispielsweise neckisch Würmer durch blanke Äpfel - Symbol für gesunden Öko-Kreislauf. Plötzlich wird das unschuldige Getier durch einen satten Strahl aus der Sprühdose hinweggefegt: Nun erst sei nach S.149 Meinung der Chemieindustrie das Obst geeignet zum menschlichen Verzehr.

Mit »kleinen puzzeligen Modellen«, so kommentierte die »FAZ« Wembers Bastelei, versuche der Autor »den Bildschirm zum Spielplatz zu machen ... die Welt am Beispiel einer Puppenstube zu erklären«.

Durch den Griff in die Trickfilm-Kiste und ähnlich simple Signale komme er in »starke Nähe zu Büchern für Schulkinder der ersten Klassen«, meinte der »Vorwärts«, der Industrieschmeichelei gewiß unverdächtig, angesichts von Wembers säuerlicher Didaktik.

Jetzt aber droht das TV-Skandalon, das keines war, doch eines zu werden: durch den BASF-Protest, dem sich nicht nur der Frankfurter Hoechst-Konzern, sondern inzwischen auch die Verbände der Stickstoffindustrie, der Lebensmitteltechnologen und der Bauern angeschlossen haben.

»Anbiedernde 'Offenheit' und vorgetäuschte 'Gegenargumente' sollen den Zuhörer psychologisch beeinflussen und emotional für sich einnehmen ... Tatsächlich aber hat die 'andere Seite' gar keine Chance, ebenfalls 60 Minuten Sendezeit zu erhalten«, beklagte sich der Frankfurter Hoechst-Konzern.

»Wenn der Film so tut, als ob gegen alle Widerstände hinweg nun endlich einmal die Wahrheit auf den Tisch gelegt werde, erinnert er in peinlicher Weise an bekannte Praktiken politischer Agitation«, folgerten die Hoechster Unterzeichner Dr. v. Pölnitz und Dr. Frühaus und schwangen dann die chemische Keule: »Wir haben veranlaßt, daß eine Analyse dieses Films angefertigt wird, um die sachlichen Unrichtigkeiten und die Methoden der heimlichen Verführung einmal deutlich zu machen.«

Damit könne man diese »traurige Angelegenheit« aber noch keineswegs auf sich beruhen lassen, so schrieben die Vorstandsmitglieder an den Intendanten, denn als besonders »schlimm« empfanden sie, »daß Sie offenbar die weitere Verbreitung als Film und Buch lizensiert haben und hierfür im ZDF auch noch geworben wird«.

Mit allen rechtlichen Mitteln, so wurde dem ZDF angedroht, würde gegen die Wiederholung, Verbreitung auf Kassette und Veröffentlichung der Sendung in Buchform vorgegangen.

Darauf beschloß Chefredakteur Appel als Stellvertreter des Intendanten, das der Firma Atlas-Film zuvor - freilich nur mündlich - gewährte Recht der Videoverwertung wieder zu entziehen.

Ähnliches passierte dem Frankfurter Eichborn Verlag, der das Buch zum Film bereits zum 16. August angekündigt hatte. Die Rechte an dem Werk, teilten die Mainzer Eichborn mit, lägen mit allen Folgen allein beim Autor, die zuvor abgesprochene ökologische Medienkooperation zwischen Sender und Verlag sei hiermit hinfällig.

Ein Sturm im Reagenzglas. Denn die Vorwürfe gegen Wembers Film spitzen sich auf einen einzigen, möglicherweise justitiablen Satz zu, den Wember seinem Vater-Darsteller Gustl Bayrhammer - einem Ex-»Tatort-Kommissar« - in den Mund gelegt hat: »Was die chemische Industrie mit unserer Landwirtschaft macht, ist ein Verbrechen.«

Deshalb, vermutet ein ZDF-Insider, richte sich der Industrie-Zorn weniger gegen Wembers Öko-Film als gegen den Chef der Anstalt selbst und dessen künftige Politik: »Ein warnender Schuß vor den Bug« des neuen Intendanten Dieter Stolte.

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