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China: Moderne Zeiten

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aus DER SPIEGEL 34/1984

Die magische Parole »Modernisierung« symbolisiert das Parteiziel, bis zum Ende dieses Jahrhunderts das Familieneinkommen in China auf 1000 Dollar pro Jahr anzuheben - viermal mehr als heute.

Für die jungen Leute in den Städten heißt Modernisierung erst einmal, mit Flippergeräten Weltraumkriege zu führen - wobei jedes Spiel zwei Stundenlöhne kostet - oder mit modisch-schmalen Sonnenbrillen herumzuspazieren. Manche lassen das Markenetikett der Brille auf dem Glas, so daß ihr Import jedermann ersichtlich ist. Andere tragen als Wohlstandssymbol gleich zwei der kostbaren Stücke.

Unter der Pekinger Jugend geriet neuerdings zum geflügelten Wort: »Modernisierung ist, einen Hamburger zu essen.«

Die Chinesen waren bislang gewohnt, ihren Reis um kleinste Stücke Huhn oder Schwein anzureichern. Moderne Zeiten brechen an, wenn man auf einen Biß so viel Fleisch ißt, wie die US-Boulette »Hamburger« hergibt.

Wer dazu von einem Ausländer eingeladen wird, diniert im Luxusrestaurant »Maxim's«, das nun im Herzen Pekings die Dekadenz der Bourgeoisie verkörpert - 800 Meter vom Mausoleum jenes Mao entfernt, der sein Leben lang gegen alle bürgerlichen Werte gekämpft hatte.

Chinas Modernisierer aber haben entschieden, daß gutes Essen und Trinken mit Politik nichts zu tun habe, und weil viele Hauptstädte der Welt ein solches Luxuslokal hätten, müsse Peking, weltoffen, auch eins besitzen.

Aber »Maxim's« ist nicht für die Massen gedacht: Obligatorischer Einsatz sind mindestens eine Krawatte und 130 Jüan für das billigste Menü - gleich fünf Monatslöhne eines Durchschnitts-Werktätigen. Für ihn wurde jetzt »Minim's« eröffnet, mit französischem Dekor und französischer Küche: Hier gibt es auch Hamburger, aber »au cheval«, obendrauf liegen Spiegeleier. Preis: 11 Jüan (zwei Wochenlöhne).

All das erscheint alten Revolutionären als »geistige Verschmutzung«. Sie möchten die »Fliegen« töten, die mit der frischen Luft ins Land gekommen sind, seit Reformer Teng Hsiao-ping die Türen und Fenster öffnete. Flipper-Automaten stehen deshalb nur in den Nebenräumen ausgewählter Hotels.

Der Schnellimbiß aber macht Schule: Bereits in mehreren Lokalen gibt es die Hamburger mit Ketchup und Bratkartoffeln. Obwohl dem landläufigen Geschmack zuwider, drängen sich dort die Gäste: »Für 15 Jüan«, sagt ein junger Chinese, »leiste ich mir eine Reise ins Ausland.«

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