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China: »Möglichst hohe, enge Beziehungen«

Knapp ein halbes Jahr vor der geplanten Ratifizierung der Verträge von Moskau und Warschau bereitet Bonn die nächste außenpolitische Operation vor: die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Volksrepublik China. Der Botschafteraustausch soll nach Möglichkeit bis zum Herbst nächsten Jahres perfekt sein, dem Zeitpunkt, an dem China im UN-Sicherheitsrat über den Eintritt beider deutscher Staaten in die Vereinten Nationen mitentscheidet. Noch vor den Bundestagswahlen im September 1973 will AA-Chef Walter Scheel nach Peking reisen.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Die Botschaft aus dem Fernen Osten kam kurz vor Weihnachten. Über Mittelsmänner in Westeuropa ließ die Regierung der Volksrepublik China die Regierung der Bundesrepublik Deutschland wissen, sie sei an der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Staaten interessiert.

Die höflichen Chinesen zeigten zugleich Verständnis dafür, daß Bonn zunächst die Verträge von Moskau und Warschau ratifizieren und damit sein Verhältnis zu Osteuropa normalisieren will. Sie deuteten deshalb an. daß sie der Bundesrepublik die Wahl des Zeitpunk-

* Am 3. Januar in Frankfurt.

tes für den Beginn offizieller deutschchinesischer Verhandlungen zu überlassen bereit seien.

Zum Zeichen für ihre ernsten Absichten offerierten Maos Kundschafter bereits Verfahrensvorschläge. Wenn Bonn sich zu einem Arrangement mit der Volksrepublik entschließen könne -- so boten die gelben Genossen an sollten konkrete Verhandlungen in Brüssel geführt werden, wo die Volksrepublik demnächst eine Botschaft am Hofe König Baudouins etablieren wird.

Die belgische Hauptstadt kommt den Bonner Wünschen nach diskreten Kontakten besonders entgegen, weil sich Außenminister Walter Scheel und andere deutsche Spitzendiplomaten fast jede Woche bei EWG und Nato aufhalten.

Und wie bei den spektakulären Annäherungsversuchen zwischen Amerika und China im vergangenen Sommer war wieder Pingpong im Spiel. Bevor Präsidentenberater Henry Kissinger zu seiner Geheimmission nach Peking aufbrach, um das Gipfeltreffen Nixon! Tschou En-lai am grünen Tisch vorzubereiten, hatten Kommunisten und US-Kapitalisten an der grünen Platte geschmettert. Letzte Woche maßen sich westdeutsche Tischtennisspieler in Lübeck, Wolfsburg und Frankfurt mit der chinesischen Nationalmannschaft.

Die Signale aus China waren die erste konkrete Reaktion auf vielfältige Andeutungen, mit denen die sozialliberale Koalition seit Frühjahr letzten Jahres ihr Interesse an normalen Verbindungen zur dritten Weltmacht deutlich gemacht hatte.

Im April 1971 ließ sich Außenminister Scheel mit dem Angebot vernehmen, die Bundesrepublik sei bereit, ihre guten Handelsbeziehungen zu China vertraglich abzusichern.

Anfang Oktober lockte er wieder: Es könne dem »weltweiten Gleichgewicht und der globalen Entspannung nur dienen, wenn die Volksrepublik China ermutigt wird, den Weg der Öffnung zur übrigen Welt weiter zu beschreiten«.

Ende Oktober stieß er nach. Die Bundesregierung wünsche, »wie mit allen Ländern der Welt, so auch mit China ihre Beziehungen auf ein möglichst enges und hohes Maß zu heben«.

Sorgfältig hatten die Bonner, die keine diplomatischen Beziehungen zu Tschiang Kai-scheks Emigranten-Insel unterhalten, ihre fernöstliche Operation abgesichert. Ende September bereitete Bundeskanzler Brandt beim Tête-à-tête auf der Krim den Kreml-Machthaber Leonid Breschnew darauf vor, daß die Bundesrepublik auch ein normales Verhältnis zum sowjetischen Intimfeind Peking anstrebe. Diese Absicht richte sich nicht gegen die Sowjet-Union. Breschnew zeigte Verständnis.

Und um die Jahreswende weihte Brandt in Florida auch US-Präsident Richard Nixon in das Unternehmen Peking ein. Der Amerikaner, der im Februar in die chinesische Hauptstadt reist, ermutigte den Deutschen.

Freilich -- noch auf amerikanischem Boden suchte der Kanzler am Donnerstag letzter Woche gegenüber dpa die ersten von Scheels Außenamt geknüpften Fäden zu tarnen: »Es ist im höchsten Maße unzweckmäßig, daß ich in diesem Augenblick oder auch in den nächsten Monaten mich über das Wie und Wann äußere.«

Über das Wie hatten Deutsche und Chinesen zunächst unterschiedliche Vorstellungen. Bonn wollte die Beziehungen stufenweise verbessern: Als erstes sollten die bisher lediglich auf privater Basis über den Ostausschuß der deutschen Wirtschaft betriebenen Handelsbeziehungen formalisiert und Handelsmissionen eingerichtet werden.

Nach Japan und Hongkong ist die Bundesrepublik schon heute der drittgrößte nichtkommunistische Geschäftspartner: 1969/70 erreichte der Warenaustausch mit einem Umsatz von rund einer Milliarde Mark mehr als ein Drittel des deutsch-sowjetischen Handels.

Den Handelsmissionen sollten nach Bonner Planspiel im nächsten Zug auch konsularische Rechte zuerkannt werden. Erst als Abschluß war dann der Austausch von Botschaftern vorgesehen. Doch Maos Mittelsmänner winkten ab. Wenn beide Länder schon Beziehungen aufnehmen wollten, sollte man sich nicht mit Halbheiten aufhalten, sondern gleich Botschafter austauschen. Auch dazu ist nun die Bundesregierung bereit, wenn die Chinesen zuvor bestimmte Zusagen machen.

Bonns Hauptbedingung: Der Normalisierungsprozeß in Europa darf nicht durch chinesische Interventionen gestört werden. In der Vergangenheit hatte Peking häufig -- freilich vergeblich -- versucht, die DDR gegen Moskau auszuspielen und als Opfer eines Komplotts hinzustellen.

So diskreditierten die Chinesen noch 1970 den Vertrag zwischen Moskau und Bonn als Ausverkauf der DDR. Doch schon beim Abschluß der Berlin-Vereinbarungen im vergangenen Jahr hielten sie sich zurück und überließen die Angriffe ihrem europäischen Satelliten Albanien.

Sollten Pekings Diplomaten auf die westdeutschen Konditionen eingehen, könnte noch rechtzeitig zur Debatte des Uno-Sicherheitsrates über die Aufnahme von BRD und DDR in die Vereinten Nationen ein westdeutsch-chinesisches Arrangement zustande kommen.

Mit einem solchen Akkord glaubt Bonn seinen Einzug in die Uno endgültig abzusichern. Denn derzeit weiß die Bundesregierung noch nicht, wie sich China einem westdeutschen Aufnahmeantrag gegenüber verhalten wird. Dem diplomatischen Partner, so Bonns Kalkül, kann China die Uno-Weihe aber kaum verweigern.

Außenminister Scheel erwägt bereits die spektakulärste Reise seiner Laufbahn. Noch vor der Bundestagswahl 1973 will er seinen chinesischen Kollegen in Peking besuchen.

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