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Chinas alte Kultur - nur noch für Touristen

SPIEGEL-Redakteur Tiziano Terzani über die Zerstörung des alten China
aus DER SPIEGEL 30/1982

Oben tausend Meter steile Felsen, unten hundert gefährliche Klippen. Du streckst die Hand aus und berührst den Mond, während weiße Wolken in Deinen Ärmel schweben.«

So kleidete ein einsamer chinesischer Wanderer vor Zeiten, als er hoch über der stillen Leere der Abgründe stand, seine Gefühle beim Anblick des Xuang Gung Si, des Schwebenden Tempels, in Poesie. Und in der Tat ist dies für einen Tempel ein erstaunlicher, ein unwahrscheinlicher Standort:

In einer kargen Landschaft grauer Felsen erhebt sich aus einem Flußbett mit riesigen Findlingen eine massive Granitwand steil gen Himmel. In der Mitte des schrecklichen steinigen Abgrunds bauten sich taoistische Einsiedler ihr weltabgeschiedenes Nest, um über den Sinn des Lebens und die Bedeutung des Tao zu meditieren, des Wegs zur Weisheit.

( Der 2000 Jahre alte Taoismus ist eine ) ( chinesische Lebensphilosophie, die ) ( Unsterblichkeit des Körpers durch ) ( Meditation, Gymnastik und ) ( Enthaltsamkeit predigt. )

Das war vor 1400 Jahren. Heute hängt der Schwebende Tempel immer noch an den Felswänden, ein großartiges Bauwerk, das die Gesetze der Natur zu mißachten scheint, ein Beispiel für die kühne Architektur von Männern, die nie daran dachten, den Mond zu erobern, denn sie glaubten, ihn bereits in Reichweite ihrer Hände zu haben.

Seine Reihen rotlackierter Säulen, die bogenförmigen Dächer mit einst türkisblauen Ziegeln machten den Schwebenden Tempel zum Tor zu einem von Chinas fünf heiligen Bergen: dem Heng Schan, südlich der Großen Mauer, östlich des Gelben Flusses, in der Provinz Schansi.

Jahrhundertelang stellten die Mönche des Tempels Kessel mit Wasser für den Tee auf das Feuer, wenn sie unten Pilger sahen, die im Schatten der Schluchten als schwarze Punkte langsam den Berg hinaufstiegen.

Jetzt legt ein alter, zitternder buddhistischer Mönch, den die kommunistischen Behörden in dieses taoistische Heiligtum zur Unterhaltung der Touristen beordert haben, seine gelbe Robe an, um sich der indiskreten Neugier ihrer Kameras zu stellen.

Der Rest des Gebirges ist unzugänglich, die anderen 28 Weihestätten sind zerstört. »Einige wurden während der Kulturrevolution mit Dynamit gesprengt«, sagt ein Touristenführer. Aber der Schwebende Tempel, als einziger erhalten, wurde soeben restauriert - als Attraktion für Ausländer, die von der Stadt Datong aus betreut werden.

In der Vergangenheit sahen die Besucher Chinas lediglich Volkskommunen, Fabriken mit Namen wie »Rote Flagge«, Kindergärten, Schulen und Revolutionsmuseen. Auf die bloße Frage nach Tempeln und Pagoden antworteten die offiziellen Touristenführer gelegentlich mit einem barschen Verweis. »Das ist das alte feudalistische China«, lautete dann die Antwort. »Wir möchten Ihnen das neue sozialistische China zeigen.«

Seitdem sich das Land für den Massentourismus öffnet, begreifen die kommunistischen Behörden, daß sie den Ausländern auch etwas bieten müssen, wonach sie suchen, wenn sie weiterhin Devisen bringen sollen. Doch ein großer Teil des alten China ist untergegangen: zerschlagen, verbrannt, ausgeplündert, ausgelöscht. Die Behörden versuchen deshalb jetzt, in aller Hast zusammenzukitten, was übriggeblieben ist.

Vor drei Jahren forderte die Provinzregierung von Schansi alle Kreisverwaltungen auf, eine Aufstellung der historischen Denkmäler vorzubereiten, die noch gerettet und auf die Reiseroute der Touristen gesetzt werden könnten. Schnellstens wurde ein Reparaturplan verabschiedet, und einige Orte, zu denen Ausländer früher keinen Zugang hatten, sind bereits für Touristen freigegeben. S.91

Diese wenigen isolierten Stätten, die eilig hergerichtet wurden, zeigten das ganze Ausmaß der Zerstörungen der Vergangenheit, aber auch die Absurditäten der augenblicklichen Restaurierungspolitik: Teile verschiedener Tempel werden zusammengesetzt, alte Ruinen von einer Stelle zur anderen transportiert, Überbleibsel von Statuen, Bilder mit religiösem Inhalt und Inschriften von ihrem ursprünglichen Standort entfernt, unzulänglich aufpoliert und völlig sinnlos woanders aneinandergefügt.

China, voll besten Willens, ist auf dem besten Weg, ein kultur-historisches Monstrum zusammenzukitten, eine Art archäologischen Frankenstein, zum Nutzen der ausländischen Konsumenten und der chinesischen Staatskasse, zum Schaden geschichtlicher Authentizität und künstlerischer Originalität.

25 Kilometer südlich von Taijüan, der Hauptstadt Schansis, sind Dutzende von Arbeitern dabei, einen Tempel aus der Ming-Dynastie (14. bis 17. Jahrhundert) unmittelbar neben einer halbfertigen Pagode aus der vorhergegangenen Jüan-Dynastie aufzubauen, während schon die Ziegel eines weiteren Bauwerkes aus einem entfernten Dorf hierher gebracht wurden.

In einigen Monaten wird die alte heilige Stätte Jin Ci, die vor tausend Jahren rund um drei legendäre Quellen zu Ehren der »Mutter der Gewässer« angelegt wurde (die Brunnen liegen wegen Verschmutzung durch ein riesiges Chemiewerk trocken), ein kulturhistorischer Freizeitpark sein, ein »Garten der Tempel«, mit einer Auswahl verschiedener traditioneller chinesischer Gebäude.

»Die Touristen brauchen dann nicht mehr zu so vielen Stellen zu fahren«, sagt der Reiseführer. »Sie kommen hierher und sehen alles. Das wird für sie sehr bequem.«

Alte, in Stein gemeißelte Arbeiten, hölzerne und Bronzestatuen, alte Möbel und sogar alte Haustüren werden von Bauern aus der ganzen Provinz herbeigeschafft, um den »Garten der Tempel« zu füllen.

Hier stimmt wenigstens noch die Umgebung.

In der Provinz Kuangtung, in Südchina, haben die Behörden so wenig gefunden, was sie der Touristenindustrie anbieten können, daß sie ein Projekt erwägen, das ihnen eine kalifornische Firma für 70 Millionen Dollar angedient hat: Bau eines »alten chinesischen Kultur- und Freizeitzentrums«, einer Art Disneyland-Kopie einer alten Stadt zur Zeit der miteinander kriegführenden chinesischen Provinzen.

Nirgends ist so gut abzulesen, was derzeit in China vor S.92 sich geht, wie in der Provinz Schansi, einem der ältesten Kulturzentren des Landes, im Norden Chinas gelegen.

Nur wenige westliche Reisende gelangten jemals in dieses windgepeitschte Lößland, Schansi war die »versteckte Provinz«. Als 1900 das internationale Expeditionskorps China für die Verbrechen des ausländerfeindlichen Boxeraufstandes strafte, machte es an den gebirgigen Grenzen der Provinz Schansi halt. Die Berge schienen für weiteres Vordringen zu hoch.

Weit entfernt von jener Küste, an der die Ausländer Städte wie Schanghai und Tientsin aufbauten, weit entfernt von Peking, der jüngsten Hauptstadt des Kaiserreiches, war Schansi, lange bevor die Geschichtsschreibung einsetzte, die Heimat der »schwarzhaarigen Rasse«, des Stammvolkes der Chinesen.

In der Nähe der Stadt Linfen trägt ein Berg den Namen »Der Gipfel der Vorfahren des Menschen«. Denn nach einer alten Sage wurden während einer großen Flut zwei Menschen auf dem Rücken eines Löwen dorthin gebracht, der sie so vor dem Ertrinken rettete - die chinesische Version der Arche Noah.

In Schansi wurde angeblich der Mann geboren, der als Erfinder der chinesischen Schrift gilt; aus Schansi soll jene Kaiserin gekommen sein, welche die wildlebende Raupe des Maulbeerschmetterlings zur Seidenraupe domestizierte. Die Bewohner von Schansi, ein großer und eigensinniger Menschenschlag, widerstanden allen Eindringlingen - sie wurden nicht mal von den Mongolen Dschingis-Khans unterworfen.

Alte Männer und Frauen, heutzutage auf den Dorfmärkten der Provinz zu finden, homerische Gestalten in wattierter schwarzer Kleidung, sind die direkten Nachfahren dieser unverdorbenen Rasse von Schansi.

Überall in der Provinz haben Mythologie und Geschichte Spuren der einstigen Größe Chinas hinterlassen. Im Norden die Jünkang-Höhlen, wo Hunderte von Buddha-Figuren zum Ruhme der neuen Religion, die aus Indien kam, aus dem Felsen gemeißelt wurden. Im Zentrum stehen die Tempel zu Ehren der Kaiser Chinas des legendären Zeitalters, als »das Getreide auf den Feldern wuchs, Fische in den Teichen schwammen, es Gold vom Himmel regnete und die Menschen glücklich waren«. Im Süden liegen die großen Heiligtümer des Taoismus, der sich von hier aus auf das übrige China ausbreitete.

Als die Kommunisten 1949 das Land übernahmen, standen hier 78 Prozent aller Tempel Chinas. Die Provinz Schansi war ein riesiges offenes Freilichtmuseum. Jetzt ist es ein trauriger Friedhof, übersät mit Ruinen.

An der kurvenreichen Straße durch die Berge, auf der ein Besucher reist, um von Datong aus den Schwebenden Tempel zu erreichen, sieht man Dutzende von Höhlen-Dörfern, die in erstarrten Schlamm gekratzt wurden.

In jedem kann man über den flachen Dächern das bogenförmige Dach eines Tempels sehen. Doch keines dieser Gebäude ist noch Tempel. Ihr Vordereingang ist zugemauert, die farbigen Ziegel sind entfernt; einige werden als Getreidespeicher genutzt, andere stehen leer und verrotten: nicht einmal die Folgen der Kulturrevolution, sondern Ergebnis einer konsequenten Politik der kommunistischen Partei Chinas, die methodisch vorging, um alle Einflüsse der vergangenen Feudalkultur auf die Gesellschaft zu beseitigen.

Der erste Schlag fiel schon in den 50er Jahren, als die Bodenreform das Land umgestaltete. Zu jedem Tempel gehörten Felder, deren Erträge der Finanzierung ihrer religiösen und pädagogischen Aufgaben dienten. Da der gesamte Boden beschlagnahmt wurde, fielen diese Existenzmittel fort, die Mönche waren gezwungen, Zivilberufe zu ergreifen und zu arbeiten - wenn man sie ließ.

»Wir hungerten und mußten in die Ebene hinuntergehen«, sagt Zhing Lien, der 77jährige Mönch, der jetzt im Schwebenden Tempel Dienst tut. 1960 verließ er das Heiligtum auf dem Wu-Tai-Berg, wo er 20 Jahre lang gelebt hatte.

Ein weiterer Schlag waren die »Kampagne gegen die vier alten Traditionen« (alte Kultur, alte Gewohnheiten, alte Bräuche, altes Gedankengut) und dann die Kulturrevolution, als Tausende Rote Garden losgelassen wurden, um die letzten Tempel zu schließen, die verbliebenen Mönche zu verprügeln und alles zu zerstören, was noch überlebt hatte.

Nun lautet die offizielle Erklärung, die Kampagne sei damals außer Kontrolle geraten, weil Ultralinke, die berüchtigte »Viererbande«, die Führung übernommen hätten. Doch die Ideologie der Kulturrevolution war in der Substanz dieselbe, nach der bereits während des »Befreiungskrieges« Soldaten der Roten Armee ausgesandt wurden, um aus den Tempeln die »Götterfiguren« zu entfernen und auf den Dorfplatz zu werfen, ihnen die Gliedmaßen zu brechen, ihre Köpfe vor den Augen der Bauern zu beschmieren, nur um zu zeigen, daß diese »Götter« keine Macht besäßen.

Man sagte dem Volk, die Buddhas seien das große Hindernis auf dem Weg zur Modernisierung gewesen, die Religion habe China in einen Zustand von Unterentwicklung gehalten, die Statuen könnten keine Rettung bringen. In jener Zeit mußten die Bewohner von Schansi die Parole lernen: »Mao Tse-tung ist der Erretter des Volkes.«

Jahrhundertelang hatte die Religion die Herzen und Hirne der Chinesen, ihre Kultur und Geschichte beherrscht. Ihre S.93 Kunst, Philosophie und Ethik waren von ihr bestimmt, die Religion hatte »Chinas subtilste Gedanken hervorgebracht«, so der Ethnologe Ernst Fenellosa.

Für die Kommunisten, die 1949 die Macht übernommen hatten, war ihre eigene Revolution der Schnittpunkt der chinesischen Geschichte, ihre erklärte Politik bestand darin, alle Einflüsse der Vergangenheit zu beseitigen. Das alte feudalistische China mußte fallen, damit das neue sozialistische China entstehen konnte - und das war nur logisch.

Doch zusätzlich mußte noch ein neuer Mensch her - und dazu der alte beiseite geschoben werden. Da Mao in China ein »unbeschriebenes Blatt« sah, leitete er eine Entwicklung ein, die zu einem der größten, noch ungelösten Widersprüche der kommunistischen Politik geführt hat.

»China hat eine 4000 Jahre alte Geschichte«, hört jeder ausländische Besucher Chinas immer wieder von den Reiseleitern und den Regierungsbeamten, denen er begegnet. Diese Geschichte jedoch, eine Geschichte von Göttern, Kaisern, Helden, Tempeln und Palästen, ist eine Geschichte des Feudalismus - deshalb wird sie den Chinesen selbst vorenthalten.

Darin liegt der Widerspruch: Im Verhältnis zur Außenwelt rühmt sich China seiner Glanzleistungen der Vergangenheit, um die Mißerfolge der Gegenwart auszugleichen; aber nach innen wird diese Vergangenheit abgelehnt und zerstört. So soll denn das Volk auf etwas stolz sein, von dem es zugleich nichts wissen darf.

»China ist eines der Länder der Welt mit der längsten Geschichte«, lauten sogar die ersten Worte des Entwurfes für die chinesische Verfassung von 1982, »das chinesische Volk hat eine glanzvolle Kultur hervorgebracht ...«

Um welche Kultur es sich aber handelt, wird wohlweislich nicht klargemacht, denn die Kommunisten leugnen jeglichen Wert der traditionellen chinesischen Kultur. Drei Jahrzehnte lang haben die jungen Chinesen in der Schule nichts über die Klassiker, über die Dynastien früherer Zeiten und über das alte China erfahren.

Die chinesische Geschichte wurde ausschließlich als eine Abfolge von Bauernaufständen gelehrt, nicht als eine Geschichte der »Kaiserreiche, die aufsteigen und untergehen« (so beginnt Chinas klassischer Roman »Die drei Königreiche").

Eine ganze Generation ist herangewachsen, die nichts von den alten Mythen, den Legenden weiß und nicht einmal die Namen der Kaiser, Helden und Götter kennt, die alle zusammen jenes riesige Pantheon bildeten, das China jahrhundertelang mit Leben erfüllte. In den Grundschulbüchern findet man heute nicht einmal den Begriff »Kaiser«.

Die offiziellen Führer des chinesischen Reisedienstes, der staatlichen Organisation, die das Tourismusmonopol innehat, wohl Teil des Sicherheits- und Geheimdienstapparats, wissen nur sehr wenig über die Plätze, zu denen sie die Besucher führen.

Ein ausnahmsweise gut informierter Fremdenführer in Taijüan gibt zu, daß er alle seine Kenntnisse über die Geschichte der heiligen Stätte Jin Ci aus einem Exemplar des Nagel-Reiseführers (in Englisch) bezieht, das ihm ein früherer Besucher geschenkt hat.

Der Buchladen »Neues China« in der Hauptstadt von Schansi bietet nur Bücher über den Marxismus-Leninismus an, die gesammelten Werke Maos, sogar das neueste Werk des Nordkoreaners Kim Il Sung, aber nicht eine einzige Sammlung alter Gedichte, nicht ein einziges Buch über die Geschichte Taijüans, keine Beschreibung seiner historischen Denkmäler, nicht einmal einen Stadtplan oder eine Ansichtspostkarte.

Dahinter steht der Gedanke, daß von den alten Helden des Feudalismus nichts zu lernen sei und das Volk ausschließlich von den modernen sozialistischen Helden zu lernen habe.

Im Zentrum von Linfen, dessen schöner Trommelturm, einst das Wahrzeichen S.94 der Stadt, eine Ruine ist, steht eine berühmte Pagode, die während der Tang-Dynastie um einen riesigen eisernen Buddhakopf mit hervorquellenden Augen und mysteriösem Lächeln gebaut wurde.

Nach der Sage hat Buddha sich in Sian zum Schlafen gelegt, und als er sich zurücklehnte, ist sein Kopf abgefallen und in Linfen gelandet, in einer Entfernung von einigen hundert Kilometern.

Nach 1949 wurde der Tempel in eine Schule umgewandelt, später daraus eine Ausstellungshalle gemacht, wahrscheinlich um den schlechten Einflüssen des Platzes entgegenzuwirken. Seit einem Jahr ist in den Räumen dieses großen Gebäudekomplexes eine Sammlung von Bildern über das Leben eines gewissen Lei Feng untergebracht.

Nach der heutigen kommunistischen Legende war Lei Feng ein Soldat der Befreiungsarmee, der immer der Partei gehorchte, immer etwas Gutes für das Volk tat und starb, als ihm der Mast einer elektrischen Leitung auf den Kopf fiel. In Wahrheit hat er nie gelebt.

Das Haus ist leer, keine Besucher, keine Gläubigen, eine unerhörte Raumverschwendung in einem Land, in dem jeder bebaute Quadratmeter wertvoll ist.

»Wie hieß dieser Tempel?«, fragt der Besucher eine Gruppe Jugendliche, die auf einem schmutzigen Hof zwischen Kohlehaufen im alten Zentrum von Taijüan Federball spielen. »Hier gibt es keinen Tempel, dies ist eine Fabrik«, antworten sie.

Unter den gelben Ziegeln der zerbrochenen Dächer, Hinweis auf den kaiserlichen Ursprung des Komplexes, stehen tatsächlich Maschinen und arbeiten Leute. Leitungsdrähte, Schornsteine und Plakate verunstalten das Gebäude. Alte Bogengänge sind zugemauert, neue Fenster gebrochen. Die Geisterwand mit den fünf Drachen, die den Eingang des Tempels beschützen, mußte fallen.

Längs der Außenmauern haben Dutzende von Arbeiterfamilien aus Ziegeln und Holzkisten schäbige Hütten gebaut, die sie als ihr Heim bezeichnen. Hier wie an Tausenden anderen ähnlichen Orten leben Menschen zwischen den Ruinen der großen Baudenkmäler, zu denen sie keinerlei Beziehung mehr haben.

Ihrer eigenen Vergangenheit völlig entfremdet, bewegen sie sich zwischen dem Schutt jener anderen Welt und sind erstaunt, daß der Besucher den Ruinen, von denen sie nicht einmal wissen, woher sie stammen, soviel Aufmerksamkeit schenkt.

Jetzt, da dieselben Behörden, die einst die Zerstörung anordneten, befohlen haben, diese Stätten wiederherzustellen, sind die Leute verwirrt, manche sogar erbost, vor allem die Jugendlichen.

»Warum wird soviel Geld für die Restaurierung der Tempel ausgegeben, wo wir doch Häuser brauchen?«, sagt ein Arbeiter in Taijüan. Und ein Student in Datong: »Wir müssen voranschreiten und das Land modernisieren. Warum gehen wir also zurück und beleben das Alte?«

Diese Stätten werden jedenfalls nicht für die Chinesen instand gesetzt und neu eröffnet.

In der gelben monotonen Ebene, deren Eintönigkeit nur durch Gruppen von Lehmhäusern innerhalb von Dorfmauern aus Lehm unterbrochen wird, erhebt sich 65 Kilometer südlich von Datong die elegante dunkle Silhouette einer Pagode.

Die 66 Meter hohe Jingxian-Pagode, ganz aus Holz, wirft seit ihrem Baujahr 1056 ihren langen schützenden Schatten über die flachen Dächer der Bauernhäuser ringsum: ein gigantischer Holzbau, der auf einem Steinsockel steht, verblüffendes Zeugnis vergangener Zimmermannskunst.

Schon in den 50er Jahren wurde diese Pagode zum Nationaldenkmal erklärt, ein Buch vorbereitet, das den Glanz dieses Bauwerks in allen Einzelheiten illustrieren sollte. Das Buch wurde schließlich 1980 veröffentlicht, aber inzwischen war die Pagode nicht mehr dieselbe.

Im August 1966 kamen die Roten Garden hierher und zerstörten alles in einer Nacht. Sie versuchten, die Brustkästen der einzigartigen Ton-Buddhas aufzubrechen, denn der Sage nach hatten sie Herzen aus Gold.

Die hatten sie in der Tat, denn sie enthielten die Sutras, heilige Schriften, goldene Worte. Aus Enttäuschung und Verärgerung verbrannten die Roten Garden sie. Die Tiere aus Stein, die rings um den Sockel der Pagode gemeißelt waren, zerschlugen sie mit Hämmern, an die Tempel wurde Feuer gelegt.

Die Pagode ist teilweise restauriert, allerdings durch ein Eisentor abgesperrt, vor dem sich Hunderte von Dorfbewohnern versammeln, um stumm auf den einsamen Ausländer zu starren, der eine Eintrittskarte kauft und herumgeführt wird.

Es ist nicht mehr ihre Pagode, sie haben damit nichts zu tun. Alte Leute, die den Statuen traditionsgemäß Räucherstäbchen opfern würden, dürfen nicht hinein. Die Stätte ist tot und leer. Während Polizisten die Menge in Schach halten, erklärt ein früherer Soldat das Regierungsprojekt, das Reparaturen, die Anlage von Blumengärten, kleine Kioske und einen Parkplatz für Touristenbusse vorsieht: Kitsch um einen Tempel herum, dessen Größe in seiner Schlichtheit lag. S.95

Diese Schlichtheit des Bauwerks spiegelte sich in einem nahe gelegenen See wider - er ist verschwunden. »Wir haben den See ausgetrocknet, weil dort Moskitos waren«, sagt der Funktionär.

Wohin immer man kommt, überall werden grobe Reparaturen ausgeführt, die Farben sind schreiend, die Details abstoßend - weder religiöse noch künstlerische Eigenart von Gebäude und Statuen werden beachtet.

Im Hof des Schan-Hua-Tempels in Datong wurden ein eiserner Ochse und ein eisernes Pferd aus einem zerstörten Dorfheiligtum vor eine Geisterwand aus farbiger Keramik mit fünf Drachen aufgestellt, die ihrerseits aus einem anderen Tempel in Datong dorthin gebracht worden waren. Jener Tempel nämlich mußte abgerissen werden, um einem neuen Hotel Platz zu machen.

In Taijüan hat man 200 Steintafeln mit einigen der besten Kalligraphien aus der Zeit der Ming-Dynastie in einen neuen Pavillon neben den Zwillingspagoden der Stadt eingesetzt. Die Tafeln standen in einem alten Tempel in der Stadtmitte, der seit der »Befreiung« 1949 der Kommunistischen Partei am Ort als Hauptgeschäftsstelle diente.

»Die Partei möchte den Tempel nicht aufgeben. Wir haben wenigstens die Tafeln gerettet«, sagt ein Beamter in Taijüan. Rings um die Zwillingspagoden entstand eine Lagerstätte für Altertümer aus der ganzen Stadt.

Reparaturarbeiten, für die Sachkunde unentbehrlich ist, führen allerorts die unwissenden örtlichen Behörden durch. Auf die Frage, wer den Restaurierungsplan für den Tempel des Kaisers Jao, fünf Kilometer außerhalb von Linfen, entworfen habe, antwortet der örtliche Funktionär, dessen Kultur-Erfahrung in der Zuständigkeit für die zwei örtlichen Kinos besteht: »Das haben wir getan, nach Befragung der Massen.«

Jao war einer der fünf legendären Kaiser Chinas. Er soll drei Meter groß gewesen sein und 102 Jahre regiert haben. Das war das Goldene Zeitalter, von dem Konfuzius träumte, jene Ära, da in China Frieden herrschte und die Menschen ehrlich und aufrichtig waren.

»Höher als die Wolken, höher als der Mond«, preist Jao eine Inschrift am Haupteingang seines Tempels bei Lingfeng. Dies war eine der heiligen Stätten Chinas, denn jeder Kaiser kam hierher, um Jao Ehre zu bezeugen.

In der Haupthalle, die voriges Jahr teilweise einstürzte, steht seine riesige Statue immer noch, umgeben von den Statuen seiner Berater. Viele der anderen sakralen Bauwerke sind verschwunden.

Nun wurde ein Plan für einen neuen Gebäudekomplex entworfen, der die kulturellen Überreste, aber auch die dafür zuständigen Angestellten aufnehmen soll.

Auf dem heiligen Boden, auf dem einst ein Wald uralter Zypressen stand, pflanzen Arbeiter junge kanadische Kiefern und legen nun das Fundament für ein Wohnheim. Drei weitere Zufahrtstraßen werden gebaut, welche die feierliche Symmetrie der Stätte endgültig zerstören: Architekten oder Restauratoren sind nicht beteiligt, alles wird von den Parteikadern entschieden.

Diese Kader - dick, blaue Uniformen, die Mützen bis zu den Ohren heruntergezogen, immer mit einer schwarzen Plastiktasche in der Hand, eine Zigarette nach der anderen rauchend - sind die Herren des Landes. Frühere Berufsrevolutionäre, Parteiapparatschiks ohne jegliches Verständnis für die traditionelle Kultur, haben sie bestenfalls das Verdienst, schon vor 1949 der Kommunistischen Partei beigetreten zu sein. Diese Kader sind jetzt für die Restaurierung zuständig.

Für jeden neueröffneten Tempel und jede wiederhergestellte Pagode werden sechs bis zehn Mann Aufsichtspersonal angestellt, gewöhnlich die Kinder der Kader. Junge Mädchen führen den Besucher über das Gelände, öffnen und schließen die Türen der Heiligtümer.

Die meisten von ihnen wissen nicht das mindeste über diese Stätten, erst auf Bitten wiederholen sie auswendig den Inhalt einer Broschüre, die, »nur für internen Gebrauch«, die Maße der Gebäude angibt. Am Schluß heißt es dann: »Seit 1949 hat die Kommunistische Partei ständig Geld und Energie investiert, um die kulturellen Altertümer Chinas zu erhalten und restaurieren.«

In der Jingxian-Pagode arbeitete bis vor kurzem noch ein 72jähriger Mann, der die Ton-Buddhas reparieren konnte. Seit er krank ist, steht die Arbeit still - niemand sonst kennt die Techniken. In Pingyao gibt es niemanden, der in der Lage wäre, von den tausend Jahre alten Fresken im »Doppel-Wald-Tempel« die weiße Farbe zu entfernen, mit der man die Fresken 1966 übertünchte, als der Tempel ein Lagerhaus wurde. In Lingfeng gibt es keinen Tischler, der das komplizierte hölzerne Gitterwerk der Türen im unteren »Schwebenden Regenbogentempel« nacharbeiten kann.

1979 fand in Peking eine Konferenz über die Restaurierungsarbeiten in China statt. Auf der zweiwöchigen Tagung wurde der Vorschlag gemacht, eine nationale Schule für Restauratoren zu gründen, aber zurückgewiesen. Begründung: »Wir sind immer noch ein armes Land. Das können wir uns nicht S.96 leisten.« So wird China weiterhin modernisiert - ohne Rücksicht auf die Altertümer. Bei Bauarbeiten für eine neue Straße in der Vorstadt von Taijüan wurde vor zwei Jahren ein 1400 Jahre altes Grab eines kaiserlichen Beamten entdeckt. Die Wände des Grabeingangs waren mit Fresken verziert.

Da niemand wußte, wie man sie hätte schützen müssen, waren sie bald nach dem Eindringen frischer Luft zerstört. Das Grab wurde wieder geschlossen, offenbar kein Einzelfall. »In der ehemaligen Hauptstadt Luoyang wurden zum Beispiel tausend Gräber zerstört«, schrieb die Pekinger »Volkszeitung«.

Handwerkliche Fähigkeiten waren in China früher hoch entwickelt. Millionen von Handwerkern wußten zu jeder Zeit jedes beliebige Material zu bearbeiten, von Holz über Eisen, Stein, Seide, Bronze bis Jade - die Kultur Chinas lag nicht nur in den Werken seiner großen Philosophen, Dichter und Maler, sondern vor allem auch in der Arbeit einer unendlichen Schar namenloser Baumeister, Tischler, Bildhauer und Weber.

Diese handwerkliche Tradition wurde bald nach der Gründung der Volksrepublik unterbrochen und besonders zur Zeit des »Großen Sprungs nach vorn« als nutzlos angesehen, da die ganze Nation zur Herstellung von Roheisen gebraucht wurde. Alles, was dekorativ war, galt als überflüssig. Die Chinesen mußten ihren Patriotismus beweisen. Jedes Stück Eisen - ob Türdrücker, Opferschale oder Schrankschloß - wurde eingeschmolzen, und zwar oft in Öfen, die mit geschnitzten Hölzern alter Möbel oder Kulturgegenstände befeuert wurden.

Ein berühmter Film aus jener Zeit, der die Massen in diesem Sinne erziehen sollte, lief damals in ganz China: »Das Geschenk aus den Sommerferien«. Inhalt: Kinder hatten von einem alten Mann gehört, auf dem Grund des Flusses lägen alte Bronzeglocken. Sie verbrachten den Sommer damit, die Glocken zu bergen, und schmolzen sie anschließend in einem primitiven Ofen. Der Staat schenkte ihnen dafür einen Traktor.

So angeleitet, vernichteten die Chinesen im ganzen Land unschätzbare Metall-Kunstwerke. Aus den Zwillingspagoden in Taijüan wanderten 20 große Buddha-Statuen aus Bronze in die Schmelzöfen; die Nischen, in denen sie seit Jahrhunderten standen, sind jetzt leer.

Früher war man in Schansi stolz darauf, daß alle Städte und Dörfer der Provinz über eindrucksvolle Mauern verfügten. Sie wurden systematisch abgerissen, nachdem die Behörden die Einwohner ermutigt hatten, sich aus den Ziegeln Häuser zu bauen.

Seit Jahrhunderten hatten die Bauern in Schansi ihren Kindern beigebracht: »Du darfst nie ein Stück Papier verbrennen, wenn darauf ein Schriftzeichen steht.« Dann wurden ihnen plötzlich die Bauern von Schigok, nördlich von Linfen, als Vorbild hingestellt: Die entfernten die Steinstelen, auf denen die Geschichte ihres Dorfes eingeschnitzt war, und verwendeten sie beim Brückenbau. Die Parteizeitung lobte die gute Tat.

Bei Yuncheng, im Süden von Schansi in der Nähe eines Salzsees, steht ein großer Tempel, gebaut während der Sui-Dynastie zur Ehre des Helden Guangkong. Er ist für alle Chinesen Symbol der Zuverlässigkeit und Treue, Star vieler klassischer Opern. Jahrhundertelang war der Tempel Zentrum des Guangkong-Kults, noch 1957 stellte ein dort ansässiger Bauernmaler auf zwei großen Fresken die ruhmreichen Taten des »Helden mit dem roten Gesicht« dar. Die Bewohner zahlten Abgaben an den Tempel.

Als 1966 die maoistischen Rebellen anrückten, um diesen Tempel anzugreifen, wurde er von der Bevölkerung beschützt. Zhang Jiexiang, die für den Tempel zuständig war, und ihre sechs Mitarbeiter schlossen alle Türen von innen und verbarrikadierten sich. Die Belagerung dauerte drei Monate.

»Ihr habt den Schlüssel, aber keine Macht!« riefen die Roten Garden den Eingeschlossenen zu. Frau Zhang aber hatte die Einwohner auf ihrer Seite. Nachts warfen sie Lebensmittel in den Tempel, schließlich gaben die Roten Garden auf.

1969 ordneten die maotreuen Behörden des Kreises an, den Tempel als Schule zu nutzen, aber Frau Zhang gab dafür nur einen Hof frei und baute mit ihren Leuten eine hohe Mauer ringsherum, damit niemand den Tempel von der Schule aus betreten konnte.

Heute ist das Guangkong-Heiligtum in Schansi die einzige vollständig erhaltene Kultstätte in der ganzen Provinz, die einzige auch, in der die religiöse Aura noch spürbar ist. Auf den Altären stehen die Bronzeschüsseln, die legendären Waffen des Helden Guang sind im Arsenal, und in einer dunklen Ecke des Haupttempels steht eine lebensgroße Statue von Guangkong, die in früheren Zeiten von einer Prozession einmal im Jahr in einer Sänfte durch die Straßen der Stadt getragen wurde.

Das alles ist vorbei, und vorbei wird es bald auch mit den Erinnerungen an die religiöse Vergangenheit sein. Frau Zhang und ihre nun 16 Mitarbeiter unterhalten in ihrem Garten beim Tempel ein Gewächshaus, in dem sie Blumen und Gemüse züchten. Für das Geld wollen sie den Tempel nun mit Zustimmung der Behörden in ein Gästehaus für ausländische Besucher umwandeln.

Dingcun, ein Dorf aus der Ming-Dynastie, 30 Kilometer südlich von Linfen, wurde nur durch Zufall gerettet. Es ist ein architektonisches Juwel, jedes Haus ein Museum: schwere Holztüren, Wände aus Keramik mit Geisterfiguren, geschnitzte Veranden und sorgfältig gearbeitete Gitterfenster, jede Kleinigkeit ein Beispiel hochentwickelter Handwerkskunst. S.97

Seit Generationen arbeiteten hier die besten Handwerker Schansis, angeheuert von den Hauseigentümern, die Geschäftsleute und Grundbesitzer waren. Das Dorf war eines der reichsten der Gegend: Auf den Höfen standen Podien aus Marmor, sogar die Pfähle, an denen die Pferde festgebunden wurden, bestanden aus Marmor mit geschnitzten Löwenköpfen.

1949, als das Regime hier wie in ganz China die Grundbesitzer wegen Verbrechen gegen das Volk anklagte und vor ein öffentliches Gericht stellte, wurden die Einwohner aus Dingcun vertrieben. Etliche Grundbesitzer flohen, andere wurden hingerichtet. Bauern erhielten die Häuser zugeteilt.

1954 entdeckten Arbeiter, die einige hundert Meter von Dingcun an einer neuen Eisenbahnstrecke arbeiteten, die 400 000 Jahre alten Überreste eines prähistorischen Menschen, das rettete Dingcun. Denn nun zog ein Team von Archäologen in das Dorf ein. Beeindruckt von der Einzigartigkeit der Häuser stellten die Wissenschaftler ein Verzeichnis aller Häuser und der gesamten Einrichtung auf.

Dao Fuhai, der sich als armer Bauernjunge an der Tötung des Grundbesitzers in seinem eigenen Dorf beteiligt hatte ("Viermal stieß ich zu, viermal, und ich war glücklich, weil er meiner Familie soviel Leid zugefügt hatte"), gehörte zu den Spezialisten, die nach Dingcun kamen. Er widersetzte sich den Roten Garden, die 1966 von Dingcun die Reste der feudalistischen Vergangenheit beseitigen wollten.

Jetzt muß er Dingcun vor den gleichen Bauern schützen, die vor 30 Jahren nach der Revolution triumphierend in die Häuser der Grundbesitzer eingezogen waren. »Sie hängen ihre Maiskolben an die geschnitzten Balken, sie schlagen Nägel in die Holzwände für ihre Wäscheleinen, sie halten Tiere in den Häusern«, sagt Dao Fuhai.

Jetzt sollen die Dorfbewohner umgesiedelt werden, damit die alte Grundherrendomäne erhalten bleibt - für die Touristen.

»Wir müssen einen Teil unseres Erbes der Vergangenheit aufrechterhalten, wenn wir weiterhin ein zivilisiertes Land bleiben wollen«, erklärt Dao Fuhai die neue Tendenz.

Viele Intellektuelle, die aktiv an der Revolution teilgenommen hatten, und auch viele frühere Rotgardisten sind jetzt doch ein wenig verlegen oder gar beschämt, weil sie soviel sinnlose Vernichtung mitgemacht haben.

»Wir wollten das Alte zerstören, um das Neue aufzubauen, es ist aber keine neue Kultur entstanden«, sagt ein früherer Rotgardist, der zugibt, er habe 1966 in Peking Tempel angezündet, und der jetzt Touristen durch die Provinz Schansi führt.

Wohin man auch blickt, das Neue ist reizlos. Alle alten chinesischen Städte haben ihren Charme verloren, eine Stadt gleicht der anderen, mit einer Magistrale »Straße der Befreiung«, die eine »Straße der roten Flagge« kreuzt und auf den »Volksplatz« führt, wo ein Riesenporträt Mao Tse-tungs auf die armselige Leere blickt. Nach Sonnenuntergang sind alle Plätze dunkel und ausgestorben, die wenigen weißen Straßenlampen sehen gleich aus, von der Mandschurei im Norden bis nach Kanton im Süden.

Taijüan etwa war eine wunderschöne Stadt. Heute sind alle Teehäuser geschlossen, Jahrmärkte in Tempeln finden nicht mehr statt, der alte Chung-Yan-Palast, ein taoistischer Tempel, der das Herz der Stadt war, ist ein Provinzmuseum mit einer Sammlung von Ruinen aus ganz Schansi.

Die Kommunisten machten den Herrschern der Vergangenheit immer den Vorwurf, sie hätten riesige Tempel und Paläste für sich gebaut, während die Bauern Not litten. Den Besuchern der Ming-Gräber bei Peking (eines ist restauriert, die meisten sind verfallen) erzählt man noch heute, wie viele Sack Reis das Geld erbracht hätte, das die Kaiser für den Bau dieser Denkmäler ausgaben, und wieviel Menschen man damit hätte ernähren können.

Das jetzige Regime aber verhält sich kaum anders. In jeder Provinzhauptstadt steht eine große Nachbildung der gigantischen »Großen Halle des Volkes« in Peking, mit riesigen Räumen, die gewöhnlich leerstehen.

Unmittelbar nach der Befreiung bauten die Kommunisten in Taijüan in der Nähe der Zwillingspagoden den Märtyrern der Revolution ein Mammut-Denkmal und widmeten ihnen ein großes Gelände - obschon es so wenig Boden gab, daß die Parteifunktionäre die Bauern S.98 zwangen, ihre Toten zu verbrennen, um für die Gräber kein Ackerland zu verschwenden. Jetzt soll das Gelände als Friedhof genutzt werden.

Tempel, die jetzt als »Museen« wiedereröffnet werden, Pagoden, jetzt »Türme« genannt, sollen hauptsächlich die devisenbringenden Touristen anlocken. Leider liegen die Besichtigungsstätten oft in sehr abgelegenen Gegenden.

Einer der berühmtesten taoistischen Tempel Chinas, der Yong-Legong-Tempel in Süd-Schansi, der zu Ehren eines der acht mystischen »Unsterblichen« gebaut wurde, birgt die schönsten Fresken der Yüan-Dynastie. Da der Tempel in einem Tal stand, das für ein Staubecken vorgesehen war, ordnete die Zentralregierung 1959 auf persönliche Anweisung des Premiers Tschou En-lai an, den Yong-Legong-Tempel zu entfernen und 25 Kilometer weiter wieder aufzustellen.

»Wir sollten den Yong-Legong-Tempel noch einmal verlegen, diesmal aber nach Taijüan, wo wir bessere Möglichkeiten für die Touristen haben«, sagt ein Beamter der Provinzregierung.

In vieler Hinsicht ist China immer noch ein Land voller Geheimnisse, und die chinesischen Behörden sehen es nicht gern, daß sich Ausländer in ländlichen Gegenden ungehindert bewegen. Daher die Strategie, die touristischen Attraktionen auf wenige ausgewählte Orte zu konzentrieren und allenfalls von dort aus Omnibusse zur Besichtigung eines entfernteren Heiligtums zu schicken - aber nicht etwa zur Besichtigung des Dorfes, in dem es steht.

Von Taijüan aus darf man den »Doppel-Waldtempel« bei Pingyao besichtigen, aber sobald der Besucher zum Mittagessen in die alte Residenz geführt wird, jetzt Parteizentrale und Gästehaus der Regierung, darf er das von einer Mauer umgebene, bewachte Gelände nicht mehr verlassen. »Es ist unangebracht«, sagt einer der zuständigen Beamten.

Wer auf das Essen verzichtet, sich davonmacht und ein paar Stunden einfach umherläuft, bevor er wieder eingefangen wird, der entdeckt, weshalb die Behörden keine Ausländer in diese verbotene Stadt lassen möchten.

Alle Straßen, ungepflastert, sind mit einer Mischung aus Schlamm und Exkrementen bedeckt; eine alte Steinbrücke mit gemeißelten Löwenköpfen ist zerstört; darunter fließt ein toter Fluß, dessen Wasser flammendrot ist, verursacht durch eine in der Nähe gelegene Plastikfabrik; alle Tempel und historischen Denkmäler, die noch in einem Reiseführer aus den 50er Jahren erwähnt werden, liegen in Trümmern, eine katholische Kirche, die einmal hier stand, ist verschwunden.

Auf den Straßen bettelnde Kinder, schreiende Geisteskranke und ein alter Intellektueller, der nach 20 Jahren Arbeitslager jetzt den Rest seiner Bibliothek verkauft, um leben zu können.

Ein früherer Seminarist, der Latein spricht, damit ihn die Menge nicht versteht, versucht, dem Fremden etwas über die Unterdrückung der Christen mitzuteilen. Beim Durchschreiten des Stadttores trifft man auf eine Gruppe von ungefähr 200 Jugendlichen mit kahlgeschorenen Köpfen, die nach einem Tag der Umerziehung durch Arbeit, von vier uniformierten Polizisten bewacht, in das Gefängnis zurückkehren.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen bereitet die Wiedereröffnung der Tempel für Ausländer den kommunistischen Behörden ernste Schwierigkeiten, zunächst mit ihren eigenen Bürgern. Jetzt, da die Bauern sehen, daß einige ihrer alten Andachtstätten wieder angeschaut werden, da sie wissen, daß einige ihrer Götter wieder auf die alten Altäre zurückgekehrt sind, fühlen sie sich zu ihnen auch wieder hingezogen.

»Sie müssen nachts gekommen sein«, sagt der Mönch des Schwebenden Tempels und zeigt auf eine Tonstatue, der Unbekannte vor kurzem eine bestickte rote Mütze stifteten.

Die Statue, die auf ihrem Schoß ein Baby trägt, wurde verehrt, weil sie kinderlosen Paaren angeblich zu Nachwuchs verhalf. Die rote Mütze scheint jemand geschenkt zu haben, dessen Gebete erhört wurden.

In der Vergangenheit kannten die Chinesen für alles Unberechenbare einen Gott oder Geist, besonderen himmlischen Schutz für jede Lebenslage. Wenn es nicht regnete, wußten sie, an wen sie sich zu wenden hatten, wenn jemand krank war, gab es in irgendeinem Kloster in den Bergen eine Wundermedizin.

30 Jahre marxistische Erziehung und ideologische Kampagnen gegen Religion und Aberglauben haben die Macht jenes traditionellen, uralten Glaubens nicht ausgelöscht.

Im Landkreis Jiexu in der Mitte der Provinz Schansi suchen Bauern wieder ein einsames Kloster auf, um sich dort Wunderarzneien zu beschaffen, und vor kurzem sah man auch Funktionärslimousinen am Fuß des Berges: Die alten Geister der übernatürlichen Welt haben ihre Anziehungskraft noch nicht ganz verloren. So kritisierte die »Volkszeitung« vor kurzem in einem langen Artikel die Bauern, die zu Tausenden zum Berge Tai strömten, um der angeblich dort thronenden Göttin für die gute Ernte zu danken.

Die Politik der letzten 30 Jahre hat die Chinesen nur verwirrt und unsicher gemacht. Die alten Legenden aber haben ihre Faszination noch nicht eingebüßt.

Auf dem Marktplatz von Hungyüan sitzt eine alte Frau auf dem Pflaster und verkauft Schildkröten, wobei sie einer aufmerksam zuhörenden Menge die Geschichte ihres Ursprungs erzählt.

»Gott schuf die Schildkröte zusammen mit dem Menschen, damit sie ihm in seinem Leben hilft«, sagt sie. Die Zuhörer lauschen angespannt. Denn in der chinesischen Tradition ist die Schildkröte Held zahlreicher Legenden. Eine Schildkröte half dem ersten Kaiser, das Wasser des Gelben Flusses zu zügeln, zur Belohnung durfte sie 10 000 Jahre leben.

Anhand der Zeichen auf dem Rücken der Schildkröte entwarfen die Chinesen ihren Kalender und legten die Jahreszeiten fest, in denen gesät und geerntet wird. Auf steinernen Schildkröten standen die Tafeln mit den Inschriften der Kaiser. Die Schildkröte ist das Symbol für Langlebigkeit, Stärke und Ausdauer der Chinesen.

»Die Schildkröte birgt die Geheimnisse des Himmels und der Erde«, sagt die alte Frau und zeigt auf die mysteriösen Zeichen auf ihrem Panzer.

Und dann wird die Alte politisch: »Der Vorsitzende Mao änderte den Lauf der Flüsse und versetzte Berge. Er war aber nicht in der Lage, die Form der Schildkröte zu ändern.«

S.90Der 2000 Jahre alte Taoismus ist eine chinesische Lebensphilosophie,die Unsterblichkeit des Körpers durch Meditation, Gymnastik undEnthaltsamkeit predigt.*

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