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SENIOREN Chip am Kleid

Weil viele Altenheime zu wenig Personal haben, werden immer mehr geistig verwirrte Bewohner mit elektronischen Fußfesseln überwacht.
aus DER SPIEGEL 39/1999

Manchmal übernimmt die Erinnerung die Herrschaft über die alte Frau. Dann glaubt sie, dass sie noch immer an die 20 Leute versorgen muss. Also am besten erst zur Bank gehen und anschließend einkaufen. »Komm, Kleine«, sagt Rosalie Krause, 79, dann zu Gertrud Liebisch, 82, »die Oma nimmt dich mit.«

Die Hand von Frau Liebisch legt sich in die von Frau Krause, und so ziehen sie los. Doch der Weg zur Bank ist nicht weit, der Weg zum Einkauf auch nicht, kein Weg mehr: Alle enden an derselben Stelle, am Ausgang des Alten- und Pflegeheims St. Marien im hessischen Homberg (Efze). Ein schrilles Piepen wie bei einem ertappten Kaufhausdieb alarmiert die Betreuer im Haus, sobald die beiden alten Damen durch die Tür gehen.

Meist ist Schwester Helenata, die Leiterin des Heimes, dann als Erste bei ihnen und versucht, sie zur Rückkehr zu bewegen. Denn Rosalie Krause, die ehemalige Wirtschafterin, und Gertrud Liebisch, die als Fabrikantin Herrenhemden produzierte, leiden unter Altersdemenz: Sie leben in ihrer eigenen Welt. Und damit die reale Welt mit ihnen zurechtkommt, werden sie elektronisch überwacht. Am linken Arm trägt Rosalie Krause ein schmales Band, das aussieht wie eine etwas zu groß geratene Armbanduhr und in dem ein Sender versteckt ist. Im Rahmen der Ausgangstür verbirgt sich der Empfänger, der den Alarm auslöst. Gertrud Liebisch braucht kein Bändchen mehr, seit sie als Kind-Ersatz ohnehin nur noch mit Frau Krause auf Tour ist.

Während Rechtsgelehrte über die verfassungsrechtliche Zulässigkeit elektronischer Fußfesseln für Häftlinge diskutieren, wird die technische Überwachung in immer mehr Altenheimen leise zum Standard. Armbänder, aber auch Chips in den Schuhen oder in der Kleidung ersetzen den Pförtner und fehlendes Pflegepersonal. Allein die niedersächsische Firma Witec in Buchholz in der Nordheide verkauft jährlich 20 bis 30 komplette Systeme. »Eine humane Alternative zur Fixierung oder zur geschlossenen Unterbringung« der Alten, meint Geschäftsführer Klaus Wiechers.

An die 20 weitere Anbieter tummeln sich inzwischen auf dem Markt, denn die Nachfrage steigt, weil die Heime personell ausgepowert sind. »Bis zum letzten Jahr saß eine Schwester an unserer Pforte«, sagt Heimleiterin Helenata, »jetzt ist die alte weg, und eine neue konnten wir nicht einstellen.«

Das Haus St. Marien liegt aber direkt an einer Hauptverkehrsstraße. Die 6000 Mark teure Anlage soll verhindern, dass die alten Frauen geistesabwesend unter Autos geraten: »Wir sind heilfroh über die Sender«, sagt Katholikin Helenata, »sonst müssten wir Menschen wie Frau Krause einsperren.«

Kritiker dagegen wie der Neurologe und Geronto-Psychiater Jan Wojnar, der in Hamburg den psychiatrischen Dienst des Projekts »Pflegen und Wohnen« leitet, halten die Sender für »nichts anderes als eine verkappte geschlossene Unterbringung«. Die sei sogar noch der geringere Eingriff, »weil man feststellen kann, die Tür ist zu. Hier denken die Alten, sie können raus, und schon legt sich eine Hand in den Nacken«.

Ähnlich argumentierte das Amtsgericht Hannover, als Anfang der neunziger Jahre derartige Systeme zum erstenmal in Deutschland auftauchten. Die Undurchschaubarkeit könne bei den Bewohnern psychische Krankheiten verstärken. Die Juristen verboten die Anwendung. Zwar hob die nächste Instanz den Beschluss auf, weil ihr der Aufwand für einen Zaun oder für mehr Personal »unverhältnismäßig hoch« erschien. Doch immerhin wägte das Landgericht die Vor- und Nachteile eines Senders noch seitenlang ab.

Derart bedacht wird in der Praxis freilich nur selten entschieden. Der Vormundschaftsrichter Erhard Spanknebel in Homberg riet Schwester Helenata, das System einfach zu installieren, eine Genehmigung sei nicht erforderlich. Der Richter irrt. Immerhin handelt es sich bei der Chip-Überwachung um eine sogenannte freiheitsentziehende Maßnahme. Und die muss laut Verfassungsgericht wie etwa Fixierungen oder die Unterbringung in einer geschlossenen Abteilung auch vom jeweiligen Vormundschaftsgericht genehmigt werden.

»Ich halte es nicht für genehmigungspflichtig, weil ich es gar nicht für eine unterbringungsähnliche Maßnahme halte«, sagt Spanknebel. Natürlich stoße auch ihn die Technisierung ab, doch sehe er keine Alternative.

Damit trifft der Jurist die Stimmung in den Heimen. »Von unseren 75 Bewohnern stehen mehr als die Hälfte am Anfang einer Demenz, oder sie ist bereits fortgeschritten«, sagt Diakon Karl-Heinz Pastoors, Leiter des Hauses Laurentius im schwäbischen Schönaich. Alte Menschen, körperlich oft noch fit, bräuchten eigentlich besondere Zuwendung, ihr Bewegungsdrang sei immens. Manche müssten bei ihren Spaziergängen begleitet werden, doch wer soll das bezahlen? Also tragen Bewohner im Haus Laurentius bei Bedarf einen Sender in der Kleidung. Zwar möchte Pastoors die Technik möglichst selten einsetzen, sagt er, »doch unser Personalbudget reicht nicht aus, in allen Fällen eine menschenwürdige Betreuung zu gewährleisten«.

Rolf Theurer, Direktor des Amtsgerichts in Böblingen, hat die Überwachungsanlage genehmigt: »Sie können wählen zwischen Pest und Cholera. Fixierung, Unterbringung oder Überwachung. Natürlich wäre mehr Personal am besten. Aber die Wirklichkeit ist anders.«

Andere Vormundschaftsrichter sträuben sich gegen die Elektronik. Die Bremer Amtsrichterin Birgit Lange plädiert dafür, alten Menschen mehr zuzutrauen: »Wer stürzt, der stürzt auch im Heim«, sagt sie. »Es ist beispielsweise gerade für Alzheimer-Patienten wichtig zu laufen. Irgendwie kommen alte Menschen immer zurück, und sei es durch die Polizei.«

Als jüngst das Elisabethenstift in Darmstadt erweitert wurde, verzichtete die Heimleitung bewusst auf den Einbau einer Anlage. »Natürlich läuft uns jetzt manchmal jemand weg, auch auf die Straße«, so Heide Bittner, Leiterin der Pflegeabteilung, »aber es passiert nichts.« Meist seien Demente zwar örtlich orientierungslos, sagt Heinz Jürgen Kaiser vom Institut für Psychogerontologie an der Universität Erlangen, könnten aber reale Gefahren noch gut erkennen.

Verwirrte Bewohnerinnen einfach losziehen zu lassen, erschien der Heimleitung in Homberg aber zu riskant. Und so laufen Rosalie Krause und Gertrud Liebisch jetzt nur noch den Flur entlang, hin und her. »Ja, so ist das«, murmelt Frau Krause zwischendurch. Am Ende des Gangs bleibt sie vor den Pflanzenkübeln stehen. »Mehr kannste nicht erwarten«, sagt sie. GUNDA WÖBKEN-EKERT

Gunda Wöbken-Ekert
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