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Frankreich CHIRACS STURM NACH VORN

Überraschende Wende im Kampf um den Elysee-Palast: Jacques Chirac hat seinem Rivalen Edouard Balladur die Favoritenrolle abgejagt. Während der Premier Langeweile und Phantasielosigkeit ausstrahlt, appelliert der Gaullistenchef in volkstümlichen Auftritten an den Kampfgeist der Nation.
aus DER SPIEGEL 11/1995

Der eine Kandidat schlägt stämmigen Bauern aus der Auvergne auf die Schulter, daß sie vornüber kippen, beißt krachend in Äpfel, küßt rosige und runzelige Wangen, nennt Widersacher schon mal »Arschloch« und dürstet nach »großen Herausforderungen«.

Der andere Bewerber reicht Notabeln huldvoll die Fingerspitzen, nippt mit gespitztem Mündchen aus dem Kristallglas, begreift Kritik als »organisierte Böswilligkeit« und versprüht so zündende Kampfesrufe wie: »Ich lege Zeugnis ab von meinem unerschütterlichen Willen, den Sieg davonzutragen.«

Gleich sind sich die gegensätzlichen Kontrahenten, Gaullistenchef Jacques Chirac, 62, und der ebenfalls gaullistische Premier Edouard Balladur, 65, nur im brennenden Ehrgeiz, am 7. Mai zum französischen Staatspräsidenten gewählt zu werden.

Bis vor kurzem lag das Rauhbein Chirac in allen Umfragen derart hoffnungslos hinter dem vornehmen Balladur, daß dessen Wahltruppe dem Pariser Bürgermeister schon überheblich empfahl, doch auf seine Kandidatur zu verzichten - damit wenigstens die Einheit der gaullistischen Partei RPR gewahrt bleibe. Schlagartig hat sich die Situation nun geändert. »Frankreich reibt sich die Augen«, staunte der Figaro. Aus dem Underdog Chirac ist in nur etwa drei Wochen der Favorit geworden, und der siegessichere Balladur steht mit dem Rücken zur Wand. Monat um Monat hatte der Premier immer neue Popularitätsrekorde aufgestellt; jetzt führt Chirac in allen Umfragen, mit zuweilen so erstaunlichen Werten wie 60 zu 40 Prozent. Und da der Pariser Bürgermeister auch den sozialistischen Kandidaten Lionel Jospin - der legte letzte Woche ein prononciert linkes Programm mit 37-Stunden-Woche und höherer Kapitalbesteuerung vor - weit abhängt, sieht er die Nachfolge des Sozialisten Francois Mitterrand erstmals in Reichweite.

Fast scheint es, als hätte der Tatmensch Chirac, der eine aktive und fürsorgliche Regierung verheißt, die Franzosen aus ihrer politischen Lethargie aufgerüttelt. Balladur, der in allen seinen Reden erhabene Langeweile ausstrahlt, setzte dagegen auf die Sehnsucht nach Ruhe. Sein Pech ist es, daß die Zeiten turbulenter geworden sind.

Erst vorige Woche führten die Erschütterungen im Europäischen Währungssystem der Nation wieder vor, daß ihr Rang in Europa gefährdet ist. Fürs angeknackste Selbstbewußtsein aber ist der polternde Urgaullist Chirac weitaus heilsamer als der ölige Kabinettspolitiker Balladur.

Trotz der spektakulären Trendwende ist das Rennen um Frankreichs »magistrature supreme« noch nicht gelaufen. Die Gallier sind launische Wähler; Demoskopen zu foppen und Favoriten zu stürzen gilt als Nationalsport. Außerdem ist die Hälfte der Wählerschaft noch unentschieden.

In Chiracs Hauptquartier an der Pariser Avenue d''Iena herrscht dennoch Hochstimmung: Die Schubumkehr in der Wahlkampagne ist eindeutig. Chirac schwimmt auf einer Sympathiewelle, die Wankelmütige in ihren Sog zieht. Intimfeind Balladur, so ein Chirac-Berater erfreut, »hat es nicht geschafft, im RPR wirklich Fuß zu fassen«.

In Balladurs Kommandozentrale an der Rue de Grenelle sind Anflüge von Panik zu spüren. Lange Zeit eingelullt durch immer neue triumphale Voraussagen, wähnte der Premier, er könne den Wahlsieg bequem »im Sessel abwarten« (Le Journal du Dimanche). Bourgeois Edouard verließ sich darauf, daß der Regierungspartner der Gaullisten, die rechtsliberale UDF, ihn als ihren Zögling adoptieren und dem Kandidaten auf seinem Schleichweg in den Elysee die nötigen Wählermassen zuführen würde.

Bestätigt schien diese Hoffnung, als vorige Woche UDF-Präsident Valery Giscard d''Estaing resigniert auf die eigene Kandidatur verzichtete: »Meine Ideen finden kein Echo.« Und mit Ex-Premier Raymond Barre stieg ein weiterer UDF-Konkurrent um die Wähler der Mitte aus - Balladur frohlockte.

Die Hochstimmung währte nicht lange; die Lahmheit und Ideenlosigkeit von Balladurs Wahlkampf haben schon zu viele seiner Anhänger vertrieben. Der »Ballamou« ("dur« heißt hart, »mou« bedeutet weich) müsse endlich einmal »blaue Flecken und Heftpflaster am Kopf« von seinen Wahlauftritten mitbringen, kritisierte Verteidigungsminister Francois Leotard (UDF) den sanften Wahlstreiter.

Dann trafen den Premier gleich zwei harte Schläge: UDF-Fraktionsführer Charles Millon lief offen zu Chirac über und setzte damit ein Signal für seine noch zaudernden Parteifreunde - 40 Abgeordnete folgten ihm schon. Und die Wirtschaftsbosse bescheinigten dem Industriefreund Balladur zum erstenmal mehrheitlich, daß sie dem Dynamiker Chirac eher zutrauen, die Arbeitslosigkeit wirkungsvoll zu bekämpfen.

Nun machen dem Premier auch noch Enthüllungen über dubiose Finanzaffären zu schaffen. Der einstige Wirtschaftsminister Balladur soll durch An- und Verkauf von Aktien des Unternehmens Generale de services informatiques, dessen Chef er zuvor war, privat 2,5 Millionen Francs verdient haben. _(* Beim Besuch einer ) _(Landwirtschaftsmesse. ) Und als Abgeordneter stand Balladur noch jahrelang mit 100 000 Francs Monatssalär auf der Gehaltsliste seiner Ex-Firma - ohne Gegenleistung. Das Pariser Blatt Infomatin: »Legal, aber total unmoralisch.«

Bewirkt haben den Stimmungsumschwung Persönlichkeit und Stil der beiden Gaullisten. Balladur, so der Pariser Journalist Jean Daniel, erinnere ihn an den Bürgerkönig Louis Philippe (1830 bis 1848), Chirac dagegen an den Volksschauspieler Jean Gabin.

Beglückt hören die Chiracianer, wer sich inzwischen um ihr Idol geschart hat: der Sänger Michel Sardou und der Mitterrand-Fan Pierre Berge, Chef des Modehauses Yves Saint Laurent, der Neffe des Staatschefs und TV-Star Frederic Mitterrand und als europäische Komponente die italienische Schauspielerin Claudia Cardinale sowie der russische Cellist Mstislaw Rostropowitsch.

Der durch zahllose Wahlschlachten abgeklärte Chirac hat in endlosen Tourneen durch die Provinz »la France profonde« beackert und sich dabei einen linken Anstrich gegeben. Studenten versprach er höhere Stipendien, einkommensschwachen Mietern und Obdachlosen preiswerten Wohnraum. Arbeit müsse Vorrang vor Kapital haben, weshalb er die Einstellung von Beschäftigungslosen mit monatlich 2000 Francs subventionieren will.

Balladur, der seinen allerersten Wahlkampf führt, hält monotone Vorlesungen ("Ich biete Ihnen eine neue Hoffnung ohne Demagogie an"); seine Begegnungen mit dem Volk gleichen Audienzen. Statt die Basis für sich zu gewinnen, hat der hochtrabende Großbürger auf Eliten in Politik und Industrie gesetzt - eben seinesgleichen.

Die glücklichere Hand bewies Chirac auch bei der Auswahl seiner engsten Wahlhelfer. Den sozialen RPR-Flügel repräsentiert der gaullistische Parlamentspräsident und einstige Führer der Maastricht-Gegner, Philippe Seguin. Chiracs rechte Flanke deckt der kapitalistisch orientierte UDF-Unternehmensminister Alain Madelin ab.

Balladurs scheinbar bester Fang, der gaullistische Innenminister und einstige Chirac-Spezi Charles Pasqua, hat sich dagegen als Superflop erwiesen. Erst blamierte der bullige Korse die Regierung durch eine von ihm inspirierte Abhöraffäre, die einen lästigen Untersuchungsrichter ausschalten sollte. Dann inszenierte Pasqua - um von dem Wirbel abzulenken - eine französisch-amerikanische Krise: Er beschuldigte an der Pariser US-Botschaft wirkende CIA-Agenten der Industriespionage und forderte sie öffentlich auf, das Land zu verlassen.

Jetzt finden viele Franzosen, daß der einst so souveräne Premier die Kontrolle über sein Kabinett verloren hat. Minister, in Chiracianer und Balladurianer gespalten, giften einander in TV-Debatten an. Spott erregte das jüngste Kabinettsstück: Als Balladur seinem Außenminister Alain Juppe, einem engagierten Chirac-Knappen, eine Budgetkürzung von 533 Millionen Francs auferlegte, verfügte der die Schließung von 21 kleinen Auslandsmissionen. Weil er nicht konsultiert worden war, machte der Premier den Erlaß seines Chefdiplomaten rückgängig. Die »Konfusion in der Rechtsregierung«, frohlockte Linkskandidat Lionel Jospin, sei »total«.

Wahlkampfdebütant Balladur gibt sich ganze »15 Tage«, um seine ramponierte Situation wieder zu festigen. Laut Mitterrand braucht allerdings »der Aufbau eines Präsidentschaftskandidaten 20 Jahre«.

Danach liegt Chirac nicht schlecht: Vor 21 Jahren - 19 Jahre vor Balladur - war er zum erstenmal Premierminister. Y

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Frankreich: Präsidentenwahlen - Umfrageergebnisse

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* Beim Besuch einer Landwirtschaftsmesse.

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