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»Chomeini erinnert mich an Stalin«

SPIEGEL-Interview mit Ex-Präsident Abol Hassan Banisadr über den Iran Abol Hassan Banisadr, 53, war 1979 mit Chomeini in den Iran zurückgekehrt. Nachdem er als Staatsoberhaupt Folter und Meinungsunterdrückung der radikalen Fundamentalisten kritisiert hatte, wurde er 1981 aus dem Staatsamt entlassen und flüchtete wieder nach Frankreich. *
aus DER SPIEGEL 33/1987

SPIEGEL: Herr Banisadr, Sie haben behauptet, Ronald Reagan habe 1980, als Sie noch Präsident des Iran waren, Teheran ersucht, die amerikanischen Geiseln erst nach der Präsidentschaftswahl freizulassen, weil er Jimmy Carter diesen wahlwichtigen Triumph wegschnappen wollte ...

BANISADR: Das hat mir die amerikanische und französische Presse in den Mund gelegt. Ich habe nie gesagt, Reagan habe die Initiative ergriffen. Die ging vielmehr von Chomeinis Sohn aus.

SPIEGEL: Warum sollte denn dem Ajatollah der harte Reagan im Weißen Haus lieber gewesen sein als der verhandlungswillige Carter?

BANISADR: Weil Chomeini sich vom Reaganismus die Krise versprach, die er brauchte. Er wollte sagen können - und das ist ihm vorerst ganz gut gelungen -, daß die USA den Iran und den Islam in aller Welt bedrohten.

SPIEGEL: Jetzt scheint Parlamentspräsident Rafsandschani Chomeinis starker Mann zu sein. Wie hat er das geschafft?

BANISADR: Indem er die normalen Beziehungen zu anderen Staaten abschnitt und sie durch Geheimbeziehungen ersetzte: mit den Amerikanern, den Franzosen, den Engländern, den Deutschen, den Israelis, den Chinesen. Alle Fäden laufen bei Rafsandschani zusammen. Diese Art Außenpolitik war und ist für ihn Mittel, seine Macht im Innern zu stärken. Seine Art Taktieren ist auch die Ursache dafür, daß es innerhalb des Regimes erbitterte Rivalitäten gibt.

SPIEGEL: Rafsandschani hat erst die Irangate-Affäre losgetreten. Jetzt bringt er den französischen Premierminister Jacques Chirac in Schwierigkeiten mit der Behauptung, der habe im März vorigen

Jahres aus wahltaktischen Gründen Teheran ersucht, die französischen Geiseln im Libanon nicht vor den Parlamentswahlen freizulassen ...

BANISADR: Rafsandschani wollte nicht etwa die Wahrheit ans Licht bringen, er brauchte eine politische Krise - diesmal mit Frankreich. Seine Methode erklärt alles, was sich derzeit um den Persischen Golf abspielt. Es geht ihm nur um das Anfachen von Krisen, die das Regime aus internen Gründen braucht.

SPIEGEL: Reicht das aber als Erklärung dafür, daß die Welt heute mit Bangen auf den Iran blickt. Chomeini und seine Vertrauten sind Männer mit fanatischem Missionsbewußtsein sowie unbestreitbarer Anziehungskraft.

BANISADR: Diese Art Interpretation sogenannter Islamologen höre und lese ich hier im Westen täglich, gleich ob es sich um schiitischen oder sunnitischen Islam handelt. Dabei hat das alles außer dem Namen überhaupt nichts mit dem wahren Islam zu tun, sondern dient als Tarnung für totalitäre Machtansprüche. Kein Islam gestattet, was dieses Regime sich herausnimmt.

SPIEGEL: Ist das nicht eine zu simple Auslegung des einst glühenden Chomeini-Anhängers und jetzt verbitterten Banisadr?

BANISADR: Nein. Der Iran hat eine blutige Revolution durchgemacht. Jetzt erinnert Chomeini mich an Stalin, der behauptete, er symbolisiere und verwirkliche den Marxismus. Erst durch Chruschtschow haben letztlich auch die Marxisten außerhalb der UdSSR zur Kenntnis nehmen müssen, daß Stalinismus und Marxismus kaum etwas gemeinsam hatten. Dasselbe trifft heute auf den Iran zu, und ich spiele eine Art Chruschtschow-Rolle. Ich sage der Welt, daß Islam und Chomeinismus nichts miteinander gemeinsam haben.

SPIEGEL: Für wie stabil halten Sie das Chomeini-Regime?

BANISADR: Es ist nicht stabil. Wir haben eine Revolution gemacht, die eine Dynastie von 3000 Jahren für die einen, von 5000 Jahren für andere beseitigt hat. Das Chomeini-Regime hat seine acht Jahre nur überstanden, weil es ständig neue Krisen geschaffen hat. Wie lange will es das durchhalten? Es befindet sich in einer Sackgasse, und Rafsandschani weiß das.

SPIEGEL: Immerhin sind Zehntausende Iraner bereit, im Krieg gegen den Irak den Märtyrer-Tod zu sterben. Wäre ein instabiles Regime in der Lage, Menschen derart zu berauschen?

BANISADR: Das tun diese Männer nicht, weil ihnen das Paradies versprochen worden ist. Das Volk kämpft, weil es durch seine Revolution begriffen hat, daß die Supermächte am Ende ihrer Expansionsperiode stehen, und weil es sich nie mehr einen fremden Willen aufzwingen lassen will. Der irakische Angriff traf auf ein Volk, das sich von Minderwertigkeitskomplexen befreit hat, die ihm seit 200 Jahren von außen aufgezwungen waren. Diesmal wagte es ein kleiner Nachbar, den Iran anzugreifen.

SPIEGEL: Wer wird denn diesen Krieg gewinnen, Iran oder Irak?

BANISADR: Bisher haben eher Amerikaner und Russen gewonnen, weil sie jetzt im Golf präsent sind. Nun spielen sie die Beschützer der Regime des Mittleren Ostens. Beide, Iran und Irak, sind bisher die Verlierer.

SPIEGEL: Aber wer wird in dem Krieg die Oberhand behalten?

BANISADR: In seinem derzeitigen Zustand kann der Iran nicht gewinnen. Seine militärische Kommandostruktur ist zerstört, die Wirtschaftslage ist katastrophal, die Unzufriedenheit wächst. Auch der Einfluß von außen arbeitet gegen den Iran: Niemand in der Welt ist mehr bereit, den irakischen Präsidenten Saddam Hussein stürzen zu lassen.

SPIEGEL: Wie beurteilen Sie die Konfrontation Irans mit den Golfstaaten, insbesondere mit Saudi-Arabien?

BANISADR: Das geht vorüber. Wieder ist es Rafsandschani, der Krisen braucht, weil er alle Macht im Staat an sich reißen will. Er will im Volk das Gefühl erregen, daß sich alle Welt gegen den Iran verschworen habe. Wenn er die Macht bekommt, wird er weiter Unruhe exportieren. Kriegt er die Macht nicht, wird er sich um Normalisierung nach außen bemühen. Ich arbeite dafür, daß diese Politik auf der Basis des Terrors der Subversion, der künstlich entfachten Spannungen scheitert. Dann muß das Regime einen anderen Ausweg suchen und auf den warten wir.

SPIEGEL: Wer ist wir?

BANISADR: Die demokratische islamische Opposition innerhalb und außerhalb des Iran.

SPIEGEL: Vielleicht müssen Sie sehr lange warten ...

BANISADR: Selbst innerhalb des Regimes wächst die Tendenz, Lösungen in einer Rückkehr zu den Frühlingstagen der Revolution zu suchen. Die heißen Demokratie, Unabhängigkeit und normale Beziehungen zum Ausland.

SPIEGEL: Welcher Islam wird sich langfristig durchsetzen, der militante rückwärtsgewandte, sei er schiitisch oder sunnitisch - oder der pragmatische reformwillige?

BANISADR: Grundsätzlich: Alle marxisierenden oder liberalistischen Versuche innerhalb des Islam sind gescheitert. Aber im Iran gab es in den beiden ersten Jahren der Revolution die Hoffnung auf einen Islam des Fortschritts, der Freiheit, des Humanismus. Jetzt versucht der Chomeinismus, unseren Islam zu verleugnen. Aber in Wirklichkeit existiert er weiter. Denn wer den Koran kennt, weiß, daß er eine Methode ist gegen Despotismus, Diktatur und vor allem Totalitarismus. Ich bin sicher, daß der humane, demokratische Islam letztlich siegen wird.

SPIEGEL: Was bringt Sie dazu?

BANISADR: Das Beispiel Marxismus. Der hat behauptet, er befreie den Menschen, und der totale Mensch brauche Werte wie Religion nicht mehr. Jetzt geht der Papst nach Polen, und dort bezeugen Millionen von Menschen, daß der Marxismus eine totale Pleite ist. _(Bei der Präsentation der von ) _(Reagan-Abgesandten während der ) _("Irangate«-Geheimmission überbrachten ) _(Bibel. )

Bei der Präsentation der von Reagan-Abgesandten während der"Irangate«-Geheimmission überbrachten Bibel.

Lutz Krusche
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