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Briefe

CHRUSCHTSCHEWISMUS
aus DER SPIEGEL 13/1956

CHRUSCHTSCHEWISMUS

Ihre ausgezeichnete Analyse der gegenwärtigen ideologischen Metamorphose der bolschewistischen Parteiführung möge durch ein Zitat unterstrichen werden. Stalin schrieb 1925 an Maslow, einen der bedeutendsten Führer der deutschen Kommunisten (der Brief ist von Ruth Fischer in ihrem Buch »Stalin und der deutsche Kommunismus« veröffentlicht worden), unter anderem folgendes:

»Ich bin ganz entschieden gegen die Herausschmeißerpolitik in bezug auf alle andersdenkenden Genossen, ich bin gegen eine solche Politik nicht deshalb, weil ich Mitleid habe mit den Andersdenkenden, sondern deshalb, weil eine solche Politik in der Partei ein Regime der Einschüchterung, ein Regime des Angstmachens, ein Regime, das nicht den Geist der Selbstkritik und der Initiative fördert, züchtet. Es ist schlecht, wenn man die Parteiführer fürchtet, aber nicht verehrt. Die Führer der Partei können wirkliche Führer der Partei nur dann sein, wenn man sie nicht nur fürchtet, sondern auch in der Partei verehrt und ihre Autorität anerkennt. Solche Führer zu schaffen, ist schwer; das ist eine langwierige und schwierige Sache, aber eine absolut notwendige Sache.«

Offenkundig ist es Stalin selbst nach dreißigjähriger Alleinherrschaft nicht gelungen, seine bemerkenswerten Erkenntnisse über die Parteiführung in seinem eigenen Lande durchzusetzen.

München

WOLFGANG BARTELS

Die Frage, ob »der integrale Marxismus -Leninismus wiederhergestellt ist«, läßt sich vorerst noch nicht schlüssig beantworten. Immerhin werden seit einigen Monaten eine Reihe von innenpolitischen Merkmalen sichtbar, die deutlich den Vorstellungen von Marx und Lenin entsprechen. Neben der allgemein bekannten Beseitigung des Führerkults (seit dem 7. Juni 1954 erscheinen die Namen des »Führer-Kollektivs« in alphabetischer Reihenfolge) wären hier zu nennen:

1. Der Abbau zentraler Behörden und die Dezentralisierung der Wirtschaftsleitung.

2. Der häufigere und längere Zusammentritt des Obersten Sowjets, der - weit davon entfernt, eine demokratische Institution zu sein - immerhin nicht mehr die Funktion einer bloßen Kulisse hat.

3. Die Betonung der Gleichberechtigung der Sowjetvölker (im Gegensatz zur Ära Stalins, in der der Russischen Sowjet -Republik der absolut dominierende Einfluß eingeräumt worden war).

Schließlich scheinen auch die Parteikongresse wieder an Gewicht zu gewinnen, denn während noch zwischen dem 18. Parteitag (Frühjahr 1939) und dem 19. Parteitag (Oktober 1952) ein Zeitraum von dreizehn Jahren lag, fand der 20. Kongreß schon knapp zweieinhalb Jahre später statt.

Bielefeld

KURT JANSSEN

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