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CHRUSCHTSCHOW UND DIE DEUTSCHEN

aus DER SPIEGEL 43/1964

Bevor der Kampf mit dem gelben Drachen sein ganzes Denken und Trachten in Anspruch nahm, gab es neben den Fragen der Religion und des richtigen Mais-Anbaus nur noch ein Thema, auf das der bisherige Herrscher im Kreml immer wieder mit Leidenschaft zu sprechen kam: Deutschland und die Deutschen.

»Es geht mir keineswegs darum, daß ihr euch mit den Deutschen überwerft. Ich selber will ihr Freund sein. Aber ein russisches Sprichwort sagt, daß man ein Lied seiner Worte nicht berauben kann. Die Tatsachen gehören nun einmal der Geschichte an«, rief Chruschtschow bei seinem Frankreich-Besuch im März 1960 vom Rathaus zu Reims den Franzosen zu.

Zu diesen Tatsachen gehörte, daß Nikita Chruschtschow als Kind in seinem Geburtsort Kalinowka die Schafe und Kälber eines baltischen Großgrundbesitzers, des Generals Schaufuss, hüten mußte, der ihm bis 1905 monatlich 1,25 Rubel, 30 Kilo Mehl, zwei Kilo Speck und 1,5 Kilo Salz bezahlte. Nach der Revolution von 1905 wurde die Rubel-Zahlung verdoppelt.

Zu den Tatsachen gehörte auch, daß Chruschtschows ältester Sohn Leonid als Pilot während des deutsch-russischen Krieges gefallen ist. Er redete oft davon und von dem Leid, das die deutsche Invasion über das russische Volk gebracht hat.

So auch, als er 1955 in Moskau mit dem damaligen Bundeskanzler aneinandergeriet, nachdem Konrad Adenauer auf die Vergewaltigungen der Roten Armee in Deutschland angespielt hatte. »Ich dementiere das kategorisch ... ich meine, das war eine beleidigende Bemerkung«, schrie er den Kanzler an, um wenig später einem kriegsversehrten deutschen Diplomaten zu sagen: »Du Arm verloren. Ich Sohn verloren. Wir nie wieder Krieg machen. Wir zusammen stark.«

Mit dieser Bemerkung offenbarte sich das zwiespältige Verhältnis, das Chruschtschow wie jeder Sowjetführer der revolutionären Generation zu Deutschland hat. Einerseits die Angst vor den Deutschen und damit das Streben nach Sicherheit, andererseits die Bewunderung für das Geburtsland von Hegel, Marx und Engels und damit der Wunsch nach besseren Beziehungen, wenn nicht nach einem Bündnis.

Ebenso zwiespältig war Chruschtschows Einstellung zu Konrad Adenauer. Er versäumte bei keinem Gespräch mit dem früheren deutschen Moskau-Botschafter Kroll, dem Kanzler die besten Wünsche übermitteln zu lassen. Bei anderen Gelegenheiten jedoch übertrug er seine Feindseligkeit gegenüber Deutschland auf den rheinischen Kanzler und verstieg sich einmal, als ein Gespräch mit einem englischen Minister auf die Frage kam, ob man an den Teufel glauben könne, zu der Behauptung: »Ich kenne ihn leibhaftig, ich habe ihn gesehen, Adenauer ist der Teufel, wie er leibt und lebt.« Solange weder die weltpolitischen Voraussetzungen noch die Bereitschaft Deutschlands und seines Kanzlers zu einem Ausgleich mit Rußland vorhanden waren, richtete sich Chruschtschows Politik nicht nur auf die Verteidigung des Status quo der Teilung Deutschlands, sondern auch auf eine Schwächung der Bundesrepublik im Kräftefeld Europas.

Mit Anklagen und Drohungen suchte er, wenn auch vergeblich, die Bundesrepublik vor der Weltöffentlichkeit als einen kriegslüsternen, revanchistischen Staat zu brandmarken. Darin sah er den besten Schutz vor einer neuen deutschen Gefahr: »Wir wollen keinen neuen Hitler unter einem anderen Namen -, unter dem Namen Adenauer, Brandt oder Strauß zum Beispiel -, der einen Krieg vom Zaun bricht und möglicherweise noch brutalere Greuel gegen unser Volk begeht als die Faschisten.«

Einmal wagte er, nach dem Vorbild Stalins, den Versuch, sein Ziel durch Gewalt zu erreichen: durch das Berlin-Ultimatum vom November 1958. Damit wollte er die Anerkennung der Zweiteilung Deutschlands in einem Friedensvertrag und die Umwandlung West-Berlins in eine Freie Stadt erzwingen. Der Versuch mißlang wie Stalins Blockade 1948. Ähnlich wie er später die Raketen aus Kuba zurückziehen mußte, mußte Chruschtschow das Berlin-Ultimatum einschlafen lassen.

Statt dessen ließ er drei Jahre danach in Berlin die Mauer bauen, als sein deutsches Beuteland, die DDR, vor der wirtschaftlichen Ausblutung stand.

In Gesprächen mit ausländischen Staatsmännern gab er zwar zu, daß die Mauer eine schreckliche Sache sei und dem Ansehen des Kommunismus in der Welt sehr schade, aber als er im vorigen Jahr die DDR bereiste, sagte er vor Arbeitern in Marzahn: »Ich liebe die Mauer. Das Loch wurde verstopft, damit kein Wolf mehr in die Deutsche Demokratische Republik einbrechen kann.« Und: »West-Berlin - das steckt uns wie ein Hühnerknochen im Halse.«

Die Mauer war sein letztes Wort zur Deutschlandfrage, die ihm bei seinen dynamischen Vorstößen in der Weltpolitik immer im Wege stand.

Insgeheim hegte Chruschtschow die Vorstellung, daß es, wenn auch in fernerer Zukunft, eine Möglichkeit zur Lösung der deutschen Frage durch ein Zusammengehen zwischen Deutschland und der Sowjet-Union geben könne. Dem belgischen Außen-, minister Spaak prophezeite er im vergangenen Jahr: »Der Tag eines neuen Rapallo wird nicht unter Adenauers Nachfolger eintreten, wahrscheinlich auch nicht unter dem Nachfolger seines Nachfolgers, vielleicht noch später. Aber er wird kommen, und wir können warten.«

Und dem dänischen Ministerpräsidenten Krag erklärte er noch in diesem Frühjahr: »Wenn die amerikanische Karte nicht sticht, werde ich die französische Karte ziehen, und wenn die auch nicht sticht, dann habe ich immer noch die deutsche Karte in der Hand.« An der Mauer 1963

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