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VERKEHR City ohne Vagabunden

aus DER SPIEGEL 2/1961

Fünf Wochen lang thronte der Leiter der Bremer Verkehrsbehörde, Karl Witte, nahezu Tag für Tag auf dem drei Meter hohen gläsernen Polizei -Turm am Brill, mitten im Zentrum der Hansestadt. Stoppuhr und Bleistift zur Hand, einen Notizblock auf den Knien, beäugte er unablässig den Strom der Fahrzeuge zu seinen Füßen. In Strichlisten und Zeit-Tabellen brachte er seine Beobachtungen zu Papier.

Behördenchef Witte gab sich der subalternen Verrichtung eines Verkehrszählers so beflissen hin, um höchstselbst die Beweise dafür zu sammeln, daß ihm ein kühnes Experiment geglückt sei: die Aufteilung der Bremer City in vier Verkehrs-Sektoren, deren Grenzen kein Autofahrer verletzen darf.

Witte will seine Zahlen dem Kleinen Verkehrsausschuß der Hansestadt und dem Innensenator Adolf Ehlers präsentieren, der dieser Tage darüber zu befinden hat, ob Bremen endgültig in eine Vier-Sektoren-Stadt verwandelt wird.

Zunächst nur versuchsweise ist das Stadtzentrum zwischen Wall und Weser (siehe Graphik) seit dem 24. November auf Wunsch Wittes in vier Zellen aufgeteilt worden, die durch Fußgangerzonen voneinander getrennt sind. Will ein Autofahrer von einem Viertel in ein anderes überwechseln, muß er an die Peripherie zurückkehren und sein Ziel aus einer anderen Richtung ansteuern.

Witte ließ die Bremer City vierteilen, um den Stadtkern vom Durchgangsverkehr zu befreien und die zentralen Geschäftsstraßen in eine Oase für Fußgänger zu verwandeln, die nicht mehr durch Autos von Bordstein zu Bordstein gehetzt werden.

Von den Lokalzeitungen wurde dem Verkehrs-Lenker kartographische Unterstützung zuteil. 24 Stunden bevor der Test begann, publizierte der »Weser -Kurier« einen Stadtplan und erläuterte zudem minutiös die neuen Fahrtrouten, während die konkurrierenden »Bremer Nachrichten« sogar eine Extra-Karte herausbrachten, die den motorisierten Lesern helfen sollte, »sich in dem Gewirr der Einbahnstraßen und Verkehrszellen zurechtzufinden«.

Schon am Morgen des 24. November jedoch schien sich Wittes Vision einer auto-armen Innenstadt als Fata Morgana zu erweisen. Kaum hatten die Handwerkerkolonnen nachts 40 neue Verkehrsschilder montiert, alte Zeichen geändert und Ampeln umgestellt, als auch schon der Strom der Fahrzeuge zentrifugal an die Außenwände der vier City-Zellen gepreßt wurde und das größte Verkehrs-Chaos entstand, das Bremen bislang erlebt hat.

In den Hauptstraßen, die den Stadtkern tangieren, reihten sich die Wagen zu kilometerlangen Schlangen. »Das komplizierte System von Einbahnstraßen, Verkehrsüberwegen und verkehrspolizeilichen Verbots- und Hinweisschildern«, ließ, wie die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« (FAZ) konstatierte, viele Automobilisten »von einer Verkehrsfalle in die andere fahren«.

Stadtbekannt wurde das Mißgeschick eines routinierten Chauffeurs, der von einer Fluggesellschaft fristlos entlassen werden sollte, weil er auf der viereinhalb Kilometer langen Strecke vom Parkhotel bis zum Flugplatz Neuenlander Feld 45 Minuten unterwegs gewesen war und den Start einer Maschine verzögert hatte.

Für das verkehrskranke Bremen ergab sich nach dem ersten Tage der Witteschen Zellentherapie eine betrübliche Diagnose: Die Innenstadt wurde zwar - von weit weniger Autofahrern als zuvor frequentiert, rund um den Stadtkern jedoch zeigten überfüllte Straßen akute Kreislaufstörungen an.

Während aber der heimische »Weser -Kurier« schon das »Geduldspiel« als »einmalig in der Bundesrepublik« bemängelte, das Bremens Ruf als weltoffener Handels- und Fremdenstadt abträglich sei, und die ortsferne FAZ gar das Verkehrsexperiment bereits für »mißglückt« hielt, steckten der Vier -Sektoren-Planer Witte und die Polizei nicht auf. Orakelte Hauptkommissar Krawinkel vom zentral gelegenen sechsten Revier: »Morgen wird vieles anders aussehen.«

In der Tat konnten die Polizei und Wittes Verkehrsbehörde knapp drei Wochen später dem Innensenator Ehlers melden: Die »Verkehrszellenlösung (hat sich) bewährt. Nach schneller Überwindung der Anfangsschwierigkeiten lief der Verkehr in der Kernstadt und auf den Tangenten ohne nennenswerte Störungen. Bereits am dritten Tag konnten die zur Aufklärung der Verkehrsteilnehmer eingesetzten Beamten wieder anderweitig verwenden werden«. Ergänzte Witte: »Wir haben die City auch von den ziellos vagabundierenden Autofahrern befreit.«

Allerdings fand der Zellen-Schöpfer bei den zivilen Einwohnern nicht gleichermaßen Beifall wie bei den uniformierten Ordnungshütern. Die Verkehrs -Experten unter seinen Kritikern bezweifelten vor allern, ob es sich lohne, einige zentrale Straßen um den Preis zu entlasten, daß die Fahrbahnen an der City-Peripherie übermäßig belastet werden. Wittes Widersacher haben errechnet, daß mancher Autofahrer zweibis dreimal so lange braucht wie früher, um auf den überfüllten Tangenten von den Außenbezirken in die Innenstadt zu gelangen und umgekehrt.

Neuerer Witte hält dieses Handikap jedoch für akzeptabel. Seine Begründung: Weil die Verkehrsfläche nicht vergrößert und die Zahl der Fahrzeuge nicht verringert werden könne, müsse man die City dadurch entlasten, daß die Automobilisten auf den überfüllten Tangenten länger unterwegs seien als bisher.

Eine andere Rechnung als der Verkehrsbeamte machten die meisten Geschäftsleute in der Innenstadt auf, die ihren Kunden vorsorglich statt der Advents- und Weihnachtskarten einen Sonderdruck des Zellen-Stadtplans zugesandt hatten, aber dennoch viele motorisierte Käufer besänftigen mußten, die mehrfach um die City rotiert waren, ehe sie ein Schlupfloch fanden.

Tröstete Witte: »Sie brauchen den Autokunden, nicht das Auto des Kunden.« Seine Devise für den Verkehr in der City sei: »Nicht gesperrt, sondern gelenkt.« Und: »Früher fuhren sie in zehn Minuten durch die City und konnten nirgends stehen bleiben; jetzt fädeln sie sich hinein und finden einen Parkplatz.«

Auch der Einwand, daß viele Bremer aus den Randbezirken mit der Straßenbahn oder dem Bus - Anmarschwege eingerechnet - schneller in die Vier-Zellen-City fahren können als mit dem eigenen Wagen, verfängt bei dem Verkehrsplaner Witte nicht. Der Therapeut gab mit einer Allegorie zu erkennen, daß er die Autos möglichst ganz aus der Innenstadt verbannen möchte: »Vergleichen Sie das Auto mit den Straßenschuhen, deren man sich entledigt, bevor man in die gute Stube geht. Und die Innenstadt ist Bremens gute Stube.«

Bremer Verkehrs-Spezialist Witte: Zellentherapie gegen Verstopfung

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