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USA Clinton-Kotau auf dem Tiananmen-Platz?

aus DER SPIEGEL 25/1998

Der US-Botschafter in Peking, James Sasser, 61, über den Clinton-Besuch

SPIEGEL: Erstmals seit dem Tiananmen-Massaker vom 4. Juni 1989 besucht nächste Woche ein US-Präsident die Volksrepublik China. Macht der Verteidiger der Menschenrechte, Bill Clinton, einen Kotau vor dem chinesischen Markt und der neuen Großmacht China?

Sasser: Beide Nationen werden fortan wieder normale diplomatische Beziehungen pflegen. Große Meinungsunterschiede bleiben bestehen, besonders zum Thema Menschenrechte.

SPIEGEL: Sind die Großmächte schon Freunde?

Sasser: Peking hat uns geholfen, die koreanische Halbinsel stabil und frei von Atomwaffen zu halten. Seit Deng Xiaopings Tod ist eine neue Führungsschicht an der Macht. Zusammenarbeit ist unseren Sicherheitsinteressen dienlicher als Isolation.

SPIEGEL: Ist das sozialistische China in den Augen der US-Regierung bereits ein normales Land geworden?

Sasser: China bewegt sich in diese Richtung. Zweifellos braucht es noch einen langen Weg bis dahin. Immerhin haben elf Prozent der Abgeordneten im März gegen die Wahl von Li Peng zum Parlamentspräsidenten gestimmt. Wir sehen da eine gewisse Evolution.

SPIEGEL: Sitzen im Politbüro keine Diktatoren mehr?

Sasser: Tatsache ist, daß zwei der bekanntesten Dissidenten, Wei Jingsheng und Wang Dan, in die USA ausreisen durften. Auch wirtschaftlich hat sich das Land enorm verändert. Die USA haben ihr Bruttosozialprodukt in 47 Jahren mehr als verdoppelt, China hat das in 20 Jahren gleich zweimal geschafft.

SPIEGEL: Und dafür muß Clinton eine Ehrenformation auf dem Tiananmen-Platz abschreiten?

Sasser: Darauf haben unsere Gastgeber bestanden.

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