Zur Ausgabe
Artikel 1 / 151

Clinton und die Klone

Gore und Bush liegen Kopf an Kopf beim Kampf ums Weiße Haus - aber die meisten Amerikaner geben sich desinteressiert und selbstzufrieden. Sie vertrauen darauf, dass der Boom der letzten Jahre anhält. Hat Glückskind Clinton das Land wirklich fit gemacht für die Internet-Zeiten?
Von Erich Follath
aus DER SPIEGEL 45/2000

Überdimensional groß prangten die Lettern auf der Titelseite der »New York Post": DYNASTY. Die Erbfolge, die da beschworen wurde, bezog sich auf die Yankees, die gegen die Mets die Baseball-Meisterschaft gewonnen hatten - schon zum wiederholten Male. Im Inneren des Blattes das Übliche: Millionenpreise beim Lotto; dramatische Kursgewinne an der Wall Street, die einen Teil der dramatischen Verluste der Vortage wieder wettmachten; das mit Spannung erwartete Debut der Schaupielerin Donna Hanover in »Die Vagina-Monologe«.

Willkommen in den Vereinigten Staaten von Amerika, »Gottes eigenem Land« und letzte verbleibende Supermacht, in der heißesten Phase des Wahlkampfs:

Einige hunderttausend Wechselwähler könnten entscheiden, wer für die nächsten Jahre zum mächtigsten Mann der Welt wird. Eine Weichenstellung für die Zukunft des Landes - der neue Präsident wird in seiner Amtszeit beispielsweise bis zu vier der neun Obersten Richter neu ernennen und allein durch diese Entscheidung die Zukunft von so zentralen Fragen wie der Legalität der Abtreibung und den Sonderrechten der farbigen Minderheiten bestimmen.

Eine Weichenstellung auch über möglicherweise häufigere militärische Einsätze in Krisenregionen - nie in der modernen Geschichte hat ein Land die Welt militärisch (wie übrigens auch wirtschaftlich und kulturell) so dominiert wie die USA, die mehr für Rüstung ausgeben als die fünf nächstmächtigen Staaten zusammengenommen. Gefordert ist ein Mann im Weißen Haus, der führen und delegieren kann, der sich auf die Entschärfung von Konflikten versteht und trotzdem glaubhaft die Diktatoren in den Schurkenstaaten der Dritten Welt abschreckt - ein Spagat etwa von Gandhi bis Godzilla.

Aber deshalb Wahlfieber?

Kaum ein Hauch ist im Amerika dieser Tage davon zu spüren. Lähmende Langeweile liegt über dem Land, politische Apathie prägt die Vereinigten Staaten, von Alaska bis Alabama - als wollten die Amerikaner diese Wahlen nur irgendwie hinter sich bringen, um sich endlich wieder, mit wem auch immer an der Staatsspitze, den wichtigen Dingen des Lebens zu widmen: Baseball beispielsweise, der Jagd nach dem nächsten Paycheck beim Zweit- und Dritt-Job (Unterklasse) oder nach dem neuesten BMW (Oberklasse).

Dieses Land hat andere Prioritäten als den Kampf um Washington - und glaubt offensichtlich nicht mehr daran, dass der Mann im Weißen Haus einen so großen Unterschied für ihren Alltag bedeutet. Die Vorbilder, die Sehnsüchte haben sich seit der Aufbruchstimmung in der frühen Clinton-Ära dramatisch verändert - von linksliberal zu neoliberal, von den Alten Industrien zum Neuen Markt.

Große Konzerne wie Microsoft entwerfen derzeit Lehrpläne schon für Fünfjährige und wollen sie stromlinienförmig auf Internet-Karrieren vorbereiten; das Geldhaus Liberty Financial hat einen »Special Mutual Fund« für Elfjährige aufgelegt. Corporate America sei »allgegenwärtig und lebensbestimmend« geworden, schreibt der Sozialkritiker Morris Berman in seinem Buch »Zwielicht der amerikanischen Kultur«, Reichwerden zu einer nationalen Obsession.

So hip sind die Konzerne der Internet-Industrien geworden, »dass sie und nicht irgendwelche Fuzzis mit elektrischen Gitarren oder anstrengende Maler und Literaten den kulturellen Untergrund besetzen«, schreibt der Autor Martin Kilian in seinem neuen Buch »Yo, Amerika«. Dazu trägt schon ihr Äußeres bei: Die neuen Top-Manager sehen oft aus wie der Dropout von nebenan: Nike-Turnschuhe, Jeans, T-Shirts.

Dafür haben es die salbungsvollen und meist erzkonservativen Fernsehprediger schwerer als früher, die lange Zeit auf allen Kanälen Erlösung durch Glauben - und Spenden zu ihren Gunsten - predigten. Amerika ist toleranter geworden in den letzten Jahren: Vom ständigen Beobachten der Börsenkurse und dem Geldverdienen erschöpft, haben offensichtlich immer weniger Amerikaner große Lust, sich über die Gefahren der Pornographie Gedanken zu machen. Die Nation verzeiht Seitensprünge - die Mehrheit auch ihrem Präsidenten.

Mammon, und zwar als Mittel zum eigenen Luxus, ist für viele der neue Gott. Und das Internet, das allen einen gleich schnellen Zugriff auf die nächste Information, auf die nächste Chance verheißt, ist sein Medium.

Ein Taxifahrer in New York, der an seinem kleinen TV-Schirm neben dem Lenkrad Nasdaq-Zukunftswerte handelt und dabei Millionen macht. Ein 16-Jähriger, der im kalifornischen Palo Alto mit einem neuen Software-Programm eine Erfolgsfirma aus dem Boden stampft. »Irgendwie scheinen alle in diesen Jahren Millionäre zu werden«, schreibt die Autorin Maureen Dowd. »Und

meine Kinder werden mich eines Tages fragen: Was hast du in dieser Zeit gemacht?«

Bei vielen 68ern war Geld noch ein schmutziges Wort. »Plünderung und Ladendiebstahl kann dir ein High verschaffen«, proklamierte der Polit-Hippie Jerry Rubin. Nun hat er eine Drehung um 180 Grad gemacht: Geld sei das neue Rauschmittel, meint er, und der neue Rausch habe neue Helden geschaffen.

Microsoft-Chef Bill Gates ist so einer - eine Art Sonnenkönig des Informationszeitalters, 60 Milliarden Dollar schwer. Er baute sich ein Schloss namens »Xanadu« mit 45 Zimmern, die teuerste Privatvilla der Welt. Oracle-Boss Larry Ellison (58 Milliarden) machte sich gerade im Mittelmeer vor Capri den Spaß, mit seinem Powerboot die Yacht des drittreichsten Mannes der Welt (Paul Allen, Microsoft-Mitbegründer, 36 Milliarden) so zu schneiden, dass alle an Bord nass wurden. »Ein Streich unter Heranwachsenden, kann ich nur empfehlen«, kommentierte er.

Soziales Engagement steht nicht gerade im Zentrum des Denkens dieser Selfmade-Männer. Das erfolgsbesessene, nie von gegenseitigem Neid zerfressene Amerika scheint ihnen das nicht zu verübeln. Ebenso wenig wie dem Super-Golfer Tiger Woods oder der Super-Sprinterin Marion Jones ihre zig Millionen schweren Werbeverträge.

Hollywood regiert - und lässt den Präsidenten gerade mal mitspielen. Clinton durfte Clinton mimen, in einem Film über ein sterbendes Mädchen, dem er den letzten Wunsch erfüllte: einen Besuch im Weißen Haus. Wenn der Starregisseur Steven Spielberg (mit dem Gates in der Medienfirma Dreamworks geschäftlich verbunden ist) zu einem Dinner bittet, ist der Präsident bereit, auch wichtige außenpolitische Besuche zu verschieben. Er schwärmt von Sharon Stone. Er sieht sich begeistert Julia Roberts an - vor allem, wenn die eine sozial engagierte Kämpferin wie in »Erin Brokovich« spielt.

Amerika - du hast es besser? Ist es das, wovon Bill Clinton vor acht Jahren geträumt hat, als er wie ein neuer Kennedy ins Weiße Haus einzog? Politische Botschaften via Hollywood, Laisser-faire statt sozial engagierter Beeinflussung der Wirtschaft: Steuern die Vereinigten Staaten in diese Richtung?

Politik lief jedenfalls in der Boulevardpresse weitgehend unter Kleingedrucktem - und nicht nur auf den Sportseiten war der Traum von einer Dynastie unverkennbar. 61 Prozent der Amerikaner waren zuletzt mit Bill Clintons Amtsführung zufrieden. Er hatte damit als einziger Nachkriegspräsident höhere Popularitätswerte als zum Beginn seiner Präsidentschaft. Viele Amerikaner wünschten sich nichts anderes als eine Fortsetzung, als Kontinuität: Yankees forever, Bill forever.

Der mächtige Schatten des begnadeten Kommunikators im Weißen Haus überlagerte die Diskussionen über Amerikas Zukunft. Und so entwickelte sich der Wahlkampf in der Schlussphase zu einer Suche nach dem idealen Clinton-Klon (minus der sexuellen Ausschweifungen des Originals). »Wer übernimmt Clintons dritte Amtszeit?«, fragte Frank Rich in seiner »New York Times«-Kolumne.

Natürlich merkten die jede Umfrage auswertenden, jede Kandidatenminute verplanenden, von jeden Skrupeln und jeglicher politischer Substanz freien Imageberater beider Parteien, wie der Hase lief. Sie trimmten Al Gore, aber auch George W. Bush auf Status quo. »Wir haben einfach kein vergrätztes Wahlvolk, das die Bastarde rausschmeißen will«, erklärte der republikanische Stratege Sal Russo.

Und so war es bei den Wahlkampfreden gar nicht leicht herauszuhören, wer von den beiden denn nun der republikanische Herausforderer war und für einen Machtwechsel kämpfte, wer für eine Fortsetzung der demokratischen Dominanz im Weißen Haus warb. Selbst die Nominierungsparteitage der Republikaner und Demokraten glichen mit ihrem Pep Talk und den bis auf die Sekunde programmierten und inszenierten Beifallsszenarien wie ein Ei dem andern - und ein wenig auch den Jubelfesten einer ehemaligen Weltmacht: KPdSU plus Konfetti.

»Dies ist ein bemerkenswerter Augenblick in der Geschichte unseres Volks. Niemals war das Versprechen auf Wohlstand so strahlend«, formulierte einer der Kandidaten, dabei fast Wort für Wort Bill Clintons letzte Ansprache zur Lage der Nation übernehmend. Der das so kämpferisch hinausposaunte, war Oppositionsführer Bush.

Vor George W.''s Umarmungen war gar nichts sicher: weder Babys noch die Programme seiner Gegner. Er gab sich als überparteilicher Versöhner, als charmanter Mann des Volkes. Als begnadeter Populist, der um die Vorbehalte gegenüber Big Government in der Hauptstadt wusste. Nicht »denen da in Washington« vertraue er, sagte Bush, als

wolle er gar nicht nach Washington, sondern »euch da draußen in Amerika«. Der Republikaner suggerierte, es ginge bei der Wahl 2000 gar nicht so sehr um politische Inhalte, sondern um »Charakter«, um Führungskraft.

Kandidat Bush kokettierte geschickt mit seinen Defiziten, seiner manchmal erschreckenden Unkenntnis wichtiger Fakten. Bei einem Interview hatte er unter anderem den Ministerpräsidenten Indiens nicht benennen können. »Was für ein Glück, dass jetzt dieser Milosevic weg ist«, sagte Bush vorletzte Woche. »Schon wegen der vielen unaussprechlichen Silben.« Das amüsierte die Amerikaner, geht es doch den meisten von ihnen mit diesen komplizierten Ausländernamen ebenso.

Und selbst ein so böser Scherz wie der des TV-Talkmasters Jay Leno konnte dem Kandidaten wenig anhaben: »In Texas haben sie jetzt einen Mann mit dem IQ von 63 hingerichtet. Kaum zu glauben - nicht einmal vor seinesgleichen macht dieser Bush mehr Halt!«

Al Gore fand lange keine Einstellung zur Taktik seines Gegners. Auch seine Imageberater versuchten, mit Humor die Schwächen des Kandidaten zu überdecken - Gore allerdings wirkte dabei wie ein Musterschüler, der peinlich auf Kumpel macht. »Ich werde nicht immer ein besonders aufregender Politiker sein, aber ich werde euch nie im Stich lassen« - das ging noch. Aber dann ließ sich der Vizepräsident in einem Werbefilm von seinen Imageberatern tatsächlich auf lockeren Vogel trimmen. Gab vor, in der Freizeit gern riskant zu surfen, den Kindern Iglus zu bauen und den Gartengrill anzuwerfen.

Dabei weiß jeder, dass Gore ein Intellektueller ist und die kaum vorhandene Freizeit vor seinem PC verbringt - alles andere als »easy-going«. In seinen Bewegungen robotersteif, wie ein schon existierender Beweis für die These des Informatikers Ray Kurzweil, Mensch und Computer glichen sich eines Tages so an, dass man sie nicht mehr auseinander halten könne.

Image statt Substanz, Talkshow-Auftritte statt ernsthafter Diskussionen um Sachfragen: Gores Wahlkampf-Strategie wurde durch die Vorgaben seines Gegners bestimmt. Auch der Demokrat konzentrierte sich bei seinen Argumenten überwiegend auf die »Schaukelstaaten«, auf die wenigen hunderttausend Unentschiedenen, die nach der Arithmetik über Sieg und Niederlage entscheiden.

Dabei war für Gore stets oberstes Gebot: möglichst wenige potenzielle Wähler verärgern, »Minenfelder vermeiden« (Berater-Jargon). Obwohl der Vizepräsident ein strikter Befürworter schärferer Waffengesetze ist, sprach er das Thema kaum an. In den wichtigen, womöglich entscheidenden »Swing States« Pennsylvania und Michigan leben viele Jäger und andere Waffenenthusiasten. Die »Message« jedes Präsidentschaftskandidaten wird immer mehr auf Zielgruppe getrimmt.

Wer sich so auf Minderheiten konzentriert und so nach Präferenzen auf sehr begrenzten Politikfeldern agiert, riskiert die Lustlosigkeit der Mehrheit. Die Wirtschaft läuft gut, die meisten Wähler trauen offensichtlich beiden Kandidaten zu, das Schiff auf Kurs zu halten - ein Grund für die allgemeine Lethargie. Bei der Wahl 2000 springt aber auch deshalb kein Funke über, weil sich viele Amerikaner offensichtlich von den Tricks und Manipulationen der Polit-Profis abgestoßen fühlen. Sie sind zynisch und illusionslos geworden, und die jüngste »Basisarbeit« der Parteistrategen hat sie darin bestärkt: »Spontane« Anrufe beider Kandidaten wurden großflächig ins Telefonnetz eingespeist. »Die Menschen sehen die Wahl immer mehr als eine Art Drama, das keine direkte Auswirkungen auf ihr Leben hat«, sagt der Kulturkritiker und Buchautor Neal Gabler ("Life the Movie"). »Selbst Politik-Junkies werden zu Nichtwählern.« Oder sie entscheiden sich für Ralph Nader, den Kandidaten der Grünen. Der Verbraucheranwalt sagt, die beiden großen Parteien hätten »sich verkauft« an ihre reichen Gönner und Spezialinteressen. In manchen Bundesstaaten wollen bis zu acht Prozent dem Außenseiter ihre Stimme geben - zum Schaden von Al Gore, da viele von ihnen ehemalige Anhänger der Demokraten sind.

Erst in den letzten Wochen der Wahlkampagne ging der Vizepräsident mit Sachargumenten verstärkt zum Angriff über. Er zeigte, dass es doch Unterschiede zum Programm seines Kontrahenten gab: Gore plant Steuersenkungen nur für mittlere und untere Einkommen und würde einen Großteil des erwarteten Haushaltsüberschusses für die Verbesserung des desolaten Schulsystems und die Sanierung der Sozialversicherung aufwenden sowie Schulden abbezahlen; Bush dagegen verspricht allen großzügige Steuersenkungen, nicht weniger als 40 Prozent der Milliardengelder kämen dem einen Prozent der Superreichen zugute; Pensionsfonds sollen künftig bis zu einem Sechstel ihres Kapitals auf dem Aktienmarkt anlegen dürfen. Eine Gore-Regierung würde auf eine Reduzierung des

Ölverbrauchs drängen, in den Nationalparks von Alaska Ölbohrungen verbieten - Bush setzt beim Umweltschutz allein auf freiwillige Leistungen der Industrie und will von Gesetzen nichts wissen. Wie er überhaupt auf das Gute im Menschen setzt (der dann seine guten Taten absetzen darf): Er versprach, »Steuerzahlern neue Anreize zu geben, für die Wohlfahrt zu spenden«.

Gore will Wahlkampf-Materialschlachten wie die jetzige dem amerikanischen Volk künftig ersparen: Nach europäischen Modellen soll künftig der Staat verstärkt den Werbeaufwand der Parteien finanzieren. Den Kandidaten blieben so die Bettel-Dinner, auf die sie derzeit angewiesen sind, weitgehend erspart. Auch in dieser Frage ist Konkurrent Bush wieder mehr für den Status quo - als säße sein Vertrauter im Weißen Haus.

Bill Clinton aber, der Amtsinhaber und begabteste aller Volkstribunen, spielte in diesem Wahlkampf bis zuletzt kaum eine öffentliche Rolle. Gore wollte »sein eigener Mann« sein, fürchtete offensichtlich von der Persönlichkeit des Präsidenten überstrahlt, von seinen Skandalen verdunkelt zu werden. Doch Gores Distanz zu Clinton führte dazu, dass sich der Vize immer mehr auch von den Erfolgen der gemeinsamen Regierungsarbeit abkoppelte - und damit von seinem größten Faustpfand.

Wie muss es Bill Clinton in den Fingern und in der Stimme gejuckt haben, wie es ihn gekränkt haben, dass die Gore-Truppe nicht einmal nach seinem Expertenrat gefragt hat! Wie hätte er - stünde das Gesetz nicht gegen die dritte Amtszeit - diesen unbedarften Politiklehrling in der Luft zerrissen! Was für ein Triumph wäre das gewesen: nach dem Sieg über George Bush

senior vor acht Jahren nun auch den Junior politisch zu begraben!

Doch nichts ist bei dieser Wahl so wie bei der von 1992, und das weiß auch Bill Clinton. Damals ging es um einen Meilenstein für die amerikanische Nation, jetzt gerade mal um eine Wegmarke. Damals stand ein Generationenwechsel auf dem Programm, eine Wachablösung.

Zum ersten Mal hatte ein Babyboomer, ein 68er, geprägt von Vietnamkrieg und Woodstock, beim Kampf ums Weiße Haus gesiegt. Clinton schlug mit Bush senior einen Kriegshelden, der wie seine Vorgänger die Uniform seines Landes getragen hatte und vom moralischen Universum des Zweiten Weltkriegs geformt worden war. Und er war angetreten, aufzuräumen mit der muffigen Spießigkeit und der Ego-Gesellschaft der Republikaner-Ära.

Neuanfang versprach jede seiner Bewegungen, jedes seiner Worte. Er spielte Saxofon in Talkshows, ließ sich von seinem Team »Elvis« titulieren, kokettierte damit, jünger als Mick Jagger zu sein. Für längere Wahlkampfreisen nahm er den Bus - und fühlte sich mit Al Gore und den anderen bei den Überlandfahrten »wie Rockstars«. Der Bus war für die Blumenkinder-Generation ein fast mythisches Fortbewegungsmittel: Tom Wolfe hatte Ende der sechziger Jahre den Trip einer Kommune quer durch die USA beschrieben ("Unter Strom") - als eine Art Odyssee der Gegenkultur.

Zum ersten Mal nach 1976 war im Jahr 1992 die Wahlbeteiligung wieder angestiegen. Clinton wollte voller Enthusiasmus die Politik wieder »zum größten und ehrenvollsten Abenteuer machen«, wie es John Bunyan in »Die Pilgerreise« geschrieben und Kennedy immer wieder zitiert hatte. Schluss mit der Katerstimmung, die zwölf Reagan-Bush-Jahre zurückgelassen hatten: Staatsschulden, die auf fast zwei Drittel des Bruttosozialprodukts angewachsen waren - die Zinslast machte einen höheren Betrag aus, als Washington im letzten Bush-Jahr für Bildung und Wissenschaft zusammen aufgewendet hatte. Habgier hieß damals das Schlagwort der Wall Street, wo sich Schwindler mit Insidergeschäften die Taschen voll stopften.

Bill Clinton, sein Vize und vor allem die sozial engagierte First Lady Hillary hatten einen Plan, wie sie die konservative Versteinerung der Republikaner-Ära aufbrechen konnten: Sie wollten die Schandmale des amerikanischen Systems beseitigen - endlich den Ärmsten würdige Lebensbedingungen und eine Krankenversicherung verschaffen; dabei aber die Vorteile des amerikanischen Wegs nicht gefährden, sondern noch verstärken - die Mobilität der Arbeitnehmer, die Flexibilität des Arbeitsmarkts, die Innovationslust der Unternehmer.

Bei der Wahl 2000 will sich das Land nur perpetuieren; 1992 wollte es sich runderneuern, so wie das die USA wohl in jeder Generation einmal versuchen.

Clinton hat nach acht Jahren Regierungszeit einerseits eine glänzende Bilanz aufzuweisen: Die Wirtschaft feiert die längste Boom-Periode ihrer Geschichte, kein größerer Konflikt auf der Welt kann ohne Washington gelöst werden (freilich sind auch mit Washingtons Hilfe nicht alle zu lösen).

Clinton hat andererseits eine düstere Bilanz aufzuweisen: Noch immer sind 35 Millionen Amerikaner ohne Krankenversicherung, und auch wenn die Zahl derer, die unter der Armutsgrenze leben, leicht gesunken ist, bleibt sie erschreckend: 32 Millionen. Und nie war die Kluft zwischen Reich und Arm so groß wie heute. Ein Top-Manager verdient das 400fache eines Arbeiters.

Was bleibt übrig von der Clinton-Ära, was ist das Vermächtnis des ersten Rock-''n''-Roll-Präsidenten? Haben Comeback-Kid Bill und seine Babyboomer das Land wirklich fit für die Zukunft der neuen Internet-Industrien gemacht, haben sie die demokratischen Institutionen gestärkt - oder hat der Mann aus Arkansas das höchste Amt des Staates irreparabel beschädigt?

Stationen einer Reise im Oktober 2000, die quer über das Land führt, wie einst die Bus-Tour der wahlkämpfenden Clinton-Truppe: in eine Stadt in Texas; aufs Land nach Tennessee; an die Wall Street von New York.

Der Himmel ist die Grenze: Bush-City

Midland atmet Öl, denkt Öl, lebt Öl. Es ist sogar die Zeitrechnung der texanischen Kleinstädter. »Damals, als wir den Stoff gefunden haben«, sagen die Menschen, wenn sie die Mitte der zwanziger Jahre meinen; »als die Blase platzte« heißt Mitte der Achtziger.

Es gibt ein Petroleum Museum und jeden Oktober eine Internationale Öl-Show. Der Hogan Park Golf Course bietet an Loch zehn außer der Sandkuhle noch eine ortstypische Schwierigkeit: Der Golfer muss einen Bohrturm inmitten des Platzes umspielen. »Ich weiß nicht, wie viel Prozent von mir dieses Midland einnimmt«, sagt George W. Bush. »Aber wer mich verstehen will, muss verstehen, wie dieser Ort tickt.« Midland hilft auch zu begreifen, warum Bill Clinton bei den Reichen und Superreichen des Landes so anerkannt ist.

Nicht dass man viele Demokraten unter den 95 000 Midlanders fände - Dschiihsus, no, allein bei dem Gedanken schütteln sie sich im »Cattleman''s« über ihren Steaks und Budweisers, die Knarren neben sich liegend oder draußen, im Handschuhfach ihres Mercedes, verstaut: Dies ist tiefstes Republikaner-Territorium.

Sie sind hier alle für die Todesstrafe und durchaus stolz darauf, dass ihr Bundesstaat vorn liegt bei der Zahl der Exekutionen. Viele leben in Gated Communities außerhalb des Stadtkerns. Zäune schützen die Villen, private Wachfirmen die schnellen Motorboote und die Privatflieger am Hangar, für deren Parkplätze es eine Warteliste gibt. »Der Himmel ist die Grenze«, lautet der offizielle Stadt-Slogan.

Schon mehr als ein Drittel der Einwohner Midlands sind Latinos. Die meisten kamen als Ölarbeiter aus Mexiko, einige aber sind auch Executives. Es ist in der Ära der großen amerikanischen Freihandelszone leichter geworden, Aufenthaltsgenehmigungen in den USA zu bekommen. Die illegal über die Grenzen kamen, wurden aber noch härter verfolgt als früher. Für Texas ist das keine ideologische Frage. Es braucht frisches Blut, wenn das Geschäft boomt.

Midland ist eine manische Stadt, mit extremen Ausschlägen nach oben und unten: Nach Jahren der Depression stehen die Zeichen nun schon seit Anfang der Neunziger auf himmelhoch jauchzend. Auch, weil die Menschen nach Pleiten nie aufgegeben haben, sondern hoffnungsfroh immer wieder neue Unternehmen gründeten. »Diese Stadt gehört den Risikofreudigen«, sagt George W. Bush. »Es ist meine Stadt.« Tatsächlich spiegelt das Auf und Ab Midlands, das »Wir lassen uns nicht unterkriegen« perfekt sein Leben wider.

Er wurde 1946 in Connecticut geboren, wo sein Vater, der spätere Präsident, zwei Jahre später sein Studium an der Eliteuniversität Yale abschloss. Er war noch keine vier Jahre, als seine Eltern mit ihm nach Midland zogen. Bush senior und seine resolute Frau Barbara bauten innerhalb weniger Jahre ein erfolgreiches Öl-Imperium auf. George junior verriet wenige andere Interessen als Baseball.

»Bücher waren ihm ein Gräuel«, sagt sein alter Schulfreund Terry Throckmorton, »und eigentlich hatte er immer irgendwelchen Blödsinn im Kopf.« Überlebensgroß war wohl schon damals der Schatten des Vorbild-Vaters: George junior war der Schrecken der Lehrer, wurde einmal sogar verhaftet, als er einen Weihnachtskranz aus einem Hotel in Midland stahl. Trotz Schulzeiten im Internat von Andover (auch da war der Papa mal gewesen), trotz Abschlüssen in Yale und Harvard, trotz Pilotentraining bei der Nationalgarde und eigenem Geschäftsstart 1976 als Öl-Unternehmer in Midland: George junior blieb der Außenseiter in der Erfolgsfamilie.

Bei einer Feier der Bushs steuerte er einmal eine matronenhafte Freundin seiner Mutter an und sagte: »Was ich schon immer mal wissen wollte: Wie ist das eigentlich mit Sex über 50?«

Im Weißen Haus, wo ihn Mutter Barbara beim Dinner mit der britischen Queen sicherheitshalber weit weg vom Ehrengast gesetzt hatte, kämpfte er sich feuchtfröhlich zu Ihrer Majestät Elizabeth II. vor und sagte: »Gestatten, ich bin das schwarze Schaf der Bushs. Wer ist das in Ihrer Familie?« Die überraschte Queen, not amused, ließ ihn laut Augenzeugen abblitzen: »None of your business.«

Erwachsen wurde George W. Bush erst mit 40. Als Laura, eine Bibliothekarin, die er zwischenzeitlich geheiratet hatte, ihn wegen seiner Alkohol-Exzesse zu verlassen drohte. Als er sah, wie seine Zwillingstöchter in den Kindergarten kamen und ihn als Vater brauchten. Doch geschäftlich wollte und wollte es nicht klappen. Die Freunde wurden zu Millionären, seine Firma »Arbusto« ging Pleite. Auch als Bush junior endlich trocken war, sprudelte kein Öl.

Sein Leben lang wollte George W. Baseball Commissioner werden (viel mehr, gestand er seinen Midland-Freunden noch vor wenigen Monaten, als Präsident der USA). Das klappte nicht. Aber immerhin schaffte er es, Miteigentümer einer Baseball-Mannschaft zu werden, der »Texas Rangers«. Als späterer Manager des Teams wurde er geschäftlich erfolgreich und gesellschaftlich vorzeigbar.

Noch einmal hat George W. gezögert, ob er wirklich in die riesigen Fußstapfen des Vaters treten sollte. Nach dessen Amtsantritt ließ er von Bush seniors Wahlkampfstab eine Untersuchung anfertigen, was aus den Kindern von Präsidenten wurde. Doch auch als er las, dass zwei von John Adams'' Söhnen zu Alkoholikern wurden, ließ er sich nicht abschrecken, sondern konzentrierte sich aufs Positive: Der dritte Sohn war Adams ins Präsidentenamt nachgefolgt.

1993, nach der Wahlniederlage seines Vaters gegen Bill Clinton, kündigte Bush seine Kandidatur für den Gouverneursposten an; nun in einer neuen, endlich selbständigen Rolle, die ihm sehr gefiel - als Rächer seines von den Demokraten gedemütigten Vaters. George W. gewann im November 1994 gegen die favorisierte demokratische Amtsinhaberin Ann Richards. Vier Jahre später wurde er mit einer Mehrheit von 69 Prozent wieder gewählt.

Er hat härtere Maßnahmen gegen die Jugendkriminalität durchgesetzt, die Schulen durch private Konkurrenz zu verbessern versucht, »überflüssige« Sozialhilfe gestrichen. Und George W. hat sich allzeit und ganz treu als Freund des Big Business gezeigt: Nirgendwo in den USA darf die Großindustrie so ungestört die Umwelt verschmutzen wie in Texas. Houston hat in Bush juniors Amtszeit Los Angeles als Smog-Kapitale Amerikas abgelöst. In Odessa, Midlands nur 20 Kilometer entfernter, hässlicher Schwesterstadt, müssten Fabriken wie die des Kunststoffherstellers Huntsman wohl nach europäischen Richtlinien längst geschlossen werden: Hochgiftige Benzoldämpfe verpesten die Luft.

Es war der Politikstil, der die Texaner größtenteils für ihren Gouverneur einnahm: Er versuchte - obwohl Mann der Großindustrie - parteiübergreifend zu arbeiten und gab sich als integrierende Kraft einer neuen Mitte. »Ich konnte Bill Clinton nie leiden«, sagt der Bush-Freund und ehemalige Geschäftspartner Mike Conaway in Midland. »Aber ich muss sagen, alle Achtung, wie der Präsident nach seinem Start als Linker in die Mitte gerückt ist und sich seine Träumereien abgewöhnt hat. Ich denke, diese Politik hat George W. beeinflusst - er hat sich ihm von der anderen Seite angenähert.«

Auch die anderen Erfolgsunternehmer von Midland können der Amtszeit Bill Clintons durchaus Positives abgewinnen.

Diesen Clinton mögen sie hier in Bush-City: den Champion des Freihandels. Den gewendeten Wirtschaftspolitiker, der sich, einmal im Amt, schnell von der im Wahlprogramm angesagten BTU-Tax trennte, einer Energiesteuer. Den ideologisch Flexiblen, der sich nach den ersten chaotischen Monaten den republikanischen Berater David Gergen in seinen Stab holte.

Aber genau diesen schnellen Übergang vom Auch-Idealisten zum Nur-noch-Realpolitiker werfen Clinton andere vor. Der Wirtschaftsprofessor Robert B. Reich hatte voller Enthusiasmus sein Amt als Arbeitsminister im ersten Kabinett Clinton angetreten. Dem zweiten wollte er nicht mehr angehören, weil er meinte, nichts Fundamentales in Sachen sozialer Gerechtigkeit sei geschehen:

Noch immer besaßen 10 Prozent der Amerikaner 70 Prozent der - stark ansteigenden - Aktien, mit den Plänen zu einer umfassenden Krankenversicherung war die Regierung kläglich an der allmächtigen Pharmalobby gescheitert.

»Clinton laviert nach rechts, wenn der Wind so bläst, und das tut er jetzt«, erläuterte Wahlkampfmanager Dick Morris dem Arbeitsminister. »Aber er verliert nie sein Ziel aus den Augen.« Reich fragte nach: »Welches Ziel denn genau?« Morris: »Seine Wiederwahl ins Weiße Haus.«

Bill Clinton schaffte es, mit einer weitaus niedrigeren Wahlbeteiligung als beim ersten Mal. Das Glück blieb ihm treu: Die Wirtschaft boomte weiter. Zum großen politischen Wurf fehlte ihm aber trotz vieler sinnvoller Regierungsinitiativen wie den 68 000 zusätzlich angestellten Polizisten - wohl auch der letzte kreative Elan.

Bush junior hat sich zu Clintons Regierungsstil selten geäußert, aber er verfolgte nach Aussagen seiner Freunde den Mann im Weißen Haus genau. Manchmal kam er auch nach Midland in den exklusiven Petroleum Club. Dann legten sie ihm seinen Lieblingssong »Wake Up, Little Suzie« auf und redeten von den alten Zeiten, als sie noch Frösche mit Dynamit in die Luft jagten. George W. ist ein Mann, der alte Freunde nicht vergisst und es wie Clinton genießt, Hände zu schütteln und auf Rücken zu klopfen. Immer noch ist er ganz seines Vaters Sohn. Tränen schießen ihm in die Augen, wenn er an »sein schönstes Erlebnis« zurückdenkt: als Papa ihm bei der Amtseinführung als Gouverneur die Manschettenknöpfe des Großvaters überreichte.

»Das war ergreifend«, sagte George W. Bush zu seinen Kumpels. »Vor allem, wenn man weiß, dass Vater sich einen idealen Sohn etwa so vorstellt wie diesen Al Gore.«

Zu Höherem geboren:

Gore-Country

Es ist ein weites, fruchtbares Hügelland mit großen Herrensitzen und gemütlichen Dörfern. Country- and Western-Music weht über den Cumberland-Fluss, eine knappe Autostunde östlich von Nashville (Tennessee). »You are entering Gore Country« steht auf einem verwitterten Schild nahe der 2600-Seelen-Gemeinde Carthage und zwischen den Weilern Difficult (Schwierig) und Defeated (Geschlagen).

»Diese Dörfer von Tennessee habe ich immer als meine Heimat empfunden«, pflegt Präsidentschaftskandidat Gore in Interviews zu sagen. Ihre Namen nennt er nie - und mag dabei neidisch an Bill Clinton denken, an dessen Heimatort in Arkansas. »A place called Hope« eignete sich wunderbar für die Wahlkampfwerbung. Aber »A place called Defeated«?

Die Farmer, die sich heute im B&B-Drive-In am Cookeville Highway zu Bier und gegrillten Hähnchen treffen, glauben an den Sieg des Lokalmatadors. Die Gores sind hier noch mehr ein Bestandteil der Gemeinschaft und lokalen Folklore als die Bushs in Midland. Al war in dieser Kneipe Stammgast wie sein Vater. Und eigentlich war allen klar, dass aus dem Kleinen, der allen immer einen Gefallen tun wollte, einmal etwas Großes würde.

Wenn George W. mit 40 Jahren erwachsen wurde, so wurde Al junior etwa mit zehn Jahren erwachsen.

Er konnte als Baby gerade kriechen, da war er schon im Büro von Präsident Truman. Er war kaum in der Schule, da nahm ihn Vizepräsident Nixon in einer Sitzungspause mit aufs Podium hoch über dem US-Senat und gab ihm den Hammer zum Spielen. Er war gerade Gymnasiast, da ließ ihn der Vater ein Telefongespräch mit dem neuen Präsidenten John F. Kennedy mithören - und bereute es bitter: JFK gebrauchte Schimpfworte, für die Al senior den Sohn noch nicht reif fand.

Gore junior hatte in Wahrheit zwei Plätze, an denen er aufwuchs. Einmal die Familienfarm in Tennessee, dann ein Zwei-Zimmer-Apartment im Fairfax Hotel von Washington. Sein Vater saß für die Demokraten erst im Kongress, später war er 18 Jahre lang Senator für Tennessee. Al gewöhnte sich rasch an das »D oppelleben« - und dass Politik es bestimmte.

Er lernte, sich jeder Situation perfekt anzupassen, ein Ausbund von Disziplin, ob in der Eliteschule der Hauptstadt oder auf der Farm. Schon als Teenager sog er Wissen auf wie ein Schwamm. Suchte seine Grenzen und erprobte seine Macht über seine Umwelt. Beispielsweise, indem er (auf der Farm) Hühner zu hypnotisieren versuchte oder (in der Stadt) einen Dinner-Abend über den Niedergang der Metapher in Amerika abhielt: »Ich bin mit der Neigung aufgewachsen, erst nach dem Kopf, dann nach dem Herzen zu handeln.«

Eine Seminararbeit an der Harvard University beschäftigte sich mit dem »Einfluss des Fernsehens auf die Präsidentschaft«. Er versuchte sich i n Nashville als Zeitungsredakteur, berichtete als Armeereporter aus Vietnam - er hatte sich freiwillig zum Einsatz gemeldet, um den Kontrahenten seines Vaters keine Wahlkampfmunition zu liefern. Vietnamkriegsgegner Gore senior verlor 1970 dennoch die Wahl - und weinte bitterlich. Politik bestimmte nicht das Leben, es war das Leben.

Der Alte wollte, dass der Junge die politische Fackel weitertrug, dazu hatte er ihn schließlich erzogen. Und Al junior erfüllt einmal mehr die Erwartungshaltung. Mit 28 Jahren wird er Kongressabgeordneter, mit 36 Senator, mit 39 bewirbt er sich um die Präsidentschaftsnominierung der Demokraten - und scheitert nur knapp. Er nimmt sich eine kurze Auszeit, schreibt ein kluges Buch über Politik und Umwelt ("Earth in the Balance"). Er ist 44, als Bill Clinton ihn zu seinem Vize erwählt. Ein genialer Schachzug des politischen Naturtalents aus Arkansas: Gore ergänzte den Glamour des Sonnyboys mit Sachkenntnis und Solidität.

Er lässt sich von Clinton schriftlich zusichern, bei allen wichtigen Kabinettssitzungen dazugeholt zu werden. Er stürzt sich in die Arbeit, verblüfft immer wieder mit Detailkenntnissen und hilft wesentlich dabei, die aufgeblähte Regierungsbürokratie zu verschlanken. Er hat großen Anteil an der Gesetzgebung, die den neuen Medien ihren Siegeszug ermöglichte. Aber immer steht sich Al Gore auch selbst im Wege. Für Erich Segals Roman »Love Story« seien seine Frau Tipper und er die Vorbilder gewesen - belegen konnte er dies nicht. Und Gore behauptete, in Vietnam beschossen worden zu sein - nachweislich falsch. Das wurde zu einem unübersehbaren Charakterzug des Vize, zu einem Angriffspunkt für Bush: sein Geltungsdrang, seine Gefallsucht.

Der Vizepräsident, der immer auf den Wortlaut des Gesetzes pochte, wurde ganz nach Washington-Art zum Insider: Er bog sich das Gesetz zurecht, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Er nutzte sein Amtstelefon im Weißen Haus zum Spendensammeln für den Wahlkampf, er zapfte dubiose Quellen an. So hielt er Clinton den Rücken frei, auch als der Präsident in die Lewinsky-Affäre und in ein Amtsenthebungsverfahren stolperte. Auf Al Gore konnte sich der Commander-in-Chief verlassen. Der Vize nannte ihn in den düstersten Stunden öffentlich »einen der größten Präsidenten in der Geschichte der Vereinigten Staaten« - übertrieben wie immer, loyal wie immer.

In der Kneipe seines Heimatorts in Tennessee würden sie Al Gore den Einzug ins Weiße Haus sehr gönnen - aus persönlichen Gründen. Aus politischen weniger. Wo früher Farmland war, sind jetzt Einkaufszentren entstanden - und Fertigungsanlagen wie die des japanischen Autoherstellers Nissan. »Den ausländischen Firmen und den reichen Internet-Kids haben sie im Weißen Haus den Weg geebnet«, sagt ein Nachbar der Gores, der nur Jim genannt werden will. »Aber die Farmer und die kleinen Leute haben sie nicht besser gestellt. Und die Wohlfahrtsreform war richtig brutal.«

Selbst eine Prognose des Clinton-Gesundheitsministeriums bestätigte dies - eine Million Kinder würden zusätzlich verarmen, wenn das Programm durchgezogen wäre. Die Regierung ließ sich nicht beirren: Essenszuschüsse für die Bedürftigsten sowie für Immigranten wurden beschnitten, Gelder für Behinderte gekürzt; allein erziehende Mütter wurden in den Arbeitsmarkt hineingezwungen.

Das Gesetz ebnete die Zusammenarbeit mit dem republikanisch dominierten Kongress, es kam dem »gesunden Volksempfinden« nahe. Es ging Gore gegen den Strich (sein jetziges Wahlkampfprogramm ist in sozialen Fragen wieder ehrgeiziger). Aber er hatte sich einer Tendenz gebeugt, die er einmal so beschrieb: »Ich begann meinem eigenen politischen Urteilsvermögen zu misstrauen, so fragte ich die Meinungsforscher um Rat.«

Extremer machte das noch sein Boss: Stellenweise sah es so aus, als würde im Weißen Haus nur noch nach Umfragen regiert. Clinton entschloss sich sogar dazu, seinen Urlaub nicht wie geplant im wohlhabenden Martha''s Vineyard zu verbringen, sondern in Wyoming - weil das angeblich besser ankam. Und sein Berater Morris riet ihm in Sachen Lewinsky nach Umfragen zur Lüge - die Öffentlichkeit würde auf die Wahrheit negativ reagieren.

So etwas ist für die einfachen Menschen auf den Feldern von Difficult und Defeated nicht nachvollziehbar. Einen manipulierten und manipulierenden Präsidenten wollen sie nicht. Sie sind gegen die Anti-Raucher-Politik, die Gore so vehement vertritt: Schließlich haben viele Farmer hier Tabakfelder. Aber Al Gores geliebte Schwester Nancy, eine starke Raucherin, ist 46jährig an Lungenkrebs gestorben. »Ich kann ihm nicht übel nehmen, dass ihn das beeinflusst hat«, sagt Nachbar Jim.

Während George W. seinen Heimatstaat Texas klar gewinnen dürfte, steht es in Tennessee auf Messers Schneide. Als wolle er die alten, siegreichen Rock-''n''-Roller-Zeiten von 1992 beschwören, begab sich Al Gore (Lieblingsalbum: »Magical Mystery Tour« der Beatles) letzte Woche auf eine Busreise durch die weite amerikanische Provinz: Tipper war dabei, der Vizepräsidentschaftskandidat Joe Lieberman und seine Frau Hadassah, dazu der Rockstar Jon Bon Jovi.

Aber die jungen Amerikaner kann Gore mit einem solchen Nostalgie-Trip kaum mehr einfangen; nicht einmal ein Drittel der 18- bis 25-Jährigen werden wohl wählen gehen. Die junge Elite kümmert sich ausschließlich ums Geldverdienen am Neuen Markt oder um den Spaß mit der musikalischen Internet-Tauschbörse. Sie sind nicht mehr die »Kinder von Marx und Coca-Cola«, wie Regisseur Jean-Luc Godard einmal die 68er genannt hat; sondern die Kinder von Nasdaq und Napster.

Die Revolution der

Dot-Commies

In New York City sprechen die Medien von der neuen »Millionärs-Mittelklasse« - und das in durchaus mitleidigem Ton.

Wer gerade mal eine Million US-Dollar besitzt, hat Probleme, sich im Big Apple ein einigermaßen luxuriöses Leben zu machen. Ein Vier-Zimmer-Appartement in einer attraktiven Gegend ist um diesen Preis nicht zu haben. Personal Trainer, Schönheitschirurg, Garderobe, das alles geht ins Geld. Das Abendessen in einem In-Lokal wie dem »AZ« in Mid-Manhattan kostet für ein Paar mit zwei Kindern gut und gern tausend Dollar.

Was für ein Glück, dass die wirklich Reichen in Amerika zunehmen: In der Clinton-Ära hat sich die Zahl der Zehn-Millionen-Männer auf 275 000 vervierfacht; 41 000 davon leben in New York. In besonderen Seminaren werden die Kinder der Superreichen von Psychologen auf ihre Existenz vorbereitet.

Der Kampf ums Weiße Haus hat für die Elite der New Economy wie die Internet-Tycoons Jerry Yang und Scott McNealey wenig Gewicht. Sie wissen, dass mit dem Notenbankpräsidenten Alan Greenspan ein Mann im Amt ist, der unabhängig und intuitiv jede Geldmarktentscheidung richtig trifft. Sie wissen inzwischen auch, dass Clinton nicht als Linker, sondern als Wirtschaftsliberaler in die Geschichtsbücher eingehen will.

»Wir sind in das Informationszeitalter eingetreten, in die globale Ökonomie«, sagte der Präsident bei seiner Rede zur Lage der Nation 1998. »Wir haben einen Dritten Weg gefunden.« Und er forderte ein Programm, das nun Gore vertritt: Haushaltsdisziplin, mehr Geld für Erziehung und Forschung - ansonsten: Laisser-faire. Die Daten-Autobahnen: freigeschaltet. Die wirklichen Straßen: oft Bürgerinitiativen und deren Spenden überlassen - »Adopt a highway«.

Was aber passiert, wenn die so viel beschworene weiche Landung ausbleibt, die überhitzte amerikanische Ökonomie in die Kernschmelze übergeht? Wirtschaftswissenschaftler wie Paul Krugman halten das zumindest für möglich. Der Investment-Boom hat die Profite und die Aktienmärkte aufgepumpt. Sollten die Wertpapiere dramatisch fallen, würden sich die Konsumenten zurückhalten und mehr sparen. Weder Bush noch Gore haben bei ihren Wahlversprechen einen solchen Konjunktureinbruch auch nur in Erwägung gezogen - er passt nicht zum Daueroptimismus in Amerika.

Wer nicht spekuliert, hat in Manhattan kaum mehr eine Chance. Die ehemalige Mittelklasse - darunter Ärzte, Professoren, Angestellte - kämpft gegen einen immer höheren Schuldenberg. 40 »Anonyme Schuldner«-Hilfsgruppen haben sich zusammengefunden und spenden sich gegenseitig Trost.

Das große Protzen mag bei den Milliardären noch en vogue sein, bei der neuen Generation der Dot-Commies ist es nicht angesagt. Die jungen Leute, die 16 Stunden arbeiten, tun das meist in spartanischen Absteigen in Brooklyn oder Queens: Bett, CD-Player, Espresso-Maschine. Luxus ist nicht out, aber vertagt - um etwa 20 Jahre. Sie planen den Rückzug aus dem Arbeitsleben bis 40. Viele sind Single, kaum einer ist politisch interessiert.

»Bush oder Gore - das hat keinen realen Bezug mehr zu unserem Leben«, sagt der Programmierer Paul Smith. Mit den Babyboomern und Blumenkindern kann der 22-Jährige nichts anfangen. Sein Loft ist schwarz und hat weder Stuhl noch Bett, keine Dekoration. Manchmal träumt er davon, aufs Land zu ziehen, das Telefon abzumelden und ohne Elektrizität bei Kerzenschein zu leben - wie das so viele schon tun. Aber sein Logo für sein Internet-Programm auf dem Bildschirm ist eine Nelke.

Der amerikanische Autor David Brooks glaubt, jenseits der Yuppies und Dot-Commies einen neuen Trend in den USA ausgemacht zu haben: Amerikas Zukunft gehört demnach den »Bourgeois Bohemians«, den

»Bobos«. Dieser Elite soll nichts Geringeres gelingen als die Vereinigung zweier widersprüchlicher Prinzipien: der intellektuellen Welt der Boheme-Hippies der sechziger Jahre und der knallharten Internet-Unternehmer und Börsianer der Achtziger und Neunziger - erleuchtete Kapitalisten.

Der bürgerliche Bohemien ist gleichzeitig politisch liberal und ökonomisch konservativ, er ist für das Recht auf Abtreibung, schärfere Waffengesetze und setzt sich im Ausland für Ziele wie den Schutz der Regenwälder ein. Er beruhigt sein Gewissen durch bewussten Konsum - indem er Stoffe aus Tibet kauft. »Dies ist eine Elite, die erzogen wurde, gegen Eliten zu rebellieren. Die Bobos sind wohlhabend, ohne habgierig zu sein«, sagt Autor Brooks. »Sie haben es an die Spitze geschafft, ohne zu offensichtlich auf andere herunterzuschauen.« Für die Innenpolitik interessiert sich diese neue Elite nicht.

Wer ist nun der bessere Clinton-Klon, wer der Bill-ohne-Peinlichkeiten, von dem Amerika zu träumen scheint? Bei den Wählern, die »Clintons Regierungsleistung gutheißen«, aber ihn »persönlich nicht mögen«, liegt erstaunlicherweise der Republikaner George W. Bush mit 55 Prozent gegenüber Al Gore (24 Prozent) klar in Front. Und immer noch nicht soll sich der Präsident auf Gores Wunsch in die Schlussphase des Wahlkampfs einmischen dürfen.

In einem gerade veröffentlichten Interview mit dem US-Magazin »Esquire« schwärmt der Präsident davon, der Job habe ihn zu einem besseren Menschen gemacht, die USA sei durch seine Amtsführung ein besseres Land geworden. Die Zeit im Weißen Haus sei eine »wunderbare Erfahrung, auch für meine Familie, meine Frau, meine Tochter«. William Jefferson Clinton ist mit sich im Reinen.

War da nicht mal was - mit einer Praktikantin namens Monica, mit einem Amtsenthebungsverfahren?

Die Republikaner, meint Clinton in dem Interview, sollten sich »für das Impeachment-Verfahren beim amerikanischen Volk entschuldigen« - schließlich habe er sich ja auch für sein persönliches Fehlverhalten entschuldigt.

Clinton wird mit seinen 54 Jahren bald der jüngste Ex-Präsident seit Theodore Roosevelt sein. Der wurde mit dem Ruhestand nie fertig, schoss auf alles, was ihm vor die Flinte kam - bei afrikanischen Safaris allein 17 Löwen, 20 Rhinozerosse, 11 Elefanten. Roosevelt schoss sich auch auf seine Nachfolger ein, verbittert bis ans Lebensende. Wird es auch Clinton so gehen, wenn das grelle Scheinwerferlicht erlischt?

Er habe noch seinen Mustang-Sportwagen, erzählt er. Nein, er könne sich nicht vorstellen, dass der Neue im Weißen Haus darunter leide, dass er weiterhin Präsident sein wolle. Er könne das Leben auch jenseits des Weißen Hauses durchaus genießen.

Dem amerikanischen Autor Joe Klein ("Primary Colors") führte Clinton neulich vor, wie er sich das ausmalt. Auf dem Heimweg nach einer Veranstaltung in Washington ließ er zum Entsetzen seiner Leibwächter die Wagenkolonne stoppen: Der Präsident hatte ein McDonald''s-Restaurant gesichtet und konnte nicht widerstehen. In dem Chaos um ihn herum bestellte er in aller Ruhe ein Chicken-Sandwich und »tonnenweise Pommes": »Wenn ich schon wieder Normalbürger sein muss, dann benehm ich mich besser auch wie einer.«

Und so wird sich bald der Mann verabschieden, der eines der größten politischen Talente der amerikanischen Nachkriegszeit war. Ein Präsident, der das Machbare durchsetzte und seine Visionen schnell - manchmal gar zu schnell - zu den Akten legte. Ein Präsident, der seinen selbstzerstörerischen Zug nie besiegen konnte und von dem vor allem ein Satz in Erinnerung bleiben wird: »I did not have sexual relations with that woman.«

Aber auch dieser Satz wird verblassen, wenn erst Bush oder Gore ins Weiße Haus eingezogen sind. Der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson hat einmal geschrieben: »Jeder Held wird einmal ein Langweiler.«

Im Moment haben die Parteistrategen beider Seiten ein anderes Problem, das sie mit fieberhaften Auftritten und starken Sprüchen in den letzten Wahlkampfstunden angehen: Wie macht man aus einem Langweiler einen Helden?

ERICH FOLLATH

US-WIRTSCHAFT

Mit der INTERNET-ÖKONOMIE hat Amerika eine neue Ära eingeläutet. Ein BÖRSENBOOM ohnegleichen sichert die Vorherrschaft des Dollar auf den Finanzmärkten. Die GLOBALISIERUNG garantiert die Ausbreitung des amerikanischen TURBO-KAPITALISMUS auf die gesamte Weltwirtschaft. Mit dem Reichtum wächst die Ungleichheit.

US-MILITÄR

Ein Netz von 65 großen STÜTZPUNKTEN sichert amerikanische Präsenz in aller Welt, eine HIGHTECH-BEWAFFNUNG, der keine Armee Vergleichbares entgegensetzen kann, gegebenenfalls den Sieg über jeden Gegner. Der Einsatz von GIs auf allen Kontinenten macht die USA aber auch zur ZIELSCHEIBE von terroristischen Angriffen der Unterlegenen.

US-KULTUR

HOLLYWOODS Hits und Popmusik »made in USA« sind im afrikanischen Busch genau so erfolgreich wie in asiatischen Metropolen; ENGLISCH ist die dominierende Sprache rund um die Welt: Nie zuvor hat eine Nation dem Globus so unverkennbar ihren Stempel aufgedrückt - nationale VIELFALT und regionale Eigenart bleiben auf der Strecke.

* Mutter Barbara, George W., Vater George, Großeltern Dorothyund Prescott Sheldon in Midland (Texas).* Vor seinem Amtssitz in Austin (Texas).* Oben: Mutter Pauline, Schwester Nancy, Vater Albert vor demWashingtoner Kapitol; unten: als Kriegsreporter in Vietnam.* Töchter Kristin, Sarah, Vater Al, Mutter Tipper,Schwiegersohn Schiff, Tochter Karenna mit Baby Wyatt, Sohn AlbertIII.* Mit dem New Yorker Erzbischof Edward Egan.

Zur Ausgabe
Artikel 1 / 151
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.