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»Cocktail angerührt«

aus DER SPIEGEL 17/1995

Hibbs, 43, Europa-Redakteur der amerikanischen Fachzeitschrift Nucleonics Week, ist Fachmann für die zivile und militärische Nutzung atomaren Materials.

SPIEGEL: Herr Hibbs, welche Erkenntnisse haben Sie über die Herkunft des in München sichergestellten Plutoniums?

Hibbs: Es scheint sich um eine ungewöhnliche Mischung zu handeln: Die Isotopenzusammensetzung weist auf Material aus einem Schnellen Brüter hin, andere Indizien könnten für Material aus einem Leichtwasserreaktor sprechen, wieder andere Hinweise deuten auf Abfall aus Trennanlagen, womöglich Reste aus atomaren Sprengköpfen.

SPIEGEL: Läßt sich die Behauptung der Bonner Behörden und Karlsruher Atomexperten verifizieren, daß der Fingerabdruck des Materials eindeutig auf seine Herkunft schließen läßt?

Hibbs: Keinesfalls. Da ist offenbar ein Cocktail angerührt worden, um die Herkunft systematisch zu verschleiern. Allein auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion gibt es 950 Lagerstätten für strahlende Stoffe. Genausogut könnte das Material aber auch theoretisch aus einem britischen, französischen oder deutschen Reaktor stammen. Es gibt Experten, die es nicht für ganz ausgeschlossen halten, daß das 1994 in einer Garage in Tengen gefundene Plutonium auch aus einem Forschungsreaktor in Karlsruhe stammen könnte, obwohl die Amerikaner der Meinung sind, daß es aus einer sowjetischen Meßmenge stammt.

SPIEGEL: Warum sind die Deutschen so sicher, daß alle Plutonium-Funde aus der ehemaligen Sowjetunion stammen?

Hibbs: An dieser sehr früh aufgestellten Behauptung zweifelt man in Bonn inzwischen offenbar selbst, da es keine Beweise gibt. Bislang sind noch keine Proben des Münchner Materials an amerikanische oder russische Labors geschickt worden, die über großes Know-how bei der Bestimmung von Strahlenmaterial aus dem Waffenbereich verfügen. Diese Hinhaltetaktik erlaubt es Moskau, nun zu behaupten, das Material könne genausogut aus deutschen Reaktoren stammen.

SPIEGEL: Welche Erkenntnisse liefert der Fund von München den Experten und Fahndern denn überhaupt?

Hibbs: Vergleichsweise wenig. Entscheidende Spuren wurden durch die dilettantische Aktion des BND und des Landeskriminalamts verwischt. Die Hintermänner des Deals sind abgetaucht, die russische Regierung ist sauer auf die Deutschen, wodurch die Zusammenarbeit erschwert wird. Die entscheidenden Fragen, woher der Stoff stammt und wer ihn wo zusammengerührt hat, sind kaum noch zu klären.

SPIEGEL: Welchen Sinn kann die BND-Inszenierung gehabt haben?

Hibbs: Offenbar wollten sich die Deutschen zum Teil als Aufpasser profilieren, die die internationale Bedrohung durch Plutonium-Schmuggel im Griff haben. Dazu mußte der Fall spektakulär durchgeführt werden, denn nach meinen Erkenntnissen gibt es weder einen Markt noch Staaten, die sich für den Kauf von in Deutschland gefundenem Strahlenmaterial interessieren.

SPIEGEL: Sie glauben also nicht, daß Iran, Irak oder Nordkorea russischen Bombenstoff erwerben wollen?

Hibbs: Warum sollten diese Länder irrsinnig viel Geld für ein bißchen Plutonium ausgeben, wenn sie für etwas mehr Geld ganze Anlagen bekommen, die ihnen das Zeug in jeder gewünschten Menge liefern?

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