PROSTITUTION Codewort Orchidee
Wenn West-Berlins Polizei in Bordellen Razzia macht, verteilen die Beamten Formblätter ans Personal. Die Empfängerinnen finden auf den Bögen mehrere Sätze in Thai-Schrift, die wahlweise angekreuzt werden sollen.
»Ich möchte nicht wieder dorthin zurück, wo ich angetroffen worden bin, und brauche deshalb Hilfe«, steht dort, oder auch: »Ich möchte vor der Polizei eine Aussage machen.« Vorzugsweise angekreuzt aber wird: »Ich brauche keine Hilfe, komme allein zurecht und möchte in Ruhe gelassen werden.«
Das ist schlecht für die Frauen, jährlich rund 1000 junge Prostituierte aus Thailand, die in West-Berlins 500 Bordellen aufgegriffen werden. Da sie als Touristinnen eingereist und schon deshalb illegal beschäftigt sind, schiebt die Polizei sie gemäß Ausländerrecht meistens umgehend ab.
Aber auch der Polizei ist es nicht lieb, wenn die Dirnen diese Antwort anstreichen. Denn mit der Abschiebung verlieren Kripo und Staatsanwaltschaft wichtige Zeuginnen für Strafverfahren wegen Menschenhandels, Nötigungsdelikten und Zuhälterei.
Die in Berlin eingeleiteten Verfahren scheiterten meist schon daran, daß der Strafrechtsparagraph 181 gegen Menschenhandel unzulänglich formuliert ist. So muß einem Anwerber die »Ausnutzung der Hilflosigkeit« seines Opfers nachgewiesen werden. Dieser Nachweis schlägt aber, laut Urteil des Bundesgerichtshofs, schon dann fehl, wenn das Opfer weiß, worauf es sich einläßt. Das ist bei den oft formal freiwillig nach Deutschland gereisten Thai-Frauen sehr häufig der Fall.
Erfolglos blieb bislang auch ein Vorschlag des Berliner Parlamentsausschusses für Frauenfragen. Das Gremium will die »moderne Form des Sklavenhandels« wenigstens dadurch erschweren, daß den Thai-Frauen ein Gegengeschäft angeboten wird: Wer aussagt, darf bleiben. Doch die geforderte Gesetzesinitiative für den Bundesrat ist vom Senat bisher nicht auf den Weg gebracht worden.
Der Deal brächte, so ein Staatsanwalt, auch nur ein neues Problem: »Anzeigewillige Prostituierte mit dem Aufenthalt zu belohnen, während wir türkischen Ehefrauen Familienzusammenführung und Nachzug aus der Türkei verwehren, das geht wohl nicht.«
Auch die vom 1. Juni an geltende Visumpflicht für Thai-Bürger in Westdeutschland wird kaum verhindern, daß weiterhin Thailänderinnen ihre »Zuhälter zu Millionären« machen, wie die Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John klagt. Denn nach Berlin-West reisen Ausländer bei Bedarf unbehelligt ohne Visum: über den Ost-Airport Schönefeld und den Mauerdurchlaß Friedrichstraße mit der S-Bahn.
So bleibt der Polizei auch künftig kaum mehr, als, wie bisher, in Hunderten von Einzelaktionen »den deutschen Nutten die Konkurrenz wegzugreifen« (ein Ermittler), statt die Hintermänner der Armutsprostitution auszuschalten.
Unklar ist auch, ob ein von Berlins Justiz gerühmter »weiterer Erfolg bei der Bekämpfung der Prostituiertenförderung« - der Schlag gegen einen Bordellring - Abhilfe bringt. In mehreren Weddinger und Neuköllner Alt-Häusern des 42jährigen Immobilienunternehmers Joachim Felsner waren nach Zählung der Staatsanwälte mitunter acht Thai-Bordelle gleichzeitig angesiedelt. Doch das Verfahren leidet an Beweisnot.
Gegen Beschwerden der Staatsanwälte gewährten Berliner Richter in zwei Instanzen dem Unternehmer Haftverschonung. Die geforderte Kaution von einer Million Mark brachte der Verdächtige locker per Bürgschaft.
Als hilfreich für Bordelliers erweist sich immer wieder, daß die von Händlerringen importierten Frauen, die im fremden Land so rechtlos wie sprachlos sind, sich nach Belieben einschüchtern und ausnehmen lassen. Hilfsorganisationen wie die Arbeitsgemeinschaft gegen internationale sexuelle und rassistische Ausbeutung (AGISRA) und Amnesty for Women (AfW)* versuchen zwar, den Frauen zu helfen. Doch das Geschäft mit der Ware Frau aus Ländern der Dritten Welt floriert schon deshalb, weil das bisherige Touristenprivileg, Einreise ohne Visum auch ins Bundesgebiet, keine gründliche Prüfung bei der Ankunft erlaubt: Vor allem Filipinas und Thailänderinnen kommen zu angeblich dreimonatigen Rundreisen ins Land.
Ein Rückflugticket, 1000 oder 2000 Dollar Vorzeigegeld und Prospekte von Reisebüros in der Handtasche täuschen den Grenzkontrolleuren vor, daß die Frauen sich selbst ernähren und wieder nach Hause reisen wollen. In Wahrheit sind sie Agenturen auf den Leim gegangen, die einen modernen Sklavenmarkt in Westeuropa bedienen.
Nachschub kommt nicht nur aus Fernost. Frauen aus Ghana reisen über Belgien ins Land; mit Deutschen, oft aus der Rotlicht-Szene im Ruhrgebiet, gehen sie, gegen 6000 Mark Gebühr, Scheinehen ein.
Polinnen, die zu Hause in Hotels auf Devisen aus sind, folgen Einladungen deutscher Touristen; wie Krystyna aus Krakau wollen sie »das süße Leben der westdeutschen Wohlstandsgesellschaft« kennenlernen. Dann aber entpuppt sich der Gastgeber häufig als Zuhälter; der West-Trip endet beispielsweise in einem Bordell in den Niederlanden.
Ähnlich erging es sieben Frauen aus Brasilien, Kolumbien und der Dominikanischen Republik, die eigentlich »als Folklore-Tänzerinnen« angeheuert hatten. Für je 20 000 Mark, von einem Manager vorgestreckt, waren sie über Griechenland nach Bayern geschleust worden. Doch »sie tanzten nur einen Sommer lang«, meldete das bayrische Landeskriminalamt. Als das auf sechs Monate befristete griechische Besuchervisum abgelaufen war, endete die Europareise in Ingolstadt und in Neuburg an der Donau im Puff.
Wie frau verhökert wird, berichtete das Thai-Mädchen Sun, 18, nach der Flucht in ein Frauenhaus. Sie hatte in einer Seidenweberei in Bangkok gearbeitet. Von ihrem Monatslohn, rund 250 Mark, gab sie noch einen Teil an Eltern und Geschwister ab. Ein Zeitungsinserat versprach ihr die Lebenswende: »Kostenloser Deutschland-Aufenthalt, Sprachkurse, eventuell eine Ehe«. Wie ein gutes Dutzend ihrer Kolleginnen nahm Sun die Offerte an.
Erst in einem Büro in Darmstadt, das Partner vermittelt, kam Sun dahinter, was mit ihr geschehen war. Längst war ihr das Rückflugticket abgenommen worden; sie besaß nur noch 50 Mark Taschengeld. Eine Leidensgenossin entdeckte in dem Büro eine Karteikarte mit ihrem Photo, auf die eine vierstellige Summe geschrieben war. Die Thailänderin: »Wir sind verkauft worden.«
Für Vermittlungsgebühren bis zu 10 000 Mark können Kunden solcher Agenturen Mädchen zur Probe mitnehmen, zurückgeben oder umtauschen. Maso, 27, zum Beispiel wurde nacheinander einem 27jährigen, einem 76jährigen, einem 85jährigen und einem 39jährigen Mann zugeteilt. Einen Ehemann fand sie nicht, aber nach Ablauf der letzten Probezeit war sie schwanger.
Rund 60 Profi-Händler, ermittelte der rheinländische Journalist Heinz G. Schmidt für eine Studie, haben aufgrund dieses Mädchenhandels, der als Heiratsvermittlung getarnt ist, ihr Auskommen*. Die finanzielle Lage der Aufgegriffenen und ihrer Familien daheim hingegen »ist so schlecht«, die Schleuser-Gebühr so horrend, weiß der Bundesgrenzschutz-Führungsbeamte Hilmar Dinglreiter, »daß die Frauen zu jeder Lüge bereit sind«.
Dennoch gelang der Grenzschutzdirektion in Koblenz ein Schlag gegen die Menschenhändler. Unter dem Kodewort »Orchidee« betrieb sie weitverzweigte Ermittlungen, die inzwischen vom Wiesbadener Bundeskriminalamt übernommen worden sind: 629 Filipinas und ihre Betreuer wurden bisher vernommen, 135 der Republik verwiesen. Einige Dutzend Agenturen mußten zumachen.
Der »Menschenhandel mit noch nicht überschaubaren Dimensionen«, so der Frankfurter Oberstaatsanwalt Jochen Schroers, war aufgeflogen, als ein Wohnwagen an der Grenze in Weil am Rhein wegen schwerer Ladung auffiel: In dem Vehikel fanden sich 16 Frauen auf dem Weg von Frankfurt nach Italien. Sie sollten als »Hausgehilfinnen« an US-Soldaten vermittelt werden.
Ein paar Tage später stießen Grenzer im südbadischen Singen auf eine Schlüsselfigur des Menschen-Exports: Ein US-Bürger philippinischer Herkunft hatte 30 000 Dollar bei sich, nachweislich die Kaufsumme für eine Lieferung von Frauen nach Italien. Bei der Überprüfung des Geldboten wurden Unterlagen sichergestellt, die zur Wohnung eines Filipino in Frankfurt führten. Der war gerade dabei, drei Frauen weiterzuvermitteln.
Der Aufenthalt vieler solcher Frauen in Deutschland kreist zwischen den Wohnabsteigen, wo die Berliner Polizei schon bis zu sieben Frauen auf zehn Quadratmetern inmitten von Abfallsäcken und Sperrmüllmobiliar vorfand, und den Zellen fürs Geschäft, die standardisiert »mit französischer Doppelliege, Papierrolle und Papierkorb« (Polizeiprotokoll) ausgestattet sind.
Zwischen den beiden Orten werden die Frauen meist geschlossen transportiert - »wie Schlachtvieh«, entsetzte sich hinterher ein Freier, der frühmorgens um sechs die Abfahrt einer solchen Horror-Fuhre beobachtet hatte.
West-Berlin ist derzeit die Hochburg des Menschenhandels, allein dort arbeiten rund 2500 Thai-Dirnen gegen kargen Lohn. In der Gegend rund um den Stuttgarter Platz in Charlottenburg blüht ein finsteres Puff-Milieu, in dem die Staatsanwaltschaft mittlerweile eine »sprunghafte« Zunahme von Eigentums- und Gewaltdelikten registriert.
Der Frauen vom Stuttgarter Platz hat sich nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft vor allem »eine Gruppierung ehemaliger DDR-Bürger« angenommen. Es handelt sich zum Teil um freigekaufte Häftlinge. Die Polizei kommt den Dirnen-Händlern mangels Belastungszeuginnen oft nur bei, wenn am »Stutti« nach Gewalttaten schweres Gerät sichergestellt wird, etwa, so ein Polizeiprotokoll, ein »Schlagring mit integriertem, arretierbarem Messer« oder Waffen wie »1 Pistole FN, Kal. 9 mm«.
Ein Gast, der im »Blauen Engel« zusammengeschlagen worden war, ging zur Polizei und erstattete Anzeige. Tags darauf wurde er im benachbarten »Golden-Gate-Club« erkannt und in den »Blauen Engel« bugsiert, wo ein halbes Dutzend Szene-Größen das »Anzeigenschwein« malträtierte.
Staatsanwälte ermittelten, daß die beiden Etablissements Thailänderinnen durch einen gemeinsamen Mittelsmann einschleusen ließen und gleichsam im Pool benutzten: Je nach Geschäftsgang seien die Prostituierten »allabendlich auf die Lokale verteilt« und in ihre »Arbeitskleidung«, Badeanzüge, gesteckt worden.
Nur selten entschließen sich die verschüchterten Frauen doch einmal zur Aussage. So wird sich die Berliner Justiz demnächst mit einem Fall beschäftigen, der das Geschäft grell beleuchtet: Drei junge Thailänderinnen, die im letzten August nach einer Razzia im Charlottenburger »Club Michaela« aufgegriffen worden waren, hatten sich zum Auspacken entschlossen.
Die Ermittler erhielten konkretes Material gegen die »Ausbeutung thailändischer Prostituierter durch international operierende Gruppen« (ein Staatsanwalt): von der Anwerbung in Bangkok durch die Schlepperschleuse des Flughafens Schönefeld auf die Couch im Charlottenburger Hinterzimmer; dazu die Kladden des Puffs, einschließlich Abrechnungen und Schlepperkorrespondenz.
Wie ihre beiden Kolleginnen war die Thai-Frau Dschampi Khamban* in ihrer Heimat von einer Mitbürgerin mit dem Spitznamen »Tante Ni« für den Berliner Job angeworben worden. Die Tante schaffte das Rückflugticket sowie einen unterschriftsreifen Vermittlungsvertrag über 3000 Mark heran. Die Vertragssumme sollte bei »Mama Sun« in Berlin erarbeitet und bezahlt werden.
Im Juli 1988 flog Dschampi von Bangkok nach Ost-Berlin und reiste über den Bahnhof Friedrichstraße in den Westteil der Stadt. Dort hatte der Barbesitzer, für den die Thai-Frau Mama Sun den Tresen betrieb, schon alles geregelt: Der 39jährige Berliner, ein gebürtiger Thai, ließ durch Kontaktanzeigen ("Süße Teenies mit Zeit") für steten Kundenstrom sorgen. Pingelig waren bei dem Unternehmer, der sich nach Erkenntnis der Staatsanwälte seit 1987 »dem Betrieb verschiedener Bordelle« widmet, die Konditionen festgeschrieben. Der Freier hatte 70 Mark in eine zentrale Kasse zu zahlen; davon wurden der Frau jedesmal auf einer »Strichliste« 45 Mark gutgeschrieben.
Als Dschampi nach drei Wochen Arbeit aufgegriffen wurde, hatte sie praktisch nichts verdient; nach dem ausgeklügelten »System von Teilabgaben, Kostenersatz und Schulden«, so glaubt ein Ermittler, hätte sie es auch in drei Monaten kaum zu Geld gebracht. Flucht aus dem Rotlichtjob war so gut wie unmöglich. Der Bordellier und seine Mama Sun hätten für ständige Kontrolle gesorgt, berichteten die Frauen.
Eine, der noch ein Ausbruch gelang, brachte der Polizei ein aufschlußreiches Papier mit: einen Brief aus Bangkok von Tante Ni. Sie wies ihre Geschäftspartner im fernen Charlottenburg an, die Eintreibung des ihr zustehenden Vertragsgeldes sicherzustellen - durch »Aufpassen« und Einzug der Flugtickets.
Wie furchtsam die Opfer bemüht waren, die ihnen diktierten Schlepperverträge einzuhalten, zeigt das Geschick von Waraporn, einer Kollegin der Dschampi. Die junge Frau war im März 1988 nach ihrer Ankunft in Berlin erkrankt und konnte deshalb im »Club Michaela« nicht anschaffen. Sie wurde nach Bangkok zurückgeschickt und lieh sich bei Tante Ni gleich noch mal 10 000 Baht, damals rund 700 Mark: Das Mädchen wollte nicht mit leeren Händen dastehen und dadurch »vor ihren Eltern das Gesicht verlieren«.
Zur Tilgung der Alt- und Neuschulden sah die junge Frau nur einen Ausweg: Sie ließ sich gleich noch ein zweites Mal vermitteln - nach Berlin.
Thailänderin, Polizeikontrolle in Berlin »Ich brauche keine Hilfe«
Thai-Massage in Bangkok Anwerbung von »Tante Ni«
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