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SPIONAGE / AUSTAUSCH Container unter Kohl

aus DER SPIEGEL 12/1970

Für Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher ist Spionage »ein gemeines Delikt«. Deshalb sollte, wie der oberste Dienstherr der Bonner Spionageabwehr letzte Woche meinte, Schluß gemacht werden mit einem Handel, der einseitig die Geheimdienste im Osten begünstigt: mit dem schnellen Austausch von Spionen.

Am selben Tage, da Genscher in Bonn vor der Vergabe von »Freifahrkarten in die Heimat« an östliche Agenten warnte, spazierte durch die Ausstellungshallen der Leipziger Frühjahrsmesse demonstrativ ein Ehepaar, das nach Paragraph 98 (Tätigkeit zur Erlangung oder Mitteilung von Staatsgeheimnissen) oder nach Paragraph 99 (Geheimdienstliche Tätigkeit für eine fremde Macht) des westdeutschen Strafgesetzbuches zur Zeit in einer bundesrepublikanischen Strafanstalt einzusitzen hätte: Karl Georg Rudolf Driehaus, 51, und Erna Driehaus, 46.

Im Auftrage des DDR-Geheimdienstes »Hauptverwaltung Aufklärung« (HVA) im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) suggerierte das Driehaus-Paar vor Gästen aus dem Westen den Eindruck, den Genscher in Bonn »auf keinen Fall entstehen« lassen möchte: »daß Spionage ein risikoloses Kavaliers-Delikt ist«.

Wohl laufen Agenten aus der DDR Immer Gefahr, in der Bundesrepublik ertappt und verurteilt zu werden. So erhielten wegen Spionage 1968 und 1969

* Gerhard Rudolf Schmid zweieinhalb Jahre Gefängnis,

* Zerban Wera Schmid zwei Jahre,

* Herta Nordmann eineinhalb Jahre,

* Otto Nordmann dreieinhalb Jahre,

* Rudolf Riemann drei Jahre,

* Heinz Mende zwei Jahre und sieben Monate,

* Franz Herdegen 18 Monate,

* Erika Herdegen 18 Monate,

* Harald Gottfried zwei Jahre.

Gleichwohl saß Ende 1969 nicht einer dieser von westdeutschen Gerichten verurteilten Ost-Agenten mehr in West-Haft. Die »Helden an der geheimen Front« (SED-Zentralorgan »Neues Deutschland") waren schon kurz nach ihren Prozessen vorzeitig begnadigt und gegen langjährig einsitzende politische Häftlinge im DDR-Zuchthaus Bautzen ausgetauscht worden -- Atomsplan Gottfried bereits zehn Tage nach seiner Verurteilung.

In diesem west-östlichen Agentenaustausch, der seit Jahren in beinahe konspirativer Verschwiegenheit zwischen Bonn (Federführung: Ministerium für innerdeutsche Beziehungen) und Ost-Berlin (Federführung: Ministerium für Staatssicherheit) durch die Berliner Rechtsanwälte Jürgen Stange (West) und Wolfgang Vogel (Ost) betrieben wird, kamen Karl und Erna Driehaus sogar noch schneller frei: Beide »Kundschafter« ("Neues Deutschland") kamen nach ihrer Enttarnung und Verhaftung gar nicht erst vor das für sie zuständige Oberlandesgericht. Noch vor Ende der Vorermittlung konnte das Spionage-Paar zu seinem Auftraggeber, der HVA, zurückkehren -- ohne Prozeß.

Tatsächlich zählte das Ehepaar Driehaus zu den geheimsten Spezies, die der Ost-Berliner Nachrichtendienst in der Bundesrepublik unterhält: zum Schweigenetz. In Ergänzung zu den schon in Friedenszeiten operierenden Spionen -- wie das Bonner Trio Irene Schultz, Liane Lindner und Heinrich Wiedemann -- hält die HVA nach Erkenntnissen der Bonner Abwehr Schweigeagenten an allen strategischen Punkten in der Bundesrepublik bereit für den X-Fall (Krisenfall).

Das Driehaus-Gespann war gleichsam Schulmodell für dieses Programm der »langfristigen Perspektive« (Planung auf lange Sicht) durch die Ost-Berliner HVA. Schon in der DDR hatte sich Karl Driehaus als Spitzel des MfS bewährt, bevor er mit Ehefrau am 23. Dezember 1955 als Flüchtling in die Bundesrepublik geschleust wurde. Eine bürgerliche »Legende« (Lebenslauf) beschaffte er sich zunächst als Journalist in Köln, dann in der Presseabteilung des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks in Bonn.

Sein geheimdienstlicher Auftrag lautete: Aufbau einer illegalen Verbindungs-Residentur für DDR-Agenten in Holland und der Schweiz zur HVA-Zentrale in Ost-Berlin, Normannenstraße. Für dieses Netz war Driehaus als Funker ausgebildet und einsatzbereit -- nicht für die aktuelle Spionage, vielmehr auf Abruf im Krisenfall.

Auf ausdrückliche Weisung der HVA mußte sich das Ehepaar Driehaus mit seinen zwei Kindern in Reichweite der Bundeshauptstadt, in ländlicher Idylle niederlassen -- zwecks weiträumiger Mobilität mit Sende- und Empfangsgerät im Auto,

Karl und Erna Driehaus bezogen die Wohnung Bahnstraße 31 in Bergheim (Sieg). Die Funkgeräte stellten sie unter dem Dachfirst ab, die Funkschlüssel vergruben sie in Behältern (Containern) auf einem Feld unter Kohlköpfen, so

* den Sonderverbindungsplan nach

Abruf durch die Zentrale,

* die speziellen Schlüsselunterlagen, die automatisch nach Abruf in Kraft treten,

* den allgemeinen Verbindungsplan für den X-Fall« wonach der Funker mit Quellen Kontakt aufnimmt zur Verabredung von Treffs und von Verstecken für Übermittlung geheimer Nachrichten ("Tote Briefkästen").

Wiederholt tauschte Ost-Berlins HVA die Funkgeräte auf dem Dachboden in Bergheim gegen modernisierte Apparate aus, und Funker Driehaus wurde zu Fortbildungskursen nach Ost-Berlin kommandiert. Seine Legende tarnte er bürgerlich: im Gartenbauverein und Skatklub, als Kegelbruder und Oberturnwart.

Dennoch vermochte die Bonner Abwehr -- Abteilung IV (Chef: Dr. Richard Meyer) im Bundesamt für Verfassungsschutz -- infolge eines Fehlers der HVA-Zentrale den Schweigeagenten schon 1966 zu enttarnen, ohne ihn sogleich verhaften zu lassen. Driehaus, der sich unerkannt wähnte, fungierte drei Jahre als Lehrmodell für das Referat HVA In der Abteilung IV,

Nach seiner Festnahme im Mai 1989 schließlich tat Driehaus, was die Ost-Berliner Geheimdienstzentrale ihren West-Agenten einschärft: Er nahm vor den Vernehmern der Sicherheitsgruppe Bonn stramm Haltung ein, gab zu, Angehöriger des Ministeriums für Staatssicherheit zu sein -- und schwieg.

Durch Schweigen hielt der Schweigeagent gleichsam Rückversicherung mit seinem Auftraggeber: Auf dem Ost-Berliner Gehaltskonto liefen die Zahlungen auch während der West-Haft weiter, und das MfS selektierte Im Zuchthaus Bautzen vorsorglich Kandidaten für einen Austausch.

Am 9. Januar dieses Jahres wechselte das Ehepaar Driehaus aus der U-Haft über die Grenze in die DDR, zu einem geheimgehaltenen Tauschpreis.

Die Fürsorge, die das MfS lebenden Mitarbeitern zuteil werden läßt, erhellt aus der Pietät für tote Kundschafter. Im Dezember 1968 erbat und erhielt das Ministerium für Staatssicherheit die Leiche der in West-Berlin verunglückten Agentin Gudrun Heidel. Gegenleistung: zwei West-Späher aus Ost-Haft.

Auf die Fürsorge durch das MfS baut in Bonner U-Haft auch die am 26, Februar eingelieferte Agentenführerin Liane Lindner: »Ich warte jetzt in Ruhe auf meinen Austausch.«

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