Milena Hassenkamp

Impfgerechtigkeit Bitte kein Kampf der Generationen

Milena Hassenkamp
Ein Kommentar von Milena Hassenkamp
Immer wieder wurde während der Pandemie Solidarität gefordert. Inzwischen haben die Jüngeren offenbar die Nase voll: Sie wollen nicht, dass die Älteren ihnen den guten Impfstoff wegnehmen.
Impfung im größten Impfzentrum Deutschlands in Hamburg: Noch sind ältere Menschen an der Reihe

Impfung im größten Impfzentrum Deutschlands in Hamburg: Noch sind ältere Menschen an der Reihe

Foto: Joerg Boethling / imago images/Joerg Boethling

Solidarität hat offenbar ein Verfallsdatum, wenn sie nicht belohnt wird . Ein Jahr lang haben jüngere Menschen sich für die Älteren an Regeln gehalten. Sie haben Abstand gehalten und Masken getragen, sind zu Hause geblieben und haben ihre Kinder betreut. Doch jetzt reicht es ihnen. Sie wollen endlich wieder in einer Bar sitzen oder in den Flieger steigen. Die Geduld ist offenbar am Ende. Die Jüngeren, so fühlt es sich an, wollen nicht mehr warten.

Als die Ständige Impfkommission nach AstraZeneca mit Johnson & Johnson den zweiten Vektorimpfstoff nur noch für ältere Menschen empfahl, kommentierte ein junger Mann bei Twitter: »Dann sollte aber #BioNtech nur für UNTER 60-Jährige reserviert werden. Sonst kommen wir ja niemals dran«. Eine andere schrieb, Menschen Anfang 20 »hätten die Nase voll«. Mein SPIEGEL-Kollege Claus Hecking warf in einem Kommentar älteren Menschen vor, den Impfstoff von Biontech zu »hamstern«. Wir brauchten jetzt unbedingt einen Generationenkonflikt , argumentierte ähnlich mein Kollege Markus Becker. Die Jungen müssten aufbegehren. Beide forderten, den Älteren nur noch AstraZeneca und Johnson & Johnson zu geben.

»Damit Oma und Opa nicht krank werden«

Das ist ein deutlich anderer Ton als der, der noch in der Anfangszeit der Pandemie den Diskurs beherrschte. Das Bundesgesundheitsministerium appellierte im März 2020 mit einem Werbespot an die Solidarität der Deutschen. Menschen erklärten darin, warum sie während der Pandemie zu Hause blieben: »Damit wir diese Zeit mit möglichst wenig Opfern überstehen«, sagte eine Frau in die Kamera. »Weil das Leben retten kann«, sagten zwei Kinder. »Damit Oma und Opa nicht krank werden.« Sich selbst, andere und vor allem Ältere zu schützen, so schien es in den ersten Monaten der Pandemie, gab den Menschen Kraft. Heute scheint davon wenig übrig zu sein.

In ihren Kommentaren schrieben die beiden SPIEGEL-Kollegen von Arztpraxen, die überfordert sind mit der Beratung älterer Menschen, die sich lieber mit dem Präparat von Biontech/Pfizer impfen lassen wollen, als mit dem von AstraZeneca. Doch ihr subjektiver Eindruck ist schwer zu belegen: In manchen Ländern bleibt AstraZeneca liegen, in anderen wird das Präparat problemlos verimpft. Manche Arztpraxen bekommen immer noch zu wenige Impfstoffe geliefert. Der Beratungsaufwand in den Praxen ist sicher enorm, aber Gespräche mit Patienten sind eben auch die Aufgabe von Ärztinnen und Ärzten.

Den Älteren das »Hamstern« vorzuwerfen, unterstellt ihnen, dass sie böswillige Absichten verfolgen, wenn sie sich lieber mit einem Impfstoff behandeln lassen wollen, der als deutsche Erfolgsgeschichte gilt – und auch immer wieder als solche beworben wurde.

Die Kommunikation bei den Vektorimpfstoffen lief dagegen nicht ganz so günstig ab. Da war zunächst das Debakel um die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission bei AstraZeneca: Erst sollte er nur an Jüngere gehen, später dann nur noch an Ältere.

Bis heute ist der Impfstoff seinen schlechten Ruf nicht losgeworden: Er gilt als Impfstoff zweiter Klasse, bei dem die Verimpfung nach Ansicht der beiden SPIEGEL-Kollegen vorgeschrieben werden soll, weil ihn sonst keiner nimmt.

Was für ältere Menschen gilt, gilt in den allermeisten Fällen auch für die jüngeren

Allein: Wer kann Menschen verdenken, dass sie Angst vor etwas haben? Wer kann ihnen übel nehmen, dass sie für sich das nach ihrer Ansicht »Beste« haben wollen?

Anstatt die älteren Menschen zu beschimpfen und sie zu zwingen, sollten wir sie lieber bitten und überzeugen. Wir sollten sie weiter aufklären, wenn sie Fragen haben. Wir sollten ihnen erklären, dass sie das Impftempo erhöhen können, wenn sie sich mit einem Vektorimpfstoff impfen lassen. Dass es Solidarität mit den Jüngeren bedeutet, diesen Impfstoff zu wählen.

Doch was für sie gilt, gilt in den allermeisten Fällen auch für jüngere Menschen. Auch sie müssen keine Angst vor dem Impfstoff haben: Das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, ist auch für Jüngere deutlich höher, wenn sie nicht geimpft sind, als nach der Impfung mit AstraZeneca ein seltenes Blutgerinnsel zu erleiden.

In den sozialen Medien sind zahlreiche junge Menschen zu sehen, die das verstanden haben und ihre mit AstraZeneca geimpften Arme zeigen. Gesundheitsminister Jens Spahn hat es auch getan.

Die meisten Impfdosen von Johnson & Johnson werden an Jüngere gehen

Am Ende wird ohnehin die größte Menge der Vektorimpfstoffe an die Jungen gehen: Bei Johnson & Johnson werden die Impfstofflieferungen von zehn Millionen Dosen erst zwischen Juni und Juli kommen. Bis dahin sollten die Älteren bereits immunisiert sein. Laut dem Bundesgesundheitsminister gibt es nur noch fünf bis sechs Millionen Impfwillige, die älter als 60 Jahre sind und noch nicht geimpft wurden. Es geht also nur noch um einen kleineren Teil von Impfstoffen.

Was die Debatte zeigt, ist etwas anderes: In der Pandemiebekämpfung geht es längst nicht mehr um ein Wir. Es geht darum, wann jeder einzelne in den Urlaub fahren darf. Seit die Bundesländer die Priorisierungen auf sehr unterschiedliche Weise geändert oder aufgehoben haben, kämpft jeder für sich selbst um einen Impftermin. Bald, wenn die Priorisierung in ganz Deutschland fällt, wie von den Gesundheitsministern beschlossen, wird das überall so sein. Dabei wären die Jüngeren vielerorts eigentlich noch gar nicht an der Reihe. Das hat nichts mit Ungerechtigkeit zu tun, sondern damit, dass bei Menschen unterschiedliche Risiken für schwere Krankheitsverläufe bestehen.

Anstatt den nächsten Generationenkonflikt heraufzubeschwören, sollten wir vielleicht lieber überlegen, wie wir wieder großzügiger miteinander werden könnten. Nur so können wir die letzten Meter dieser Pandemie vielleicht noch zusammen durchhalten. Das wird schon schwer genug.

Anmerkung der Redaktion: Der Impfstoff von AstraZeneca wurde erst wegen mangelnder Daten nur für jüngere Menschen empfohlen, später dann nach dem Auftreten seltener Thrombosen nur für Ältere. Wir haben den Fehler korrigiert.

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