Schnelltest-Pflicht in Altenheimen »Wir versuchen, uns selbst Hilfe zu holen«

Mit einer Schnelltest-Pflicht wollen Bund und Länder die Alten- und Pflegeheime besser vor Corona schützen. Tausende Freiwillige sollen dabei helfen – doch die lassen auf sich warten.
Corona-Schnelltest: »Er heißt zwar Schnelltest, dauert aber 30 Minuten«

Corona-Schnelltest: »Er heißt zwar Schnelltest, dauert aber 30 Minuten«

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

»Für Alten- und Pflegeheime sind besondere Schutzmaßnahmen zu treffen.« Dieser Satz gehört längst zu den Standardformulierungen, die sich in jedem Beschlusspapier der Konferenzen von Ministerpräsidenten und Kanzlerin wiederfinden. Halten konnten Bund und Länder das Versprechen bisher nicht. Noch immer sterben gerade in den Heimen viele Menschen an den Folgen einer Corona-Infektion.

Inzwischen läuft die Impfkampagne in den Einrichtungen. Die 101-Jährige Edith Kwoizalla aus einem Seniorenheim im sachsen-anhaltinischen Halberstadt war vor rund einem Monat die erste Deutsche überhaupt, die eine Impfung gegen Covid-19 bekam. Auch ihre zweite Dosis hat sie bereits erhalten, bis Ende Januar soll allen Bewohnern von Pflegeheimen ein »Impfangebot« gemacht worden sein.

Mitte Dezember beschlossen Bund und Länder zudem eine Testpflicht in Alten- und Pflegeheimen: Pflegepersonal soll sich regelmäßig testen lassen, in Hotspots mit hoher Inzidenz kommen Besucher nur noch nach einem negativen Schnelltest ins Heim. Doch bei der Umsetzung hapert es.

Der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, kritisiert die Bundesregierung dafür scharf: »Es ist völlig unverständlich, dass die Regierung und ihre virologischen Berater erst jetzt, allerdings auch noch halbherzig, die Menschen in den Heimen in den Fokus nehmen«, sagte Weigeldt der »Rheinischen Post«. »Warum gelingt es im zweiten Jahr der Pandemie und trotz vorhandener Schnelltests immer noch nicht, dass jeder, aber auch wirklich jeder, egal ob Pflegekraft, Köchin oder Gärtner, getestet wird, sobald er oder sie ein Pflegeheim betritt?«

Großer Aufwand für die Pflegeheime

Tatsächlich ist von einer Testoffensive bisher nicht viel zu sehen. Zwar ermahnten Bundesregierung und Länderchefs die Heime in ihrem jüngsten Beschluss, diese seien »in der Verantwortung, eine umfassende Umsetzung der Testanordnung sicherzustellen«. Doch was die Bewohner besonders schützen soll, bedeutet für die oft ohnehin überlasteten Heime einen erheblichen Aufwand.   

»So ein Schnelltest heißt zwar Schnelltest, dauert aber 30 Minuten«, sagt Michael Noll, Leiter des Qualitätsmanagements der Alexa Seniorendienste in Berlin. »Hinzu kommt, dass Mitarbeiter Schutzkleidung anziehen müssen. Die Zeit geht bei der Versorgung der Pflegebedürftigen ab.« In etwa der Hälfte ihrer 16 Einrichtungen bräuchten sie daher auswärtige Hilfe bei den Tests.

Charlotte Bellin, Einrichtungsleiterin des Evangelischen Altenhilfezentrums Stiftsheim in Kassel, berichtet Ähnliches: »Es geht ja darum, die Bewohner und Mitarbeiter zu schützen, das ist alles richtig. Aber wir können das mit unseren eigenen Pflegekräften nicht zusätzlich leisten.« Im Moment könnten sich Besucher deshalb nur dienstags und freitags für den Einlass ins Heim testen lassen. Und selbst diese Tests würden nicht alle durch das eigene Pflegepersonal vorgenommen, sondern auch von pensionierten Ärzten, die das Heim unterstützten.

Dabei wollte die Bundesregierung eigentlich schnell und unkompliziert Hilfe bereitstellen, mit 30.000 Freiwilligen, angeworben über die Bundesagentur für Arbeit, geschult durch das Deutsche Rote Kreuz. Am 5. Januar veröffentlichten Bund und Länder die Pläne, in die unter anderem auch die Wohlfahrtsverbände und der Deutsche Städtetag involviert sind. Seitdem wird verhandelt.

Angeblich ist alles bereit

Einig ist man sich, dass Interessenten sich bei der Bundesagentur für Arbeit informieren und melden sollen. Bewerber auswählen will die Bundesagentur aber nicht, sondern die Daten sammeln und an Kommunen und Landkreise weitergeben. Eine entsprechende Hotline und Website hätten eigentlich schon am 11. Januar geschaltet werden sollen, aber das ist bis heute nicht passiert. Auf Nachfrage bei der Bundesagentur heißt es, alles sei vorbereitet und man warte nur auf den Startschuss.

Laut einer Sprecherin des Deutschen Städtetages wird unter anderem noch diskutiert, wer haftet, wenn freiwillige Helfer Tests fehlerhaft durchführten. Die Freiwilligen sollen zwar alle geschult werden, aber ob sie auch medizinische Vorkenntnisse mitbringen müssen, ist noch offen. Erhält eine getestete Person ein falsch negatives Ergebnis und wird deshalb Corona-positiv ins Heim gelassen, könnte das gravierende Konsequenzen haben. Geschädigte könnten Schadensersatz einklagen, zum Beispiel beim Freiwilligen oder dem Heim.

Medizinrechtler Adrian Schmidt-Recla hält das aber für unwahrscheinlich. Denn im Nachhinein nachzuweisen, dass eine Person zum Zeitpunkt des Tests auch wirklich infektiös war, sei fast unmöglich: »Die potenziellen Haftungsfälle werden sehr wenige sein.« Für die Freiwilligen bedeutet das also ein geringes Risiko, trotzdem könnten Heime sie zusätzlich von der Haftung freistellen. Das würde aber eher in individuellen Arbeitsverträgen geregelt als bundesweit, so Schmidt-Recla.

Komplizierter könnte die Lösung eines zweiten Streitpunktes sein: Wer eignet sich überhaupt als Freiwilliger für die Abnahme von Schnelltests? Das ärztliche Berufsrecht ist Ländersache, und die Bundesländer haben in ihren Testverordnungen unterschiedliche Anforderungen festgelegt.

Das Land Nordrhein-Westfalen schreibt beispielsweise in einer Allgemeinverfügung, dass Tester über eine Schulung hinaus »über grundlegende pflegerische oder medizinische Kenntnisse verfügen« müssen. In der Testverordnung des Landes Niedersachsen heißt es dagegen, dass auch »andere Hilfskräfte ohne einschlägigen Berufsausbildungshintergrund« nach einer entsprechenden Einweisung testen dürfen.

Corona-Schnelltest in einem Altenheim in Tübingen im November 2020

Corona-Schnelltest in einem Altenheim in Tübingen im November 2020

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

In manchen Bundesländern müssten also die Testverordnungen geändert werden, will man Freiwillige anwerben, die keinerlei medizinischen Hintergrund haben. Setzt man hingegen einen solchen Hintergrund voraus, kämen gleich viel weniger Personen infrage – und jene, die die entsprechenden Kenntnisse haben, arbeiten womöglich auch in ihrem Beruf und stehen gerade in der Krise nicht zur Verfügung.

»So ein Test ist auch ein Eingriff in die Intimsphäre, da ist nicht jeder für geeignet«, sagt Michael Noll von den Alexa Seniorendiensten, »aber die Menschen, die einen Pflegehintergrund haben, haben im Moment eigentlich genug zu tun.«

Bis alle Unstimmigkeiten ausgeräumt sind, sollen bis zu 10.000 Bundeswehrsoldaten die Heime bei den Schnelltests unterstützen, nach und nach sollen dann Freiwillige die Soldaten ersetzen. Landkreise und kreisfreie Städte stellen dafür Anträge auf Amtshilfe, wenn Heime bei ihnen Bedarf angemeldet haben. Nach Angaben der Bundeswehr sind bislang 314 Soldaten im Schnelltest-Einsatz, insgesamt gingen bisher 36 Anträge ein, rund 15 sind noch in Bearbeitung (Stand 22. Januar). Laut Verteidigungsministerium sollen die Soldaten geschult werden, haften soll die Behörde oder die Einrichtung, die Amtshilfe beantragt hat.

Charlotte Bellin hat noch keinen Antrag gestellt. »So eine Anfrage muss man ausarbeiten, im Moment ist im Grunde nicht mal dafür Zeit.« Denn in ihrem Heim wurde gerade geimpft, dafür mussten neben der Impfbegleitung von allen Bewohnern und Betreuern Einverständniserklärungen eingeholt werden. Auch die Freiwilligeninitiative wäre für sie eine organisatorische Herausforderung, so Bellin. »Ein großer Teil unserer Zeit ist jetzt schon mit der Koordination von Tests verbunden. Wir müssen das alles planen und dokumentieren, das ist ein wahnsinnig hoher Verwaltungsaufwand.« Zurzeit ist noch unklar, ob sie überhaupt noch Unterstützung brauchen. Denn schon seit dem Start der Testpflicht im Dezember hat ihr Heim Freiwillige angeworben. »Wir versuchen, uns selbst Hilfe zu holen.«

Zwei Heime der Alexa Seniorendienste haben dagegen bereits Bedarf angemeldet, man warte aber noch auf Antwort. Michael Noll ist froh über die Unterstützung, auch wenn er findet, dass die Initiative spät kommt: »Die Corona-Pandemie gibt es nicht erst seit einer Woche. Ich hätte mir schon gewünscht, dass in den Sommermonaten Vorkehrungen getroffen worden wären, in denen es ein bisschen eine Atempause gab.«

Auch seine Einrichtungen wären deshalb bereits dabei, selbst Helfer für die Schnelltests einzustellen. Ob man die Freiwilligen in ein paar Wochen dann überhaupt noch braucht, das müsse man abwarten.

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