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Großbritannien Cotes de Liverpool

Die Klimaerwärmung macht Britannien zum Weinland. Die Queen hilft bei der PR-Arbeit.
aus DER SPIEGEL 31/1992

Über die Ränder ihrer geschliffenen Weingläser hinweg sahen Queen Elizabeth und Staatspräsident Francois Mitterrand einander in die Augen; gespannt oder mokant - je nach Nationalität - beäugte eine illustre Runde aus Briten und Franzosen das Paar. Grund für die Premierenstimmung in Paris: Beim Galadiner anläßlich des Staatsbesuches Ihrer Majestät im vorigen Monat hatten die Briten erstmals durchgesetzt, daß neben drei französischen Edelweinen auch ein englischer Weißer kredenzt wurde.

Plötzlich mußte der Seigneur der Weinnation, die keine andere neben sich duldet, in aller Öffentlichkeit zum schottischen Lachs einen dubiosen weißen »Chiddingstone Pinot Noir ''89« aus der englischen Grafschaft Kent schlürfen, bevor er zum heimischen Roten »Chateau Latour 1964« wechseln durfte. »Es war«, so ein Briten-Diplomat genüßlich, »ein historischer Augenblick.«

Am Morgen nach der Premiere reagierten die Weinkritiker wie erwartet. Hochnäsig taten die Franzosen den Inselsaft als »netten Tropfen ohne Tiefe« ab. Die Briten nahmen sich selbst auf die Schippe. Im Londoner BBC-Radio spottete der Satiriker Mike Carlton, die Queen hätte den Franzosen doch auch »Chateau Dagenham« - in der tristen Ost-Londoner Vorstadt am Rand zur Grafschaft Essex fabriziert Ford seine Autos - oder auch »Cotes de Liverpool« kredenzen können; der eine sei ein »Beinspreizer für Essexgirls«, der andere könne »nach zwei Jahren Lagerung auch als Lackverdünner benutzt werden«.

Die englischen Weinbauern reagierten auf diese »immer gleiche Selbsterniedrigung« - so Irene Fitch vom English Wine Center - sauer. Englische Weine würden leider, so tadelte auch die Times in einem regelrechten Leitartikel auf der Politikseite, »noch immer als Witz oder Oxymoron« _(* Beim Frankreich-Besuch der englischen ) _(Königin im Juni. ) behandelt, etwa »wie deutscher Humor oder italienische Effizienz«.

Dennoch beflügelt Optimismus die Branche. Eine generelle Klimaerwärmung sei dabei, England und Wales zu »bedeutenden europäischen Weinproduzenten« zu entwickeln, und zwar »qualitativ wie quantitativ«, wie der Dachverband der Inselwinzer, die English Vineyards Association, glaubt.

Vergangen die Zeit, da der typische englische Winzer ein »pensionierter Armeeoberst« war, der »in der Badewanne Trauben stampfte« - wie sich der Observer gerührt erinnerte. Weinanbau ist im Süden der Insel die am schnellsten wachsende Agrarsparte; 1967 schlugen sich 26 englische Winzer, mehr Hobby-Rebner denn Weinproduzenten, durch die Rebhänge. Inzwischen produzieren 400 Weingüter, darunter Große wie »Denbies Wine Estate« in Surrey mit bald 660 000 Flaschen pro Jahr, vorwiegend weiße Tafelweine wie »Three Choirs« und »Nutbourne Manor«, »Cuckmere« und »Tenterden«.

Gewonnen werden »English Wines« aus deutschen Reben wie Müller-Thurgau, Huxelrebe und Schönburger oder der französischen Seyval.

Daß die Insel mit ihren an Lehm, Kalk und Kieselsäure reichen Böden »fast perfekte« - so Denbies - Bedingungen für Rebenwuchs bietet, fanden schon die Römer heraus, die vor 2000 Jahren die ersten Stöcke in Britannien setzten. Als der spätere Heinrich II. 1152 Eleonore von Aquitanien heiratete, geriet die Heimat der Bordeaux-Weine für 300 Jahre in den Besitz der englischen Krone; die Kenntnisse französischer »vignerons« inspirierten die Winzer selbst in der Umgebung von London.

Ein anderer König, Heinrich VIII., war schuld am Niedergang des heimischen Weinbaus: Als der Monarch sich über seine Scheidung von Katharina von Aragonien vom Papst lossagte, wurden die Klöster aufgelöst - mit den Mönchen verflüchtigte sich das Know-how in der englischen Weinkultur.

Daß heute der Weinbau an den sanften Hängen von Sussex und Hampshire, Somerset, Kent, Devon oder Südwales boomt, verdanken die Briten den weltweiten Klimalaunen. Die letzten drei Sommer waren im Schnitt ein Grad wärmer als die zwischen 1950 und 1980. Nach Berechnungen des Klimatologen Professor Martin Parry von der Universität Oxford kann durch den Treibhauseffekt das Inselklima bis zum Jahr 2030 bis zu 4,5 Grad wärmer werden. Das eröffne »völlig neuen Perspektiven für den Weinbau«.

Parrys Kollege Michael Hulme von der Universität East Anglia hat ermittelt, daß mit jedem zusätzlichen Wärmegrad sich »die Grenze für Weinbau um 200 Kilometer nach Norden« verlagert. Folge: Schon in den nächsten Jahren können Winzer auch in den Midlands Rebstöcke setzen. Nebenbei ist wegen der Klimaverschiebung das südliche Schottland bereits der Geheimtip für Londoner Bodenspekulanten geworden.

Seitdem ein trockener Weißer aus Gloucestershire, »Three Choirs Dry White 1979«, bei der renommierten Vinexpo in Bordeaux - mitten in Feindesland also - eine Bronzemedaille erkämpfte, fühlen die englischen Winzer Auftrieb. Londons feine Hotels wie das Savoy und das Dorchester haben neben den edelsten Tropfen aus Frankreich, Deutschland und Kalifornien ein rundes Dutzend englischer Weine auf ihre Karten gesetzt. Die Queen hilft der Branche mit PR-Arbeit: Ganz offiziell gab der Buckingham-Palast bekannt, daß die Weinkennerin Elizabeth US-Präsident George Bush mit einem »Staple St. James« bewirtet habe.

Eifersüchtig hat die von der französischen Weinlobby dominierte EG den Briten bisher das Prädikat »Qualitätswein« verweigert; selbst preisgekrönte Tropfen aus England lassen die Eurokraten nur als »Tafelwein« gelten.

Als die Briten Anfang Juli die EG-Präsidentschaft übernahmen, schlugen sie zu. Wo immer im Namen der EG getafelt werde, so forderte Londons Agrarminister John Gummer, müßten künftig auch England-Weine eingeschenkt werden.

Erschrocken suchten Frankreichs Weinsnobs Zuflucht bei Erpressung. Wenn London seine önologische Attacke auf Frankreich nicht abblase, drohten Pariser Diplomaten, dann gebe es künftig bei EG-Cocktails »statt britischem Whisky und Gin eben französischen Pastis und Cognac«.

* Beim Frankreich-Besuch der englischen Königin im Juni.

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