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Crabb am Rumpf

aus DER SPIEGEL 21/1956

Im Morgengrauen des 19. April ließ sich der englische Kampfschwimmer Lionel Crabb in das schmutzige Wasser des Hafens von Portsmouth gleiten, in dem Seite an Seite drei moderne sowjetrussische Kriegsschiffe lagen: der Kreuzer »Orchonikidse« und die Zerstörer »Smotriaschi« und »Sowerschenni«. Seitdem ist der englische Fregattenkapitän verschollen, und das »Rätsel des Froschmannes« lieferte der Weltpresse wochenlang Stoff für die Schlagzeilen.

Selten wurden über das Schicksal eines Vermißten so viele Spekulationen angestellt wie über das Geschick des 46jährigen Engländers. Die meisten Blätter stimmten in dem Verdacht überein, daß Crabb im Auftrag des englischen Spionagedienstes den Schiffsboden des Kreuzers »Orchonikidse« untersuchen sollte. Sosehr aber auch die Berichterstatter ihre Phantasie bemühten, um eine plausible Erklärung für das lautlose Verschwinden des erfahrenen Schwimmers zu finden: Kein Bericht ließ erkennen, was ein Froschmann an einem Schiffsrumpf eigentlich feststellen kann.

Den internationalen Nachrichtendiensten ist bekannt, daß die Engländer seit dem Besuch des sowjetischen Kreuzers »Swerdlow« - der im Juni 1953 an der Krönungsparade teilnahm - begierig sind, die genaue Tonnage dieses Schiffstyps zu erfahren. Die Engländer waren überzeugt, daß die »Swerdlow« nicht - wie von den Russen offiziell behauptet - eine Wasserverdrängung von 12 800 Tonnen, sondern von mindestens 16 000 Tonnen hat.

Da die Größe eines Kriegsschiffes nach dem Gewicht der verdrängten Wassermasse gemessen wird, ließe eine erhöhte Tonnage auf nachträgliche Einbauten schließen. Die Tonnage aber läßt sich leicht errechnen, wenn man die genauen Unterwassermaße des Schiffes kennt. Als die »Orchonikidse« nach England kam, bot sich eine ideale Möglichkeit, die Maße kennenzulernen, denn das Schiff ist, wie noch 19 andere Kreuzer, ein Schwesterschiff der »Swerdlow«. Ein geübter Kampfschwimmer könnte die wichtigsten Unterwasser -Abmessungen des vor Anker liegenden Kreuzers leicht ermitteln.

Ebenso läßt sich mit Hilfe eines Ultraschall -Meßgeräts die Dicke der Panzerung feststellen. Ein solches Meßgerät arbeitet nach demselben Prinzip wie ein Mensch, der gegen eine Wand klopft, um aus dein Klang der von der anderen Seite der Wand reflektierten Schallwellen zu schließen, ob sie dünn oder dick ist.

Eine andere lohnende Aufgabe für eine Froschmann-Mission wäre es, die Zahl, Form und Anordnung der Schiffsschrauben auszukundschaften. Der Kampfschwimmer könnte feststellen, ob die Schrauben vier- oder fünf-flügelig sind und welche Ausmaße sie haben. Schiffbauer könnten aus solchen Informationen auf die Manövrierfähigkeit des Schiffes schließen.

Schon die geisterhaft sichere Navigation der »Swerdlow« hatte den englischen Seeoffizieren Rätsel aufgegeben.

Der Kommandant des Kreuzers hatte damals die Engländer verblüfft, als er trotz dunstigen Wetters einen Lotsen ablehnte und die ihm überreichte Spezialkarte der sehr schwierigen Gewässer von Portsmouth nicht eines Blickes würdigte. Er ließ das Schiff in erstaunlich spitzen Winkeln manövrieren und steuerte es mit Hilfe einer automatischen Kommandoanlage zum vorgesehenen Ankerplatz. Für das Anker-Manöver - für das die Dienstvorschriften der Royal Navy eine Stunde und zwanzig Minuten veranschlagen - benötigte er nur zwölf Minuten.

Durch Abtasten des Schiffsrumpfes könnte nun ein Froschmann unter Umständen nicht nur feststellen, über welche zusätzlichen Manövrierhilfen das Schwesterschiff »Orchonikidse« verfügt. Er könnte auch ermitteln, ob das Schiff mit neuartigen U-Boot-Ortungsanlagen ausgerüstet ist.

So gibt es ein ganzes Bukett von lohnenden Kundschafter-Objekten unterhalb der Wasserlinie eines jeden KriegsschiLfes, das jeden Spionagedienst verlocken könnte, das Leben eines Froschmannes zu riskieren. Während die offiziellen Stellen Englands in der vergangenen Woche noch immer trotzig schwiegen, erklärte der sowjet-russische Admiral Kotow in einem »Prawda«-Interview, Crabb sei zweifellos unter dem Kreuzer »Orchonikidse« umhergeschwommen: »Drei Matrosen des Zerstörers 'Sowerschenni', der längsseits des Kreuzers im Hafen festgemacht hatte, entdeckten am 19. April um 7 Uhr 03, wie ein Taucher in einem schwarzen Kampfschwimmeranzug zwischen den Zerstörern an die Oberfläche kam. Er blieb einige Augenblicke an der Wasseroberfläche, dann tauchte er ins der Nähe des Zerstörers 'Smotriaschi'.«

»Es war klar, daß der Taucher aus der Richtung des Kreuzers 'Orchonikidse' kam.«

Froschmann Crabb unter Wasser: Entdeckung um 7 Uhr 03

Sowjetschiffe in Portsmouth: Kundschafter-Objekte unterhalb der Wasserlinie

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