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POLIZEI Crash & Carry

Mit brutalen Prügeleien bringt eine uniformierte Spezialeinheit die Berliner Polizei bundesweit in Verruf. *
aus DER SPIEGEL 20/1988

Wenn es dicke kommt, schickt Berlins Polizeiführung einen bewährten Trupp nach vorn. Die Beamten des Sondereinsatzkommandos (SEK), gleichermaßen geschult in Kampftechnik und Täterpsychologie, stürmen Gangsterverstecke, entwaffnen Amokschützen _(Festnahme von Demonstranten in ) _(Berlin-Kreuzberg am 1. Mai. )

und jagen bei Demonstrationen den harten Kern der Steinewerfer auseinander.

Am 1. Mai in Kreuzberg sahen sich die Männer im grauen Kampfanzug erstmals selber auseinandergejagt. Beamte in Grün stürmten von hinten durch die grauen Reihen in eine Menschenmenge in der Oranienstraße.

Die überrannten Ordnungshüter erlebten, wie die Kollegen Fäuste und Knüppel fliegen ließen. Ein junger Mann, schilderte ein SEK-Polizist, sei so brutal an den Beinen zum Sammeltransporter geschleift worden, »daß sein Kopf förmlich über die Steine holperte«.

Der Sturmtrupp, der »uns vom SEK mal richtig zeigen wollte, wie''s geht«, heißt »Einheit für besondere Lagen und einsatzbezogenes Training« (EbLT). Die Crash & Carry-Truppe war vor Jahresfrist rekrutiert worden, nachdem sich Kreuzberger Krawalle zu einem Stadtteilbrand ausgeweitet hatten.

Die neue Einheit sollte eigentlich, kündigte Landespolizeidirektor Manfred Kittlaus damals an, zur »Deeskalation« beitragen. Allein durch respektgebietende Präsenz, so das Kalkül, würden die EbLT-Mannen gewalttätige Demonstranten abschrecken.

Das Ziel gilt jetzt schon als verfehlt. Wie zu Zeiten der Pariser Mai-Unruhen 1968, als sich Flics mit Flugblättern von der brutalen Bereitschaftspolizei distanzierten, kritisieren jetzt auch in Berlin Zunftkollegen »Rambo-Gebaren« und »Miami-Vice-Dünkel« der

»Pseudo-Superpolizisten« (SPD-Betriebsgruppe der Polizei). Die Truppe hat sich in Verruf geprügelt: *___Unter den Strafanzeigen, die jetzt überwiegend von ____verletzten Passanten aus Kreuzberg erstattet worden ____sind, findet sich auch die eines Hauptkommissars - er ____registrierte als Einsatzführer einer anderen Einheit ____Übergriffe der EbLT; *___nicht nur die Staatsanwaltschaft, auch eine ____dienstinterne Untersuchungsgruppe ermittelt nun wegen ____Vorfällen, bei denen mutmaßlich EbLT-Schläger drei ____höhere Polizeibeamte in Zivil verletzt haben; *___Strafverfolgung droht einem EbLT-Mann, der letztes Jahr ____einem Festgenommenen, zur Untermauerung des ____Gewaltvorwurfs, einen Pflasterstein in die Tasche ____geschoben haben soll; *___nach Gewalttätigkeiten der EbLT-Beamten, die im Herbst ____vorigen Jahres zusammen mit dem Bundesgrenzschutz (BGS) ____auch in Wackersdorf eingesetzt waren (SPIEGEL 43/ ____1987), hat die Staatsanwaltschaft Amberg in einem noch ____immer laufenden Strafverfahren bislang 215 Zeugen ____einvernommen.

»Martialisch« und »wie wilde Stiere« wirkten die Berliner Spezialpolizisten am Bauzaun der Bayrischen Atomfabrik auf Demonstranten. »Nicht mehr wie Menschen, sondern eher wie Kampfmaschinen« seien ihm die Zugereisten erschienen, sagte ein Zeuge bei einem Hearing der Münchner SPD-Landtagsfraktion. Bayerns Sozialdemokraten offerieren seither den Justizorganen »28 ladungsfähige Anschriften« von Bürgern, die über erschreckende Erlebnisse berichten können. Auszüge aus Berichten über den EbLT-Einsatz in Wackersdorf: _____« Es war den Ärzten gerade gelungen, einen » _____« behelfsmäßigen Kopfverband anzulegen, der rumschlapperte, » _____« und dann hat die Berliner Polizeieinheit diesen » _____« Verletzten ihnen aus den Händen gerissen und - ich würde » _____« sagen - in ziemlich entwürdigender Weise in das Tor » _____« geschleift, über diese Treppe. » _____« Dann hatte ich beobachtet, wie ein Mann, der schon am » _____« Boden lag, wie dieser Mann von fünf Polizisten, es waren » _____« wiederum nach der Beschreibung die Berliner, geknüppelt » _____« worden ist. Ich habe es beobachtet. Er hat geblutet, und » _____« er ist dann später wie ein Tierkadaver in Richtung » _____« Baugelände gezerrt worden. » _____« Etwa einen Meter von mir entfernt stand ein junger » _____« Mann. Fünf Berliner stürzten sich auf ihn, knüppelten auf » _____« ihn ein, solange, bis er bewußtlos dalag. Er hatte eine » _____« klaffende Wunde auf der rechten Schädeldecke und (es war) » _____« eine rote Lache im Sand. Entsetzt lief ich in Richtung » _____« Wald, um einen Sanitäter zu holen. Auch den schubsten sie » _____« zur Seite und schleiften den Ohnmächtigen an Händen und » _____« Beinen ziehend durch den Sand zum Graben. » _____« Neben mir stand ein BGS-Beamter, den habe ich in » _____« meiner Verzweiflung am Ärmel gepackt und habe gesagt: » _____« »Schauen Sie doch hin, die schlagen doch den Mann tot, » _____« greifen Sie doch ein« - sinngemäß so etwa. Der hat mich » _____« angeschaut - ich habe so etwas noch nie da drunten » _____« gesehen. Der hat geweint. »

Ähnliche Aussagen bekamen ein »Ermittlungsausschuß«, den die Kreuzberger Szene nach dem 1. Mai einberufen hatte, und Berliner Polizeidienststellen zu hören. Christian Josef Krafczyk, Student der Sozialanthropologie und Theologie, wollte einen arabischen Freund durchs qualmende Kreuzberg zu dessen Wohnung geleiten. Vor der Kneipe »Für Jedermann« an der Ecke Adalbert- und Oranienstraße, berichtet er, habe es ihn hinterrücks getroffen: »Ich wurde auf das Straßengeländer gedrückt und bekam einen Knüppelschlag auf den Kopf.« Mit einer zentimeterlangen Platzwunde kam der Theologe ins Krankenhaus Am Urban. Die Röntgenschwester: »Sie sind heute nacht der 20. Kopf.«

Die knüppelnden Polizisten werden von Innensenator Wilhelm Kewenig (CDU) öffentlich in Schutz genommen. Ihn fragte die »Berliner Morgenpost": »Drei hohe Polizeiführer bekamen ebenfalls Schläge ab. Haben die Beamten nicht zumindest teilweise überreagiert?« Der Senator gab eine unglaubliche Antwort: Der »bedauerliche Vorfall« zeige, »daß die Beamten im Einsatz gegen Rechtsbrecher in einer auch für sie schwierigen Lage ohne Ansehen der Person vorgegangen sind«.

Diese Bewertung des Staatsrechtsprofessors überrascht Berliner Beamte, die schon bei der Schulung gelernt haben, daß »unmittelbarer Zwang« nur gezielt, keinesfalls aber ohne Ansehen der Person angewandt werden darf. »Paßt ja irgendwie«, wundert sich ein Polizeiführer über Kewenig, »daß der jetzt auch schon Beamte in Zivil zu den Rechtsbrechern zählt.«

Intern allerdings spüren die grünen Draufgänger, daß es mittlerweile auch in der Führung Vorbehalte gibt. So hatten die EbLT-Männer den Einsatz der neuesten Nahkampfwaffe gefordert, eines Mehrzweckstocks namens »Mednanok«. Der bruchfeste Kunststoffprügel aus Japan hat gleich zwei Griffe, so daß er als Stoß- und Schlaggerät ebenso geeignet ist wie für Rundumschläge. Mit dem Stock aus Japan »kann man eine Tischplatte durchhauen und einen Helm sowieso«, sagen die Beamten vom SEK.

Doch die Polizeiführung zögert mit der Freigabe. Das potentielle Tötungswerkzeug, so eine neue Direktive, soll vorerst nicht in die Hände der EbLT gelangen.

Festnahme von Demonstranten in Berlin-Kreuzberg am 1. Mai.

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