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»Da genügte der leiseste Funke«

SPIEGEL-Interview mit dem Bankier Friedrich Wilhelm Christians *
aus DER SPIEGEL 44/1987

SPIEGEL: Herr Christians, haben die Kursstürze an den Weltbörsen in den vergangenen zwei Wochen Sie auch an den Börsenkrach von 1929 erinnert?

CHRISTIANS: Natürlich, jeder Börsianer sah sich wohl daran erinnert. Wir haben ja an der Wall Street die größten Kursverluste erlebt, die es je gegeben hat, größer noch als am Schwarzen Freitag vom Oktober 1929.

SPIEGEL: Haben Sie vergangene Woche befürchtet, daß es nun so ähnlich weitergehen werde wie damals?

CHRISTIANS: Nein, ich habe keinen Augenblick daran geglaubt, daß uns jetzt etwas Vergleichbares bevorsteht.

SPIEGEL: Warum eigentlich nicht?

CHRISTIANS: 1929, das heißt ja nicht nur Börsenkrach und Vermögensverluste, sondern auch Weltwirtschaftskrise mit zahlreichen Firmenzusammenbrüchen, Bankpleiten und tiefem sozialen Elend. Sehen Sie sich dagegen die Situation heute an. Sie ist völlig anders.

SPIEGEL: Was nicht ist, kann noch werden.

CHRISTIANS: Ich habe mich gewundert, wie viele kluge Leute in den vergangenen Tagen leichtfertig das Gespenst von 1929 an die Wand gemalt und damit die Panik an den Börsen angeheizt haben.

SPIEGEL: Sie selbst gestehen doch auch ein, daß Sie sich an 1929 erinnert fühlten .

CHRISTIANS: Schon. Aber nur was die Kursverluste angeht. Damit hört es dann aber auch schon auf. Von den Kursverlusten auf eine neue Weltwirtschaftskrise zu schließen, halte ich für unverantwortlich. Die Lage ist heute fundamental anders.

SPIEGEL: Inwiefern?

CHRISTIANS: Vor allem sind die handelnden Personen andere. Im Jahre

1929 hatten wir sehr viele Einzelanleger, die einen guten Teil ihrer Aktien auf Kredit gekauft hatten. Die Engagements, die in den vergangenen Wochen gelöst wurden, sind dagegen fast durchweg bezahlt, und die Akteure sind überwiegend Manager von Aktienfonds mit entsprechenden professionellen, das heißt verlustbegrenzenden Verhaltensweisen.

SPIEGEL: Die Verluste der vergangenen Wochen sind weit weniger existenzgefährdend als seinerzeit?

CHRISTIANS: Genau. Und neben den Akteuren ist auch das Umfeld anders. Die Weltwirtschaft befindet sich in einer viel besseren Verfassung, und die einzelnen Staaten arbeiten viel enger zusammen als damals.

SPIEGEL: Die Drohung des US-Finanzministers James Baker, den Dollarkurs weiter absacken zu lassen, wenn die Deutschen ihre Wirtschaft nicht stärker ankurbeln, läßt nicht gerade auf eine gute internationale Zusammenarbeit schließen .

CHRISTIANS: Das war eine unbedachte Äußerung, die meines Erachtens aus Ärger geboren wurde. Wenn man sich, wie die Amerikaner - und ähnliches habe ich auch immer wieder bei den Sowjets festgestellt -, als die »letzte Instanz« auf dieser Welt fühlt, dann kann man es nur schwer ertragen, wenn nachrangige Mächte nicht so handeln, wie man es gerne hätte. Außerdem dürfen Sie nicht vergessen: In den USA hat der Wahlkampf begonnen.

SPIEGEL: Was halten Sie von der Vermutung, Baker habe bewußt den Kurseinbruch herbeigeredet, damit zum Wahljahr die Kurse wieder steigen können?

CHRISTIANS: Eine solche Möglichkeit kann ich nicht ausschließen.

SPIEGEL: Die Börse hat die Baker-Bemerkung jedenfalls sehr ernst genommen.

CHRISTIANS: Die Märkte waren sehr sensibel geworden. Die Aktienhausse war bereits in ihrem sechsten Jahr. Irgendwann, das war klar, mußte was passieren - die Bäume wachsen nicht in den Himmel. Dann waren da die Gefahren, die von dem US-Haushalts- und Handelsbilanzdefizit ausgehen, die Inflationsfurcht nahm zu, die Zinsen stiegen - das war ein gefährliches Gemisch, da genügte der leiseste Funke, um einen großen Knall auszulösen.

SPIEGEL: Inzwischen hat es geknallt, aber ist damit das gefährliche Gemisch, das Sie beschrieben haben, beseitigt?

CHRISTIANS: Jetzt denken alle Beteiligten darüber nach, ob die Unsicherheit, die Furcht, die sie verspürten, gerechtfertigt war. Und man stellt fest, daß zumindest ein gut Teil davon überzogen war, daß eine Wiederholung von 1929 nicht zu befürchten ist. Die Weltwirtschaft ist in guter Verfassung, die Defizite der USA sind rückläufig.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich dann diese irrationale Reaktion, wenn die zugrunde liegenden Fakten gar nicht so schlecht sind?

CHRISTIANS: Wir haben hier zum erstenmal im großen Maßstab die negativen Folgen der Liberalisierung, Globalisierung und Computerisierung der Finanzmärkte erlebt. Wir sind alle enger zusammengerückt, stärker untereinander verflochten als früher. Wir leben in einem Weltdorf. Das verstärkt die Preisbewegungen nach oben, aber auch nach unten. Wir müssen lernen besser damit umzugehen. Vor allem die Politiker haben noch nicht begriffen, welch gewaltige Folgen sie mit einzelnen kleinen Maßnahmen oder unbedachten Äußerungen rund um den Erdball auslösen können. Siehe die Quellensteuer von Herrn Stoltenberg oder die bereits erwähnte Bemerkung von Herrn Baker.

SPIEGEL: Wie wird es an den Weltbörsen weitergehen?

CHRISTIANS: Ich sehe die Kursstürze der vergangenen Woche als ein reinigendes Gewitter. Die Börse war sechs Jahre lang eine Einbahnstraße nach oben, in Japan sogar zwölf Jahre. Jetzt haben diejenigen, die im Hausse-Rausch vergessen hatten, daß die Aktie ein Risikopapier ist, einen Schock erlitten. Aber der war notwendig und heilsam.

SPIEGEL: Hat die Aktie, als Instrument der Vermögensanlage in der Bundesrepublik ohnedies nicht sonderlich beliebt, durch die jüngsten Ereignisse an der Börse nicht wieder einen schweren Rückschlag erlitten?

CHRISTIANS: Die Sorge ist da. Das alles war sicher nicht hilfreich für unsere Bemühungen, die Aktie populärer zu machen.

SPIEGEL: Haben die Banken ihre Kunden nicht genügend über das Börsengeschehen aufgeklärt?

CHRISTIANS: Ich will mich hier nicht hinsetzen und sagen, wir hätten genug getan. Vor allem jetzt ist es an der Zeit, für umfangreiche Fach- und Sachaufklärung zu sorgen. Was wir an den Börsen erlebt haben, war kein Infarkt, aber ein Kollaps war das schon. Jemand, der einen Kollaps erleidet, muß dies als Warnung betrachten dafür, daß etwas nicht stimmt. Er muß sich fragen, was er anders oder besser machen kann. Das gilt aber nicht nur für die Banken, sondern auch für die börsennotierten Unternehmen und solche, die es werden wollen. Und das gilt natürlich nicht zuletzt auch für die Politiker.

SPIEGEL: Erwarten Sie, daß die Börse sich von dem Kollaps rasch wieder erholt und die Hausse weitergeht?

CHRISTIANS: In Deutschland hat die Hausse ja schon vor einiger Zeit ihr Ende gefunden. So gesehen haben wir sogar einen Nachholbedarf etwa gegenüber den USA und Japan. Ich bin nicht pessimistisch für die deutsche Börse. Das Jahr 1988 wird besser als 1987.

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