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»Da hat doch kein Häftling geweint«

aus DER SPIEGEL 5/1979

Herr Klehr, wann sind Sie nach Auschwitz gekommen?

KLEHR: Ich bin am 17. September 1939 eingezogen worden und kam gegen meinen Willen zur Waffen-SS. Ich wurde eingezogen und kriegte kurz vor Kriegsausbruch vom Wehrbezirkskommando einen Bescheid, ich hätt' meine alte Kriegsorder abzugeben, ich bekomme eine neue. Die neue Kriegsorder lautete: Ich bin zur Waffen-SS sichergestellt, freigestellt worden und mußte mich 1939 bei der Sammelstelle in Liegnitz melden, in Schlesien.

Und dann ging es per Bahn, erst wurden wir kompanieweise zusammengestellt, und dann ging es per Bahn nach: wohin wußten wir noch nicht. Wußten nicht, zu welcher Einheit. Noch nichts. Da waren in Weimar, am Bahnhof, da waren gleich die Lkw da. Und da wurden wir auf die Lkw verladen, und da mußten wir die aktive Waffen-SS ablösen. Wir waren Reservisten. Und die aktive SS rückte aus zum Fronteinsatz, und wir mußten gleich am nächsten Tag das Wachkommando übernehmen. Im Wachdienst. In Buchenwald.

Da waren Sie zuerst in Buchenwald?

KLEHR: Da war ich zuerst in Buchenwald, und da hab' ich, weil mir der Wachdienst nicht behagte, da hab' ich an meine letzte Dienststelle geschrieben. Das war das Zuchthaus in Wohlau. Da war ich als Hilfsaufseher beschäftigt, daß sie mich sollen u. k. stellen. Ich bin zum Wehrdienst bereit, aber nicht hier zum Wachdienst in dem Konzentrationslager. Daraufhin schrieb mir die Behörde zurück. Sie haben mich schon dreimal angefordert. Sie können mich aber nicht freikriegen, weil ich bei der Waffen-SS bin.

Daraufhin hab' ich gleich, wo ich den Bescheid gekriegt habe, habe ich das erste Versetzungsgesuch eingereicht zur Front. Mit der Begründung: da ich als Sanitäter ausgebildet bin, kann ich an der Front einen wichtigeren Dienst verrichten als hier im Wachdienst.

Meiner Versetzung wurde stattgegeben. Ich kam aber nicht an die Front, sondern wurde versetzt nach Dachau. Dort habe ich Dienst gemacht als Sanitäter, teilweise im SS-Revier beim Truppenrevier und teilweise im HKB, im Krankenbau. HKB heißt Häftlingskrankenbau. Und nach einem Jahr hab' ich mich in Dachau wieder zur Front gemeldet. Da hab' ich mir erstmals eine runde Zigarre eingehandelt. Sie haben da Ihren Dienst zu machen, wo Sie hingestellt werden. Und im Falle einer Befehlsverweigerung wissen Sie, was das für Folgen hat.

Drei Tage drauf war ich schon versetzt worden nach Auschwitz... Ich war dort als Sanitäter, wie es Ihnen bekannt ist. Und da hab' ich eines Tages feststellen müssen, da haben sie einen splitternackten Menschen, rechts und links gestützt, runter in den Keller geführt. Von den Funktionshäftlingen, Häftlingspfleger und Häftlingsarzt. Und ich hab' gedacht, gar nicht denkbar, was ist, was machen die mit dem Menschen da unten im Keller?

Ich hab' da vorher nichts bemerkt. Da bin ich hinterhergegangen. Da unten war die Leichenhalle. Und da waren sie fest beim Spritzen. Da hab' ich sie zur Rede gestellt, wer denn den Befehl gegeben hat. Da wollten sie zuerst nicht raus. Aber jetzt will ich's wissen. Da hat der mir gesagt, der Rapportführer, der Rapportführer war bei uns so wie hier bei der Justiz der Dienstaufsichtsleiter. Der hat die Leute in den Krankenbau geschickt und hat sie von den Häftlingen eine Injektion durchführen lassen. Ohne daß die dem Lagerarzt vorgestellt werden.

Denn die Vorschrift lautete: Jeden Häftling, der zur Sonderbehandlung kam, entweder zur Vergasung oder zur Abspritzung, mußte erst der Lagerarzt bestimmen. Der kam frühmorgens, hat sich die kranken Leute angeguckt, denn der Häftlingsarzt hat ja schon alles vorbereitet gehabt. Da waren Karteikarten, da hat er die Diagnose reingeschrieben. Da wurden die Häftlinge dem Lagerarzt vorgestellt, und der hat laut Karteikarte hat er das gesehen, was für eine Diagnose. Da hat er entweder bestimmt, Aufnahme im Krankenbau oder Schonungsblock oder Sonderbehandlung.

Was hieß Sonderbehandlung?

KLEHR: Das war die Injektion.

Was war eine Injektion?

KLEHR: Die Phenol-Injektion, die Spritzerei.

Was ist das für eine Injektion, die Phenol-Injektion?

KLEHR: Ja, wie, wie, was?

Kriegten die da eine Injektion in die Vene?

KLEHR: Die wurden intravenös gespritzt, erst mal. Und weil die Häftlinge so tiefliegende Adern hatten, da mußte immer drei- oder viermal gestochen werden. Denn da haben die Häftlinge das erfunden. Da haben sie direkt in den Herzmuskel gespritzt.

Können Sie mal den ganzen Ablauf schildern, wie das war, wenn die Häftlinge kamen, und bis zum bitteren Ende?

KLEHR: Ja, da hab' ich selbst dazu mal meine Beobachtungen gemacht. Da hab' ich selbst gestaunt, daß die Häftlinge, die haben ja nicht mal geweint oder sich gewehrt. Die haben sich auf einen Stuhl gesetzt und haben gewartet, bis es soweit war. Hab' ich mir dazu mal meine Gedanken gemacht. Mache ich mir heute noch. Da hat sich doch kein Häftling gewehrt oder hat auch kein Häftling geweint. Denn die wußten, das war doch ein offenes Geheimnis: die dort ausgesondert wurden, da wußten sie, wo sie hingingen.

Der Häftlingsarzt, das war also selbst ein Häftling?

KLEHR: Das war selbst ein Häftling. Und wir haben auch Häftlingspfleger gehabt, als Funktionshäftlinge. Wenn der Häftlingsarzt fertig war, dann sind sie wieder in den Raum zurück und mußten warten, bis der Lagerarzt kam. Wenn der Lagerarzt dann kam, dann mußte ich den Lagerarzt begleiten bei der Visite. Der Lagerarzt war ein SS-Arzt. Ein SS-Lagerarzt. Den mußte ich dann begleiten zu dieser Vorstellung da. Und dann hat er die Karteikarte genommen und hat geguckt, was da draufstand. Und dann hat er eben entschieden. Da hat er gar keine Untersuchung mehr vorgenommen. Er hat nur abgelesen, was der Häftlingsarzt hat festgestellt. Und da hat der Lagerarzt entschieden, entweder Aufnahme in den Krankenbau als Kranker, oder Schonungsblock zur Erholung, vierzehn Tage, drei Wochen oder Sonderbehandlung.

Können Sie die Sonderbehandlung mal schildern?

KLEHR: Ja, wie soll ich das schildern? Da waren Häftlinge, die unter die Vergasung fielen, und Häftlinge, die mit in kleinem Maße Injektionen durchgeführt wurde. Im Stammlager, im Krankenbau.

Wie ging das dann vor sich?

KLEHR: Die Häftlinge wurden dann vom Block 28 bei der Ambulanzbehandlungsblock, da wurden sie rübergeführt in Block 20. Im Block 20 war die Injektionsabteilung. Da kamen sie wieder in ein extra. Zimmer, und dann wurden sie einzeln rausgeführt in Block 20, rechts das erste Zimmer. Dort war diese Sache durchgeführt worden. Man hat ja noch nicht mal die zwei Kubik ausgespritzt gehabt, dann sind sie schon am Stuhl zusammengesackt. Dann sind zwei Häftlinge gekommen und haben sie rausgenommen. Und haben sie gegenüber wieder in einen Raum geschafft. Und wenn die ganze Sache vorbei war, dann ist der Wagen gekommen und hat die Leichen da rausgenommen. Und sie wurden ins Krematorium gefahren.

Ich hab' mich noch mit dem Lagerarzt da rumgebissen. Und zum Schluß hat er gesagt, wenn Sie nicht wollen, da bring' ich Sie vors Kriegsgericht. Sie haben den Befehl auszuführen. Was sollt' ich machen? Hätt' ich den Befehl verweigert, das gab's doch nicht bei der SS: Befehl verweigern. Erst mal hätte das ja Schule gemacht. Da hätte sich müssen der Reichsheini allein hingestellt und hätte den KZ-Dienst gemacht.

Wie viele Menschen sind durch Injektionen Ihrer Schätzung nach getötet worden?

KLEHR: Meiner Schätzung nach waren das, die im Häftlingskrankenbau getötet worden sind, war das wöchentlich verschieden. Manchmal waren das zwanzig, manchmal fünfzehn, manchmal dreißig.

Pro Tag dreißig?

KLEHR: Nein, nein. Zweimal die Woche. Nicht pro Tag. Das haben Sie gelesen. Aber das ist nicht wahr. Dreißig, wenn eine größere Sache war, daß die Leute mehr waren, dann sind sie aufgehoben worden, bis die Vergasung im Krematorium losging. Und da hat man sie dort rausgeschafft.

Ich bin beschuldigt worden in dem Prozeß, ich hätte 25 000 bis 35 000 Menschen abgespritzt. Ich hab' das nur ein Vierteljahr machen brauchen. Dann bin ich abgelöst worden, da mußt' ich die Seuchenbekämpfung durchführen. Weil eine große Seuche, Epidemie ausgebrochen ist in Auschwitz.

Wie viele haben Sie nach Ihrer eigenen Schätzung abgespritzt?

KLEHR: Ich hab' zweimal die Woche, einmal fünfzehn, an einem anderen Mal waren es zwanzig.

Wie viele waren es dann insgesamt?

KLEHR: Na, sagen wir mal, vierzig, so insgesamt die Woche, vierzig oder dreißig.

Wie viele Wochen haben Sie das gemacht?

KLEHR: Ich hab' das ein Vierteljahr machen müssen.

Ist es Ihnen schwergefallen?

KLEHR: Ja, das kann ich wohl sagen. Das geht auf die Nerven. Meine ganzen Magenbeschwerden, die ich hab', und dieses Augenzwinkern, das ist alles darauf zurückzuführen.

Hat das Sterben dieser Menschen, hat das Ihnen was ausgemacht, ist Ihnen das nahegegangen?

KLEHR: Ja, nahe kann einem das ja gar nicht gehen, denn wenn Sie das tag. täglich sehen, dieses, dieses... Früh stehen Sie auf, und da kotzt Ihnen das schon an, wenn Sie früh zum Dienst gehen. Da geht's da los von früh bis abends. Da kommen Sie ja gar nicht zum Nachdenken. Und Sie können ja auch nichts ändern dran.

Ich möchte zum Abschluß noch mal zu dem Punkt kommen, der ja auch bei Ihnen am schwersten ist, darüber zu sprechen, zu dem Punkt der Injektionen. Waren alle Häftlinge sofort tot?

KLEHR: Die waren sofort tot. Ich hab' Ihnen ja vorhin schon gesagt, es waren bloß zwei Kubik, die gespritzt worden sind. Da hat man die Spritze noch nicht ausgespritzt gehabt, ist der schon tot gewesen. Dieser Tod war ja noch nicht so grausam wie die Vergasung. Das war ein grausamer Tod. Das ging da so wie in einem Bienenkasten. Die kamen in den Vergasungsraum rein, und wenn der Lagerarzt soweit fertig war, dann bat er oben dem SS der Befehl gegeben, dann hat der in den Kamin das Gas reingeschüttet, und da ging's »mmmm«. Und der Ton wird immer leiser, bis er dann gar nicht mehr da ist. Das war ein grausamer Tod. Das geht doch auf die Luftorgane, dieses Gas.

Aber Sie mußten doch den Menschen ins Gesicht schauen?

KLEHR: Ja, bei der Injektion? Ja, was sollte ich denn machen? Jetzt frag ich Sie mal, was soll ich denn machen?

Nein, weil Sie sagten, das sei grausamer gewesen im Gas. Es ist doch ein anonymer Tod gewesen in der Gaskammer, während...

KLEHR: Ja, wann ich das gesehen hab', wo die Leichen sind rausgegangen, die waren grün und blau waren die gewesen. Und es hat länger gedauert als wie die Injektion. Bei Injektion, da war die Spritze ja noch nicht einmal ausgespritzt, ist er schon zusammengefallen.

Hat niemals Sie jemand angefleht, angebettelt?

KLEHR: Nein, niemals. Die hätten doch können mal sagen, Oberscharführer, ach, lassen Sie mich doch leben, oder - keinen Ton. Kein Ton ist gefallen. Und das war ja das Schwerste.

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