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»Da hat man alle verbrannt«

aus DER SPIEGEL 5/1979

Wie sind Sie nach Auschwitz gekommen?

ERBER: Ich wurde eingezogen zu der SS, und zwar nach Berlin. Und da ich vom Sudetenland stamme, wurden wir eines Tages gefragt, wer von Schlesien und so weiter, wir hätten doch da näher nach Hause, und wir sollten verlegt werden von Berlin. Und da kamen wir nach Auschwitz.

Waren da schon Häftlinge, als Sie hinkamen?

ERBER: Ja, die waren schon da, vielleicht zehntausend oder zwölftausend. Mehr waren dazumal nicht.

Wie viele Personen haben Sie da so am Tag aufnehmen können?

ERBER: Ja, das kam darauf an. Zuerst ging es ja bloß, da waren ja wenig, da kamen ja keine großen Transporte. Die Transporte begannen erst 1942, wie dann die sogenannten RSHA-Transporte kamen.

Was ist denn das?

ERBER: Die vom Reichssicherheitshauptamt, die Transporte, die, die dann vom Ausland kamen usw. Das waren ausgesprochen reine Judentransporte.

Und die wurden alle noch registriert?

ERBER: Nein, die wurden nicht. Da wurden nur die registriert, die ins Lager kamen.

Und die anderen, die nicht ins Lager kamen?

ERBER: Die anderen wurden auf der sogenannten Rampe... Und wenn ein Zug hereinkam mit dem Transport, mußte der Transportbegleiter die Leute aufschreiben lassen und aufstellen lassen zum Abzählen.

Ich war dazumal bei der Politischen Abteilung und war bei der Aufnahme. Ich mußte ja dem Mann, wenn ich auf der Rampe Dienst hatte, die Zahl bestätigen, daß er sie gebracht hat, soundsoviel. Und dann, wenn der erste gezählt war, der ganze Transport, wurde ja die Bestätigung abgegeben, also dem Transportführer bestätigt, daß er den Transport abgeliefert hat. Und die mußten die Rampe verlassen, also auch das Wachpersonal, die sie mitgebracht hatten. Und dann fing der Arzt an mit der Selektion.

Was ist das?

ERBER: Also das Aussuchen. Zum Beispiel junge Leute, also die arbeitsfähig waren zu der Arbeit. Und die anderen mußten in die Gaskammer gehen.

Direkt von der Rampe in die Gaskammer?

ERBER: Direkt von der Rampe weg. Da wurden sie aber vorher noch einmal gezählt, denn Berlin verlangte von uns, daß haargenau gezählt wird, und auch die Details, also extra gehalten, ob Männer oder Frauen.

Da wurden doch aber auch Familien auseinandergerissen? Haben sich da keine schrecklichen Szenen abgespielt?

ERBER: Ja, ich meine, die haben da miteinander gesprochen und so, aber das lief dort alles ganz reibungslos ab. Weil doch immer Leute bei denen dabei waren, die sagten: Ach, kommt doch mit und so und so weiter.

Wie groß war die Kapazität der Transporte? Wie viele Menschen kamen auf die Rampe?

ERBER: Ganz verschieden. Das konnten zweihundert sein, das konnte bloß ein Lastwagen sein, es konnten zweitausend sein.

Wie groß war etwa der Anteil derjenigen, die arbeiten mußten und derjenigen, die direkt in die Gaskammern geschickt wurden?

ERBER: Man kann als Anteil rechnen mit 30 Prozent zur Arbeit.

Und 70 Prozent in die Gaskammern?

ERBER: Und 70 Prozent kam weg. Ich meine, es war eine sehr schlimme Sache. Aber wir durften nicht darüber reden und gar nichts. Denn von uns, wir hatten uns schon 1941 weggemeldet. Ich hab es dreimal versucht, und 1942, ich weiß nicht, wars im August oder im September, da kam ein Führerbefehl: Der Dienst in Auschwitz ist Frontdienst. Das heißt mit anderen Worten, wer dort ist, kann sich nicht wegmelden. Denn von der Front kann sich kein Soldat wegmelden.

Haben Sie sich als Soldat empfunden dort?

ERBER: Ja, wir waren ja direkt eingezogen und so.

Ja, unter soldatischer Tätigkeit versteht man normalerweise etwas anderes, Dienst an der Front oder zu Hause in der Ausbildung von Soldaten.

ERBER: Ja, aber, wer sollte sich weigern?

Was mir nicht ganz verständlich ist, ist, daß es überhaupt keine Möglichkeit gegeben haben soll, da herauszukommen. Könnten Sie mir das mal verständlich machen?

ERBER: Ja, schauen Sie, ich glaube, man hat von allem Anfang an gesagt: Halt, bei den Konzentrationslagern, wenn wir da Leute raus lassen, da könnte zuviel geredet werden. Ich nehme an, daß das ein Grund dazu war.

Wurden auch im Stammlager schon Gefangene getötet?

ERBER: Ja, und ich glaube, das war 1941. Aber das hab' ich erst später erfahren. Die hat man in dem Block 11, das war der sogenannte Bunker, da hat man Räume unten dichtgemacht und hat Leute vergast, das erste Mal, wo überhaupt vergast wurde mit dem Blausäurepräparat, mit dem...

Und haben Sie auch gesehen, wie Menschen erschossen wurden an der Schwarzen Wand?

ERBER: Nein. Dort bin ich nie hingekommen. Ich wußte wohl, wo die Schwarze Wand ist, aber ich hatte nichts zu tun dort bei den Erschießungen, weil ich bei der Aufnahme war.

Haben Sie davon gehört, daß da Menschen erschossen wurden?

ERBER: Ja, da kam 41 und 42, kam da jede Woche so ein Schnellgericht, wie sie dazumal waren, und die haben die Todesurteile dort in Auschwitz ausgesprochen.

Wie war der Ablauf des Tages für Sie?

ERBER: Normalerweise... Zuerst war ich da in Auschwitz in der Schreibstube drin, und da hab' ich bearbeitet, also, ich mußte rausfahren, zum Beispiel, bei der Flucht erschossen und bei Selbstmord. Da fuhr ein Sanitäter mit, dann ein Fotograf vom Erkennungsdienst und einer von der Politischen Abteilung. Da mußte der Schütze festgestellt werden, dann Name und Nummer von dem Toten, dann mußte eine Fluchtskizze gemacht werden. Der von der Sanitätsabteilung, der mußte den Tod feststellen, und der Erkennungsdienst machte ein Bild von dem Toten.

Gab es Häftlinge, die den Tod gesucht haben?

ERBER: Ja, auch, denn drumherum war ja Starkstrom. Die in den Draht reingesprungen sind.

Was haben Sie abends gemacht? Der Dienst war um 18 Uhr zu Ende, 19 Uhr?

ERBER: Das war keine geregelte Dienstzeit. Denn es kamen ja Transporte, und die kamen ja nicht über den Tag, die kamen vielleicht abends oder in der Nacht. Da wurde man geweckt, da mußte man eben hinfahren.

Warum sind Sie verurteilt worden?

ERBER: Na ja, ich hab' zum Beispiel erstens mal in fünfzig Fällen lebenslänglich gekriegt, weil das Gericht angenommen hat, der war fünfzigmal auf der Rampe, und da hat er jedesmal noch einen für sich extra ausgesucht. . . Und ich hatte, weil ich die Leute dreimal zählen mußte praktisch, hatte ja gar keine Zeit.

Was glauben Sie, was schätzen Sie, wie viele Menschen sind in der Zeit, die Sie in Auschwitz waren, die Sie beobachten konnten, wie viele Menschen sind dort getötet, vergast worden?

ERBER: Na ja, es können meiner Schätzung nach so fast eine halbe Million gewesen sein.

Was hat man mit den Leichen gemacht?

ERBER: Ganz zuerst hat man sie eingegraben. Die vergasten Leute. Dann ist aber nach einiger Zeit ist das Blutwasser raufgetreten. Das hat sich gehoben das Ganze. Da hat man sie wieder ausgegraben und alle verbrannt. Und dafür waren dann ja die Krematorien da. Die sind ja 1943 in Betrieb genommen worden. Vier Stück.

Und hat man das gemerkt - am Lichtschein oder an anderen Dingen -, daß dort Menschen verbrannt wurden?

ERBER: Ja, erstens mal, bei den Kaminen, denn es waren ja immerhin Hitzegrade von 1500 bis 1800 Grad. Da ist es, als wenn zum Beispiel bei den Porzellanfabriken, wie sie früher das Porzellan gebrannt haben, da war ja auch von dem Gas ein bis zwei Meter hohe Flamme oberhalb vom Schornstein, und so war es dort. Dann hat man den Geruch durch das Verbrennen von Menschen, hat man ja bis beim Bahnhof gerochen.

Haben Sie sich nicht manchmal wie in einer Hölle gefühlt dort?

ERBER: Ja, es war schwer für alle, nicht nur für die Gefangenen, auch für die Dings. Denn wir mußten, wir konnten nicht einfach weg usw., man konnte nicht sagen, so, jetzt mag ich gar nicht mehr, ich geh' sonstwohin, oder was. Da war ja der militärische Druck da.

Was unterscheidet denn die Situation von dem Gefängnis, in dem Sie sich jetzt hier befinden, mit der Situation, die damals in Auschwitz herrschte?

ERBER: Na ja, also hier habe ich meine Zelle, und es ist ja überall gleich. Wissen Sie, die waren natürlich, bei ihnen, da gab's keine verschlossenen Türen. Die konnten, wenn sie hereingekommen sind von dem Arbeitskommando, konnten sie auf der Lagerstraße spazierengehen, die konnten miteinander reden, auch von den anderen Baracken usw.

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