Zur Ausgabe
Artikel 1 / 74
Nächster Artikel

»Da is nix, da kann man nur saufen, saufen«

Dem Alkohol verfallen sind mindestens 100 000 westdeutsche Jugendliche -- Kinder oft, zehn- oder zwölfjährig. Weder Ärzte noch Politiker wissen ein Mittel gegen die Sucht der Halbwüchsigen, die sich ständig weiter ausbreitet. Die Flasche kreist in der Schule und auf der Straße, in der Provinz wie in Metropolen. »Da wächst«, sagt ein Wissenschaftler, »ein Alkoholiker-Kollektiv heran, das der Nation noch zu schaffen machen wird.«
aus DER SPIEGEL 50/1974

Thomas war 16, als er der Einladung einer Fünfzehnjährigen im württembergischen Heidenheim folgte: »Auf meiner Party gibt's reichlich zu trinken.« Der Junge trank reichlich, geriet erst in Rage, wurde dann still. Spätabends fiel er vom Stuhl, auf den die zechenden Mitschüler ihn gesetzt hatten: Tod durch Herzversagen.

Tag und Nacht mühten sich die Ärzte der Kinderklinik Berlin-Charlottenburg um zwei zwölfjährige Knaben. Bewußtlos waren sie auf einem Spielplatz gefunden worden, alkoholumnebelt. Als die beiden schließlich aufwachten, machten sie sich einen Spaß draus: »Na Doktorchen, 'ne halbe Flasche Wodka, das könntest du nicht übersteh'n.«

Verzweifelt wandte sich eine Schülerin, 15, an den Frankfurter Drogenexperten Professor Klaus Wanke. Sie kann, entnervt durch häusliche Konflikte, schon lange kaum mehr schlafen. Und so reicht sie sich als Schlummertrunk allabendlich eine halbe Flasche Weinbrand. »Hier ist«, sagt Wanke, »ein Schicksal bereits erschütternd vorgezeichnet.«

So vorgezeichnet scheint das Schicksal Hunderttausender. Denn in Scharen ist Westdeutschlands Jugend auf der Flucht zur Flasche.

Im Suff lallende Zwölfjährige, Schnapsleichen im Konfirmandenalter

-- da muß keiner mehr zweimal hinsehen. Jungmannen mit Flachmännern in den Fußballstadien, randvolle Rudel auf den Schulhöfen -- so leben sie alle Tage.

»Wir haben einen erheblichen Zuwachs an jugendlichen Alkoholikern«, sagt Horst Stender von der psychosozialen Beratungsstelle des Diakonischen Werks an der Saar, der kleinsten westdeutschen Provinz. »Es ist katastrophal, daß immer mehr Jugendliche Zuflucht im Alkohol suchen«, findet die Ministerialrätin Elisabeth Funke, Drogenbeauftragte in Nordrhein-Westfalen, dem volkreichsten Bundesland.

Jugendliche? »Über die Hälfte der Zwölf- bis Vierzehnjährigen hat den Mist schon geschluckt, ein Viertel gluckert regelmäßig«, weiß der bayrische Ministerialrat Franz Vogt, Leiter einer »Arbeitsgruppe zur Bekämpfung des Drogen- und Rauschmittelmißbrauchs«. Da gibt es »zum Beispiel schon bei den Elfjährigen unter massivem Alkoholeinfluß Vergewaltigungsversuche, einzeln und in Gruppen«, sagt der Drogensachverständige im baden-württembergischen Sozialministerium, Hartmut Engel, und mit der Trunksucht, »das fängt schon mit acht Jahren an«.

Kaum ist die Rauschgiftwelle verdrängt, revoluzzernde Jugend fast schon Gewohnheit geworden, macht sich ein neues Problem breit unter den Bürgern des Bonner Staates -- als hätten sie nicht genug davon. Und was sonst auf Randgruppen begrenzt blieb, tröstlich sortiert werden konnte in radikale Minderheiten, tritt diesmal epidemisch auf: Jugendalkoholismus.

Bewahrt bleibt kein Landstrich. In der schleswig-holsteinischen Wilster Marsch, scheinbar einem Rest heuer Welt, zogen korntrunkene Kinder grölend über den herbstlichen Jahrmarkt. Im Dorf Schwatzen bei Lindau sackten vier Schüler -- nachdem sie ein paar Flaschen Wein statt zum Pastor in den eigenen Magen befördert hatten -- alkoholvergiftet auf der Straße zusammen. In der Großkommune Stuttgart ließen sich sieben 13- bis 14jährige so vollaufen, daß sie von Polizei aus der »Alten Münze« weggekarrt werden mußten.

Verpaßt wird keine Gelegenheit, in der Diskothek oder am Kiosk. Oder »nach einer anstrengenden Mathematikarbeit«, wie Drogenfachleute aus dem Rhein-Sieg-Kreis erfuhren. Oder »besonders auf der Arbeitsstätte, zusammen mit den Älteren«, wie die Ministerialrätin Wiltrud Strobel vom saarländischen Sozialministerium ermittelt hat. Oder auch irgendwo im Freien, wie am Rendsburger »Eiland« -- einem Streifen an der Eider, mit Büschen bestanden, hinter denen man ungestört ausschlafen kann.

Und wie man's auch anfängt, es endet auf Alkohol. Lädt Pastor Jochen Günther von der Bethlehem-Gemeinde in Hannover-Linden zu einer Fete und genehmigt den Älteren einen, »dann saufen sie sich die Hucke voll, und es kommt zu nicht berechenbaren Reaktionen«; verbietet er Alkohol, »dann bringen sie einen Flachmann mit, und draußen um die Kirche herum liegen nachher die Scherben«.

So ratlos wie dieser Gottesmann steht das Gros der Eltern vor dem Phänomen. Wenigen nur scheint bewußt zu sein, daß sie nun endlich mal ernst genommen werden aber dort, wo es gerade nicht sein sollte. Ein Gläschen in Ehren, und auf einem Bein kann man nicht stehen; »Das Vorbild der Eltern«, sagt Fachmann Vogt, »spielt eine ganz entscheidende Rolle. Die Kinder machen nicht nur das Trinken als solches nach, sondern sie imitieren den ganzen Vorgang, die Art von Alkohol, die Mengen und die Schnelligkeit.«

Die permanent prostende Umwelt, das ist zweifellos eine der Ursachen für den Jugendalkoholismus. Denn nie zuvor tranken auch die großen Deutschen so heftig wie heute. Was es sonst noch an Gründen geben könnte, darauf haben die Soziologen und Psychologen, Mediziner wie Ministerialen immer andere Antworten.

Hat wieder mal die Familie versagt -- die es doch nach dem Ratschluß vieler Gesellschaftswissenschaftler schon seit einer Weile so recht nicht mehr gibt?

ist das Gemeinwesen Bundesrepublik, nüchtern betrachtet, für die Jungbürger unerträglich geworden -- obschon es doch hierzulande so viel besser steht als in den meisten Ecken des Erdballs?

Oder rumort einfach der Zeitgeist, ist es das »existentiale Niemandsland«, das der niedersächsische Psychiater Hans Werner Janz gesichtet hat?

Sicher scheint nur, daß die Gesundheit einer Legion von Jugendlichen und das Befinden der gesamten Bürgerschaft ernstlich bedroht sind. »Beängstigend« ist die Zukunft für die Bonner Gesundheitsministerin Katharina Focke, und »höchst beunruhigt« zeigt sich Professor Janz, der als Leiter des psychiatrischen Krankenhauses im niedersächsischen Ilten Alkoholopfer im Endstadium behandelt. »Da wächst ein junges Alkoholiker-Kollektiv heran«, sagt der Wissenschaftler, »das der Nation noch zu schaffen machen wird.«

Schon tauchen, etwa in Frankfurts psychiatrischer Universitäts-Klinik, die ersten Jugendlichen mit Delirien auf, laut Wanke »ein Novum«. Im pfälzischen Kirchheimbolanden, wo es die einzige Trinkerheilstätte für Jugendliche (männlichen Geschlechts) gibt, werden bereits alkoholabhängige Kinder angemeldet -- 12, 13, 14 Jahre alt. Heimleiter Günter Greiner: »Das ist neu, das ist im Kommen.«

Und die »Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren« in Hamm schaltete von der Hasch- und Heroinbekämpfung wieder auf den Alkohol um. Ihr Direktor Werner Holzgreve: »Das ist die Droge Nummer eins, auch bei Jugendlichen, das ist das größte sozialmedizinische Problem.«

Eben erst ist die Rauschgiftwelle abgeebbt und ein harter Kern von etwa 50 000 Süchtigen zurückgeblieben; nun erlebt, so Mediziner Wanke. »die Bundesrepublik eine Fortsetzung des Drogenproblems mit anderen Mitteln«. Und diese deutsche Flucht zur Flasche hat Weltniveau.

Jugendalkoholismus breitet sich in allen Gesellschaften aus, systemüberwindend im Kapitalismus wie im Kommunismus. In der Sowjet-Union fließt der Wodka beim Nachwuchs so reichlich, daß die Kremlführung auf absonderliche Abhilfe sann: Sie holte Pepsi Cola ins Land und stellte Verführung Jugendlicher zur Trunkenheit unter Strafe (30 Rubel).

»Die Hasch-Helden sind offenbar müde geworden.«

Im sozialdemokratischen Schweden wenden sich mehr und mehr Jungbürger von der wohlfahrtsstaatlichen Wirklichkeit hin zum flüssigen Stoff. Dreiviertel der Schüler zwischen zwölf und 16 Jahren gaben bei einer Befragung zu, daß sie trinken, und zwar »um berauscht zu sein«.

In den USA konstatierte Alkoholforscher Morris Chafetz: »Wie auf einen Schalterdruck wandte sich die Jugend von der großen Drogen-Palette ab, hin zu der einen, der zerstörerischsten Droge, dem Alkohol.« Und fast ebenso jäh hat sich Deutschlands Drogenszene gedreht.

Vor drei Jahren, so erinnert sich der Hamburger Soziologe Michael Jasinsky, gab es noch eine »ideologische Trennungslinie": haschende Blumenkinder auf der einen Seite, die Alkohol als »Droge des Establishments« verpönten, auf der anderen exzessiv trinkende Jugendliche, die ihren Unmut als Rocker austobten. Jasinsky, der sich auf zwei Umfragen über Alkohol und Drogenmißbrauch an Hamburgs Schulen stützen kann: »Diese Trennungslinie besteht nicht mehr, statt dessen dient Alkohol als primäres Rauschmittel.«

In Schleswig-Holstein hat, so der Sozialarbeiter Gerhard Böcker vom Diakonischen Werk, »das Jugendalkoholproblem das Drogenproblem schon auf dessen Höhepunkt 1971/72 überflügelt«. In Bayern ist die Vogt-Arbeitsgruppe »immer mehr auf den engen Zusammenhang zwischen den illegalen Drogen und der legalen Trinkerei gestoßen«. Und Therapeut Vladimir Bosnjak von der »Stiftung internationale Nothilfe« in München erklärt: »Die Hasch-Helden sind vom Wünschen nach gesellschaftlicher Veränderung offenbar müde geworden, und irgendwie kapieren sie auch im Innern, daß das nicht der richtige Weg war. Aber ihre Schwierigkeiten sind die gleichen geblieben, und deshalb saufen sie.« Schon morgens Begierde, Brechreiz und Zittern.

Zwar: Nur eine Minderheit unter den Jugendalkoholikern rekrutiert sich aus Umsteigern von der Rauschgiftszene. Es sind bei weitem nicht, so NRW-Expertin Elisabeth Funke, »allein diejenigen, die früher Hasch genommen haben«. Doch die Drogen-Bekämpfer waren die ersten, die das Ausmaß des neuen Desasters gewahr wurden.

Gleichsam beiläufig ergab ein vom Düsseldorfer Arbeits- und Sozialmmisterium 1972 in Auftrag gegebener »Drogenreport«, daß 50,8 Prozent der befragten Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren »bei sich bietenden Gelegenheiten« Bier und Wein trinken, 33,2 Prozent zu Schnaps und Kognak greifen. Damals schon gaben zehn Prozent des Rhein-Ruhr-Jungvolks an, sie konsumierten mehrmals in der Woche harte Spirituosen.

Wie hoch dieser Satz unterdessen gestiegen sein wird, läßt eine Statistik aus Hamburg vermuten: 70 Trunkene unter 18 griffen dort Polizei und Jugendschützer im Jahre 1972 auf. 1973 waren es schon 376, die auf Straßen und Spielplätzen, in Parks und Pinten eingesammelt wurden. Ergebnis in den ersten zehn Monaten dieses Jahres: 974 -- etwa ein Drittel erst 14 oder jünger.

»Daß wir nicht bloß über Alkohol reden dürfen, was wir so nebenbei schon immer getan haben«, so Hamburgs Drogenbeauftragter Eckhard Günther, erschloß sich den Experten jüngst durch zwei Untersuchungen -- einer bayrischen Befragung von 2700 Teens und Twens sowie einer hamburgischen Erhebung unter 10 000 Schülern. Beide Expertisen stammen aus dem Jahre 1973; das Hamburger Material wurde vor einigen Wochen veröffentlicht, die bayrische Untersuchung soll demnächst präsentiert werden.

Die ersten Zahlen, die Bayerns Innenminister Bruno Merk vorab nannte, fand der »Bayernkurier« der CSU-Staatspartei »alarmierend« und »schockierend«. Denn »fast täglich oder mehrmals in der Woche« trinken 53 Prozent der Jungbayern zwischen 12 und 24 Jahren Alkohol, auf dem Lande überwiegend Wein, Bier und Sekt, in den größeren Städten dagegen mehr Schnaps.

Hochprozentiges ergab die von »Infratest« gestartete Befragung bei den Steigerungsraten für niedrigprozentige Getränke. Von den 13jährigen trinken 24 Prozent regelmäßig Bier und Wein, von den 14jährigen 42, den 16jährigen 53 Prozent. Mithin steigt in den ersten drei Teenagerjahren der Konsum dieser Alkoholika um mehr als das Doppelte. Zu harten Sachen -- etwa Whisky, Weinbrand und Wermut, klaren Schnäpsen und Kognak -- greifen »fast täglich«

* acht Prozent der 12- bis 14jährigen;

* 20 Prozent der 15- bis 17jährigen,

* 31 Prozent der 18- bis 20jährigen,

* 41 Prozent der 21- bis 24jährigen.

* Jugendlicher in der Hamburger Ausnüchterungsambulanz.

»Das ist gravierend«, sagt Experte Vogt, »das ist doch anders als früher, wo man vielleicht mit 18 mal am Kognak genippt und das Gesicht verzogen hat.« Welche Folgen diese neuen Gewohnheiten haben, wurde aus einer Nachbefragung von 231 Jugendlichen deutlich. Ein Fünftel dieser Gruppe verspürt nach den ersten Gläsern ein zwanghaftes Bedürfnis nach Weitertrinken -- typisches Merkmal dafür. daß Alkoholabhängigkeit droht. Vier Prozent erwachen mit so großer Begierde auf Alkohol, daß sie bereits am Tagesbeginn zur Flasche greifen; drei Prozent leiden morgens an Brechreiz und Zittern; zwei Prozent laborieren mit Leberbeschwerden.

Vor allem auf Alkoholmißbrauch war auch die für 100 000 Hamburger Schüler repräsentative Umfrage des Soziologen Jasinsky gerichtet, dem als Gradmesser die Selbsteinschätzung der Jugendlichen diente. Wer sich dazu bekannte, mindestens einmal in zwei Monaten volltrunken gewesen zu sein, wurde als Trinker eingestuft: jeder dritte Schüler und jede fünfte Schülerin aufwärts von Klasse acht, so ergab die Umfrage -- mithin eine Schülerschaft von 25 000. Unter ihnen sind 3000 Schüler (drei Prozent), die mehr als fünfmal binnen zwei Monaten betrunken waren und nach Jasinsky schon als starke Trinker bewertet werden müssen.

Ob die Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen den Jugendalkoholismus fördert oder hemmt, ist umstritten. Die bayrische Studie ergab, daß »die Art des Berufs von Vater und Mutter ... offenbar keinen entscheidenden Einfluß« habe. Nach Jasinskys Untersuchung hingegen sind Kinder aus der unteren Unterschicht (Väter: Hilfsarbeiter, Straßenreiniger, Gepäckträger, Zeitungsausträger, Lastkraftwagenfahrer) »stark« überrepräsentiert. Aber auch der Nachwuchs aus den oberen Schichten (Väter: Chefärzte, Oberlandesgerichtspräsidenten, Generaldirektoren, Großunternehmer, Universitätsprofessoren, Diplomaten) betrinkt sich häufiger als Jugend aus der Mittelschicht. In den anderen Bundesländern sehen Sozialarbeiter und Jugendschützer mal den Schwerpunkt in der Unterschicht, tippen mal eher auf den gehobenen Mittelstand oder schlicht auf alle Stände.

Ähnlich verschwommen ist für Forscher und Amtspersonen das Milieu, in dem Jugendliche bevorzugt trinken. Nach dem Augenschein der Fachleute an der Front gibt es kaum einen privaten Lebensbereich, in dem Jungbürger keinen Anlaß finden, einen kräftigen Schluck zu nehmen. Und sicher scheint, daß in und an Schulen diese Sucht weit verbreitet ist -- dort also, wo Kontrolle noch am ehesten möglich sein sollte.

Der Lübecker SPD-Landtagsabgeordnete und Studiendirektor a. D. Heinz Lund beispielsweise weiß, daß »in Lübecker Schulen schon Zehn- bis Zwölfjährige zur Flasche greifen«. Über die Szene in Schleswig-Holstein sagt der Pädagoge Rolf Harten von der »Aktion Jugendschutz": »Es häuften sich im Laufe dieses Jahres die Berichte von Lehrern. deren Klassenfeiern aufgrund von Alkohol-Exzessen scheiterten.«

»Kaum eine Schule, in der nicht immer wieder mal auf dem Pausenhof oder auch während des Unterrichts der Flachmann herumgereicht wird«, erzählt die Stuttgarter Sozialhelferin Anita Lang. Und der Hamburger Oberschulrat Walter Barsch hat beobachtet: »Immer häufiger sind Schüler schon während des Unterrichts betrunken.«

In der Hansestadt machte der Fall eines 13jährigen Jungen die Runde, der in die Schule eine Plastikflasche mitbrachte, laut Etikett ein Geschirrspülmittel: Es war reiner Korn. Und in der Gesamtschule Mümmelmannsberg fährt gelegentlich der Unfallwagen vor, um ein volltrunkenes Kind aus der Klasse ins Krankenhaus zu bringen. Bei Kontrollen der Schließfächer, die für Bücher und Hefte der Schüler bestimmt sind, fanden sich immer wieder Flaschen. Unlängst wurde in der Schule ein »Tag der offenen Tür« von der Polizei geschlossen: 30 betrunkene Schüler mußten nach Krawallen und Schlägereien abgefahren werden,

Alkoholmißbrauch, so die Hamburger Schulpsychologin Birgit Weisswange, »geht um wie eine Pestkrankheit«. Aber »erschreckend«, so findet Soziologe Jasinsky, sei vor allem der Alkoholdrang jener Schüler, die erst 14 oder noch jünger sind: zwölf Prozent waren in zwei Monaten mindestens einmal, ein Prozent fünfmal oder öfter betrunken.

Der Wissenschaftler, der 1971 durch eine der ersten Untersuchungen über Rauschgiftkonsum unter Jugendlichen von sich reden machte und damals nebenbei auch nach Alkohol fragte, entdeckte nun beim flüssigen Stoff eine Entwicklung wie einst in der Drogenszene: Eine Art harter Alkoholiker-Kern scheint sich zu bilden, der durch ein frühes Einstiegsalter gekennzeichnet ist und rasch wächst. Bei den Hauptschülern von 14 und den Gymnasiasten von 15 fand Jasinsky im Vergleich zu 1971 nun viermal soviel exzessive Trinker.

Die kleinen Mädchen stehen dabei den Jungen nicht nach -- ein Emanzipationsprozeß, der sich bei Bayerns Jugend ebenso zeigt wie in der Hamburger Schülerschaft: Während bei der Jugend ab 18 zwei Trinker auf eine Trinkerin kommen, nivelliert sich der geschlechts-spezifische Unterschied mit abnehmendem Alter. Unter den 14jährigen Trinkern waren fast genauso viele Schülerinnen und unter den starken Trinkern sogar mehr Mädchen als Jungen, die sich durchschnittlich alle zwölf Tage einmal berauschten.

Solch frühe Bekanntschaft mit Prozenten aber führt auch früher zu Hörigkeit. Bis der Trip in den Alkohol zum ersten psychischen und physischen Zusammenbruch führt, vergeht bei Erwachsenen in der Regel ein ganzes Jahrzehnt. Bei älteren Teenagern dauert es noch an die fünf Jahre. Doch wer mit 15 beginnt, kann mit 16 schon süchtig sein. »Je eher sie anfangen, desto eher kriegen wir sie«, sagt Rolf Schmidt, Leiter der Frauenheilstätte in Höchsten bei Ravensburg.

20 Millionen Deutsche sind durch Alkohol gefährdet.

Westdeutschen Eltern aber ist dieses erhöhte Risiko selten geläufig. Mitunter gar sind sie froh, wenn die Kinder nur trinken, nicht haschen. So hat die Stuttgarter Hauptkommissarin Ingrid Gruber vom Landeskriminalamt »die erstaunliche Feststellung gemacht, daß viele Eltern aus Angst, daß ihre Kinder zu Drogen, greifen, den Alkoholgenuß unterstützen und fördern«. Vor allem: Sie gehen mit schlechtem Beispiel voran.

Der bundesdeutsche Pro-Kopf-Verbrauch an reinem Alkohol erreichte 1973 mit 12,22 Litern den höchsten Stand seit der ersten Statistik im Jahre 1888. Zwölf Liter Brennstoff -- das sind 588 Glas Bier plus 34 Flaschen Wein plus elf Flaschen Branntwein. Nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung trinkt ein Drittel der Bevölkerung weniger, ein anderes Drittel mehr als das.

Weil sie über dieser Norm liegen, müssen nach Einschätzung des Bonner Gesundheitsministeriums »sieben Millionen Personen in der Bundesrepublik Deutschland als deutlich und weitere neun Millionen als erheblich gefährdet angesehen werden« -- eine Zahl von Problemtrinkern, die annähernd so groß ist wie die Einwohnerschaft ganz Nordrhein-Westfalens.

Der Drei-Millionen-Bevölkerung Berlins und Münchens entspricht die Gruppe der exzessiven Trinker, die sich Tag für Tag mit mehr als 100 Millilitern reinem Alkohol berauschen: mit mindestens zwei Litern Bier oder einem Liter Wein oder einem viertel Liter Weinbrand. Und mehr als das Doppelte dieses Quantums lassen über 300 000 Bundesbürger in sich hineinlaufen.

Liniengleich mit den verkauften Flaschen steigt die Bruchquote bei den Verbrauchern. Alkoholkrank nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation ("exzessive Trinker« mit »deutlichen geistigen Störungen oder Konflikten in ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit, ihren mitmenschlichen Beziehungen, ihren sozialen und wirtschaftlichen Funktionen"« waren nach einer SPIEGEL-Enquete vom Jahre 1960 an die 300 000 Bundesbürger. Damals lag der Alkoholkonsum je Einwohner bei 7,79 Litern. Heute hingegen muß nach Ansicht des Alkoholforschers Wilhelm Feuerlein, Mitarbeiter am Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie, mit 1,2 bis 1,8 Millionen Kranken gerechnet werden.

In die Milliarden geht nach Ansicht der Bonner Gesundheitsministerialen der volkswirtschaftliche Schaden, der durch unmäßigen Alkoholgenuß angerichtet wird. Auf das Konto Alkohol kommt eine Todesbilanz, die mit Sicherheit in die Zehntausende geht: Verkehrs- und Arbeitsunfälle, Morde, Selbstmorde, Tod nach Frühinvalidität.

Trunkenheit am Steuer kostete im letzten Jahr nicht nur 132 841 Führerscheine: 3540 Menschen starben, etwa 80 000 wurden verletzt bei Unfällen, die von angetrunkenen Fahrern oder Fußgängern verursacht worden waren. Viele der zwei Millionen Betriebsunfälle (4011 Tote) gehen auf Alkoholeinwirkung zurück: Die Schätzungen schwanken zwischen zehn und zwanzig Prozent.

Unbestritten ist der Zusammenhang zwischen Kriminalität und Alkoholmißbrauch. Landgerichtsrat a. D. Arthur Kreuzer, Lehrbeauftragter der Hamburger Universität, kommt nach Sichtung deutscher und angelsächsischer Untersuchungen zu dem Ergebnis, »daß um fünfzig Prozent aller Verbrechen nach vorangegangenem Alkoholgenuß begangen sind«. Und: »Bei bestimmten Aggressionsdelikten -- Mord, Raub, Notzucht, Körperverletzung -- scheinen die Werte eher noch höher zu liegen.«

Bei jedem zweiten Selbstmord gibt es nach einer amerikanischen Analyse eine Wechselwirkung zum Alkohol -- eine Quote, die nach Ansicht der Düsseldorfer Gerichtsmedizinerin Elisabeth Truhe-Becker »in der Bundesrepublik eher noch höher liegen dürfte« (1973: 12 870 Selbstmorde). Die Professorin traf bei der Ursachenforschung auf zwei stets wiederkehrende Varianten: »Entweder hatten sich die Leute offenbar Mut für den Tod angetrunken, oder es handelte sich um einen körperlich schwer geschädigten Alkoholiker.«

Mit dem natürlichen Tod schließlich, bei Süchtigen auch eine »Art schleichender Selbstmord« (Trube-Becker), haben Trinker rund zehn Jahre früher zu rechnen als die Durchschnittsbürger. Sie sterben nach einer Krankengeschichte, die oft eine Vielzahl von Leiden einschließt: Gastritis, Drüsenanomalien, Herzmuskelschwäche, Schäden der Gehirnfunktionen und des Nervensystems (siehe Kasten Seite 76). Allein die Hälfte aller Leberzirrhosen in Westdeutschland (1973: 15 931 Todesfälle) wird von Medizinern der Trunksucht zugeordnet. Und vor dem frühen Ende liegt zumeist eine lange Phase der Frühinvalidität. Ein mit 45 Jahren auf Rente gesetzter Alkoholiker kostet, so berechnete das Bundesgesundheitsministerium, um 400 000 Mark, ein jugendlicher Süchtiger mehr als eine halbe Million.

Daß dieser unbedachte Umgang mit Gebrautem und Gebranntem auch das Verhältnis der Jugend zum Alkohol modelliert, bekunden die Experten aller Länder einmütig. Anders als Hasch oder ähnliches sind Whisky und Wein, Körner oder Cocktails schon immer gesellschaftsfähig, und Durst wird durch Bier erst schön: »Der Alkohol«, sagt die Drogenbeauftragte Strobel, »wird zur Droge Nummer eins, weil er von den Leuten toleriert wird.«

Kein Film und keine Feier ohne edle oder deftige Säfte, kein Landstrich, in dem nicht besondere Sauf-Sitten als Ausweis für Originalität gepflegt werden. Da ist das »Dorf kneipen-Ritual, in dem der Jüngling zum Mann, das heißt, unter anderen Säufern anerkannt wird« -- so der schleswig-holsteinische Sozialarbeiter Böcker: das »unselige Bechern in allen möglichen Schützenvereinen, Alpenvereinen, Gesangsvereinen« -- so Bayerns Experte Vogt; die »Crux bei den sogenannten Sportlern, die nach jedem Spiel Sieg oder Niederlage begießen müssen« -- so Drogenbeauftragter Hans Heinze vom niedersächsischen Sozialministerium.

So vielleicht erklärt sich das Erstaunen eines Münchner Vaters, nachdem sein Neunjähriger auf dem Oktoberfest von der Bank gekippt war und mit Alkoholvergiftung ins Hospital geschafft werden mußte: »Der Bub hat doch nur fünfmal aus meinem Maßkrug getrunken.«

So wird plausibel, daß der hannoversche Pfarrer Günther mit den Halbwüchsigen seiner Arbeitergemeinde »über alles reden konnte, nur nicht über Alkohol, denn das wird von ihnen gar nicht als Problem empfunden. Sie trinken gegen den Willen von Vater und Mutter -- aber die saufen auch«.

So ist verständlich, daß die Hamburger Polizisten, die ein volltrunkenes dreizehnjähriges Mädchen aus einer Kneipe nach Hause brachten, in ihrem Bericht Fehlanzeige erstatten mußten: »Ein Gespräch mit den Eltern war nicht möglich, da sie wegen Trunkenheit nicht ansprechbar waren.«

Keine Frage aber, daß Soziologen und Psychologen auch grundsätzlich zu ergründen suchen, warum die Jugend am Tropfen hängt. Wie immer, wenn die Normen in Frage stehen, wenn Asoziales nach einer Deutung heischt, muß die Gesellschaft dran glauben: ihre wachsende Morbidität, der Leistungsdruck oder die unbewältigte Freizeit, Entfremdung und unwirtliches Wohnen, das »Versagen der Familien« (Suchtforscher Feuerlein) oder das »epochale Vakuum zwischen dem, was einmal war, und dem, was noch nicht ist« (Psychiatrie-Professor Janz).

In der Tat halten von Bayerns jungen Konsumenten harter Spirituosen 40 Prozent die Gesellschaftsordnung »in den meisten Punkten für reformbedürftig«. Der Berliner Nervenarzt Professor Ernst Lürßen hält freilich dafür, daß junge Alkoholiker oft ihre Probleme »projektiv der Gesellschaft« vorwerfen: Sie klagen »diffus über Unzufriedenheit, innere Spannungen, Selbsthaß, depressive Stimmung, Lebensunlust, Gefühl der Leere, Unfähigkeit zu lieben«. Sie reichen sich das scheinbar heilsame Getränk gegen »Gefühle der Wut, der Scham und der Einsamkeit«, vor allem aber gegen »das selbstentwertende Gefühl über die mangelnde Größe«. Alkoholmißbrauch wird denn auch von den meisten Wissenschaftlern als der untaugliche Versuch betrachtet, sieh selbst zu kurieren.

Kuriert werden sollen Sexualschwierigkeiten. Ein Schüler, der mit 16 notorischer Trinker wurde und mit 18 eine Entziehungskur auf dem Michaelshof in Kirchheimbolanden machte: »Mein erster Versuch, mit einer Freundin sexuellen Kontakt aufzunehmen, ging schief. Alle anderen Versuche habe ich dann nur noch betrunken unternommen, um mich von meinen Hemmungen zu befreien. Es kam zu einem teuflischen Kreislauf Suff -- Versagen -- Suff -- Versagen.«

»Das Trinkverhalten wird in der Kindheit vorgeprägt.«

Kuriert werden sollen Scchulschwierigkeiten, die nach der Hamburger Schülerumfrage bei Trinkern weit häutiger sind als im Klassenschnitt. Ein Hauptschüler, 16: »Sitzenbleiber, Fünfenschreiber, da is, wenn ich aus der Penne rauskomme, nix mit 'ner Lehrstelle, da is nur Zoff mit meinem Alten, da kann man nur saufen, saufen.«

Kuriert werden sollen Isolation und Unfähigkeit zu unbefangener Kommunikation. Fin Bäcker, 22, der nach vierjähriger Sucht auf den Michaelshof kam: »Ich wohnte zur Untermiete und war abends immer allein. Unten im Haus war eine Kneipe, da war immer was los. Schließlich saß ich jeden Abend da, denn man wurde anerkannt, vor allem wenn man einen ausgab.«

Mit zum Strauß mutmaßlicher Motive zählt schließlich die häusliche Lage. »Das spätere Trinkverhalten«, sagt Psychiater Janz, »wird durch Beispiel und Erziehung in der Kindheit vorgeprägt und erlernt.« Als »bemerkenswert« fiel dem Max-Planck-Forscher Feuerlein auf, daß Drogenkonsum in jenen Familien gedieh, in denen sich niemand mehr was zu sagen hat. Von Belang sind gestörte Eltern-Kind-Beziehungen wie unvollständige Familien -- »alles das«, so Manfred Franke. Ministerialrat im Bonner Gesundheitsministerium, »was sich hinter dem Pseudonym »broken home situation' verbirgt«.

Eine weitere Rolle spielt die Einstellung der Eltern zu Drogen. Putschen sich die Erwachsenen mit Stimulantien auf, dämpfen sie ihre Erregung mit Tranquilizern oder schläfern sie sich abends mit Barbituraten ein, dann suchen die Kinder »häufiger als andere Zugang zu Hasch, Opiaten, Medikamenten, Alkohol« -- so ermittelte der Bonner Psychiatrie-Professor Albert Huhn, Sprecher einer bundesdeutschen »Arbeitsgruppe Suchtkranke«.

Nach Huhn sind es weniger die Väter, deren Trinkfreude beim Nachwuchs den Nachahmungstrieb weckt, sondern eher die Mütter -- vornehmlieb Damen der gehobenen Mittel- oder der Oberschicht, die in den letzten zehn Jahren die Frauenquote beim Alkoholismus von einem Zehntel auf fast ein Viertel anhoben. »Die Väter«, so resümierte Infratest nach der Bayern-Befragung, »trinken zwar bedeutend mehr Alkohol als die Mütter ... aber der Alkoholkonsum der Mutter wirkt weitaus verhaltensprägender auf die Kinder.«

Fatale Familienverhältnisse und Reibungen mit der Realität. Verführung im Verein oder der Konflikt mit den Normen -- ein sich kreuzendes Geflecht von Gründen, ein Bündel von Bedrängnissen und Einflüssen bewirkt den Alkoholismus der Jugend. Aber »was es nun ist«, so gesteht der Bonner Drogen-Fachmann Franke, »das in der gleichen Situation den einen süchtig werden läßt und den anderen nicht, das wissen wir nicht«.

Nicht verwunderlich, wenn Behörden wie Mediziner sich schwertun mit der Bekämpfung des Übels. Daß es an der Zeit ist, Abwehrmaßnahmen zu ersinnen, macht die alarmierende Einschätzung der »Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren« in Hamm deutlich: mindestens 100 000 jugendliche Bundesbürger, die abhängig vom Alkohol sind.

Tages- wie Lebenslauf dieser Armee von Alkoholikern werden von der Sucht nach dem Suff bestimmt. Viele können »nichts mehr tun, ohne an Alkohol zu denken«, so ein Jüngling im Fernseh-»Panorama": »Morgens der erste Gedanke, wie kriege ich Schnaps und wie teile ich es mir am besten ein, damit ich mit dieser Flasche auch bis zum Abend auskomme.« Einige leben, wie Mediziner und Psychologen herausfanden, ganz bewußt auf Selbstzerstörung hin, genießen es, wenn der Geist aus der Flasche den Sinn für die Realität vertreibt. Andere wieder machen sich vor, nur eine Art Medizin zu schlucken -- wie ein Alkoholabhängiger, der 86 Magenbitter am Tage trank und schließlich in der Kirchheimbolander Heilstätte landete

Die meisten schwanken von Rausch zu Rausch, von Fehlschlag zu Fehlschlag durch Schule und Beruf. »Sie steigen sozial ab, und es ist anzunehmen«, so Experte Wanke, »daß viele von ihnen irgendwann im Selbstmord enden.« Ein beträchtlicher Teil auch gerät in die Jugendgefängnisse. Denn Alkoholismus ist nach dem Urteil des Frankfurter Gerichtsmediziners Professor Joachim Gerchow »oft nur eine Erscheinungsform sozialer Desorganisation wie sie auch die Jugendkriminalität darstellt«.

Zur Selbsthilfe, etwa durch eine Entziehungskur, findet nur eine Minderheit -- und auch dieser Entschluß bürgt keinesfalls für Heilung. Im württembergischen Höchsten etwa, einer der wenigen Anstalten, die auch minderjährige Mädchen aufnimmt, betragen die Wartezeiten eineinhalb Jahre. Leiter Schmidt: »Wir stehen ständig mit schlechtem Gewissen da, weil sich in der Wartezeit immer mal jemand umbringt.«

In Kirchheimbolanden, der Spezialanstalt für Jugendliche männlichen Geschlechts, werden jeden Monat von 74 Plätzen zwölf frei, auf die derzeit 224 Jungen warten, viele von ihnen seit zwei Jahren. Heimleiter Greiner: »Das ist katastrophal, weil doch schon bei der Anmeldung der Leidensdruck unheimlich groß war.« Ob er dann, »nach weiteren 600 Leidenstagen«, noch helfen kann, erscheint ihm selber fraglich: »Da ist doch zu befürchten, daß so eine Kur eine ganz witzlose Angelegenheit wird.« Denn Patentrezepte gegen Alkoholsucht haben die Heilstätten nicht anzubieten.

Den Therapeuten bleibt nicht viel mehr als der Versuch, die Persönlichkeit ihrer Patienten zu stabilisieren. Jedoch, so der Hammer Fachmann Holzgreve: »Einem jungen Suchtkranken klarzumachen, daß er niemals wieder zum Alkohol greifen darf, ist ein unerhört schweres Unterfangen.« Und der Bonner Psychiatrie-Professor Huhn schließt denn auch aus Langzeituntersuchungen, daß bei optimaler Therapie zwar bei 80 Prozent der Patienten mit einem Erfolg, im Bundesdurchschnitt aber lediglich »mit einer Besserungsrate von 20 bis 30 Prozent zu rechnen« sei.

Im »Drehtürverfahren« (Psychiater-Jargon) kehren viele

Kranke viele Male in die Heilstätten zurück, und die schwersten Fälle landen irgendwann in den Nervenkliniken, wo das Einlieferungsalter stetig sinkt. Früher waren es überwiegend die 45- bis 55jährigen, heute ist das Gros zwischen 20 und 45 Jahren, und der Verjüngungstrend hält an.

Die Zahlen bestätigen dem Experten Holzgreve, daß »unsere Gesellschaft ganz offensichtlich für süchtiges Verhalten immer anfälliger und immer früher anfällig wird«. Und der Vorsitzende der »Kölner Arbeitsgemeinschaft gegen die Suchtgefahren«, Walter Enderl, befürchtet: »In Zukunft haben wir mit einem größeren Alkoholiker-Anteil bei den 25- bis 30jährigen zu rechnen, weil inzwischen nicht erst die 17jährigen verstärkt zu trinken beginnen, sondern schon die Zwölfjährigen.«

Deshalb soll nun »bereits im Vorfeld etwas getan werden«, wie Mediziner Wanke »seit Jahren eindringlich wie vergeblich« gefordert hat. Doch die erste Hilfe, die Behörden und Politiker erdacht haben, ist von homöopathischem Wesen. »Das ist«, klagt Suchtbekämpfer Vogt, »doch viel schwieriger als beim Drogenmißbrauch, gegen den wir strafrechtlich vorgehen können.«

Zwar ist der Verkauf von Branntwein an Jugendliche unter 18 verboten. Doch Schnaps ist mühelos zu haben. Als der hannoversche Jugendschützer Hans Schaffner abwechselnd ein neunjähriges Mädchen und einen elfjährigen Jungen mit der Order losschickte, jeweils eine Flasche Weinbrand zu erwerben, lehnten nur zwei Verkäufer ab -- bei insgesamt 15 Geschäften.

Die anderen, zur Rede gestellt, logen sich aus der Affäre: »Der Junge ist von gegenüber, wir kennen doch die Eltern.« Wohl weiß Schaffner, daß es etwa für 15jährige schon schwerer hält, eine Flasche Klaren zu bekommen. Aber »die schicken dann Neun- oder Zehnjährige, bei denen klappt es immer«.

Auf die Einsicht der Wirtsleute können Pädagogen und Polizisten schon gar nicht bauen, und so soll denn die Gesellschaftsgröße Alkohol vorerst durch Gegenpropaganda in Verruf gebracht werden. In Hamburg wurde jüngst eine staatliche Telephonberatung eingerichtet (Nummer 291 88 24 86). Drei Beratungsstellen sollen Jugendlichen und Eltern, auf Wunsch anonym, bei Alkoholproblemen helfen. Die Schulbehörde verordnete die Gefahren des Alkohols als »verbindliches Unterrichtsthema«. Zusätzlich sollen besonders geschulte Lehrer und Schulpsychologen Vorträge halten, ein Film (Titel »Ex") gezeigt und Anti-Alkoholwerbung mit Broschüren und Posters betrieben werden.

»Heere von Frührentnern und menschlichen Wracks.«

Die bayrische Arbeitsgruppe will in Bonn erreichen, daß eine auf Jugendliche gezielte Werbung für harte Alkoholika durch einen entsprechenden Passus im Lebensmittelrecht untersagt wird. Die Hamburger wiederum versuchen, den Bund und die Länder zu einer Anti-Alkoholkampagne im Fernsehen zu bewegen. Der Drogenbeauftragte Günther: »Unser Traumziel sind 30 Sekunden im Werbefernsehen, jeden Abend, direkt vor den Nachrichten.«

Im Bonner Gesundheitsministerium ist Fachmann Franke guten Willens, die Bemühungen der Länder zu unterstützen; viel Erfolg verspricht er sich nicht: »Es gibt keine kausale Prävention.« Zu mäßigen wäre der Nachwuchs in seiner Sicht nur dann, »wenn man an die Grundstörungen herankäme, aber wie, zum Beispiel, soll man denn nun von Bonn aus die Familien erziehungsfähiger machen?«

Auch Hamburgs Schulsenator Günter Apel ist skeptisch, ob das Erziehungsprogramm der Hansestadt verschlägt: »Alle Anstrengungen zur Eindämmung des Alkoholkonsums der Jugendlichen werden nur begrenzten Erfolg haben, wenn der exzessive Konsum von Alkohol unter den Erwachsenen nicht zurückgeht.«

Doch der Promillespiegel der Deutschen wird, wie das Bonner Gesundheitsministerium befürchtet, weiter steigen und womöglich in den achtziger Jahren »eine kritische Grenze« überschreiten: bei fast dem halben Volk ein durchschnittlicher Tageskonsum von hundert Millilitern Alkohol, der gesundheitsgefährdenden, suchtfördernden Dosis; schon jetzt sei aus den Trinkgewohnheiten der 21- bis 25jährigen, also der Mütter und Väter von morgen, zu schließen, daß sie »zu einer deutlich höheren Konsumfrequenz gelangen werden als ihre Eltern«.

Gehen die Bundesbürger wirklich weiterhin »so leichtfertig und so fahrlässig mit Alkohol um, finden sie zu dem jahrhundertealten Rauschmittel nicht eine neue, ebenso kritische Einstellung wie zu den Rauschgiften, dann droht«, so prophezeit Wissenschaftler Huhn, »eine katastrophale Entwicklung: mehr Opfer als durch Rauschgift und Straßenverkehr, Heere von Frührentnern und menschlichen Wracks, gewaltige sozioökonomische Kosten«.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 1 / 74
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.