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»DA IST ER JA, DEN ICH SUCHE«

aus DER SPIEGEL 44/1970

Im Dezember 1929 fand ein Abendessen bei (Reichskanzler) Hermann Müller (SPD) statt, zu dem ich als Fraktionsvorsitzender (des Zentrums) eingeladen war. Damen und Herren hatten sich getrennt für den Empfang des Reichspräsidenten aufgestellt. Ich stellte mich als Jüngster ans Ende der Reihe, halb hinter einen Lorbeerbaum.

Hindenburg sah erschreckend alt aus. Im letzten Augenblick entdeckte mich sein Sohn. Der Reichspräsident rief laut aus: »Da ist er ja, den ich suche!« Jetzt merkte ich, wie weit (Generalmajor Kurt von) Schleicher, ohne daß eine Verbindung zwischen uns bestand, den Reichspräsidenten bereits bearbeitet hatte.

Der Eindruck verstärkte sich, als ich nach dem Essen wiederholt merkte, daß der Reichspräsident sehr ostentativ eine Gelegenheit suchte, mit mir allein zu sprechen. Es gelang mir, mich dem zu entziehen. Die Müdigkeit und Unbeholfenheit in seinem ganzen Auftreten erschütterten mich; zum erstenmal in meinem Leben sah ich ihn in der Nähe.

Als neu gewählter Fraktionsführer war es meine Pflicht, dem Reichspräsidenten meinen Besuch zu machen. In einer Unterhaltung von zwanzig Minuten wurde mir klar, daß ich mich getäuscht hatte: Schleicher wollte nicht selbst Kanzler werden, sondern zunächst mich vorschicken. Daher war es meine Aufgabe, meine Auffassung dem Reichspräsidenten sofort in geeigneter Form vorzutragen.

Das Kabinett Hermann Müller müsse gehalten, aber mit den notwendigen Reformen auch gleich begonnen werden. Wir hätten die grüßte Hochachtung vor dem Kanzler. Im übrigen wäre es die Schuld Hugenbergs (des Führers der Deutschnationalen Volkspartei), daß die Zentrumspartei gezwungen sei, mit den Sozialdemokraten zusammenzugehen.

Die Mehrheit der Fraktion, namentlich seitdem die Kriegsteilnehmer-Generation den maßgebenden Einfluß bekommen habe, sei an sich für ein Zusammengehen mit der Rechten. Aber Hugenberg mache es unmöglich. Daher müsse man das jetzige Kabinett, solange es energisch die Reformen in die Hand nehme, loyal unterstützen ...

Jetzt kam ein trauriger Zug über das wie aus Eichenholz geschnittene Gesicht des Reichspräsidenten; aber auch eine gewisse Härte und Entschlossenheit; es wurde wachsbleich. »Wenn Sie wüßten, was ich alles versucht habe, um Hugenberg durch meine Freunde zur Vernunft zu bringen, aber er will nicht. Es ist mit ihm eben nicht zu machen.« Eine kurze Stille trat ein. Ich merkte: Hier ist die Wunde ...

Der Reichspräsident stand auf, stützte sich mit der Hand schwer auf den Schreibtisch, halb vornübergebeugt. Er schien noch etwas Schweres sagen zu wollen. Ich zögerte einen Augenblick. Plötzlich nahm er meine Hand in seine beiden Hände und hielt sie lange fest. Tränen kamen ihm in die Augen, er sagte. »Alle haben mich im Leben verlassen, Sie müssen mir versprechen, mit Ihrer Partei mich am Ende meines Lebens nicht im Stich zu lassen.«

Ich hatte den Eindruck eines tatsächlichen Gefühls der Verlassenheit bei ihm, fast einer Hoffnungslosigkeit. Ich kann nicht leugnen, daß plötzlich ein Gefühl tiefsten Mitleids über mich kam, die Sorge daß trotz aller Versuche über kurz oder lang schon wankende Mauern auf meinen Schultern lasten würden ...

Ich verabschiedete mich, indem ich sagte: »Sie können sich darauf verlassen, daß meine Freunde und ich in den entscheidenden Stunden des Vaterlandes, jetzt -- so wie immer -- das Staatsoberhaupt nicht im Stich lassen werden ...

Am 28 März 1930 forderte Hindenburg den Zentrumspolitiker Brüning auf. dos Amt des Reichskanzlers zu übernehmen. In der Nacht (zum 28. März) überlegte ich. Nach zwei Stunden Schlaf ging ich am andern Morgen zum Reichspräsidenten. Dieser war sehr gütig und kurz. Ich bat ihn um die Erlaubnis, ein nicht an die Parteien gebundenes Kabinett bilden zu dürfen und um die Zusage, mir für dieses Kabinett im Notfall die Vollmachten des Artikels 48 zu erteilen. Er sagte das sofort zu mit der Bemerkung: »Aber selbstverständlich nur so weit, wie es sich mit der Verfassung, die ich vor Gott beschworen habe, vereinbaren läßt.«

Zu Beginn der Unterhaltung legte ich ihm nochmals nahe, doch Herrn Hugenberg zuerst zu berufen. Er lehnte das ab und verwies mich auf die frühere Unterhaltung ...

Zum Schluß sagte der Reichspräsident: »Sie haben volle Freiheit in der Auswahl der Persönlichkeiten, nur wünsche ich, daß (Generalleutnant Wilhelm) Groener Reichswehrminister bleibt, Schiele die Landwirtschaft bekommt und Sie auch Treviranus heranziehen.«

Herr Meißner. fügte hinzu: »Der Reichspräsident pflegt bei der Kabinettsbildung stets seine Wünsche in bezug auf einzelne Persönlichkeiten auszusprechen. Sie, Herr Reichspräsident, hatten auch den Wunsch, daß Herr Schätzel Postminister bleibt.« Der Reichspräsident nickte: »Das ist mein alter Freund.«

Ich sagte zu, diese Wünsche zu berücksichtigen und bat, an die Arbeit gehen zu dürfen. Es sei für mich entscheidend, daß ich das fertige Kahlnett in 48 Stunden dem Reichspräsidenten vorstellen könne.

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