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»Da ist Verschwörung«

Peter Brügge über »Schwerkraft- und Feldenergie«-Forscher in Hannover *
aus DER SPIEGEL 16/1987

Tachyonen kann man nicht essen und nicht messen. Durch nichts ist ihre Existenz bewiesen. Gerade noch denkbar sind sie, Mückenschwärme in den Gehirnen einiger Atomphysiker: masselose »Teilchen«, schneller als Licht, schiere Energie, allgegenwärtig - nur eben Spekulation.

Und doch hat das gereicht für eine aberwitzige Kettenreaktion der Hoffnung. Energiesucher, Ökostrategen - sogar viele stocknüchterne Manager der Industrie - wurden von ihr mittlerweile ereilt und zu Abnehmern eines Zukunftsbildes, das ihnen endlich die ideale, die saubere, billige und unerschöpfliche Energie verheißt - beliebig hereinzuholen aus dem Kosmos, dem »Tachyonen-Feld«, dem »Vakuum«, dem Nichts.

Jahr für Jahr melden sich nun zu Dutzenden weitere Bastler und Entdecker, die zeigen wollen, wie sie diesen kosmischen Segen für uns fangen. Genau besehen, beziehen sie sich alle auf Nicola Tesla, jenes Genie aus Kroatien dem die Welt die völlig reelle Versorgung mit Wechselstrom dankt, die Maßeinheit für Magnetismus sowie allerlei eher bengalische Erleuchtungen, etwa die Idee für drahtlose Stromübertragung oder für die Todesstrahlen zum Krieg der Sterne.

Über den Erfinder Tesla, der 1943 in einem New Yorker Hotelzimmer gestorben ist, kursiert seit einer Weile außerdem die Legende, er habe sein Auto ohne jeden Energieverzehr elektromagnetisch betrieben, mit einem Konverter: dessen wahren Treibstoff hätte er bezogen aus dem erwähnten Nichts.

Tesla ist der Prophet. Doch ein Bastler namens Joseph Newman aus Lucedale in Mississippi wirbelt jetzt in Teslas Nachfolge gleichfalls durch eine Magnetmaschine Staub auf, indem er mit ihr vor zahlendem Volk einen roten Porsche auf Schrittgeschwindigkeit beschleunigt. Newman hat einen Zeugen dafür, daß dabei die zum Betrieb der Maschine dienenden Batterien (17000 Volt) kein bißchen Spannung verlieren.

Aber was hilft's. Amerikas NBS, das in allen Fragen technischer Neuerung mächtige »National Bureau of Standards«, hat Newmans Maschine für einen Flop erklärt. Die danach anhebende Empörung der atlantischen Tachyonen-Gläubigen ist bis nach Bonn zu spüren. Wieso, das ließen sie den Bundesforschungsminister im Parlament fragen, werde diese rettende Energie nicht subventioniert? Mit seinem öffentlichen Angebot, jeden ihm geschickten Tachyonen-Umwandler auf alle behaupteten Qualitäten hin unbestechlich testen zu lassen, fühlten sie sich schlecht bedient.

Zu testen gäbe es zwar genug. Auch aus deutschen Bastler-Schuppen sind längst Tachyonen-Jäger hervorgetreten zur Pirsch auf Subventionen und Venture-Kapital. Doch scheuen sie wie Newman vor jedem wissenschaftlichen Forschungsinstitut, als könnte es ihnen das Lendenschürzchen rauben.

Nichts, so argwöhnen sie, was den Interessen der herrschenden Energiewirtschaft zuwiderlaufe, könnte da ernstlich gewürdigt werden. Und dann: Einsteins Theorien oder die Gesetze der Thermodynamik, auf denen die herrschende Lehre beruht, was sollten die einem Konstrukteur, der aus seinem Motor mehr herauskommen spürt, als er zu dessen Antrieb verbraucht? Er will nicht hören, wieso das nicht sein kann. Er will, daß man ihm folgt und glaubt.

Der Lüneburger Bahnbeamte Siegfried Crull weiß eben einfach, daß in seinem kleinen »Magnetkraft-Konverter«, in den er bereits 800000 Mark hineingebuttert haben will, »ein Partikelstrom kleinster Quanten« den Ausschlag gibt für höhere Leistung. Er besteht darauf: Da sei etwas, das solch »mit Überlichtgeschwindigkeit fortbewegt«, und er hält das für Magnetismus. Es ficht Crull nicht an, wenn er es damit zunächst

nur auf einen popeligen Wirkungsgrad von 17 Prozent bringt. Seine Hochrechnungen verheißen ihm mindestens fünfmal soviel - daran muß er sich halten. Und wenn ihm noch so erlauchte Schul-Physiker sagen, Elektromotoren auch so hoher Effizienz seien längst ohne diesen Quanten-Zauber in Dienst, so winkt er ab: Das gibt's nicht, darf es nicht geben.

Siegfried Crull verspricht heute bereits mit seiner »Deutschen Gesellschaft für Magnetkraftwerke und dezentrale Energieversorgung e.V.« dem Volk handliche Stromerzeuger für nahezu kostenlose Selbstversorgung im Eigenheim. Den dazu außer einem Antriebsmotor freilich nötigen Generator muß er noch konstruieren. Entsprechend mächtig ist sein Kapitalbedarf. Clevere Beschaffer sind da unterwegs. Irgendwann, hofft Crull, würden die »Hypothesen« seines Schaffens »mathematisch exakt formulierbar und damit erst begreifbar werden«.

Das Geheimnis soll darin liegen, daß ein Magnetfeld um einen Leiter rotiert statt umgekehrt (wie bei den alten Elektromotoren nach Faraday). Nur, die Welt ist längst voll von Motoren der einen wie der anderen Sorte, ohne daß dabei geheimnisvolle Unterschiede zutage treten. Dennoch legen technische Anfänger unbesehen ihre Ersparnisse hin, um in magischer Zuversicht längst Bekanntes neu zu arrangieren.

Den Fachhochschüler Sven Reuss aus Bad Nauheim hat es 2500 Mark und ein Jahr Arbeit gekostet, vor einer großen Spule Kupferdraht einen kleinen Magneten umlaufen zu lassen. Er wollte sehen, wie das Kosmische kommt und meßbar wird. Dann wußte er selbst nicht recht, was er vom Ergebnis halten sollte. Folglich fuhr er mit seiner Versuchsanordnung gleich Crull nach Hannover, um sie beim Kongreß der »Deutschen Vereinigung für Schwerkraft und Feldenergie« vorzuführen, Rat zu holen bei den vielen, die so etwas nun umtreibt.

Mehr als tausend Betrachter, Aussteller und von den Vereinszielen geradezu Besessene drängelten sich in die Stadthalle und applaudierten dem Vereinsvorsitzenden Dr. med. Hans Nieper, der überglücklich ausrief, dieser Kongreß sei »revolutionär« und stehe somit »unter der Schirmherrschaft des Volkes«.

Unter die erkennbar Alternativen in der Halle mengten sich Ingenieure aus Japan, Lateinamerika, den USA und Indien sowie stattliche Kontingente versierter Beobachter von Hochschulen, Konzernen und mittelständischen Unternehmen. Aus ihrer Furcht vor den Perspektiven heutiger Energieversorgung machten auch die keinen Hehl.

Sachte fragten sie nach Meßprotokollen, Prototypen, nach Brauch- und Prüfbarem und hielten an sich, wenn sich daraufhin am Vorstandstisch ein pompöses Gefasel erhob. Der Mediziner Nieper, berühmt dafür, Yul Brynner vom Krebs geheilt zu haben (an dem der Star dann starb), lobte an praktisch jeder beschriebenen oder gezeigten Maschine die wunderbare Leistungs- und Energievermehrung auf über 100 Prozent (ihres Verbrauchs), das, was er den »Overunity-effect« nennt.

Zu dieser Energie gebe es keine Alternative, rief er, aller Widerstand dagegen sei zwecklos. »Sie können«, dies sage er als erfahrener Arzt, »eine massiv kommende Entwicklung ... einen Durchfall nicht dadurch verhindern, daß Sie den Hintern mit Tesa-Film verkleben.«

Neben Hans Nieper am Vorstandstisch saß der in Graz als Stallmeister tätige bulgarische Physiker Stefan Marinov, angeblich ein Genius wie Tesla, aber verkannt. Er verdammte die Lehren Albert Einsteins, die von ihm bereits 1943 widerlegt worden seien. Darüber werde nur einfach nirgends diskutiert. Er habe deshalb sogar schon gedroht, sich zu verbrennen.

»Manchmal glaube ich«, klagte Marinov unter beifälligem Nicken Hans Niepers, »da ist Verschwörung, manchmal nicht.« Beispielsweise habe er bei der Anreise von Graz plötzlich seine Tasche mit bedeutenden Unterlagen vermißt; klar, wie ihn das alarmierte. Aber er hatte sie nur vergessen. »Jetzt«, sagte Marinov, der natürlich manches gar nicht vorlegen konnte, »bin ich froh, daß ich diese Tasche vergessen habe.«

Keines dieser Schwerkraft-Genies konnte in Hannover mit Unterlagen dienen, die nicht besser vergessen worden wären. Ingenieur Tewari etwa aus Bombay, der im Namen der indischen Atombehörde zu forschen versichert, schwärmte von seiner Induktionsmaschine, die den sagenhaften Over-unity-Effekt seiner Meinung nach erst in dem Bereich von 6000 Umdrehungen per Minute zu entfalten beginne, bei dieser Drehzahl andererseits jedoch auseinanderzufliegen drohe.

Feiner Nebel stob in die Halle, während Tewari die Rotation des importierten Motors beunruhigend forcierte. »Das ist doch Quecksilber«, entsetzte sich ein Beobachter vom MBB-Konzern, »damit mindert der den Übergangswiderstand

der Stromabnehmer! Aber das ist Gift! Das ist längst streng verboten.«

Doch die Kongreßbesucher begehrten nicht auf, hüteten sich vor jeglicher Schärfe. Das war, als wollten sie Rücksicht nehmen auf religiöse Gefühle. Nur ein einziger der vielen jungen Techniker aus dem Auditorium erbat sich dringend »wenigstens irgendeine Definition« der Energie, um die sich alles drehte.

Das schon wirkte fast wie eine Unverschämtheit, und Nieper konnte ihm darauf nur versichern, »Schwerkraft, Vakuum, Tachyonen«, das sei »alles eins« und vorderhand leider unerklärlich. An dem wiederholten Angebot eines Wiener Lehrstuhlinhabers der Physik, jeden gewünschten Tachyonen-Konverter im schließlich kernkraftfreien Österreich neutral zu prüfen, fand Hans Nieper wenig Gefallen.

Er und sein Marinov haben es im Gefühl, wieweit ihnen eine Erfindung taugt. Der Stallmeister hielt die Hand auch ans Gerät des verwunderten Fachhochschülers Sven Reuss und wußte gleich, da ist was. Später maß er auf eine Weise, die Reuss selber nicht so recht überzeugte, und platzte mit dem Siegesruf heraus: »Dies ist ein Perpetuum mobile! Diese Maschine erzeugt hundertmal mehr, als sie verbraucht. Dafür lege ich meinen Kopf auf den Tisch.«

Niemand lachte. So mancher der zuhörenden Professoren blieb ernst und stumm, weil er unter seinen Kollegen ehrenwerte Experten kennt, die in einem separaten Abteil ihres Kopfes so etwas gleichfalls laufen lassen.

So und anders breitet der allumfassende Magnetismus sich aus. Was immer dazu dienen mag, wird jedenfalls unter der winderzeugenden Vereinsführung des Doktor Nieper vermarktet: seine eigenen Bücher, sündteure Billig-Magneten fürs Auto, für den Leib und die Seele. Der ganze Mensch ja ist in den Augen dieses Medizin-Mannes »ein ungeheurer Feld-Energie-Konverter«, lebt nicht so sehr von Nahrung, nein, »aus dem Energiefeld ringsum«.

Das zumindest verbindet ihn mit einer Heilslehre des in der Zeit der Studentenrebellion verklärten Psychoanalytikers Wilhelm Reich. 1939 schon hatte dieser die »Orgon-Box« erfunden, jene verschließbare Isolierzelle zur energetischen Wiederaufladung des müden Menschen, die in Hannover ebenso bezogen werden konnte wie therapeutisches Gerät aus dem Arsenal des Anno 1734 geborenen Magnet-Therapeuten Franz Anton Mesmer. Für 13 Mark gab es überdies Magnetbänder mit der Stimme eines Geistheilers. Deren Magnetismus soll wirken, wenn einer sie nur in die Tasche steckt.

Von High-Tech zurück zum Mystizismus war es ein Katzensprung. Auch Warner vor den Gefahren der gelobten Magnetkraft hatten bereits Posten bezogen. Siegfried Hermerding, ein durch und durch blickender Magnetist und ehemaliger

Bankprokurist, empfahl Entstörgeräte. Wie ein Schwamm saugten sie giftige Strahlung auf. Die magnetische Verschmutzung der Welt sei nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

All so etwas nahmen ganze Rudel deutscher Physik- und Ingenieur-Studenten ohne Widerstreben zur Kenntnis. In einem Magnetbahn-Konstrukteur aus München weckte das die laut geäußerte Besorgnis, der deutschen Industrie drohe womöglich bald ein Schichtwechsel von den Machern zu den Mythikern.

Bei einer ähnlichen Veranstaltung wie der von Hannover hatte er ein von ihm gebasteltes Mini-Fahrzeug als angebliches Perpetuum mobile auf dem Tisch kreisen lassen. Es war ein Test für die Betrachter. Vor allem die Jungen, sagt er, hätten ihm kommentarlos alles geglaubt. Auf den naheliegenden Gedanken, daß eine verborgene Batterie dies Wunder treibe, sei zu seinem Entsetzen keiner verfallen.

Peter Brügge

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