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KIRCHE »Da kann man richtig Geld machen«

Jahrelang hat der katholische Deutsche Orden konfessionelle Krankenhäuser an sich gebracht und Gewinn bringend vermarktet. Nun kämpft der vom bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber kräftig geförderte Verein mit Schwierigkeiten.
aus DER SPIEGEL 25/2000

Nach den Statuten sind die »Brüder vom Deutschen Haus St. Mariens in Jerusalem« ein frommer Ritterorden mit langer Tradition - gegründet im 12. Jahrhundert und bis heute den Gelübden der Keuschheit, des Gehorsams und der Armut verpflichtet.

Doch zumindest von der Armut haben einige aus dem Deutschen Orden - insgesamt gibt es weltweit 90 Priester sowie 250 Schwestern - eigenwillige Vorstellungen. Etwa der Prior des deutschen Ordenszweiges, Pater Gottfried Keindl, 51. Der fromme Ordensmann hat sich darauf spezialisiert, naiven Nonnen ihre Heime und Krankenhäuser günstig abzuhandeln und Gewinn bringend zu vermarkten.

Keindl hatte Anfang der neunziger Jahre eine glänzende Geschäftsidee. Er gründete, unterstützt mit 250 000 Mark Startkapital vom Trierer Caritas-Funktionär Hans-Joachim Doerfert, eine GmbH, das Deutsch-Ordens Hospitalwerk (DOH).

Alleiniger Gesellschafter ist die deutsche Brüderprovinz des Ordens, vertreten durch Keindl. Geschäftsführer wurde 1992 sein Adlatus Werner Conrad, 55, ein ehemaliger Manager der Haarkosmetik-Firma Goldwell und Laienmitglied des Ordens. Firmenziel: den Trägern karitativer kirchlicher Einrichtungen vorzuführen, dass man im sozialen Bereich nicht nur um Gotteslohn arbeitet, sondern auch Profit machen kann - Evangelium hin oder her. »Nur Gottes Wort von der Kanzel verkünden reicht nicht für den Wettbewerb«, so Conrads vollmundiges Credo.

Gemeinsam zogen Keindl und Conrad durch die Lande, auf der Suche nach lukrativen Objekten. Rund 120-mal wurden sie fündig. Krankenhäuser, Behinderten- und Altersheime, Drogentherapie-Einrichtungen sowie Reha-Kliniken wechselten billig den Besitzer.

Die Methode war bei den katholischen Spitälern und Heimen meist die gleiche: Die Herren versprachen den von Nachwuchssorgen und Überalterung geplagten Ordensschwestern, die Existenz ihrer Häuser zu sichern und sie im christlichen Geiste fortzuführen. Sobald sie das Objekt ihrer Begierde besaßen, gingen sie dazu über, statt karitativer kapitalistische Methoden einzuführen. »Von der christlichen Prägung«, klagt eine Franziskanerin vom St. Elisabeth-Krankenhaus im schwäbischen Dillingen, »ist kaum was übrig geblieben.«

Die Steyler Missionsschwester Christa hat den Tag vor sechs Jahren noch in schlechter Erinnerung, an dem die Ordensritter mit schwarzen Limousinen und Chauffeuren an ihrem Marienkrankenhaus im westfälischen Wimbern vorfuhren. »Erst gingen sie mit uns in der Krankenhauskapelle beten. Der Prior hielt eine salbungsvolle Predigt. Im Geschäftszimmer nebenan ging es dann knallhart zur Sache.«

Das großzügige Angebot: Keindls GmbH werde das Hospital übernehmen und »optimieren« (Conrad). Die frommen Schwestern akzeptierten, verabschiedeten sich aus der Leitung und gingen in den Ruhestand.

Ein besonderes Schnäppchen machten Keindl und Conrad in Köln. Das dortige St.- Franziskus-Hospital der Armen Schwestern vom heiligen Franziskus erwirtschaftete 1994 knapp zwei Millionen Mark Gewinn, als es die beiden dem Deutsch-Ordens Hospitalwerk einverleibten. Der Netto-Betriebsvermögenswert des Krankenhauses belief sich auf 25 Millionen.

Die cleveren Ordensleute erhöhten damit das Stammkapital ihrer GmbH auf 20 Millionen Mark, Voraussetzung für weitere Kredite. Sie nutzten den Geldsegen, um einen verschachtelten Konzern aufzubauen und in viele Richtungen zu expandieren. Außer in Wohltätigkeit investierten sie auch in weniger fromme Dienstleistungen: Sie kauften ein Pferdegestüt bei Lüneburg, zogen in Düsseldorf einen Catering- und Partyservice auf und vertrieben die Kosmetikmarke »Nativa«. In der Schweiz beteiligte sich der Orden am Implantathersteller Stemcup AG, in Israel an der Jericho Motel Company. Insgesamt beschäftigt der Deutsche Orden derzeit über 5000 Mitarbeiter.

Dem Prior und seinem Conrad kam bei ihren Geschäften der glückliche Umstand zugute, dass der Deutsche Orden zur Unterstützung seiner Arbeit einen ausgedehnten Freundeskreis gläubiger Katholiken unterhält, die so genannten Familiaren. Rund 600 Familiare sind im »Deutschherrenbund e. V.« organisiert und dürfen als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zum exklusiven Club bei feierlichen Anlässen den schwarzen Samtmantel mit weißem Kreuz tragen. Zu den Auserwählten zählen Banker und Professoren, hohe Kleriker wie der Kölner Generalvikar Norbert Feldhoff und einflussreiche Politiker - wie der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber.

Der CSU-Obere ist der Brüderschaft so sehr verbunden, dass der Freistaat den Deutschen Orden 1998 in den Rang einer »Körperschaft des öffentlichen Rechts« erhob. Das brachte dem Orden und seinen Werken preiswerte Vorteile in Millionenhöhe: Befreiung von Körperschaft- und Gewerbesteuer sowie günstigere Kreditbedingungen bei den Banken. Hausanwalt Fritz Graf jubelte: »Es besteht ... keine staatliche Aufsicht.«

Das Privileg befürwortete Familiare Stoiber ausdrücklich in einem Brief an seinen damaligen Kultusminister Hans Zehetmair, der zunächst gezögert hatte. Keindl verlegte seine Zentrale eigens von Frankfurt am Main ins bayerische Weyarn und verleibte das angehäufte Vermögen des DOH seinem Orden, nun Körperschaft, steuerlich vorteilhaft ein.

Kleriker Keindl hat in der Körperschaft die Leitungsgewalt »über die Mitglieder, Häuser und Werke«. In der Satzung heißt es ausdrücklich: »Die Körperschaft ist selbstlos tätig.«

Die Selbstlosigkeit war zunächst höchst profitabel. Für 1999 erwarteten Keindl und Conrad einen »gemanagten« Konzernumsatz von 750 Millionen Mark. Das Ordensvermögen betrug Ende 1998 genau 524 Millionen (vor allem Grund, Boden, Gebäude), hinzu kamen 84 Millionen Mark Eigenkapital.

Die Herren traten entsprechend protzig auf: Sie ließen sich zu ihren Spitälern und Therapiezentren von firmeneigenen Fahrern in schweren Limousinen chauffieren oder kamen in ordenseigenen Privatfliegern. Leitende Mitarbeiter luden sie zur Klausur in teure Hotels. Bei Ordensfesten, so brüstete sich das ordenseigene Infoblatt, werde »aufgetragen, dass sich die Tische biegen«.

Der offiziell der Armut verpflichtete Keindl pflegte auch sonst einen aufwendigen Lebensstil: Seine Gemächer ließ er mit kostbaren Teppichen zieren, das schlossähnliche Wiener Domizil des obersten Chefs seines Ordens, des Hochmeisters Arnold Othmar Wieland, half er stilvoll zu renovieren, Mitarbeiter beglückte er mit teuren Dienstwagen.

Keindl hatte anfangs selbst einen gönnerhaften Familiaren, der inzwischen unter dem Verdacht der Millionenveruntreuung in Untersuchungshaft sitzt - den Trierer Caritas-Funktionär Doerfert. Der war zwei Jahre lang im Aufsichtsrat von Keindls DOH-GmbH. Erst seit 1994, nachdem Keindl ihm das DOH-Startkapital zurücküberwiesen hatte, gab es keine geschäftlichen Beziehungen mehr, sagt Keindl.

Die Staatsanwaltschaft Koblenz wirft Doerfert und anderen vor, die Caritas-Trägergesellschaft Trier (CTT), die Klinik Rose AG und die CTT-Tochter Ärztliche Abrechnung GmbH Trier um mehr als 20 Millionen Mark geschädigt zu haben: Doerfert soll Scheinrechnungen, Darlehen ohne Rückzahlungsverpflichtungen, fingierte Berater- und Werbeverträge sowie dubiose Immobiliengeschäfte organisiert haben. Dennoch sehen Keindl und sein Wiener Hochmeister nach den Ordensstatuten »zur Zeit keinerlei Veranlassung, Doerfert den Familiaren-Status abzuerkennen«.

Keindl, in den achtziger Jahren Polizeiseelsorger im Frankfurter Rotlichtmilieu, war angetan, wie der Caritas-Funktionär in Trier mit Krankenhäusern und Heimen Geld verdiente. »Da kann man richtig Geld machen«, so Doerferts Tipp.

Doch das System der billigen Übernahme konfessioneller Häuser hatte einen Haken: Es funktionierte nur eine Zeit lang. Inzwischen hat sich unter katholischen Nonnen herumgesprochen, dass der Deutsche Orden die überlassenen Objekte keineswegs in ihrem Sinn weiterführt.

Unter den Mitarbeitern grassiert mancherorts die Angst um ihre Arbeitsplätze. 1997 wies das DOH noch einen Gewinn von sieben Millionen Mark aus, 1998 war es nur noch eine Million. Seitdem gab es weitere Rückschläge:

* Die Fachklinik für Naturheilkunde in Bad Orb besteht nur noch aus einer Telefonzentrale.

* Die Reha-Klinik Möhnesee, ein 65-Millionen-Renommierobjekt, blieb hoffnungslos unterbelegt.

* Das Gestüt St. Georg im niedersächsischen Thomasberg mit 120 Pferden musste wegen Unwirtschaftlichkeit verkauft werden.

* Die bayerischen »Trinaturale«-Naturheilkliniken schreiben rote Zahlen und sollen zusammengelegt werden.

* Die Mallersdorfer Schwestern kündigten dem Orden die Zusammenarbeit an ihrer 400-Betten-Klinik St. Johannis in Landstuhl zum Jahresende auf.

* Die beiden Firmenflieger mussten dieser Tage verkauft werden - »mangels Auslastung«, begründete Conrad.

Zum 1. Juni wurde der bisherige Finanzchef des Ordens Thomas Degott freigestellt. Als neuer Controller wurde Bernhard Veit aus Trier geholt. Gegen den ermitteln Koblenzer Staatsanwälte wegen Untreue in 33 Fällen, er soll als Caritas-Manager mit fingierten Rechnungen in die eigene Tasche gewirtschaftet haben.

»Momentan«, so heißt es in einem Kritikpapier, in dem Ordensmitarbeiter ihrem Unmut Luft machen, »werden die Gelder intern umgeschichtet, um das Schlimmste zu verhindern.« Die Häuser mit Überschüssen müssten Einrichtungen mit starken Verlusten stützen und »für den Luxus der Zentrale und deren Fehlentscheidungen zahlen«. Dem Prior und seinem Geschäftsführer Conrad werfen die Kritiker Realitätsverlust und Größenwahn vor. Allmählich werde sichtbar, dass sich ein »kleiner Clan von Möchtegern-Größen maßlos überhoben« habe. PETER WENSIERSKI

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Der Deutsche Orden

baut seit 1990 ein über die ganze Bundesrepublik verzweigtes sozial-karitatives Imperium auf. Zu den über 120 Einrichtungen gehören: Akut-Krankenhäuser in Köln, Konstanz, Dillingen, Wickede-Wimbern und Tirschenreuth. Geriatrische Fachkliniken in Wunsiedel und Erbendorf. Die Reha-Klinik am Möhnesee in Nordrhein-Westfalen. 60 Suchthilfeeinrichtungen unter anderem in Bonn, Nürnberg, München, Berlin, Essen, Gräfelfink und Remagen. Altenheime in Aachen, Kevelaer, Frankfurt am Main, Freiburg, Rheine. Behindertenhilfehäuser in Düsseldorf, Nettetal, Michendorf. Schulen- und Bildungseinrichtungen in Buchloe, Riedlingen. Hinzu kommen Gewerbliche Betriebe für Catering und Reinigung sowie Beteiligungen und Projekte in der Schweiz, in Ungarn, Israel, Afrika und Indien.

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