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»Da oben ballt sich alles«

aus DER SPIEGEL 31/1991

Zwischen zwei Beratungsgesprächen lehnt sich Urda Martens-Jeebe, 41, gern in ihrem Bürostuhl in der 18. Etage zurück, schaut aus dem Fenster und zählt die Baukräne an Hamburgs Skyline.

Mit dem Finger zeigt die Geschäftsführerin der Hamburgischen Gesellschaft für Wirtschaftsförderung stolz auf ihre »Lieblingskinder": den Neubau der Hanse-Merkur Versicherung (sechs Baukräne), den fast fertigen Bürokomplex Alster-City (vier Kräne), die Baustellen der CitiBank und des Steigenberger-Hotels (acht Kräne) und, gleich nebenan, den Erweiterungsbau des Springer-Verlags (drei Kräne).

»Sie müssen nur da runtergucken, um es zu sehen - Hamburg boomt«, sagt die Wirtschaftsexpertin: »340 000 Quadratmeter Bürofläche entstehen allein in diesem Jahr.« Die Zufriedenheit der Marketing-Strategin entspricht der derzeitigen Grundstimmung der Hanseaten.

Der Aufschwung hat in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre begonnen. Bis dahin hatte das »Hoch im Norden« (Stadt-Slogan) noch flach am Boden gelegen: Während sich München, Frankfurt und Stuttgart im Wirtschaftsboom aalten, mußte Hamburg mehr Sozialhilfe und Arbeitslosengeld pro Einwohner als jede andere Großstadt zahlen.

Damals, 1986, entschloß sich der Senat unter Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) zu einer strikten Einsparungspolitik, bei der selbst der größte Teil der öffentlichen Toiletten in Hamburg geschlossen wurde. Ziel des Sparkurses: Hamburg sollte durch attraktive Gewerbeflächen und Steuergeschenke zum bevorzugten Wirtschaftsstandort entwickelt werden, um mit der Konkurrenz im Süden mithalten zu können.

Mehr noch als diese - von SPD-Linken heftig befehdete - »Standortpolitik« (Dohnanyi) förderte die deutsche Einheit den hanseatischen Aufstieg. Schwerin, die Hauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns, gilt mittlerweile vielen Hanseaten als größter Vorort Hamburgs. Bürgermeister Henning Voscherau (SPD) meint, nachdem jahrzehntelang die »Rheinschiene« bevorzugt gewesen sei, gehöre nun der Nordregion die Zukunft - »von Prag bis Hamburg, vom Baltikum bis Hamburg«.

Speziell die Ex-DDR bietet nicht nur neue Absatzmärkte, sie liefert preiswerte Arbeitskräfte gleich mit. So chauffiert der Otto-Versand täglich 500 Angestellte von und nach Mecklenburg, um mit dem Bestell-Boom fertigzuwerden, den ihm die neuen Länder verschafft haben: 1,1 Milliarden Mark Umsatzplus hat der Katalog-Riese bis Februar 1991 in Ostdeutschland erwirtschaftet.

Wie Hamburg an der Einheit verdient, läßt sich am deutlichsten im Hafen nachrechnen: 1988 schlug die Hafen- und Lagerhaus AG 346 000 Tonnen Bananen um, 1990 waren es 436 000 Tonnen, im nächsten Jahr sollen es 600 000 werden.

So prächtige Zahlen melden fast alle Wirtschaftszweige in Hamburg: Der Einzelhandel wuchs 1990 um 12 Prozent, die Industrie um 11 Prozent, das Ausbau-Handwerk legte im Frühjahr dieses Jahres gar um 32 Prozent zu.

Mit einem Gesamtwachstum von mehr als 5 Prozent lag Hamburg letztes Jahr in der Spitze der Bundesländer; von 1989 bis heute sank die Arbeitslosigkeit bei weitem schneller als in der gesamten Republik - um 25 Prozent.

An soviel Boom wollen auch ausländische Investoren beteiligt sein: Von _(* Neubau des Steigenberger Hotels auf ) _(der Fleetinsel. ) weltweit 11 000 befragten Unternehmen sehen die meisten in Hamburg den Wirtschaftsstandort, von dem aus sich am besten in die neuen Bundesländer und nach Osteuropa starten läßt. »Die Einheit hat uns einen riesigen Nachfrageschub gebracht«, sagt Beraterin Martens-Jeebe: Allein seit Öffnung der Mauer haben sich 155 Firmen in Hamburg angesiedelt, 269 Unternehmen haben expandiert - Investitionssumme: 2,3 Milliarden Mark.

Nicht zuletzt der Freizeitwert der grünen Stadt an Elbe und Alster lockt die Investoren: Die Nordsee und die - nun praktisch grenzenlose - Ostsee sind nicht weit, die riesigen mecklenburgischen Seen schnell erreichbar. »Dagegen«, spottet ein Senatsplaner, »ist der Starnberger See nur eine Pfütze.«

Zu den besten Fängen der Hamburger Wirtschaftsförderer zählen *___die Elektronik-Konzerne Panasonic, Hitachi, Olympus und ____Sharp, *___die größte Bank der Welt, der Zusammenschluß der ____japanischen Mitsui- und der Taiyo-Kobe-Bank, *___die gesamte Musik-Produktion der Sony Classical und *___die Euro-Zentralen der größten Reederei der Welt, der ____chinesischen Cosco, und des taiwanesischen ____Schiff-Multis Evergreen.

Die Asiaten haben das »Tor zum Osten« (Voscherau) als Ausgangsbasis für den Kampf um Europas Kunden entdeckt. »Für die expandierenden Konzerne im Fernen Osten ist Hamburg idealer Standort«, sagt Claus Müller von der Hamburger Wirtschaftsförderung: »Bei uns können sie per Schiff bis tief nach Europa anreisen und sind fast vor Osteuropas Haustür.«

Außerdem gelte keine andere deutsche Großstadt als so weltoffen wie das »Eurogate« Hamburg: 84 Länder der Erde sind dort mit eigenen Konsulaten vertreten - mehr hat, weltweit, nur New York.

Auf Hamburg als »europäisches Headquarter« internationaler Konzerne setzt auch Hellmut Körner von der Wirtschaftsbehörde: »Immer mehr ausländische Investoren entdecken Hamburg als Zentrale, um von hier den EG-Binnenmarkt zu organisieren.«

Zu einem »europäischen Kraftzentrum« könne vor allem die »Achse Hamburg-Skandinavien« heranwachsen, so Eckart van Hooven, Nordeuropa-Experte der Deutschen Bank: »In den Staaten des Mittelmeerraums werden kaum 8 Prozent des Welthandels produziert«, kalkuliert van Hooven, die sieben Anlieger der Ostsee kämen dagegen auf 20 Prozent. Vorscherau schwärmt: »Da wird die alte Region der Hanse wieder sichtbar.«

Hamburg als Handelsdrehscheibe für Europa - diese Vision teilt auch Christoph von Rothkirch, Wirtschaftsexperte am Baseler Prognos-Institut: »Hamburg liegt praktisch am Eingang Europas, an der Schwelle zwischen Nord und Süd und zwischen Ost und West. Und hinter München? Da kommt bloß noch Italien.«

In der Schwellenlage Hamburgs sehen auch die Öl-Multis Shell, BP, Dea, Esso und Veba ihre Chance: Sie wollen von Hamburg aus den gesamten Osten Deutschlands betanken und beheizen - mit Hilfe einer Pipeline, die von Hamburg bis Dresden führen soll. Veranschlagte Kosten der Öl-Röhre: 700 Millionen Mark.

Der »Hamboom«, wie hanseatische Planer ihn nennen, könnte München auf einigen Gebieten ins Hintertreffen geraten lassen. »München, was war das noch?« witzelt Urda Martens-Jeebe: »Bei denen ist doch alles voll und viel zu teuer. Gewerbeflächen für 450 Mark pro Quadratmeter - wer kann sich das noch leisten? Bei uns zahlen Sie zwischen 90 und 170 Mark.«

Mit der Wiedervereinigung hat sich zumindest der Dauerstreit zwischen Hamburg und München um die Vormacht auf dem bundesdeutschen Medienmarkt entschieden: Die Münchner fabrizieren vor allem teure Hochglanz-Hefte (Playboy, Elle, Cosmopolitan, Vogue), die bei den Ossis kaum eine Chance haben. Die Marktführer der Branche werden dagegen in Hamburg produziert: Bild, Stern, Hör zu, Brigitte und SPIEGEL.

Die Hamburger Wirtschaftspolitiker setzen darauf, daß keiner der Großverlage in die neue Hauptstadt Berlin abwandert. Heiner Bremer, Vorstandssprecher bei Springer, versichert: »Wir bauen gerade unseren Hauptsitz in Hamburg aus, daran wird auch die Hauptstadt-Entscheidung nichts ändern.« Auch der Verlag Gruner + Jahr will in Hamburg bleiben - der Konzern hat gerade ein 300 Millionen Mark teures Bürohaus am Hafen bezogen. Und der SPIEGEL erwägt derzeit, in zentraler Lage einen Neubau für Redaktion und Verlag zu errichten.

Münchens Politiker blicken mit Unbehagen auf das mächtige Medienzentrum im Norden. »Das ballt sich alles da oben in Hamburg«, murrte CSU-Medienplaner Edmund Stoiber: »Die Deutsche Presseagentur, der SPIEGEL und ARD-Aktuell« - alles weitab von Bayern.

Wenn erst die Verkehrsverbindungen ausgebaut seien, werde die Hansestadt, so Hamburgs Wirtschaftssenator Hans-Jürgen Krupp, noch stärker als bislang »von der Entwicklung Berlins profitieren«. Gemeinsam würden Hamburg und Berlin ohne weiteres »gegen die angeschlagene Konkurrenz im Süden bestehen« können.

Im Tourismus zeichnet sich eine Umkehrung des klassischen Süd-Nord-Gefälles bereits ab. Hamburgs Hotels und Gaststätten registrieren seit zwei Jahren Umsatzrekorde mit Zuwachsraten von über 75 Prozent. »Die Touristen aus dem Ausland wollten früher nur den Schwarzwald, München und Salzburg sehen«, sagt Körner: »Heute geht''s über Hamburg nach Berlin.«

Die Goldgräberstimmung hat die Hanseaten inzwischen animiert, über einen neuen Werbeslogan für ihre Stadt nachzudenken. Das alte »Hoch im Norden« hat ausgedient - »das klingt zu sehr nach Ende der Welt«, sagt ein PR-Manager.

Neun Agenturen läßt der Senat darüber grübeln, wie sich für die Boomtown an der Elbe werben läßt. Aussichtsreichster Kandidat ist die Hamburger Agentur Springer & Jacoby, deren Chef Reinhard Springer allein schon des Wetters wegen die Hansestadt bevorzugt: »Hamburg ist einfach schöner - hier gibt''s nicht diesen dödeligen Föhn.«

Daß in Hamburg der Himmel öfter mal bedeckt ist, sei überhaupt kein Nachteil, schrieb letztes Jahr das Frankfurter Magazin Pflasterstrand in einem Städtevergleich: Schließlich unterwerfe das Hamburger Schmuddelwetter die Hanseaten »nur 110 Stunden pro Monat dem Hautkrebs-Risiko«.

* Neubau des Steigenberger Hotels auf der Fleetinsel.

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