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»Da platzt einem der Kragen«

SPIEGEL-Interview mit dem IB-Druck-Vorstandsmitglied Detlef Hensche
aus DER SPIEGEL 19/1976

SPIEGEL: Herr Hensche, die IG Druck hat als erste und bislang einzige Gewerkschaft der Tarifrunde 1976 den Lohnkampf riskiert, obgleich gut eine Million Arbeitnehmer stempeln gehen müssen. Welche Motive haben Sie für Ihre Härte?

HENSCHE: Uns geht es vor allem um die Sicherung der Realeinkommen. Und dies scheint uns bei Abschlüssen um 5,4 Prozent ernsthaft in Frage gestellt, insbesondere nach der Entwicklung der letzten Wochen.

SPIEGEL: Welche Entwicklung meinen Sie?

HENSCHE: Nehmen wir zum Beispiel die jüngste Erhöhung der Automobilpreise. In meinen Augen war das der Auftakt für eine gewaltige Preisexplosion. Wir meinen, daß die Inflationsrate in diesem Jahr auf sechs Prozent steigen könnte.

SPIEGEL: Die Forschungsinstitute schätzten unlängst sehr viel optimistischer die Teuerung 1976 auf 4,5 Prozent.

HENSCHE: Das halte ich für eine politische Prognose, für Zweckoptimismus.

SPIEGEL: Wer sollte die Experten zu einer solchen Haltung animiert haben?

HENSCHE: Diese Preisprognose, so scheint mir jedenfalls, hatte auch die Aufgabe, die Unternehmer zu Zurückhaltung zu ermahnen. Und sie sollte vielleicht auch die Gewerkschaften auf niedrige Lohnabschlüsse einstimmen.

SPIEGEL: Sie stehlen mit Ihrer harten Haltung den großen und mächtigen Gewerkschaften im Lande, der ÖTV und der IG Metall, die Tarifschau. Beide Organisationen vereinbarten mit ihren Arbeitgebern Lohnerhöhungen von knapp 5,5 Prozent.

HENSCHE: Das stimmt nicht so ganz. Die Verträge der IG Metall und der ÖTV laufen Ende 1976 beziehungsweise Ende Januar 1977 aus. Unser Abschluß gilt bis zum 31. März nächsten Jahres. Die IG Metall hat außerdem schon im Herbst das Recht, sich einen Nachschlag zu holen. Schon deshalb müssen wir höher abschließen, denn wir müssen auch die Preissteigerungen und die möglichen Steuererhöhungen des ersten Quartals 1977 mit abfangen. Im übrigen haben auch andere Gewerkschaften in den letzten Wochen weit mehr als 5,4 Prozent herausgeholt.

SPIEGEL: ÖTV-Chef Kluncker sagte unlängst, dieses Jahr eigne sich wegen der Arbeitslosigkeit nicht für Kraftproben der Tarifpartner. Sie haben offenbar keine Scheu vor der Kraftprobe?

HENSCHE: Ich kann nur für uns sprechen. Und ich bin in der Tat der Meinung, daß wir die Tarifpolitik der fünfziger und sechziger Jahre nicht weiter praktizieren können. Zwei Jahrzehnte lang haben wir uns nach einem Muster verhalten: Während des Konjunkturtiefs und in der ersten Aufschwungphase hält man sich zurück und versucht -- gewissermaßen im Sitzen -- erst während des Booms, das Versäumte nachzuholen.

SPIEGEL: Wäre es dennoch nicht zweckmäßiger gewesen. Sie hätten mit Ihren harten Forderungen bis zum nächsten Jahr gewartet?

HENSCHE: Wir werden im nächsten Jahr unter dem gleichen Druck stehen wie heute, unter dem Druck der Arbeitslosigkeit und der veröffentlichten Meinung. Die Parole einer Umverteilung zugunsten der Unternehmensgewinne ist für mehrere Jahre ausgegeben. Denken Sie an die Formel »mehr Gewinn, mehr Investitionen, mehr Arbeitsplätze -- übrigens ein reiner Glaubenssatz. SPIEGEL: Warum?

HENSCHE: Das kann ich Ihnen mit Zahlen aus der Druckindustrie leicht belegen. In den sechziger Jahren investierte die Druckindustrie Jahr für Jahr etwa 400 Millionen Mark. Jahr für Jahr auch stieg damals die Beschäftigtenzahl um fünf Prozent. Seit 1969 verdoppelte sich das Investitionsvolumen auf durchschnittlich 800 Millionen und seitdem mußten wir laufend Arbeitsplatzverluste hinnehmen. Wenn man diesen Zusammenhang überspitzt formulieren wollte, müßte es heißen: Investionen von heute schaffen nicht die Arbeitsplätze von morgen sondern die Arbeitslosen von morgen.

SPIEGEL: Kanzler Schmidt neigt offenbar zu der entggegengesetzten These. Er plädierte schon im letzten Jahr für höhere Gewinne, weil die Gewinne von heute die Arbeitsplätze von übermorgen seien.

HENSCHE: Seit 1970 sind in der Druckindustrie 32 000 Arbeitsplätze wegrationalisiert worden. Um zum Teil um 25 bis 30 Prozent verringerte Belegschaften fahren heute höhere Umsätze ein als vor drei, vier Jahren.

SPIEGEL: Das ist doch ein durchaus erwünschter Produktivitäs-Fortschritt. Oder haben Sie etwas gegen Rationalisierungen?

HENSCHE: Nein, das wäre Unsinn. Die Gewerkschaften sind nie Maschinenstürmer gewesen. Ich halte Rationalisierung für sinnvoll und notwendig. Allerdings unter zwei unabdingbaren Voraussetzungen: Die Belegschaften müßten mitentscheiden, zu welchem Zeitpunkt rationalisiert wird. Das Ganze müßte eingebettet sein in eine langfristige Investitions- und Personalplanung.

SPIEGEL: Die derzeitigen Rationalisierungen genügen diesen Kriterien nicht?

HENSCHE: Nein. Sie werden mit zunehmendem Leistungsdruck in den Betrieben erkauft. Die Arbeitnehmer spüren am eigenen Leibe das Auskämmen der Belegschaften, die Arbeitsplatzangst und die Willkür der Unternehmer. Und jetzt, wo es bergauf geht, sollen wir uns auch noch zurückhalten -- da platzt einem der Kragen.

SPIEGEL: Ihre Kollegen von den anderen Gewerkschaften sehen das offenbar anders. Denn sonst hätten sie kaum so mäßige Tarifabschlüsse vereinbart.

HENSCHE: Ich habe angesichts des Aufschwungs und der zu erwartenden Preissteigerungen die Sorge, daß es zu einem heißen Herbst kommen wird, mit Unzufriedenheit unter den Arbeitnehmern, vielleicht sogar mit einer Vielzahl spontaner Streiks.

SPIEGEL: Dazu würden Sie mit einem Hohen Tarifabschluß in der Druckindustrie Ihren Teil beitragen: Die Metallarbeiter beispielsweise müssen doch unzufrieden sein, wenn die Drucker etwa sieben Prozent mehr Lohn bekommen.

HENSCHE: Das würde ich nicht sagen. Schon bei den letzten Abschlüssen in der Zementindustrie oder für die Arbeitnehmer in den Banken und Versicherungen wurden sechs Prozent und mehr vereinbart.

SPIEGEL: Hat die offensive Haltung der IG Druck etwas mit der Tatsache zu tun, daß sie im letzten Jahr Mitglieder verloren hat? Erfahrungsgemäß eignen sich gerade Arbeitskämpfe bestens dafür, neue Mitglieder zu werben. Denn von den ausgesperrten Arbeitnehmern bekommen nur die gewerkschaftlich organisierten Streikgeld, die anderen müssen von ihren Spargroschen leben.

HENSCHE: Vorweg: in der Tat haben wir im letzten Jahr erstmals einen Rückgang um rund 7000 Mitglieder hinnehmen müssen -- allerdings bei rund 32 000 verloren gegangenen Arbeitsplätzen. Aber das ist nicht der Grund für unsere harte Haltung im Tarifkonflikt, dessen Ursachen ich Ihnen schon erläutert habe. Hinzu kommt das mehr als störrische Verhalten des Arbeitgeberverbandes, dessen letztes Angebot eine Provokation war.

SPIEGEL: Die Druckereibesitzer und Verleger behaupten, ihre Ertragssituation erlaube allenfalls einen Lohnzuwachs von 5,4 Prozent. Was halten Sie von diesem Argument?

HENSCHE: Die Zeitungsverlage -- von den Zeitschriften will ich gar nicht erst reden, die schwimmen ganz oben -- haben nach unseren Berechnungen im Krisenjahr 1975 die größten Gewinne der Nachkriegszeit gemacht.

SPIEGEL: Etliche Zeitungen kommen aber offenbar nicht auf ihre Kosten, einige sind sogar in ihrer Existenz bedroht.

HENSCHE: Wenn Zeitungen und damit auch ihre Druckereien in den roten Zahlen stecken, hat das immer spezifische Gründe, zum Beispiel Mismanagement oder ruinöser Konkurrenzkampf einzelner Verleger untereinander.

SPIEGEL: Die Arbeitgeber haben rascher, als Sie erwarteten, auf Ihre Schwerpunktstreiks mit der Aussperrung von 145 000 Arbeitnehmern, darunter 80 000 Mitgliedern Ihrer Gewerkschaft geantwortet. Die IG Druck zahlt pro Mitglied zwischen 40 und 120 Mark Streikgeld pro Tag. Nehmen wir an, das durchschnittliche Streikgeld würde etwa 70 Mark betragen, dann würden rund 80 000 organisierte Drucker die Streikkasse Tag um Tag um etwa fünfeinhalb Millionen Mark erleichtern.

HENSCHE: Wir haben das bislang nicht auf Heller und Pfennig ausgerechnet, aber Sie können recht haben. Dennoch: Wir haben keinen Zweifel, daß wir diesen Arbeitskampf durchhalten werden.

SPIEGEL: Wie lange?

HENSCHE: Lange genug.

SPIEGEL: Lange genug, um die Unternehmer zum Einlenken zu zwingen?

HENSCHE: Ja, da habe ich keine Bedenken.

SPIEGEL: Bislang Waren die Gewerkschaften mit ihrer Streikkasse stets überaus vorsichtig; nach Möglichkeit schonten sie die aufgelaufenen Millionensummen.

HENSCHE: Die Gewerkschaften verstehen sich nicht als ein Verein, der primär Gelder einsammeln und zinsgünstig anzulegen hätte. Der Sinn der Streikkasse ist es ja gerade, daß die Gewerkschaften wenn es nötig ist auch ihre Muskeln spielen lassen können.

SPIEGEL: Dann müßte also die Branche darunter leiden, daß Sie Ihre Muskeln spielen lassen wollen?

HENSCHE: Das wäre ein grobes Mißverständnis. Dieser Streik war kein mutwilliges Spiel. Wir wollten in keinem Augenblick den Kraftprotz herauskehren; er wurde uns buchstäblich von den Arbeitgebern durch ihre uneinsichtige Haltung aufgezwungen.

SPIEGEL: Müssen Sie nicht befürchten, daß der erbitterte Arbeitskampf in der Druckindustrie der sozialdemokratisch geführten Bundesregierung und ihrem freidemokratischen Konjunkturlenker Hans Friderichs gerade im Wahljahr 1976 besonders ungelegen kommt?

HENSCHE: Ich glaube, diese Gefahr besteht nicht. Ich habe vielmehr den Eindruck, daß härtere soziale Auseinandersetzungen per saldo den Sozialdemokraten eher nutzen als den Konservativen.

SPIEGEL: Welche Gründe bringen Sie zu dieser Annahme?

HENSCHE: Ich leite sie zum Beispiel aus dem Wahlergebnis von 1969 ab. Gerade in den Wahlbezirken, in denen kurz zuvor spontane Streiks ausbrachen, hat die SPD besonders gut abgeschnitten.

SPIEGEL: Herr Hensche, wir führen dieses Interview am 28. April 1976. Der SPIEGEL, in dem dieses Interview abgedruckt werden soll, müßte eigentlich am 3. Mai erscheinen. Wie sehen Sie die Chance, daß SPIEGEL-Leser Ihre Ansichten beizeiten erfahren werden?

HENSCHE: Nachdem heute nachmittag die Arbeitgeber die Aussperrung beschlossen haben, kann ich Ihnen diese Frage nicht mehr beantworten. Denn nun liegt es nicht mehr bei uns, wann und wo gedruckt wird.

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